“Deutsche Rundschau”: Vom Medienbaby zur Weltzeitung
Zeitungsgründer der Neuzeit gelten als Phantasten. Insbesondere dann, wenn sie nicht über ein millionenschweres Bankkonto oder den Namenszug eines traditionsreichen Verlagshauses verfügen. Und außerdem - wer gründet schon im Internet-Zeitalter noch eine Zeitung? Was für ein skurriler Mensch muß man erst sein, wenn man als Auslandssachse und dazu ausgerechnet von Kanada aus das Medienbaby “Deutsche Rundschau” zu einer Weltzeitung für Deutschsprachige machen will?
“Furzidee” nannte es einer meiner Freunde, dem ich meine Vision von einer modernen, unabhängigen und weltumspannenden Monatszeitung Anfang 1997 anvertraute. Deutschsprachige Zeitungen gäbe es bereits wie Sand am Meer. Von Rio bis Bombay, von Tokio bis Kapstadt könne man am Zeitungsstand großer Hotels und auf Flughäfen deutsche Zeitungen und Magazine kaufen, meinte er. Warum ausgerechnet noch eine Zeitung für Auslandsdeutsche und Deutschsprechende im Ausland? Sollte diese Zeitung gar ein rechtsradikales Schmierblatt werden? Die Verwendung der Bezeichnung “Volksgemeinschaft” im Leitartikel der Erstausgabe, deren ursprüngliche Bedeutung ich mit der neuen Monatszeitung beleben wollte, verschlimmerte seine Skepsis. Hätte ich damals stattdessen von der “Kulturgemeinschaft” der im Ausland lebenden Deutschsprachigen geschrieben, wäre ich vielleicht mitleidig belächelt, aber weniger mißtrauisch beäugt worden. Ein Selbsttor? Mitnichten!
Meine Erfahrungen besagen, daß Auslandsdeutsche, -österreicher und -schweizer in ihrer Wahlheimat über kurz oder lang ein eigenes Identitätsgefühl entwickeln. Ein Identitätsgefühl, welches sich von dem ihrer zuhausegebliebenen Landsleute unterscheidet. Bis zu meiner Auswanderung habe ich nur selten eine größere Toleranz gegenüber fremden und unbekannten Kulturen, anderen Sitten und Gebräuchen erlebt als unter im Ausland lebenden und arbeitenden Landsleuten. Leider wird die Pflege der deutschen Muttersprache und Kultur, insbesondere durch auslandsdeutsche Klubs und Organisationen, von deutschsprachigen Touristen oft als Volkstümelei mißdeutet und nicht selten von Medien mißinterpretiert. So wird beispielsweise oft vergessen, daß seit mehr als 300 Jahren Deutschsprachige nach Amerika auswanderten, die nicht nur zur wirtschaftlichen Blüte dieses Kontinents beitrugen. Viele ihrer reichlichen Nachkommen, stolz auf ihre deutschsprachige Herkunft, kämpften im Ersten und Zweiten Weltkrieg als loyale amerikanische oder kanadische Soldaten gegen Kaiserreich und braunen Spuk. Über diese Auslandsdeutschen wird in deutschen Medien kaum etwas berichtet. Ich frage mich oft, warum sich viele deutsche Journalisten unter Auslandsdeutschen nur verkappte SS-Leute oder faschistoide Deutschtümler vorstellen können. Dieser mich zornig machenden Mißinterpretation wollte ich mit der “Deutschen Rundschau” ein weltumspannendes Medium entgegensetzen. Meine Familie und weniger mißtrauische Freunde, die Mehrheit von ihnen sind heute Mitglied der Chefredaktion, bestärkten mich in meinem Vorhaben und boten ihre Hilfe an.
“Deutsche Rundschau” wurde im Juni 1997 auf einer Farm in Ontario, Kanada, gegründet. Die Geschichte, unter welchen primitiven Verhältnissen die ersten Ausgaben produziert, sortiert und versandt wurden, würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Wichtiger zu sagen ist, daß wir uns von Anbeginn das Ziel setzten, unsere Leser aktuell, ehrlich und umfassend über Alltag, Höhen und Tiefen des Lebens der Deutschsprachigen im Ausland zu informieren. Vor allem wollten wir mit unserer Publikation helfen, Klischeevorstellungen über Auswanderer und deren Nachkommen abzubauen. Gerade deshalb stellt unsere Monatszeitung, die heute in mehr als 140 Ländern der Erde von rund 60.000 Deutschsprachigen gelesen wird, besondere Leistungen von Auslandsdeutschen, -österreichern und -schweizern in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung.
Politische, wirtschaftliche und kulturelle Ereignisse in der neuen und alten Heimat werden von unseren 127 freien Mitarbeitern auf 5 Kontinenten gründlich analysiert und recherchiert, bevor sie in unserer Zeitung als Artikel oder Kommentar erscheinen. Die Mehrheit unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten lebt, wie die Mehrheit unserer Leser, im Ausland. Die Erfahrungen unserer Leser sind uns wichtig. Deshalb lassen wir sie nicht nur auf der Leserbriefseite zu Wort kommen, sondern bitten auch um Leserbeiträge und Meinungsäußerung zu unseren Forumthemen. Wir sparen weder heikle Themen aus, noch nehmen wir ein Blatt vor den Mund. Kein Wunder also, daß die Veröffentlichung von kontroversen Ansichten in unserer jungen Zeitung nicht nur die Gemüter von Kleingeistern bewegt hat. Wirklichen Grund zur Sorge gibt es dabei nicht, denn rassistische oder gar völkerverhetzende Beiträge werden auch zukünftig in unserer internationalen Zeitung keinen Platz finden. Gerade unsere Anstrengungen, mit der “Deutschen Rundschau” eine auf Deutsch erscheinende Zeitung zu publizieren, die versucht Vorurteile abzubauen, die Verständigung zwischen den Völkern zu fördern und deutschsprachige Menschen an den verschiedensten Orten der Erde einander näher zu bringen, waren es, die zur Auszeichnung als “Publikation des Jahres 1997” durch die Internationale Medienhilfe (IMH) führten. Eine Anerkennung, die uns ermutigt, unseren Weg fortzusetzen.
Juri Klugmann