Editorials
Liebe Leser,
in Österreich war ich bisher noch nicht. Eine Bildungslücke? Zu DDR-Zeiten ließ man mich nur in Richtung Osten. Um als “Reisekader”, wie es damals im DDR-Deutsch hieß, für die fast sozialistisch regierte Alpenrepublik nominiert zu werden, war ich wohl zu unbedeutend oder nicht zuverlässig genug. Meinen Traum, mit österreichischen Freunden in einem Wiener Caféhaus zu sitzen und Sachertorte mit Schlagobers zu schlemmen, wollte man mir jedenfalls nicht erfüllen. Obwohl es hieß, daß die Beziehungen zwischen Österreich und der DDR besser als die zur (damals sozialdemokratisch regierten) Bundesrepublik seien, ließ es die Intoleranz der DDR-Mächtigen nicht zu, ihren Bürgern die Anschauung der Welt zu erlauben, wo sie doch so gern von Weltanschauung sprachen. Mittlerweile habe ich die erträumten österreichischen Spezialitäten probiert. Zu meinem gewachsenen Bekanntenkreis zählen heute auch Auslandsösterreicher. Ob darunter Linke oder Rechte sind, vermag ich nicht zu sagen. Es ist mir auch, schlicht gesagt, egal. Und doch: Wer mir einreden will, Menschen nur nach ihrer Parteizugehörigkeit, religiösen Überzeugung, Hautfarbe oder sozialen Herkunft zu beurteilen, kann zwar zur Not ein Gesprächspartner, aber nicht mein Freund sein. Wie würden Sie sich verhalten, wenn heute jemand leise warnend zu Ihnen sagt: “Du willst Dich doch nicht etwa zu diesen Farbigen an den Tisch setzen?” Sicherlich werden Sie empört sein. Und wie reagieren Sie, wenn man flüstert: “Setz Dich nicht zu Herrn X. an den Tisch. Der ist ein verkappter Roter. Womöglich ist er sogar einer dieser gefährlichen Ost-Juden”? Mit Bestürzung? Können Sie sich vorstellen, daß es heute noch Leute gibt, die derartige Ratschläge erteilen? Würden Sie schweigend Toleranz üben?
Goethes Gretchen-Frage wird heute in vielen Schattierungen gestellt. “Und wie hältst Du es mit Herrn Haider?” scheint dabei die aktuellste Variante zu sein. Wobei ich wieder bei Österreich wäre. Folge ich blind dem Mahlstrom internationaler Meinungsmacher, muß ich schlußfolgern, daß sich die mündigen Österreicher Wähler in ihrer Mehrheit verwählt haben. Sie haben sich jedoch nicht urplötzlich anders entschieden oder gar vom Paulus zum Saulus zurückentwickelt. Sie hatten einfach die Nase vom rot-schwarzen Regierungsklüngel voll. Ich weiß nur eins, Jörg Haider hat es geschafft: Er ist zum medialen Weltereignis geworden. “Lieber einen schlechten Ruf als gar nicht bekannt”, wird er sich vielleicht sagen. Und wir? Sollen wir uns dem Trommelfeuer der Tagesmedien gegen das Rechtsbündnis in Wien anschließen? Nein, ich bin für Mäßigung und mehr Sensibilität, wenn auch unter dem Aspekt kritischer Distanz.
Für Mäßigung, weil ich die Ansicht von Theo Sommer, Mitherausgeber von “Die Zeit”, teile, wenn er in der Ausgabe Nr. 7 vom 10. Februar 2000 schreibt: “Zum Dritten verstößt der EU-Bann gegen das fundamentale Recht einer jeden Demokratie, frei zu entscheiden, welche Partei die Bürger wählen und welche dieser Parteien die Regierung bilden soll. Soll so ein europäisches Wertebewußtsein entstehen? Eher wächst nun wohl die Furcht, daß in Europa künftig eine Art umgekehrter Breschnew-Doktrin gelten soll. Ein unerhörter Vorgang: Eine Kabale von EU-Regierungschefs befindet darüber, ob demokratische Entscheidungen der Völker gültig sind.” Nein, ich kann die Überreaktion der EU-Regierungschefs auch nicht billigen. Sie hat nicht nur den Stolz vieler Österreicher verletzt, sondern wird der Wiener Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ womöglich noch mehr “Trotzwähler” zutreiben. Ich verstehe nicht, wie gebildete, angeblich demokratisch gesinnte Menschen zum wirtschaftlichen Boykott, zur politischen Isolation bis hin zum Verzicht auf den Urlaub in der Alpenrepublik auffordern können.
Hat nicht gerade die von der deutschen SPD-Führung in den 70er Jahren klug erdachte, neue Ost-Politik, “Wandel durch Annäherung”, zum Erfolg und Ende des kalten Krieges geführt? Sich somit bewährt? Ich bin für mehr Sensibilität, weil ich meine, wer sich besucht, miteinander spricht und Waren handelt, schießt nicht aufeinander. Intoleranz ist die Vorstufe zum Krieg. Ich hasse militärische Konflikte.
In Österreich bin ich bisher noch nicht gewesen. In diesem Jahr besuche ich es. Trotz alledem! Und Sie? Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
was im deutschsprachigen Teil Europas, insbesondere in Deutschland, vor sich geht, läßt im Ausland lebende Deutschsprechende mehrheitlich nicht kalt. Ganz gleich, ob man die ehemalige Heimat unter Zwang verlassen mußte oder “nur” der Liebe wegen auswanderte, vielleicht in der Hoffnung auf eine glücklichere und sozial sicherere Zukunft unter fremden Sternen – die Bindung an das Zurückgelassene bleibt. Häufig wächst das Interesse an politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sportlichen Ereignissen mit zunehmendem Abstand. So war und ist es gerade das von den jeweiligen Landesmedien nur mangelhaft und “einäugig” befriedigte Informationsbedürfnis der im Ausland lebenden Deutschsprachigen, welches im letzten Jahrhundert zur Neugründung oder Wiederbelebung deutschsprachiger Auslandsmedien, darunter auch der “Deutschen Rundschau”, führte.
Und obwohl den Bundesregierungen in Deutschland und Österreich gewiß bekannt ist, daß das Deutschland- und Österreichbild der außerhalb des deutschsprachigen Europas lebenden Deutschsprechenden wesentlich von den Meldungen nationaler, nicht unbedingt immer deutsch-und österreichfreundlicher Nachrichtenmagazine und Fernsehsender geprägt wird, scheinen die Mittel für den Ausbau eigener deutschsprachiger Nachrichtensendungen und die Förderung deutschsprachiger Medien im Ausland immer spärlicher zu fließen. So hat z.B. der dem bekanntesten deutschen Auslandssender, der Deutschen Welle, von der SPD-Regierung verordnete Aderlaß vor allem uns im Ausland lebenden Deutschsprechenden eine wichtige Informations- und Unterhaltungsquelle entzogen. Die Schließung weiterer Goethe-Institute, der Entzug wichtiger finanzieller Mittel für den VDA und die Ablehnung von offiziellen Fördermitteln für Medien wie unseres setzt offenbar die Serie des (planmäßigen?) Beziehungsabbruchs zwischen im Ausland lebenden Deutschsprechenden und Deutschland weiter fort. Dabei spreche ich noch gar nicht von den vielen, die deutsche Bundesregierung händeringend um finanzielle Unterstützung bittenden deutschen Sprachschulen, Organisationen und Klubs.
Gesagt werden muß, daß die “Rotstiftpolitik” der Bundesregierung Deutschlands keineswegs erst mit der rot-grünen Berliner Regierung begonnen hat. Vielmehr sei an dieser Stelle an die von uns im Herbst 1997 veröffentlichten kühlen Absagen der Kohl/Kinkel-Regierung erinnert, als sich die “Deutsche Rundschau” mit einem Bittgesuch nach Bonn gewandt hatte. Gerade auch unter diesem spezifisch “auslandsdeutschen” Blickwinkel wiegen die “schwarzen Konten” Helmut Kohls und der Skandal um CDU-Parteispenden auch für Deutschsprechende im Ausland schwer. Während für hilfesuchende auslandsdeutsche Organisationen und Einrichtungen keine müde Mark vorhanden war, ließen deutsche Spitzenpolitiker mit Geldern aus dunklen Quellen ihre heimlichen Parteikassen klingeln. Mit dem Sprichwort: “Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken” bewahrheitet sich auch in diesem Fall der Volksmund.
Der Schröder/Fischer-Regierung ist deshalb geraten, die von auslandsdeutschen Vereinen, Klubs, Organisationen und Medien ausgestreckte Hand zu ergreifen und die “Rotstiftpolitik” zu stoppen. Letztendlich haben im Ausland lebende Deutschsprechende nicht nur einen wesentlichen Einfluß darauf, ob und welche deutsche Erzeugnisse gekauft und welche deutschen Serviceleistungen in Anspruch genommen werden, sondern auch darauf, wie sich das Ansehen Deutschlands im Ausland verbessert. Oder? Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie heute den Begriff “Mauer” hören? Vielleicht die Chinesische Mauer, auch Große Mauer genannt, die mit etwa 6.250 km Gesamtlänge als die größte Schutzanlage der Erde galt? Oder die Klagemauer im alten Jerusalem, deren unterste fünf Steinlagen zum herodianischen Tempel gehören? Nein, ich bin überzeugt, daß Ihnen zunächst die Berliner Mauer einfällt, wenn Sie ein Reporter auf der Straße nach “Mauergefühlen” befragt. Nur selten widmen Medien weltweit einem Ereignis so viel Raum, wie es aus Anlaß des Falles der Berliner Mauer am 09. November 1989 oder seines erst kürzlich begangenen 10. Jahrestags des Mauerfalls passierte. Staatsoberhäupter meldeten sich in den letzten Wochen ebenso zu Wort, wie “einfache” Menschen ihre Erinnerungen an diesen historischen Tag und damit verbundene Gefühle zum Ausdruck brachten. Was und wer letztendlich zum Fall der Berliner Mauer entscheidend beigetragen hat, wird wohl noch ein Weilchen im Verborgenen schlummern, bis der über den Tatsachen hängende feingewebte Schleier von Geschichtswissenschaftlern und Steckenpferd-Historikern behutsam oder mit einem Ruck weggezogen werden wird.
Erzwang eine “Revolution von unten”, die Massendemonstrationen in Leipzig, Dresden, Ost-Berlin und anderen DDR-Städten die Öffnung der Mauer? Oder war es eine “Revolution von oben”? Die Meinungen gehen darüber, je nach Standpunkt des Betrachters, auseinander. “Die kluge Politik Ungarns, der Realismus und die Besonnenheit Gorbatschows, die feste Unterstützung durch die USA und nicht zuletzt die ausgestreckte Hand vonseiten der Europäischen Gemeinschaft – das alles ist aus der Geschichte jener Monate nicht wegzudenken und bleibt unvergessen”, formulierte es der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland in seinem Leitartikel in der Oktober/November-Ausgabe der “Zeitschrift Deutschland”. Eine Aussage, der ich, was die “ausgestreckte Hand der EG” betrifft, so nicht zustimmen möchte! Erstens war und blieb die britische Premierministerin Margaret Thatcher gegen die Wiedervereinigung und zweitens mußte auch der französische Präsident Mitterand nach seinem Treffen mit Honecker von Helmut Kohl überzeugt werden, daß die Wiedervereinigung ein gute Sache sei. Doch bekanntlich hat der Erfolg viele Väter, die Niederlage immer nur einen. Wenn auch pure Spekulation, wäre es interessant zu wissen, wer sich zu seinem Engagement bekannt hätte, wenn der Versuch die Mauer zu öffnen gescheitert wäre? Wenn der Wille nach einem “einig Vaterland”, wie am 17. Juni beim Volksaufstand in der DDR, von russischen Panzern blutig niedergeschlagen worden wäre? Dann wohl wäre der “Ruhm der Märtyrer” doch nur auf die Bürgerrechtler und Demonstranten in der DDR gefallen. Zum Glück und zur Freude vieler Menschen in aller Welt verlief der Fall der Berliner Mauer über Nacht, ganz ohne Blutvergießen und “Gott-sei-Dank” ohne die militärische Konfrontation zwischen Warschauer Pakt und NATO. Stattdessen hat der Fall der Berliner Mauer nicht nur Deutschland zumindest geografisch geeint, sondern tatsächlich Europa politisch und wirtschaftlich tiefgreifend verändert.
Ich stimme dem Mitherausgeber der deutschen Wochenzeitung “Die Zeit”, Theo Sommer, zu, wenn er schreibt, daß “… die größer gewordene Bundesrepublik (noch) ein geschichtliches “Halbfabrikat”", sei. Das wurde mir in den vergangenen Wochen deutlich bewußt, als ich als Mitglied einer internationalen Journalistendelegation auf Einladung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung an einer Informationsreise zum 10. Jahrestag des Berliner Mauerfalls teilnehmen durfte. Bis zu meinem “Flug in die Freiheit”, nach Kanada, hatte ich fast 18 Jahre, bis 1988, im Ostteil Berlins gelebt, geliebt und gearbeitet. Diese Zeit hat mich ebenso geprägt wie meine Freunde, die damals im Westteil der Stadt lebten. Auch sie wurden vom Alltagsleben der “Frontstadt” beeinflußt. So, wie wir Auslandsdeutschen eine eigene Identität entwickelt haben, die sich von der Identität der in Deutschland lebenden Deutschen mehr oder weniger deutlich unterscheidet, haben sich auch in mehr als vier Jahrzehnten DDR und BRD zwei unterschiedliche Identitätsgefühle entwickelt. So fiel mir, dem bereits kanadisierten Auslandssachsen, im Gespräch mit Berlinern auf, aus welchem Teil der Stadt sie vor der Öffnung der Mauer stammten. Die anfängliche Reserviertheit, die mir auf Grund meines unverleugbaren sächsischen Dialekts zunächst entgegengebracht wurde (wobei Sachsen auch in Ostberliner Zeiten eher gelitten als geliebt waren), entspannte sich erst, wenn zur Sprache kam, daß ich seit einigen Jahren kanadischer Staatsbürger bin.
So brachten mir z.B. “Westberliner” unverhohlen zum Ausdruck, daß der asbestverseuchte “Palast der Republik” verschwinden müsse. Er sei schließlich die “Pißmarke der Ostberliner Machthaber”, meinte eine Charlottenburgerin drastisch. Dagegen sträubten sich die Haare von in der DDR aufgewachsenen Bekannten, die keine PDS-Anhänger sind, als ich ihnen die extreme Ansicht zu “Honeckers Lampenladen” übermittelte. “Man will im Osten alles platt machen, was nur mit einem Hauch an die guten Seiten der DDR erinnert”, war das Gegenargument der Befragten. Ja, Beispiele für die unterschiedlichen Wertmaßstäbe zwischen alten und neuen Bundesländern gäbe es viele zu nennen. Jeder, der das neue Deutschland besucht, wird sie finden. Doch muß man deshalb gleich immer von der noch vorhandenen “Mauer in den Köpfen” sprechen und schreiben? Warum spricht man nicht über die Gemeinsamkeiten, uns Vereinendes. Heute sind wir ein Volk! Wer untersucht, was Deutsche in Ost und West und was Deutsche in Deutschland und Deutschsprechende im Ausland verbindet? Wer stellt den Antrag, daß auch die verbliebenen Reste der Berliner Mauer als “Weltkulturerbe” anerkannt werden? Sie würde damit nicht nur nachfolgenden Generationen, sondern auch ausländischen Gästen als Mahnung dienen und vielleicht den Aufbau ähnlicher Mauern ein für alle Mal verhindern. Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
“Immer der Erste zu sein
und immer voranzustreben den anderen,
und nicht der Väter Geschlecht
zu beschämen!”
Homer, Ilias
Liebe Leser,
offensichtlich gab es schon in der Antike guten Grund für Homer sich mit Mahnungen, wie der Eingangs zitierten an das griechische Volk oder besser, die Eliten seines Landes, zu wenden. Heute, im Zeitalter der Hochtechnologien und Globalisierung, scheinen die Epen des großen Literaten allenfalls für wissenschaftliche Arbeiten zu taugen. Im “Handbuch für Spitzenpolitiker”, wenn es ein solches überhaupt gibt, ist dieser homersche Rat gewiss nicht zufinden. Dabei wäre es dringend nötig, daß wir uns im hektischen Alltag, am Ausgang eines kriegerischen, blutigen Jahrtausend, wieder auf das besinnen, was uns geistige Giganten der Menschheitsgeschichte hinterließen. Eine breite Diskussion darüber entfachen, welche von unseren Ahnen gepriesenen und geprägten “menschlichen Werte” noch heute Richtschnur des täglichen Handelns sein sollten.Sollte die in der alten preußischen Nationalhymne enthaltene Aussage: “üb immer Treu und Redlichkeit bis an Dein Lebensende” noch gelten oder doch lieber auf dem Müllhaufen der Geschichte landen? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, doch ich gewinne sehr oft den Eindruck, daß das Schrittmaß unserer heutigen Welt nur noch vom Geldwert bestimmt wird. Wohin haben uns unsere “Eliten” geführt, wenn aus den Ereignissen der letzten Jahrhunderte kaum Lehren gezogen wurden? Wurden doch die größten Geissel der Menschheit: Krieg, Massenarmut und -arbeitslosigkeit, Elend und Seuchen, wenn schon nicht gebannt, nicht einmal auf ein Minimum eingeschränkt! Wohin haben uns unsere politischen und wirtschaftlichen “Eliten” geführt, wenn der Abstand zwischen den Superreichen und Bettelarmen noch größer geworden ist? Wohin haben uns unsere “Eliten” geführt, wenn beispielsweise der Bundesminister für Finanzen von Deutschland, des “wirtschaftlichen Motors” der Europäischen Union, eingestehen muß, daß seine Regierung eine Ausgangslage von 1,5 Billionen DM (!) Schulden vorfindet? Wohin haben uns unsere “Eliten” geführt, wenn bereits vorhandene soziale Risse in unseren Ländern und Gesellschaften immer tiefer werden?
Sollten es nicht zuerst unsere “Eliten” sein, die versuchen, “Immer der Erste zu sein und immer voranzustreben den anderen, und nicht der Väter Geschlecht zu beschämen!”? Dabei denke ich hier an all die Mütter und Väter, die im Kampf gegen Tyrannei, für Demokratie und soziale Gerechtigkeit in den vergangenen Jahrhunderten ihr Leben ließen oder, wie die deutschen Revolutionäre von 1848, ihre Heimat verlassen mußten. Wo bleibt zum Beispiel der von Alt-Bundespräsident Herzog geforderte “Ruck”, der in Deutschland durch die Gesellschaft gehen sollte? Nimmt man die soziale Lage der sogenannten Industrieländer genauer unter die Lupe, ist es im Grunde genommen fast eine finanzielle Bankrotterklärung, die unseren heranwachsenden Kindern und Enkeln als Erbe aufgebürdet wird. Dabei steht dieses Erbe im krassen Widerspruch zu den global vorhandenen personellen, materiellen und finanziellen Möglichkeiten. Was passiert mit den, durch Elefantenhochzeiten entstehenden, unermeßlichen Profiten der Superbanken und Riesenkonzerne?
Wo bleibt das moralische Gewissen der eigentlichen Nutznießer dieser gigantischen Verschmelzungsprozesse von Politik, Industrie und Kapital, die nicht müde werden sich selbst immer wieder als “Eliten” zu bezeichnen? Wie kann es je die Regierung und Elite eines x-beliebigen Staates verantworten, daß der Rotstift ausgerechnet beim Bildungs- Gesundheits- und Kulturhaushalt angesetzt wird ? Verantworten, daß Jugendliche massenhaft weder Ausbildung noch Arbeit finden?
Ich wünsche mir vor allem ein friedliches neues Jahrtausend. Ein Jahrtausend, in dem Regierungen an der Macht sind und von uns solche Politiker in die Regierungsverantwortung gewählt werden, die sich nicht als “Elite” mit Sonderrechten ausstatten, sondern sich tatsächlich als erste Diener des Staates oder einer Staatengemeinschaft verstehen. Ein Jahrtausend in dem die Menschen der Dritten Welt mit Hilfe der reichen Länder besser in die Lage versetzt werden, Ihr Menschsein als Menschen zu geniessen. Ein Jahrtausend in dem die Vereinten Nationen nicht nur über Menschheitsprobleme debattieren, sondern sie unbürokratisch lösen. Ein Jahrtausend in dem sich die Supermacht USA demokratisch gefassten Beschlüssen der Vereinten Nationen unterordnet und endlich ihre Schulden von mehr als 1 Milliarde Dollar bezahlt. Ein Jahrtausend, was noch mehr Männer, wie den Amerikaner Ted Turner hervorbringt, der den Vereinten Nationen von seinem Reichtum 1 Milliarde Dollar schenkte. Und was wünschen Sie sich vom neuen Jahrtausend? Auf Ihre Zuschriften freut sich,
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
Vom “Großen Lauschangriff” war in bundesdeutschen Medien in den letzten Monaten sehr oft die Rede. Sogar vom “Angriff aus dem All” war in “Der Spiegel” 13/1999 zu lesen. Ungeniert würden vor allem Amerikaner die deutsche Wirtschaft ausschnüffeln, die mit großem Aufwand und High-Tech Telefonleitungen und Computernetze durchforsten würden. Viel Lärm um Nichts? Der deutsche Bundesgerichtshof hat es vor kurzem als rechtens erklärt, daß alle Auslandsgespräche aus Sicherheitsgründen abgehört werden dürfen.
Insidern wird diese Nachricht nur ein müdes Lächeln abgerungen haben. Durften doch die Schutzengel dieseits und jenseits der Elbe schon seit Jahrzehnten ihre Wanzen auslegen. Denn was dem Stasi recht war, konnte ja dem Bundesnachrichtendienst nur billig sein. Das innerdeutsche Lauschen hatte zwar System, dürfte jedoch auf den Verlauf der Weltgeschichte keinen wesentlichen Einfluß genommen haben. Auch den Fall der Berliner Mauer, der sich im November diesen Jahres zum 10. Male jährt, konnten weder die kleinen noch großen Meister der Abhörkunst seinerzeit vorhersagen.
“Der Lauscher an der Wand hört seine eigne Schand”, pflegte schon meine Oma zu sagen, wenn ich als Kind versuchte, den oft langweiligen Gesprächen der Erwachsen zu folgen. Ob nun die professionellen Lauscher in aller Welt auch ihre “eigne Schand” (an)hören müssen, sei dahingestellt. Fraglich ist, ob das neuerdings gesetzlich sanktionierte, behördliche Lauschen auch den vorgegebenen Zweck erfüllt.
Dem hohen Anspruch, die Bürger des Landes besser vor Terroristen schützen zu wollen, wird es voraussichtlich nur mangelhaft Rechnung tragen. Schlimmer ist, daß die Mehrheit der Politiker, statt laut aufzuschreien, scheinbar unbeteiligt zur Tagesordnung übergingen, als dieses Abhör-Gesetz in Deutschland zur Diskussion stand. Vielleicht empfand man, daß man gegenüber seinem “Big Brother” dringenden Nachholbedarf hatte.? Wie dem renomierten deutschen Nachrichtenmagazin zu entnehmen war, “haben die amerikanischen Geheimdienste den Auftrag, zum Wohle der US-Wirtschaft Informationen zu sammeln und an die eigenen Unternehmen weiterzugeben.” Ganz offiziell habe der US-Präsident Bill Clinton die Wirtschaftsspionage zu einer der Hauptaufgaben des CIA erklärt. Clinton wird mit den Worten “Was gut ist für Boeing, das ist gut für die USA” zitiert. Dieser Gedanke ist nicht neu. Schon Charles Wilson, ehemaliger Chairman von General Motors und späterer Wirtschaftsminister von Präsident Dwight Eisenhower, war der festen Überzeugung: “What is good for GM is good for the United States”. Mit dieser Aussage schmetterte er einst vorwurfsvolle Fragen von Journalisten ab, denen Eisenhowers die Großindustrie fördernde Politik ein gewaltiger Dorn im Auge war. Die Ansicht: “America first”, koste es was es wolle, scheint heute noch die Zustimmung vieler Amerikaner zu finden. Dabei nimmt Mancher gern in Kauf, wenn seine Freunde und Bündnispartner ausgehorcht werden. Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser! Zumal, wenn etwas dabei herausspringt…
Zwar ist Wirtschaftsspionage den deutschen Nachrichtendiensten noch ausdrücklich untersagt, doch ob das so bleiben wird, ist stark anzuzweifeln. Dabei geht es bei der ganzen Abhörerei ja nicht nur um Wirtschaftsspionage! Finden Sie nicht auch, daß es ein unerhörter Eingriff in die Privatsphäre einer Person oder eines Unternehmens ist, wenn man sich an der vielzitierten Schwelle zum Jahr 2000 nicht mehr sicher sein kann, sein internationales Telefonat unbelauscht zu führen? Dominieren “Alles sehende Augen” und “Alles hörende Ohren” zukünftig noch mehr unseren Alltag?
Technisch kein Problem, sagen Fachleute. Ganze Industriezweige haben sich mittlerweile auf das profitable Abhörgewerbe eingestellt. So kann beispielsweise das vom amerikanischen Nachrichtendienst NSA entwickelte Abhörsystem “Echelon” nicht nur weltweit jede E-Mail, sondern auch herkömmliche Telefongespräche und den Fax- und Telexverkehr ungefiltert abhören und zur Auswertung weiterleiten.
Otto-Normal-Verbraucher wird nun wieder die Suppe auslöffeln dürfen, die ihm von den Kalten Kriegern der Neuzeit eingebrockt wird. “Die Würde des Menschen ist unantastbar”, pflegte der Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) den Landsleuten im anderen Teil Deutschlands mitzuteilen. “Die Worte hört ich wohl, allein mir fehlt der Glaube” würde sich hierauf gut erwidern lassen. Vielleicht ist es nur zu lange her, daß diese Werte galten? Lauschangriffe jeglicher Art scheinen nicht unter die Kategorie “Würde des Menschen” zu fallen. Dessen sollten Sie sich bewußt sein, wenn Sie das nächste Mal zum Telefonhörer greifen oder sich an den Computer setzen, um die Lieben in weiter Ferne zu grüßen. Freund hört und liest mit!
Zeitungsmacher haben sich auf das neue Phänomen einzustellen. Wichtige Neuigkeiten und brisante Daten übermittelt man, wie zu Pegasus’ Zeiten, neuerdings wieder per Bote. Macht man das nicht, kann es passieren, daß die eigne, mühevoll recherchierte Meldung von einer “vorbeifliegenden Schwalbe” ergriffen und anderen Medien zugezwitschert wird. Gut finde ich das nicht. Und Sie? Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
Haben Sie je davon gehört oder es erlebt, daß Auslandsdeutsche, -österreicher oder -schweizer eine Lobby zu gründen suchten? Nein, weder in Washington noch in Ottawa sitzen Senatoren, die die Trommel für die Interessen der bedeutenden ethnischen Minderheiten in diesen Ländern rühren würden. Dabei wäre es sogar wünschenswert, wenn es unter den rund 50 Millionen Amerikanern oder mehr als 3 Millionen Kanadiern, die sich laut jüngsten Volkszählungen zu ihrer deutschsprachigen Abstammung bekennen, kluge und energische Köpfe geben würde, die nach den höchsten Ämtern im Staate streben. Nein, nicht um der Macht, sondern um der Verantwortung willen, die solche Funktionen mit sich bringen.
Ich sehe es weder als etwas Gefährliches noch etwas Verwerfliches an, wenn es in unserer ethnischen Gruppe Menschen gibt, die Persönlichkeiten wie Carl Schurz, John Diefenbaker oder William Aberhart, den Generalen Steuben, von Riedesel oder Norman Schwarzkopf, Ingenieuren wie Dr. Thomas Keefer oder Sir Adam Beck, Künstlern wie Doris Day (Kappelhoff) oder Fred Astaire (Austerlitz), Wissenschaftlern wie Heinz Pagels, Gerhard L. Weinberg oder Dr. Gerhard Herzberg, Komponisten wie Oskar Hammerstein II oder Jerome Kern nacheifern. Eine wichtige Voraussetzung dafür wäre natürlich, daß unsere Kinder und Enkel, wenn schon nicht in der Schule, so zumindest durch uns erfahren, wer die genannten Persönlichkeiten sind. Gerade in Sachen Kulturbewußtsein können wir uns von anderen Völkern und ethnischen Gruppen eine große Scheibe abschneiden. Denn im Gegensatz zur Geschichte seines Volkes, die man mit Licht- und Schattenseiten ererbt, kann man sich entscheiden, welchen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Traditionen man folgen und welche Bräuche man bewahren will.
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Gen. Friedrich Adolph von Riedesel |
Da die Bundesrepublik Deutschland das ganze Jahr ihren 50. Geburtstag feiert, sollten auch wir im Ausland lebenden Deutschsprechenden beginnen, darüber nachzudenken, welche unserer Jubiläen es wert sind, daß wir sie feiern. Die New Yorker Steuben-Parade ist ein gutes Beispiel, wie man auf die eigene ethnische Gruppe, ihre Leistungen in der Neuen Welt und ihre besten Vertreter aufmerksam machen kann. So kann sich beispielsweise jeder von uns dafür einsetzen, daß man aus Anlaß des 400. Jubiläums der Landung der ersten deutschen Siedler in Jamestown, USA, im Jahre 2008 die amerikanische Postbehörde erneut um die Herausgabeeiner Sonderbriefmarke ersucht. Erneut, weil der erste Versuch von deutschamerikanischen Persönlichkeiten an der ablehnenden Haltung des Citizens Stamp Advisory Committee in Washington scheiterte.
Einsetzen könnte man sich beispielsweise auch bei den zuständigen Behörden der Auswandererländer dafür, daß in deutschen, österreichischen oder schweizer Schulbüchern zukünftig mehr über die Geschichte und vielen Leistungen deutschsprachiger Auswanderer zu finden ist. Der von mir angeregte “Weltkongreß der Deutschsprachigen” (nicht der Auslandsdeutschen, wie ich von einigen Lesern mißverstanden wurde) könnte sich solchen und anderen Themen zuwenden. Er soll nicht ein Instrument für Lobbyisten sein, sondern zur Völkerverständigung und Freundschaft zwischen Deutschsprechenden und -lernenden in aller Welt beitragen. Es ist an der Zeit, daß wir, die in aller Herren Länder lebenden Deutschsprechenden, uns endlich unserer Verantwortung, Dinge in der Welt zum Guten zu bewegen, bewußt werden und den vielen Worten Taten folgen lassen.Es reicht nicht aus, wenn unsere zahlreichen Klubs und Organisationen in aller Welt nur Kulturveranstaltungen, Oktober- und Trachtenfeste von lokaler, regionaler oder seltener nationaler Bedeutung organisieren. Wir brauchen eine arbeitsfähige, internationale Interessenvertretung, wie sie andere ethnische Gruppen haben. Wie es sie seit langem mit dem “Rat der Auslandsgriechen” oder dem “Jüdischen Weltkongreß” gibt, damit wir besser unsere Interessen vertreten können.
Ich wende mich deshalb erneut an alle Klubs, Organisationen, Glaubensgemeinschaften und Einrichtungen in der Welt, die sich die Erhaltung und Pflege der deutschen Sprache und deutschsprachigen Kultur auf “ihre Fahnen geschrieben” haben. Schreiben Sie uns Ihre Meinung, lassen Sie uns wissen, ob und warum Sie die Gründung eines “Weltkongresses der Deutschsprachigen” ablehnen oder unterstützen. Lassen Sie uns wissen, ob Sie als Repräsentant einer deutschsprachigen Gruppe an einem solchen Kongreß teilnehmen werden oder als Unternehmer ein solches Anliegen finanziell unterstützen würden. Unterbreiten Sie Vorschläge. Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
Recht hat, wer da denkt, daß Geld die Welt regiert. “Die goldene Regel ist”, sagte mir einst ein erfolgreicher Geschäftsmann im Interview, “daß wer das Gold hat, auch die Regel macht”. Geld und Gold ist jedoch nicht alles. Meine Lebenserfahrung besagt, daß erfolgreich auch sein kann, wer viele Freunde hat und sich für eine gute Sache einsetzt. Deutsche Rundschau hat viele Freunde. Da waren zum Beispiel Frank, der Schweizer, Hans, der Hamburger, John, der Donauschwabe, Lilo und Otto aus Bremen und die Kanadierin Yvonne, die, begeistert von der Idee “Weltzeitung für Deutschsprechende”, das nötige Startkapital zur Verfügung stellten.
Oder die ehrenamtlichen Packer. Karl und Inge, Hilde und Stefan, Irene und Waldemar sind schon von Anbeginn dabei. Tausende von Zeitungen haben sie in den letzten zwei Jahren schon gepackt. Sie kamen bei Regen oder Sonnenschein, Gewitter oder Schneesturm. Wenn man sie braucht, sind sie zur Stelle. Der Anfahrtsweg, oft über 100 km, hat sie nicht abgeschreckt. Viele haben in den letzten Jahren unbezahlt beim Verpacken und Vertrieb der Deutschen Rundschau geholfen. Wenn Not am Mann war, sprangen der Student aus der Dominikanischen Republik, die aus der Tschechischen Republik stammende Grundstücksmaklerin, die österreichische Dichterin und Besucher aus Deutschland ein. Ob sie Theresa oder Sabine, Elke oder Bill, Günter oder Iris, Brunhild oder George, Friedrich oder Klaus, Stewart oder Cornelius heißen, sie sind auch dann zur Stelle, wenn klar ist, daß außer einem Dankeschön kein Entgelt zu erwarten ist.
Volontäre sind auch Hazel und Kathleen. Die beiden Kanadierinnen sortieren seit zwei Jahren, Ausgabe für Ausgabe, nach Ländern und Postleitzahlen in die Postsäcke von Canada Post. Ihre geografischen Kenntnisse sind dabei um einiges erweitert worden. Sie wissen heute, wo Belarus liegt und Abu Dubai. “Wenn ich in einem fremden Land leben würde, wäre ich sehr froh, eine Zeitung in meiner Muttersprache lesen zu können”, beantwortet Kathleen die Frage, warum sie sich so sehr für die Deutsche Rundschau einsetzt. Der kanadische Truckfahrer Jack ist von Anfang an dabei. Nein, Deutsch spricht auch er nicht. “Doch ich hatte schon einmal einen Deutschkanadier zum Freund. Damals, als ich noch meine Hühnerfarm hatte. Mit dem habe ich zusammen auf dem Markt Eier verkauft. Leider ist er verstorben…” Die Motive, unserem Medienkind laufen zu helfen, sind so verschieden wie die Helfer. Für Wilhelm, den Waldarbeiter, der seinen Lebensunterhalt in der unendlichen Einsamkeit der Wälder von Britisch Kolumbien verdient, ist die Deutsche Rundschau eine wunderbare Zeitung. Ihm ist das Anliegen unserer Zeitung so wichtig, daß er in seiner Freizeit 500 km weit fährt, um Geschäftsleute zu überzeugen, in unserer Zeitung Anzeigen zu schalten und neue Abonnenten zu finden.
Deutsche Rundschau feiert zweijährigen Geburtstag. Viele Leserbriefe aus aller Herren Länder sind seit unserer Erstausgabe im Juni 1997 auf unserem Redaktionstisch gelandet. Sie bestätigen, daß unsere Publikation zwar manchmal verspätet, aber auch sonst bei unseren Lesern (fast immer) ankommt. Daß wir keineswegs nur bei Auslandsdeutschen beliebt sind, sondern auch vom Prinz aus Togo, der Witwe von Robert Stoltz, dem Professor in Colorado, Radiosprechern in Minsk, Bauern im Altai-Gebirge, Studenten aus einem Kibbuz in Israel Post erhalten. Es freut uns, daß wir von den Passagieren von United Airlines, Air Canada und Canada 3000 und von Deutschsprechenden in Afrika, Asien, Australien, Amerika und in Europa gelesen werden.
Ist es nicht verwunderlich, daß die Deutsche Lufthansa es auch nach zwei Jahren noch ablehnt, unsere Publikation an Bord zu nehmen? Daß die zuständigen Lufthansa-Chefs unsere preisgekrönte Zeitung nicht einmal in den Lufthansa-Warteräumen liegen sehen möchten? Ist es nicht verwunderlich, daß die Deutsche Bank unserer Zeitung nicht nur keine Werbung gibt, sondern uns auch keine Artikel zum Thema EURO zur Verfügung stellen will? Ist es nicht verwunderlich, daß zwar viele nordamerikanische Universitäten die Deutsche Rundschau abonniert haben, aber keine Universität in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz bisher die US$ 40,- für ein Jahresabonnement aufbringen wollte? Ist es nicht erstaunlich, daß die aus Steuermitteln finanzierte deutsche Behörde Inter Nationes sich immer noch nicht dazu durchringen konnte, von den mehr als 7.000 Exemplaren, die wir kostenlos an Leser in der Dritten Welt und in Osteuropa senden, wenigstens 100 Abonnements zu übernehmen?
Es wäre schön, wenn wir in den Chefetagen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz mehr Sympathie für unsere Sache finden würden. Wir suchen Verbündete, die in jeder Beziehung global denken und den Wert einer im Ausland herausgegebenen deutschsprachigen Weltzeitung zu schätzen wissen. Menschen, wie Hilde, Karl, Lilo, Jack, Wilhelm und die anderen ungenannt gebliebenen Freunde in der Welt. Leute, die nicht nur reden sondern tun was in ihren Kräften steht. Und was ist Ihre Meinung? Auf Ihre Zuschriften freut sich,
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
Niemand hört einem mehr richtig zu”, beklagte sich neulich ein guter Freund bei mir. Erst war ich verdattert, doch dann mußte ich ihm beipflichten. Im informationsüberfluteten Alltag scheint uns gelegentlich selbst das Gefühl zum richtigen Zu- und genauen Hinhören abhanden gekommen zu sein.
Untersuchungen sprechen davon, daß Otto-Normal-Verbraucher nicht sonderlich daran interessiert ist, täglich mehr als 45 Minuten Nachrichten in sich aufzunehmen. Ob auch eine geistige Verarbeitung des Gelesenen, Gehörten oder Gesehenen erfolgt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Da Medien- und Nachrichtenmacher wissen, daß bei einem Überangebot an Informationen entweder die Nachrichtenquelle oder das Gehirn abgeschaltet wird, hat der Kampf um die Hirne und Herzen der Nachrichtenkonsumenten an Schärfe zugenommen.
Politiker, Medienfachleute und Technikwissenschaftler zerbrechen sich deshalb täglich den Kopf darüber, mit welcher noch ausgeklügelteren Übertragungstechnik, -form und -methode sich ihre Nachrichten am besten, schnellsten und überzeugendsten an die Frau oder den Mann bringen lassen. Gefährlich an diesem Wettlauf ist, daß im Ringen um die täglichen 45 Minuten Aufnahmebereitschaft nicht immer nur gute, erfreuliche und vor allem der Wahrheit entsprechende, also gut recherchierte Nachrichten die Nase vorn haben.
![]() “Ich sehe soeben, daß sich der Herr Kollege vorne rechts zum Wort meldet...” |
| “Ich sehe soeben, daß sich der Herr Kollege vorne rechts zum Wort meldet…” |
Nachrichten als Waffe? Heißen Kriegen gehen in der Regel “Kalte Kriege” voraus oder folgen einer kriegerischen Auseinandersetzung nach. Seit Kriege um Macht, Boden und Weltanschauungen geführt werden, werden sie von psychologischer Kriegsführung begleitet.
Bei gegenwärtig mindestens 40 größeren und kleineren Krisenherden kann man deshalb davon ausgehen, daß jede der rivalisierenden Konfliktparteien ihr eigenes Nachrichten – Süppchen zu kochen versucht. Die Wahrheit ist nicht nur das erste Opfer eines Krieges, oft bleibt sie auch in Nachkriegs- zeiten “kriegsversehrt”. Keine Vermutung, sondern bittere Erfahrung von Millionen und Aber-Millionen Kriegs- und Bürgerkriegsopfern.
Ich bin zwar bestürzt, doch nicht verwundert, wenn das Mißtrauen gegenüber allem, was man hört, liest und sieht, immer mehr wächst. Ich ertappe mich dabei, selbst Medienmacher, nicht nur nicht mehr richtig, sondern gar nicht mehr dem zuhören zu wollen, was einem von manchen Medien und Politikern als schwer verdauliche Nachrichtenkost und politische Ansicht täglich vorgesetzt wird. Ob die Bereitschaft der Bürger, Nachrichten in sich aufzunehmen, gar auf 30 Minuten pro Tag oder weniger absinken wird? Immer häufiger höre ich Zweifel an der Glaubwürdigkeit von geschriebenen und gesprochenen Worten oder gezeigten Bildern. Ob sich bereits mehrheitlich Politiker und Medienmacher über den Vertrauensverlust Gedanken machen, ist fraglich.
Leider gibt es auch heute noch Staaten, in denen Politiker an der Macht sind, die ihrem (Fuß-)Volk nicht zuhören wollen. Wo die Volksmeinung im allgemeinen und die von Minderheiten nichts zählt. Werden sich diese Politiker nach der Jahrtausendwende gegebenenfalls ein neues Volk auswählen, wenn ihnen das eigene nicht mehr in den politischen Kram paßt?
Ich weiß nicht, wie Sie empfinden, aber ich werde das Gefühl nicht los, daß man sich weltweit heute mehr um Meinungsbildung sorgt, statt um (Volks-)Meinungserforschung bemüht.
Und wie stehe ich als Herausgeber der Deutschen Rundschau zu meiner Verantwortung? Ich wurde in den letzten Monaten wiederholt gefragt, warum wir in unserer internationalen Monatszeitung den Leserforen und -briefen solch einen breiten Raum einräumen. Zumal doch einige der veröffentlichten Beiträge, Kommentare und Meinungen sehr provokativ und deshalb nicht unbedingt (anzeigen-)geschäftsfördernd seien. Leute, die so fragen, mögen es gut mit uns meinen. Aber offensichtlich interpretieren sie die Worte Demokratie und Pressefreiheit anders als wir. Die Mitarbeiter der Deutschen Rundschau wünschen sich, auch wenn sie sich nicht mit jeder veröffentlichten Meinung identifizieren, auch zukünftig reges und offenes Mitdenken unserer Leser. Die von Martin Luther geäußerte Meinung, man solle “dem Volk aufs Maul schauen”, ist in unserer Redaktion ein Maßstab für gute journalistische Arbeit.
Es ist nicht möglich, daß ich jeden von Mitarbeitern der Deutschen Rundschau verfaßten Artikel persönlich nachrecherchiere, bevor ich ihn publiziere. Doch Ihr eventueller Widerspruch, wenn Sie es besser wissen, ist mir immer willkommen.
Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
Partner oder Konkurrent? Viel Positives gab es bisher zum Verhältnis zwischen den im deutschsprachigen Sprachraum produzierten und den im übrigen Teil der Welt vorhandenen deutschsprachigen Medien nicht zu berichten. Das Thema “Auslandsdeutsche” war lange Zeit in den Medien tabu; und wenn berichtet wurde, dann meistens nur über die östlich der Oder und Neisse lebenden “Brüder und Schwestern”. Die deutschsprachigen Medienwinzlinge im westlichen Ausland waren vielen Redaktionen großer deutscher und österreichischer Tagesmedien und Magazine keinen Schuß Druckerschwärze wert. Galten diese in von den 68er “Revolutionsjahren” geprägten Journalistenkreisen doch als rechtsradikal und deshalb suspekt.
Nein – als Konkurrenz wurden und werden unsere im Ausland produzierten deutschsprachigen Medien gewiß nicht angesehen. Eher auf Grund mangelnder Professionalität und steinzeitlicher Herstellungsmethoden belächelt. Und selbst, wenn der eine oder andere Kleinverleger oder Allzweckreporter in seiner deutschsprachigen Auslandszeitung oder “deutschen Auslandsstimme” mal einen politischen Furz ließ, reichte dessen Gestank nicht bis in die deutsche, österreichische oder schweizerische Öffentlichkeit. Es mag sein, daß besonders gewissenhafte Pressesekretäre der Botschaften besonders krasse journalistische Ausrutscher
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Warnung Solche Bücher läßt du drucken! Nimmer hätt ich dir geraten Teurer Freund du bist verloren! Heinrich Heine |
auf dem Dienstweg an das jeweilige Auswärtige Amt meldeten. Zu einem handfesten Skandal mit anschließendem Rauschen im heimatlichen Blätterwald hatte es jedoch, Gott sei Dank, nie gereicht. Und so erfüllte sich auch die heimliche Hoffnung so manchen Medienmachers im Ausland, “lieber einen schlechten Ruf zu haben, statt gar nicht bekannt zu sein”, nicht. “Deutschsprachige Auslandsmedien? Ja, gibt es die denn überhaupt noch?” war dagegen häufiger zu hören.
Partnerschaft? Wirkliche Anerkennung durch Berufskollegen blieb den hart arbeitenden Eigentümern und Mitarbeitern der rund 3000 deutschsprachigen Publikationen und 400 deutschsprachigen Rundfunkprogramme, die heute noch außerhalb des deutschsprechenden Raumes Europas existieren, bisher mehrheitlich versagt. Die oft übermenschlichen Anstrengungen und die Selbstlosigkeit der Macher dieser Medien, die notwendig sind, um sich als deutschsprachiges Fernseh- oder Rundfunkprogramm oder deutschsprachige Publikation in einer fremden Kultur zu behaupten, werden auch heute noch nicht, oder kaum, von Politikern und Regierungsbeamten in Berlin, Bonn und Wien wahr-, geschweige denn ernst genommen. Wer das abstreitet, möge mir bitte Beispiele nennen, in denen deutsche oder österreichische Bundestagsabgeordnete in einer Parlamentsdebatte in den letzten Jahrzehnten ein Wort über den vielleicht bescheidenen, doch umso mehr lobenswerten Beitrag deutschsprachiger Auslandsmedien zur Erhaltung der deutschen Sprache und Kultur im Ausland verloren haben.
Ich weiß nicht, ob jetzt, mit der neuen rot-grünen Regierung in Bonn, alles anders werden wird. Immerhin hat das freudige Rätselraten darüber, ob deutschsprachige Medien aus dem Ausland am Geburtstagstisch des Bundeskanzlers zum 50jährigen Jubiläum der Bundesrepublik mit Platz nehmen dürfen, bereits begonnen. Auf alle Fälle bleibt zu wünschen, daß die Berliner Regierung im Umgang mit deutschsprachigen Auslandsmedien eine andere Politik verfolgt als ihre Vorgänger in Bonn. Die Signale, die bisher gesetzt wurden, deuten es nicht an. Da wurde mit einem Federstrich der Deutschen Welle in Köln der Etat in Millionenhöhe gekürzt. Niemand scheint sich dabei ernsthafte Gedanken gemacht zu haben, welche Konsequenzen diese Kürzungen insbesondere für die deutschsprachigen Zuschauer und Hörer der beliebten DW-Programme haben. Bei aller berechtigter Zuschauerkritik an den Programmveränderungen bei Deutscher Welle – tv muß man der Programmdirektion dieses öffentlich-rechtlichen Senders bescheinigen, daß sie nicht wie ein Känguru große Sprünge machen kann, ohne etwas im (Geld) Beutel zu haben. Vielmehr ist zu sagen, daß ohne Werbeaufträge und Serviceleistungen der Deutschen Welle und ohne die persönliche Unterstützung des DW-Intendanten Prof. Dieter Weirich weitere deutschsprachige Medien im Ausland längst das Handtuch hätten werfen müssen.
Zu danken ist nicht nur der Deutschen Welle, sondern auch Nachrichtenagenturen wie A D N und ADX Wirtschaftsnachrichten, Tageszeitungen wie der “Berliner Morgenpost”, Magazinen wie INSIGHT oder GLOBUS, Organisationen wie dem Verein für das Deutschtum im Ausland e.V., der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Internationalen Medienhilfe (IMH), daß sie sich als Berichterstatter und Veranstalter dem Thema “Deutschsprachige Medien im Ausland” zugewendet und damit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf uns gelenkt haben. Bleibt zu wünschen, daß auch der offene Brief der Mitglieder der IMH an Bundeskanzler Schröder nicht seine Wirkung verfehlt.
Auf Ihre Zuschriften freut sich wie immer
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
Reisen bildet”. Eine Aussage, die oft in bunten Reisemagazinen zu lesen ist. Deutsche reisen besonders gern: Aktuelle Umfragen sagen aus, daß sie sogar Spitzenreiter unter den reiselustigen Völkern sind. Immer fernere, exotische Ziele werden angesteuert. Keine Wüste und Insel, kein Hochgebirge und Dschungel sind zu heiß, zu fern, zu hoch oder zu undurchdringlich, um sich von den erlebnis- und abenteuerlustigen Touristen aus “Old Germany” abkapseln zu können. Und während sich Sachsen, Mecklenburger und Pommeranzen vielleicht noch mit Rom, Paris, Oslo und Tunis begnügen, treibt es Bayern, Schwaben und Hessen schon lange scharenweise nach Ägypten, Tibet, Indien, Südafrika oder in die USA. “Reisen bildet”.
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Da es fast keinen Winkel der Erde gibt, in dem deutsche Reisende noch nicht zu Gast waren, müßte man annehmen, daß Deutsche zu den überdurchschnittlich gebildeten und weltoffenen Völkern gehören. Sind Deutsche wirklich so fremdenfeindlich, wie man es ihnen von manchen Medien und Politikern gern nachsagt? Wenn ja, wo liegen die Ursachen für die zunehmende Fremdenangst im eigenen Land? Mit welchen Erfahrungen ist der deutsche Reisende von seiner alljährlichen Bildungs-, Öko- und Erholungsreise zu fernen Kulturen, in fremde Länder und extreme Klimazonen nach Hause zurückgekehrt, wenn er sich zunehmend Chinesen nur in China, Ghanesen nur in Ghana, Inder nur in Indien und Kurden möglichst nur, Karl May läßt grüßen, “Im wilden Kurdistan”, aber möglichst nicht vor der eigenen Haustür wünscht?
Als die rot-grüne Bundesregierung den Gesetzentwurf zur Doppelten Staatsbürgerschaft vorlegte, schlugen die Wogen der Empörung unter weiten Bevölkerungsteilen besonders hoch. “Sagen Sie ‘Nein’ zur Mogelpackung Doppelte Staatsbürgerschaft” forderte beispielsweise die national orientierte “Deutschland-Bewegung” und stieß damit offenbar nicht auf taube Ohren. Die CDU/CSU-Opposition strebt eine Volksbefragung an und setzte das Thema so geschickt im hessischen Wahlkampf ein, daß es der CDU mit zu einem Wahlsieg in diesem Bundesland verhalf.
Sind die Ängste vor einer Veränderung des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts wirklich unbegründet? Viele ausländische Bürger haben mit der Integration in den deutschen Alltag Probleme. Probleme, die Auslandsdeutschen nicht unbekannt sind: Erlernen der Landessprache, Anerkennung der in der Heimat erworbenen Schul-, Berufs- und akademischen Abschlüsse, Bewahrung der eigenen kulturellen Sitten und Gebräuche unter dem Einfluß der jeweiligen Landeskultur bis hin zu veränderten Ernährungsgewohnheiten gehören zum schwierigen Teil der Einwanderung in ein fremdes Land. Die große Mehrheit der in alle Welt ausgewanderten Deutschen hat diese Klippen bezwungen.
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Mir ist auch kein Fall bekannt, in dem sich deutsche Nachkriegsauswanderer in ihrer neuen Heimat die Gründung einer eigenen Partei gewünscht hätten. Vielleicht hinkt der Vergleich, doch im Gegensatz dazu wünschen sich, laut einer Umfrage des deutschen Nachrichtenmagazins “FOCUS”, aber 84% der rund 2 Millionen in Deutschland lebenden Türken eigene Parteien. Man stelle sich einmal vor, daß ein solcher Wunsch von Deutschamerikanern oder Deutschkanadiern öffentlich geäußert würde…
Dabei muß man den Türken bescheinigen, daß sie im Gegensatz zu den rund 500.000 Juden, die vom Zentralvorstand der Juden in Deutschland vertreten werden, bisher keinen wesentlichen Einfluß auf Regierungsentscheidungen hatten. Daß in türkischen Bevölkerungskreisen deshalb der Wunsch entsteht, diesen politischen Einflußmangel zu beseitigen, ist aus meiner Sicht verständlich. (Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin gegen Parteienbildung von jeglicher ethnischer Gruppe!)
Doch vielleicht sollten die Teile unter uns Deutschsprechenden im Ausland, die gern alle Schuld an ihren täglichen Daseinsproblemen immer dem “Weltjudentum”, wie es Geschichtsrevisionisten sagen würden, zuschieben, endlich aufwachen und beginnen darüber nachzudenken, was wir weltweit von jüdischen Mitbürgern in Sachen Organisation, gegenseitige Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt, Wissensaneignung und positive Einflußnahme auf Regierungsentscheidungen lernen können. Ein erster Schritt wäre: Deutschsprechende aller Länder einigt Euch. Auf Ihre Zuschriften freut sich wie immer
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
aus gutem Grund wird Justitia, die römische Göttin der Gerechtigkeit, meist mit verbundenen Augen dargestellt. Sie soll bei der Rechtsprechung nicht sehen, wer vor ihr steht. Unbeeinflußt von der äußeren Erscheinung, der Hautfarbe oder dem gesellschaftlichen Rang der Personen, ist sie so am besten in der Lage, ein gerechtes Urteil zu fällen. Mit der Waage in der einen und dem Schwert in der anderen Hand gilt sie seit Jahrhunderten bei vielen Völkern als Symbol ausgewogener Urteilsfindung. Manchmal frage ich mich, wie es kommt, daß man die nett anzuschauende Dame noch nicht durch andere Figuren der jüngeren Vergangenheit oder Gegenwart abgelöst hat. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der es doch von sich selbst als “Gerechte” bezeichnenden “Halbgöttern” nur so wimmelt.
Mit wachsender Verwunderung stelle ich fest, daß sich in unserem Alltag Fälle häufen, in denen bei der Untersuchung von Verfehlungen bis hin zur Rechtsprechung offensichtlich immer dann mit zweierlei Maß gemessen und abgewiegelt wird, wenn es sich um Fehltritte “der oberen Zehntausend” handelt. Niccoló Machiavelli würde sich gewiß diebisch freuen, zu sehen, daß seine vor mehr als 480 Jahren geäußerte Idee noch heute auf fruchtbaren Boden fällt. In seinem proabsolutistischen Werk “Der Fürst” äußerte der florentinische Staatsmann und Historiker die Auffassung, daß man einem zu erreichenden Ziele den Gebrauch jeglicher Mittel unterordnen kann. Im Volksmund als “Der Zweck heiligt die Mittel”- Aussage bekannt. Ich kann mich derzeit des Eindrucks nicht erwehren, daß vom Steuerzahler finanzierte Untersuchungskommissionen in Sachen Korruption immer dann zu keinem für die Öffentlichkeit befriedigenden Ergebnis gelangen, wenn es sich um Angehörige der sogenannten “oberen Gesellschaftsschichten” handelt.
Da scheint die olympische Idee nicht mehr das zu sein, was sie früher einmal war. Ein paar der “gerechten” Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees waren bei der Annahme von Gastgeschenken und besonderer Aufmerksamkeiten der sich bewerbenden Olympiade-Städte etwas zu großzügig. “Was erwartest Du denn von Leuten, die zum Teil aus Ländern kommen, wo Bestechung und Korruption an der Tagesordnung sind?”, wurde ich gefragt. Ein Argument, das für den einen oder anderen Bestochenen gelten mag. Doch waren die Bestecher nicht alle hochzivilisierte Menschen? Personen, die hohe Ämter bekleideten und in dieser Rolle Gesetze entwarfen und verabschiedeten, also selbst über Recht und Unrecht entschieden? Und vor allem war es nicht ihr Geld, was sie verpulverten. Eine Entschuldigung hört man nicht, die Bestechung erfolgte ja, weil man für die Stadt nur Gutes wollte. Die Bürgermeisterin von Salt Lake City trat wie eine beleidigte Leberwurst zurück. Wie wäre von den Behörden in der gleichen Stadt mit einem Parksünder verfahren worden, der sein Ticket nicht bezahlt?
Im Hauptquartier der Europäischen Union in Brüssel gab es Aufruhr. Nicht jeder der “hohen Kommissare” war so sattelfest, wie er oder sie von Amts wegen sein sollten. Von Leuten, die es wissen müssen, wird behauptet, daß bei einigen Abgeordneten Eigennutz sehr viel höher im Kurs stand als das Allgemeinwohl der europäischen Familie. Von Vetternwirtschaft war gar die Rede. Die versehentlich versickerten Millionenbeträge stammten größtenteils aus dem Steuersäckel von Otto Normalverbraucher. Was würde mit einer in diesem hohen Haus arbeitenden Sekretärin passieren, die dabei ertappt wird, wie sie ein paar Büromaterialien für ihre schulpflichtigen Kinder in der Handtasche verschwinden läßt? Wird sie ihre Vertrauensstellung behalten dürfen? Die beschuldigten “Kommissare” sind jedenfalls mit einem “blauen Auge” davongekommen. War Justitia hier die Binde von den Augen gerutscht? Korruptionsgefahr lauert überall. Auch im Mediengeschäft. Wer es sich heute als Politiker oder Unternehmer leisten kann, bietet Journalisten z.B. “Informationsreisen” an. Vom Fünf-Sterne-Hotel in New York bis zur Weinverkostung in Europas schönsten Châteaus, vom Freibier bis zur Bratwurst wird alles in die Waagschale geworfen, um die Objektivität der Beobachter zu schärfen. Stapelweise vorformulierte Pressemitteilungen sollen dabei die Arbeit der teilnehmenden Journalisten und Medienmacher erleichtern. Oft folgt ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl: “Natürlich müssen Sie nicht übernehmen, liebe Frau A. und geehrter Herr Z., was wir Ihnen im Interesse Ihrer Leser/Hörer/Internet User aufgeschrieben haben.” Und bei passender Gelegenheit hinzufügend: “Unser Werbebudget erlaubt uns leider nur, in sehr ausgewählten Medien Anzeigen zu plazieren…” Wer ist schon so gefestigt, daß er in solchen edlen Momenten nicht zu den “Ausgewählten” gehören möchte? Da Werbung heute oft über Sein und Nichtsein der Medien entscheidet, können Anzeigenaufträge Köder und Waffe in den Händen von unberechenbaren und skrupellosen Zeitgenossen sein. Verstehen Sie, wieso ich mich frage, ob Justitia als Göttin der Gerechtigkeit das Jahr 2000 überdauern wird?
Auf Ihre Zuschriften freut sich wie immer
Ihr Juri Klugmann


