Editorials
Zukunftsperspektive oder gescheiterte Illusion
Liebe Leserinnen und Leser!
machen Sie sich Sorge um Europa? Den Bestand des Euro? Staatspleiten, die von einem Land aufs nächste überschwappen? Den Verbleib Griechenlands und Englands in der Europäischen Union? Daß die Vision Vereinigte Staaten von Europa über nationalen Interessen zerbricht? Ihre Rente nicht mehr sicher ist, weil Europas stärkste Wirtschaftsmacht Deutschland für Schulden anderer Länder haftet? Inflation zum Verlust Ihres Ersparten führt? Deutsche im Ausland feindselig betrachtet werden, weil unsere Politiker Haushaltsführungen anderer Staaten kontrollieren und Verstöße mit Strafen ahnden wollen? Macht Ihnen die Zukunft Ihrer Kinder und Enkel angesichts der untilgbaren Staatsverschuldung Sorge, die – allen vorgeblichen Sparabsichten zum Trotz – von Minute zu Minute ansteigt? Fürchten Sie, daß Bildung, Gesundheitssystem, Alterspflege und soziale Einrichtungen demnächst unbezahlbar sind? Oder denken Sie global in Sorge um die Zukunftsaussichten der Erde beim gegenwärtigen vernichtenden Umgang mit der Umwelt?
Hinzu kommt Besorgnis um den Bestand der europäischen Demokratie, wie sie sich einmalig nach zwei Weltkriegen entwickelt hat. Europas Bürger spüren, daß die immensen Zukunftsaufgaben nur mit demokratischer Mitbestimmung lösbar sind und mittels Rechtsprechung, die Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte schützt.
|
Der Euro ist auch in Nicht-Euro-Ländern wie Tschechien, Ungarn und in der Schweiz gleichwertiges Zahlungsmittel |
Bürger wie Protestbewegungen bezweifeln, daß Europas derzeitige schwache Regierungen willens und in der Lage sind, weise, verantwortungsvolle, auf langfristige Nachhaltigkeit angelegte Zukunftsentscheidungen zu treffen. Deutschlands zerstrittene CDU-FDP-Regierung verliert zunehmend an Glaubwürdigkeit. Sarkozys Wiederwahl in Frankreich ist fraglich. England streitet über Ja oder Nein zu Europa. Belgien brachte erst nach anderthalb Jahren eine Regierung zustande. Die Pleiteländer Griechenland und Italien holten jüngst unter fragwürdiger Umgehung von Neuwahlen Regierungen ins Amt, die aufs engste mit US-Banken verfilzt sind: Papademos, Griechenlands Regierungschef, sowie Italiens Ministerpräsident Monti sind ehemalige hohe Tiere der US-Bank Goldman Sachs, Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank EZB, war dort ebenfalls Vize-Chef, Spaniens neuer Wirtschaftsminister einst Spanienchef der US-Pleite-Bank Lehman Brothers. Was in Amerika gang und gäbe ist, wo die Wall Street die Politik kontrolliert und nicht umgekehrt, hat auch in Europa Einzug gehalten. Die amerikanische Finanzwelt hat die Katze aus dem Sack gelassen.
Die Versuche der von Krisengipfel zu Krisengipfel hetzenden europäischen Spitzenpolitiker, ihre unwirksamem Beschlüsse als Erfolg zu verkaufen, wurden noch im letzten Jahr hoffnungsvoll betrachtet. Heute durchschaut der Bürger die Hilflosigkeit einer Politik, die von den Interessen des Großkapitals und deren Handlangern, den drei großen US-Ratingagenturen, „am Nasenring durch die Manege geführt wird“ – Zitat CDU-Urgestein Norbert Blüm. Die vernichtenden Bewertungen, die diese Privatagenturen mit inniger Verflechtung zur amerikanischen Politik immer wieder Euroländern ausstellen, sind höchst dubios, nachdem sie ihren Klienten Wetten auf den Niedergang von vorher von ihnen selbst mit Bestnote bewerteten Ramschanlageprodukten empfohlen haben – was den Tatbestand Betrug erfüllt. Auch für Kritiker von Verschwörungstheorien stinkt das schwer nach Frontalangriff auf den Euro.
Auf Reisen durch Deutschland, Tschechien, Ungarn und Österreich im vergangenen Jahr habe ich gespürt, wie sehr die Menschen die Idee der Vereinigten Staaten von Europa schätzen: Frieden auf dem gesamten Kontinent, Freundschaft in kultureller Vielfalt, Glaubens-, Meinungs-, Rede-, Reise- und Arbeitsfreiheit.
Der Euro ist auch in Nicht-Euro-Ländern wie Tschechien und Ungarn, selbst in der Schweiz gleichwertiges Zahlungsmittel. Sollte er scheitern, weil Amerika den Einfluß des Dollars als einzige Leitwährung schützen will, weil der Euro schlecht geplant eingeführt wurde und fatale Geldpolitik in maßloser Überschuldung endete, bedeutet das nicht das Ende der Zukunftsperspektive Vereinigte Staaten von Europa. Dazu hat Europa viel zu viel Substanz, Geschichte und Kultur, Wissen und Innovationskraft. Doch um die Zukunftsvision eines vereinten Europas wahr werden zu lassen, bedarf es Menschen in politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Führungspositionen und uns als kritische Bürger, die sich weder von amerikanischen Hegemonieinteressen, noch von Profitgier der Geldwirtschaft gängeln lassen, sondern die selbstbewußt das ausbauen, was Europa unzweifelhaft besitzt: Demokratische Stärke, soziales Gewissen und vielfältiges kreatives Potential.
Was meinen Sie, liebe Leserinnen und Leser?
Elisabeth von Ah
Liebe Leserinnen und Leser!
„Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen…“
…gestand Heinrich Heine im 1827 publizierten „Buch der Lieder“. Im eben zu Ende gegangenen sogenannten Wonnemonat, wenn die alljährliche Erneuerung der Natur in unseren Breiten ihren Höhepunkt erreicht, treibt auch die romantische Verbrämung intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen ihre Blüten, um dann mit etwas Glück im weiteren Verlauf des Sommers zu tragfähigen Beziehungen zu reifen. Gut und schön, werden Sie sagen, solche angenehmen Nebensächlichkeiten kann man sich in wirtschaftlich stabilen Zeiten leisten, aber nicht mitten in der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise. Da sollten Blick und Tat fest auf die Sicherung ökonomischer Verhältnisse und nicht auf das Knüpfen und Festigen zärtlicher Bande gerichtet sein. Man muß als rationaler Mensch schließlich die richtigen Prioritäten setzen. Genau. Aber welche sind das eigentlich?
Die tieferen Ursachen der Krise im Bankenwesen, in der Industrie und im persönlichen Bereich liegen zweifelsohne in der Gier, so viel Profit, so viel Geld, so viel Hab und Gut wie irgend möglich zusammenzuraffen. Kollektiv betrachtet haben wir über unsere Verhältnisse gelebt, haben mit windigen, ungedeckten Krediten Häuser, Autos, alle Arten Konsumgüter gekauft, haben den Götzen Mammon, Status und hoher Lebensstandard bis zum Exzess gedient.
Dieses System ist nun zusammengebrochen, und es wieder aufzubauen, wie es vorher gewesen ist, die falsch geleiteten Firmen, Banken und Institutionen durch unvorstellbare Summen ohne tiefgreifende Strukturreformen vor dem Bankrott zu retten, wird logischerweise in absehbarer Zeit zu einem erneuten Zusammenbruch führen. Also ist eine Neuorientierung gefragt, und diese Neuorientierung sollte man der Abwechslung halber vielleicht mal auf der persönlichen Ebene beginnen. Wir müssen lernen, nicht mehr mit hängender Zunge dem Geld, dem prestigeträchtigeren Job oder dem größeren Besitztum nachzujagen, sondern vielmehr weit wertvolleren Schätzen: bessere Bildung, Zurücknahme des Lebensstandards und Festigung persönlicher Beziehungen, wobei die Reihenfolge nicht entscheidend ist.
Denjenigen, die da meinen, bessere Bildung braucht bessere Bildungsanstalten, die sich der moderne Staat erst einmal muß leisten können, sei gesagt, daß dies auf der formellen Ebene richtig sein mag, aber im persönlichen, individuellen Bereich läßt sich dieses Ziel sehr gut, sehr schnell und vor allem sehr billig dadurch erreichen, daß man schlicht und einfach Bücher liest. Damit sind keine Ex- und Hopp-Druckerzeugnisse gemeint, die dem schnellen, morgen vergessenen Unterhaltungswert dienen, sondern die Klassiker beispielsweise und die alten Philosophen, die uns noch immer und gerade heute Wertvolles und – wenn man den praktischen Nutzen durchaus quantifizieren muß – auch Verwertbares zu sagen haben.

Das Wort „Ahava“ (Liebe auf Hebräisch): „Corten“-Stahl Skulptur von Robert Indiana (USA), 1977, im Kunstgartenbereich des Israelischen Museums, Jerusalem
Eine Zurücknahme des Lebensstandards wird vielen durch eben diese Krise bereits aufgezwungen, aber auch wenn der Arbeitsplatz stabil blieb und die Rente gesichert ist, wäre eine bewußtere, sparsamere Lebensführung sicher von Vorteil für jeden einzelnen wie auch für die Nachhaltigkeit des Ökosystems Erde.
Und die wertvollste Investition von allen mag diejenige in die Intensivierung guter zwischenmenschlicher Beziehungen sein, in die Liebe zu seinen Kindern und zu seinem Partner vor allem. Denn ein zwar abgedroschener und banaler, aber nichtsdestoweniger bedenkenswerter Spruch lautet: Wer Liebe sät, wird Liebe ernten. Dies wäre doch mal eine Spekulation, die sich einzugehen lohnte, weil sie nur emotionaler Einlagen und der Zurücknahme des eigenen Egos bedarf, jedenfalls keiner Kreditaufnahme, um potentiell hohe Zinsen abzuwerfen. Dabei muß man ja nicht gleich dem sehr kontroversen Vorschlag von Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, folgen, der da meint, daß die Krise familienpolitisch dazu genutzt werden sollte, jungen Paaren das Kinderkriegen schmackhaft zu machen. Leider gibt es bei diesem Gedanken nicht nur die Tatsache zu beachten, daß sich die Deutschen bei gleichbleibend niedriger Geburtenrate bald aus der Geschichte verabschieden werden.
Die Liebe jedoch sollte immer für den bereits produzierten Nachwuchs blühen und für den vorhandenen oder noch zu findenden Partner.
Also verlängern wir doch den Wonnemonat übers ganze Jahr, versenken wir uns – mit Heine oder ohne ihn – in die Liebe in allen ihren Schattierungen.
Dabei eine hohe Rendite wünscht Ihnen Ihre
A. Liane Harmat
Bildkredit:
Talmoryair_GNU-FDL
Liebe Leserinnen und Leser,
“Die Freunde zählen”, zog unsere Redakteurin Elisabeth von Ah in der 50. “Deutsche Rundschau”-Ausgabe Bilanz. Ich teile Elisabeths Ansicht, denn ohne Sie, unsere geschätzte Leserschaft, Freunde und die zahlreichen Förderer unserer Monatszeitung hätten wir im Juni dieses Jahres nicht unseren 11. Geburtstag feiern und diese, die unsere 100. Ausgabe ist, nicht produzieren können. Für Ihre treue Leser-Blatt-Bindung, wie es im Journalistendeutsch genannt wird, Ihre Verbundenheit zu unserer Zeitung danke ich Ihnen sehr herzlich. Ich danke unseren Autorinnen und Autoren für ihre unentgeltliche journalistische Arbeit.
Ich danke unseren Anzeigenkunden und all denen, die mit Ideen, Vorschlägen, Kapitaleinlagen und Spenden seit mehr als einem Jahrzehnt das Überleben und Wachsen unserer Zeitung sichern.
Die “Deutsche Rundschau” hat in den vergangenen 11 Jahren an Ansehen gewonnen. Wer meine am Anfang zugegeben etwas vollmundige Ankündigung “Weltzeitung für Deutschsprechende in Kanada aus der Taufe gehoben!” noch 1997 belächelte, wird in Anbetracht der rund 80.000 ständigen Leserinnen und Leser, die wir heute in mehr als 140 Ländern erreichen, eines Besseren belehrt. Unsere Zeitung beweist, daß Deutsch sprechende und lernende Menschen, die im Ausland leben, arbeiten, studieren, gern bereit sind, 45 amerikanische Dollar für ein Jahresabonnement auszugeben, wenn sie der Inhalt und die Gestaltung einer Zeitung anspricht.
%20(DR%20Archiv).jpg)
Ich weiß, daß unser Bemühen, mit unseren Beiträgen, Kommentaren und Meldungen den Nerv der Zeit zu treffen, nicht immer den Lesegeschmack aller Leserinnen und Leser treffen kann. Einmütigkeit in allen Ansichten, und das erleben wir auch intern unter allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, würde sogar eher gegen als für die Publikation sprechen. Das Wort “unabhängig” auf unserer Titelseite bedeutet für uns in der Redaktion und für unsere Autorinnen und Autoren, daß wir Ihnen unsere Meinung, gebildet auf der Grundlage sorgfältiger Recherche und unserer Erfahrungen und Überzeugungen, anbieten und es Ihnen überlassen, sie zu teilen oder nicht zu teilen. Auf den Abdruck von veralteten Agenturmeldungen werden wir, wie schon von Anbeginn an, auch zukünftig verzichten.
Ihre Hinweise zu Inhalt, Form und Gestaltung unserer Zeitung waren für uns immer Anlaß unsere Arbeit zu hinterfragen. Die “Deutsche Rundschau” ist nicht perfekt. Sie ist, wie unser Kollege Alexander Koensler aus Rom schrieb, “ein bunter Flickenteppich”. Doch gerade dieser grob gewebte Flickenteppich scheint bei Ihnen, wie wir aus Ihren Leserbriefen erfahren, gut anzukommen.
“Haben Sie Dank für Deutsche Rundschau. Lesen bei uns ganzes Dorf”, schrieb uns 1998 ein Rußlanddeutscher aus dem Altaigebirge. Die “Freunde der deutschen Sprache in Nepal” baten wie eine deutsche Sprachschule in Brasilien um weitere Freiexemplare. Anerkennende Worte schrieben uns auch amerikanische Gouverneure, kanadische und europäische Spitzenpolitiker und Unternehmer. Doch besonders freut es uns, wenn unser idealistisches Engagement von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, gelobt wird.
Chinesische Zeitungen druckten Beiträge von uns nach. “Deutsche Rundschau” fand, wie unser Leser Atze Schmidt aus Peking schrieb, sogar Eingang in ein chinesisches Schulbuch. Ein Prinz aus Togo legte seinem Dankschreiben sein Foto bei. Dies brachte uns auf die Idee, Sie aufzufordern, uns zu zeigen, wo Sie die “Deutsche Rundschau” lesen. Einer Bitte, der gern entsprochen wurde. Und so zeigten die eingesandten Fotos amerikanische Germanistikstudenten und polnische Sprachschüler mit unserer Zeitung. Besonders bewegten mich die Bilder, die eine deutschsprachige lutherische Gemeinde mit unserer Zeitung in der Hand vor ihrer Kirche in Serbien, eine vietnamesische Reiseführerin in Hanoi, eine Deutsch sprechende Afrikanerin in Namibia zeigten. Wer will beim Anblick dieser Fotos noch bezweifeln, daß die “Deutsche Rundschau” eine “Weltzeitung” ist?
 (DR Archiv).jpg)
Daher ist es für uns unverständlich, daß die deutsche und die österreichische Regierung im Schnellgang zwar Milliarden für von der Pleite bedrohte Banken locker machen können, aber für deutsche Auslandsmedien und Vereine nur Almosen und selten ein anerkennendes Wort übrig haben. Deutschland und Österreich sind die einzigen Länder, die seit Jahren “aus Sparsamkeitsgründen” nicht in den zumeist finanziell klammen deutschsprachigen Auslandsmedien für die Bundeswahlen und Europawahl werben.
Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, daß nach 11 Jahren vergeblichen Wartens doch noch ein deutscher oder österreichischer Botschafter oder die zuständigen Pressereferenten der Botschaften in Ottawa den Weg in die Redaktionsstuben unserer Zeitung finden.
Ich berichte dies nicht um zu jammern, sondern um auf einen änderungswürdigen Zustand hinzuweisen. Lassen Sie uns, liebe Leserinnen und Leser, gemeinsam gegen den bedauerlichen Wahrnehmungsverlust der deutschen und österreichischen Regierungen anschreiben. Lassen Sie uns gemeinsam aus der kleinen globalen Zeitung “Deutsche Rundschau” eine anspruchsvolle Massenzeitung entwickeln, die auch “Global Players” nicht mehr übersehen können.
Die Freunde zählen. Danke, daß Sie, wo immer Sie leben und arbeiten, die “Deutsche Rundschau” fördern. Danke, daß Sie uns auch in schweren Zeiten zur Seite standen und stehen. Danke, daß Sie den Traum von einer internationalen Monatszeitung für Deutschsprechende im Ausland erfüllen helfen. Auf Freunde wie Sie werden wir uns auch in Zukunft mit Freude, Stolz und Zuversicht verlassen.
Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Juri Klugmann
Wahlen, Wahlen, überall…
Nur ist niemand recht am Ball!
Leserinnen und Leser,
es gilt die eherne Faustregel: „Ratlosigkeit verführt Politiker fast immer zur vollmundigen Überschätzung eigener Fähigkeiten.“
Journalisten hingegen flüchten in derartigen Situation oft in die traute Welt der Märchenerzählung.
Konkret: in diesen Herbstwochen haben Wähler beider nordamerikanischer Staaten die Chance, in den Gang der Geschichte einzugreifen. Nur bieten sich ihnen keinerlei verlockende Perspektiven, von der Qualität der angetretenen KandidatenInnen ganz zu schweigen. Da bleibt den Aspiranten auf Wählerweihen keine andere Wahl, als mittels zweifelhafter Versicherungen der eigenen Kompetenz um Vertrauen zu werben. Wir kennen diese Bilder: mildes Lächeln vor laufenden Kameras und die fast herablassende Zusicherung, man dürfe dem Kandidaten schon trauen, er/sie würden das Ruder recht zu wenden wissen. Genau so sieht es in diesen Wochen vor dem Urnengang aus.
Später, wenn dann die Rechnung eben doch nicht genau so aufgeht wie vom geneigten Wähler erwartet und von ambitiösen Kandidaten versprochen, wird dann die Rede sein vom berühmten „Wählerbetrug.“
Da haben es Journalisten wesentlich leichter. Sie nämlich dürfen fast ungestraft schwadronieren, spekulieren, räsonieren. Werden sie im nachhinein aufgrund fälschlicher Darstellung erwischt, gilt stets der kopfschüttelnde Nachsatz, ja, bitteschön, wer traut denn schon einem Journalisten?
Um erst gar nicht in derlei Verlegenheit zu kommen, retten sich versiertere Vertreter der schreibenden Zunft in die Auffrischung alter Geschichten, um aktuelle Probleme neu zu beleuchten.
In diesen Herbstwochen versuchen Politiker, Journalisten und Leser den unglaublich vielen Rätseln der unbestritten größten Finanzkrise der Weltgeschichte auf die Schliche zu kommen, um vielleicht doch noch per obskurer Kunstgriffe den Kopf aus der fortschreitend engeren Schlinge zu ziehen. Wem dies letztlich gelingt, gebührt schon heute der ungeschmälerte Beifall der „Deutschen Rundschau.“
Noch gibt es tagtäglich fast nur tiefschwarze Negativschlagzeilen. Was unter diesen deprimierenden Umständen helfen dürfte, ist ein kleiner Verweis auf vergleichbare Situationen in der Vergangenheit.
Auch nach dem Zusammenbruch von 1929 fanden sich Mittel, die eine Stabilisierung der Finanzwelt ermöglichten. Ähnlich die Situation 1873, als die Wiener Kreditanstalt versagte und damit den sogenannten „Großen Gründerkrach“ auslöste.
Und sogar 1637 ging die Welt nicht unter. Wenn sich nämlich Politiker, Notenbankchefs, Journalisten und Leser heute Gedanken machen, wie man Wege findet, um das globale Finanzvolumen von angeblichen 454 000 000 000 000 000 (das sind 454 Billionen Dollar) fester in den Griff bekommt, sei an den frühen Februar 1637 erinnert. Während damals fast ganz Deutschland in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges unterging, florierte in den benachbarten Niederlanden das sogenannte Tulpenfieber. Die erst seit 1593 aufblühende niederländische Tulpenzucht hatte in wenigen Jahren einen unglaublichen Wirtschaftszweig zur Folge, nämlich einen Handel mit Tulpenzwiebeln, der dem heute so katastrophal ausufernden Handel mit Finanzderivatinstrumenten verblüffend ähnelt.
So wurden am 5. Februar 1637 im vergleichsweise kleinen Alkmaar insgesamt 99 Posten an Zwiebeln für nicht weniger als 90 000 Gulden gehandelt, umgerechnet wären das heute gute 1,4 Millionen Dollar. Auf dem Höhepunkt einer nie zuvor so verbreiteten Spekulationswelle verkaufte ein braver Bürger sein Haus, um in den Besitz von drei begehrten Zwiebeln zu kommen.
Eine einzige Zwiebel der heute nicht mehr nachweisbaren Tulpe „Semper Augustus“ erbrachte dem Eigentümer einen Erlös von 10 000 Hfl. Vergleichsweise verdiente ein biederer Zimmermann damals jährliche 250 Hfl.
|
|
Jene Tulpenkatastrophe führte zu einer straffen Neuordnung des Handelssystems, ähnlich der gegenwärtigen Versuche aufsichtsführender staatlicher Organe, ein Finanzsystem zu retten, das scheinbar jeglicher Steuerung entglitten ist. Dies sind die Fragen, denen sich heutige Politiker in diesen Wochen stellen sollten.
J. Joachim Moskau
Liebe Leserinnen und Leser,
Kennen Sie den Roland? Nein, nicht Ihren unleidlichen Banknachbarn aus der vierten Klasse, auch nicht die Titelfigur vom mittelalterlichen Heldenepos. Sollten Sie allerdings auf den steinernen Riesen am Bremer Rathaus getippt haben, liegen Sie schon mal dicht dran: denn der Roland, um den es hier geht, ist die regionale Währung von Bremen. Wie, bitte? Ist die freie und Hansestadt klammheimlich aus der europäischen Währungsunion ausgestiegen und hat den Euro eingestampft? Mitnichten. Aber die Bremer haben schon 2001 parallel zum Euro ein eigenes, regional begrenztes Warengutscheinsystem eingeführt, das seither im gesamten Bundesgebiet zahlreiche Nachfolger gefunden hat, beispielsweise den Elbtaler in Dresden, den Urstromtaler in Magdeburg, die Schwarzwälder Blüte, den Lechtaler in Augsburg. Insgesamt gibt es in Deutschland bereits 33 solcher regionaler Währungen, und mindestens 40 weitere sind in Planung.Und was soll das?
Das ist eine, wie ich meine, recht geniale und vor allem anscheinend sehr wirkungsvolle Gegensteuerung zu den Verheerungen der Globalisierung auf wirtschaftlichem, sozialem und vor allem ökologischem Gebiet. Denn im Zuge eben dieser so oft glorifizierten Globalisierung konzentriert sich das Geld bei immer weniger Menschen oder bei immer weniger immer größer werdenden transnationalen Konzernen, während die große Mehrheit für diese Minderheit immer mehr arbeitet und doch nicht wirklich reicher wird. Oder haben Sie etwa den Eindruck, daß Ihr durch Arbeit geschaffenes Vermögen genauso schnell und exponentiell wächst wie etwa das von Exxon oder Nestlé? Eben. Und woran liegt das? Am Zins und Zinseszins. Das jedenfalls glauben die Verfechter und Benutzer von Regionalwährungen, und sie wissen dies auch sehr plausibel zu erklären. In aller Kürze: Die Geldvermögen sind durch Zins und Zinseszins explosionsartig gewachsen, gleichzeitig natürlich die Schuldenberge auf der anderen Seite. Denn ohne Schuldner gibt es keine Zinsen. Geld schafft sich auch nicht selber, sondern muß von irgendwem erarbeitet werden. Weil Kredit-Schulden immer auch Zins-Schulden bedeuten, wachsen diese ebenfalls. Der Einzelne muß immer mehr für immer weniger bezahlen, denn die Unternehmen rechnen ihre Kapitalkosten, also ihre Zinskosten, in die Preise und Mieten, etc. ein, und der Staat in die Steuern. So zahlen wir Zinsen, auch wenn wir gar keine Schulden haben. Und dem Staat wird das Geld immer knapper, denn über die Steuern allein kann er seine Zinsen nicht mehr tilgen. Also wird auf Teufel-komm-raus in allen sozialen Bereichen gekürzt. Diese Spirale kann auch vom vielgepriesenen Wirtschaftswachstum auf Dauer nicht aufgehalten werden, und so wird es irgendwann hauptsächlich durch die Umlaufblockierung von angehäuftem Kapital, denn nur dieses bringt richtig gute Zinserträge, zur totalen wirtschaftlichen Krise kommen. Vorher allerdings könnte durch genau diesen unaufhaltsamen Zwang zum wirtschaftlichen Wachstum erst regional, dann global die Umwelt bereits derartig zerstört sein, daß der ökologische dem ökonomischen Kollaps vorangeht.
.jpg)
Roland-Gutschein (Vorderseite)

Roland-Gutschein (Rückseite)
Wie, dann, bricht man aus diesem Teufelskreis aus? Kein Zins und Zinseszins mehr? Global gesehen ist das wohl nicht möglich, von der Liquiditätsfalle mal abgesehen, aber regional funktioniert das offenbar ganz gut. Fragen Sie beispielsweise die Bremer, die als eine der ersten deutschen Regionen – zumindest seit den 30er Jahren – mit ihrem Roland Silvio Gesells Freigeldutopie verwirklicht haben. Der Roland, wie auch alle anderen Regionalwährungen, bringt keine Zinsen, ist in seinem Ausbreitungsgebiet räumlich begrenzt, mit einem Verfallsdatum versehen und unterliegt nicht den Geboten globaler Finanzmärkte. Er gestattet nachhaltiges Wirtschaften mit einem regionalen Gutschein auf der Grundlage des ökologischen Landbaus, und das heißt konkret: „die Ressourcen dieser Region so zu nutzen, daß die nachfolgenden Generationen wieder gesund leben können. Die Menschen dürfen die Tragfähigkeit der Region nicht überschreiten, das heißt, die Wirtschaftenden können nicht mit stetigem Wachstum rechnen. Wir sollten wieder lernen, uns zu begrenzen, um unsere Umwelt nicht völlig auszubeuten und mit immer mehr Schadstoffen zu belasten und letztlich zu zerstören. Die Erde sollte naturgemäß bearbeitet, die Tiere artgerecht gehalten werden. Den Bauern gilt unsere ganze Aufmerksamkeit und Unterstützung, da sie es sind, die für unsere gesunde Lebensgrundlage sorgen. Ihnen wollen wir zinslose Darlehen gewähren. Das käme dann allen zugute!”
Wie lange wohl wird es dauern, bis dieser schöne Gedanke Allgemeingut geworden ist? Das fragt sich und Sie
Ihre
A. Liane Harmat
———————————————–
Bildkredit: Contraste / Roland Regional
Kopfrechnen: Schwach
– Warum uns die Finanzkrise schwer fällt
Und warum wir Kurt Tucholsky brauchen
Liebe Leserinnen und Leser,
Geht es Ihnen ähnlich? – Wenn wir uns heutzutage überfordert fühlen, hilft manchmal eine plumpe Google-Suche im Internet. Kann aber auch sein, daß genau diese Suche nur das Unbehagen bei Alltagsfragen verschlimmert. Manchmal nämlich tauchen jetzt Begriffe auf, von deren Existenz wir vorher nichts wußten, die uns durchaus auch einschüchtern.
Hand aufs Herz: hatten Sie vor zwei Jahren eine Ahnung, was „Collateralized Debt Obligations“ sind? – Ich auch nicht. – Und genau genommen, ich weiß es bis heute nicht. Und ich weiß auch leider noch immer nicht wirklich, wie ein „Structured Investment Vehicle“ aussieht, wie ich es erkenne und ob es sinnvoll wäre, ich würde meine bescheidenen Ersparnisse in diese Dinger stecken.

Kurt Tucholsky in Paris, 1928
Viel schlimmer aber ist, ich kann mir nicht wirklich vorstellen wovon die Rede ist, wenn im Londoner Economist zu lesen steht, der „imaginäre Umfang von Kreditausfallswaps verdoppelte sich 2007 auf US $62 Trillionen.“ – Wirklich? – Im Klartext scheint dies zu heißen, das weltumspannende Finanzwesen habe Rückversicherungsverträge der einen Bank mit der anderen und dieser zweiten Bank mit einer dritten usw. in einem Umfang von 62 tausend Milliarden Dollar abgeschlossen.
Dem relativ einfachen Normalbürger drängt sich spätestens hier die Frage auf, wie groß muß das Mißtrauen der Banken untereinander sein, wenn sie sich mit einem so unglaublich unbegrenzten „Sicherheitsnetz“ glauben, verteidigen zu können und zu müssen.
An anderer Stelle im Mediendickicht erfährt der unbedarfte und zwischenzeitlich längst verunsicherte Leser, die gegenwärtige Finanzkrise habe bislang Marktwertverluste an den Börsen der Welt in einer Größenordnung von elf Trillionen Dollar verursacht.
Hellhörig wird man zudem, wenn beim Internationalen Währungsfonds im letzten „Weltfinanzstabilitätsbericht“ im April fast beiläufig erwähnt wird, der Gesamtverlust der Banken, Versicherer und Anlagefonds im Zuge der jetzigen Krise könne 945 Milliarden US$ überschreiten. Das war im April, und wer im Sommerurlaub vielleicht eines erfrischenden Angstschauers bedarf, dem sei die Lektüre empfohlen (www.IMF.org/External/Pubs/ FT/GFSR).
Sicher, auch zu früheren Zeiten gab es immer wieder mal systembedrohende Mammutkrisen. Nur war die Weltwirtschaft nie vorher so eng verflochten. Vor jetzt fast genau 77 Jahren aber versuchte Kurt Tucholsky auf dem Höhepunkt der damaligen Weltwirtschaftskrise einige Wegweiser anzubieten, die uns heute erstaunlich aktuell erscheinen mögen.
In einem „Kurzen Abriß der Nationalökonomie“ und unter dem Pseudonym Peter Panter machte er sich auf die Suche.
„Die Grundlage der Nationalökonomie,“ so schrieb er, „ist das sog. ,Geld‘. Geld ist weder ein Zahlungsmittel noch ein Tauschmittel, auch ist es keine Fiktion, vor allem aber ist es kein Geld. Für Geld kann man Waren kaufen, weil es Geld ist, und es ist Geld, weil man dafür Waren kaufen kann. Doch ist diese Theorie inzwischen fallen gelassen worden. Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist eben da bzw. nicht da – meist nicht da.“
Erstaunlich direkt auf unsere momentane Realität zielt Tucholsky wenige Passagen später: „Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andre werde gepumptes Geld zurückzahlen. Tut er das nicht, so erfolgt eine sog. ,Stützungsaktion‘, bei der alle, bis auf den Staat, gut verdienen. Solche Pleiten erkennt man daran, daß die Bevölkerung aufgefordert wird, Vertrauen zu haben. Weiter hat sie dann auch meist nichts mehr.“
In der heutigen Situation, also mitten im schönsten Sommer 2008, darf man zuversichtlich davon ausgehen, daß die Lage zwar katastrophal und scheinbar auch hoffnungslos ist, man aber trotzdem den Gesundbetern unter den Notenbankchefs durchaus zutrauen darf, mit neuen billigen Taschenspielertricks neue Pseudolösungen auszutüfteln. – Die Alternative dazu, also der Zusammenbruch des globalen Zahlungssytems könnte zwar heilsam sein, nur halt nach heutigem menschlichen Ermessen unvorstellbar. Mit und ohne Tucholsky.
J. Joachim Moskau
(Matthias Claudius in seinem Gedicht „Urians Reise um die Welt“)
Liebe Leserinnen und Leser,
wann waren diejenigen von Ihnen, die im Ausland leben, das letzte Mal in ihrer alten Heimat? Erinnerungstourismus nennen es die einen, Pflichtbesuche die anderen.
Ich habe meinen Geburtsort Freital in Sachsen das letzte Mal vor 30 Jahren besucht. Mit Heimweh – und das verwundert mich selbst manches Mal – verbinde ich eher die Namen der Dörfer Saalhausen, Braunsdorf und Grumbach, in denen ich als „Halbstarker“, wie man uns damals nannte, glückliche Stunden und Tage verbrachte, und wo ich mir durch Arbeit auf dem Lande ein paar Mark hinzuverdiente.
Heimweh hingegen nach meiner Geburtsstadt Freital, dieser einst staub- und rußgeschwängerten Industriestadt in Sachsen, verspüre ich nicht. Viel mehr zieht es mich nach Hinterhermsdorf in der Sächsischen Schweiz, kein Wunder, da ich dort bei einer Bootsfahrt auf den Oberen Schleusen die Hand meiner ersten Liebe hielt. Oder nach Berlin, wo ich 18 Jahre gelebt, geliebt, studiert und gearbeitet habe und wo meine fünf Kinder geboren wurden. Oder es zieht mich in meinen Gedanken an Orte wie Erfurt, Wechmar, Ilmenau, Tambach-Dietharz und Sömmerda in Thüringen, wo enge Freunde leben.
Heimweh ist für mich so etwas wie eine ständige stille Sehnsucht in mir nach den Orten, in denen ich richtig glücklich war und nach den Stunden, deren besonders schöne Gefühle, die sie in mir hinterlassen haben, auch über die Jahre und die Entfernung nicht verblaßt sind. Dazu gehören kurioserweise auch die Erinnerungen an Wandertage auf dem Rennsteig, an meine Junggesellenbude in Berlin-Marzahn, an die einzigartige Currywurst, die es so nur bei Konnopke an der Eberswalder Straße gab, und deren Geruch sich mir fast noch mehr als ihr Geschmack eingebrannt hat.
|
|
|
Alte Ausspanne auf dem Rennsteig bei Tambach-Dietharz |
|
(Falko Göthel www.quermania.de / Lizenz: „cc-by-sa“ Ver. 2) |
Manch einer mag mich als vaterlandslosen Gesellen einstufen, weil es mich im Gegensatz zu vielen Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, nicht zurück an meinen Geburtsort zieht. Vielleicht liegt es daran, daß mein Geburtshaus und auch das Haus, in dem ich meine Kindheit verlebte, vor Jahren der Abrißkugel zum Opfer fielen. Und doch, und jetzt staunen Sie vielleicht: Hinter unserem Haus in Udora, in Ontario, in dem ich mit meiner kanadischen Familie viele Jahre lebte, wehte lange Zeit die sächsische Flagge am Flaggenmast und nicht die deutsche. Dennoch zieht es mich als Besucher zurück nach Deutschland, und das gewiß nicht nur wegen der dort lebenden Kinder, Geschwister und Verwandten.
In Kanada und in den USA bin ich vielen Menschen begegnet, die regelmäßig oder hin und wieder die Orte ihrer Kindheit und Jugend aufsuchen. Auf diesen Besuchen sehen sie sich nicht als Heimkehrer, sondern als entdeckungsfreudige Reisende in die eigene Vergangenheit. Ich traf Ukrainer, die von Kiew und Poltawa schwärmten; Giorgio, der Besitzer des Familienrestaurants in Cannington, hat ein großes Foto von seinem Heimatort in Griechenland an der Wand hängen; mein italienischer Friseur Mario wollte unbedingt mal wieder nach Palermo, und ein chilenischer Bekannter wollte mich nach Valparaiso mitnehmen. Irgendwie hat offensichtlich jeder Auswanderer, jeder, der „ausreist“ oder „Reißaus“ nimmt, ein Stück der alten Heimat im Einwanderungsgepäck in das neue Land. Und auch wenn das neue Land zur neuen Heimat geworden ist und eine Rückkehr nicht mehr in Betracht gezogen wird, das Stück alte Heimat bleibt lebenslang im Erinnerungsgepäck, sorgsam gehütet als Schatz, der nur einem persönlich gehört.
Daher ist für mich eine Reise in die alte Heimat und an Orte, die mit Gefühlen, Gedanken, Gerüchen und vor allem in Form von Bildern in mir lebendig sind, weit mehr als bloßer Erinnerungstourismus. Für mich spiegelt sich darin vor allem die Suche nach dem eigenen ICH wider. Wenn der eine nach Jahren Palermo wieder besucht, der andere Bremen oder Oldenburg, Ulm oder Stralsund, Kolberg, Breslau, Hermannstadt oder die unzähligen Orte, die Heimat für jemanden sind, dann spricht das eigene Ich zu uns in einer Sprache, die nur wir selbst verstehen. Und dann wird uns, mehr als dies an anderen Orten möglich ist, deutlich, was von dem Kind und jungen Menschen von damals in uns noch übriggeblieben ist.
„Er ist so weit gereist, daß er immer noch gerochen, ob seine Mutter Kuchen buk“, sagt ein deutsches Sprichwort. Wir laden Sie, liebe Leserinnen und Leser der Deutschen Rundschau, ein, uns an Ihren Reisen an die Orte Ihrer Kindheit und Jugend teilhaben zu lassen. Uns interessiert, was Sie unter Heimweh verstehen.
Bitte schreiben Sie uns in kurzen Leserzuschriften, was Sie bei Ihren Reisen in die eigene Vergangenheit und die Ihrer Vorfahren an Sehenswertem und Erfreulichem, aber auch an Nachdenkenswertem und Kuriosem entdeckten. Wir sind sicher, daß sich andere Leserinnen und Leser von Ihren Berichten und Kommentaren ermuntert fühlen, Ihren Pfaden zu folgen und Ihre Beschreibungen nachzuerleben. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.
Mit besten Grüßen aus Kanada
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leserinnen und Leser!
Rein zufällig saß Papst Benedikt am 15. April in einer Alitalia Maschine auf dem Flug nach Washington als in Schwerin ein Strafverfahren gegen die Eltern von Lea-Sophie eröffnet wurde.
Lea-Sophie ist tot. Sie starb am 20. November 2007. Als Notärzte ihr Leben zu retten versuchten, wog die Fünfjährige noch 7,4 kg. Es hätten altersgemäß gute zwanzig Kilo sein sollen. Man hatte sie verhungern und verdursten lassen und deshalb läuft gegen ihre Eltern in Schwerin ein Strafverfahren mit Mordanklage.
Grundsätzlich hat dies mit Papst Benedikt und seinem Washington Flug nichts zu tun. Aber der Heilige Vater nutzte die Stunden an Bord auch zur Beantwortung von Journalistenfragen und eine dieser Fragen betraf die lange Kette der Strafverfahren gegen geweihte Priester, die des Missbrauchs an Kindern in den letzten Jahren angeklagt wurden. Rund fünftausend Priester sind allein in den USA beschuldigt worden, sich vergangen zu haben und bis heute hat die Kirche des Heiligen Vaters deshalb über zwei Milliarden Dollar in Form von Schmerzensgeld gezahlt.
Aber was hat das mit Lea-Sophie in Schwerin zu tun? Und mit dem Tod der kleinen Jessica in Hamburg, die im Alter von sieben Jahren starb. Zuletzt nur noch 9,5 kg wog und vom Verzehr der Teppichfasern ihres verschlossenenen Zimmers und der eigenen Haare vergeblich zu überleben versuchte? Oder auch mit dem Tod des kleinen zweijährigen Kevin in Bremen, dessen Leiche man im Oktober 2006 im Kühlschrank der Familie verborgen fand?
In fast all diesen Fällen vollzog sich das Grauen über kürzere oder längere Zeiträume nicht irgendwo, sondern im Regelfall bei uns allen vor der Tür, quasi nebenan. Überall hören wir schon mal etwas Merkwürdiges. Beobachten einen Vorgang, der Fragen aufwirft, ob wir hier nicht doch eingreifen sollten. Aber wenn ja, wie dann? Zumeist wissen wir es einfach nicht!
Die moderne Gesellschaft, die die früheren Modelle des eng verzahnten Zusammenlebens auf Großfamilien- oder Dorfebene als Folge rascher Sprünge in den heutigen Wohlstand überwunden hat und das Prinzip der Nichteinmischung als eine hehre Errungenschaft unseres Zeitalters feiert, meidet den Eingriff in das vermeintliche Privatleben des Nachbarn.
Nur sind es zwischenzeitlich nicht nur die schlagzeilenträchtigen Fälle, wie der der kleinen Lea-Sophie oder jener der priesterlichen Vergehen an zumeist Minderjährigen. Da gibt es die erschrek-kende Schätzung des deutschen Bundesfamilienministeriums aus dem Jahre 2001, wonach jährlich etwa 600 000 Senioren Opfer von familiärer Drangsal werden, wobei zumeist keinerlei Ahndung folgt.
![]() |
Und wer sich häufiger in Seniorenheimen oder Krankenhäusern für Langzeitpflegefälle aufhält, der erlebt schon mal Grenzsituationen im Umgang der Betreuer mit den ihnen anvertrauten Empfängern von Hilfeleistungen. Manchmal ist es nur ein fahrlässig gesprochenes grobes Wort. Oder eine gelähmte Patientin wird schlecht gefüttert. Und was geschieht, wenn ein bewegungsunfähiger älterer Kranker stundenlang in den verkoteten Windeln liegen bleibt?
In Bonn hat der Altenforscher Rolf Hirsch daher den Verein „Handeln statt Mißhandeln“ gegründet, der sich darum bemüht, im aktuellen Notfall für die sofortige Betätigung einer sozialen Notbremse zu sorgen. In Kanada hat die Schriftstellerin June Callwood in ganz ähnlicher Weise den solidarischen Mut ihrer Mitbürger eingefordert, nämlich im Zweifelsfall laut „Hilfe“ zu rufen, statt wegzusehen.
Derlei Zivilcourage muß eingeübt werden und wer das Wagnis auf sich nimmt zu intervenieren, darf nicht unbedingt damit rechnen, in der engeren und weiteren Nachbarschaft auf sofortigen und lauten Beifall zu hoffen. Soziale Hilfe ist aber dringend geboten. Besonders auch im Hinblick auf die sich weiter in Richtung einer alternden Gesellschaft verschiebenden Strukturen.
Die heute 65-jährigen können, dürfen oder müssen sich in Europa und Nordamerika darauf einrichten, im statistischen Normalfall noch rund neunzehn Jahre zu leben.
J. Joachim Moskau
Macht die Schule unsere Kinder kaputt? So lautete am 7. Februar 2008 die suggestive Themenfrage einer Gesprächsrunde bei Maybrit Illner im ZDF. Damit bündelte die Fernsehmoderatorin die einmal mehr in allen Medien heftig diskutierte Larmoyanz vieler Eltern in den alten Bundesländern, denen zufolge die bereits vor 10 Jahren beschlossenen Reformen in der Bildungspolitik, namentlich die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre, zuviel Druck auf ihre Sprösslinge mache.
Während der einstündigen Runde diskutierten u.a. der Präsident des Lehrerverbandes, der DIHK-Hauptgeschäftsführer und ein Berliner Schulsenator von der SPD über das Für und Wider dieses Schrittes. Dabei tönte ausgerechnet der Lehrerpräsident, dass das sogenannte G8 (8-jähriges Gymnasium) “eine Fehlkonstruktion” sei und “miserabel eingefädelt”.
Der Zuschauer, der selbst sein Abitur in 12 Schuljahren ohne nachhaltigen Schaden an Leib und Seele, und, wohlgemerkt, auch ohne die Möglichkeit der Abwahl von wichtigen, aber unliebsamen Fächern, durchgezogen hat, kann über die Penetranz der Gegner des G8 eigentlich nur verständnislos den Kopf schütteln. Die fehlgeleitete, aber offenbar leider flächendeckende Einstellung vieler Eltern, dass die lieben Kleinen in der Schule möglichst nicht gefordert, sondern nur gefördert werden sollten, und zwar auch nur von 9 bis maximal 14 Uhr, ohne Hausaufgaben, aber dafür mit jeder Menge Freizeit, verkennt ja wohl eindeutig den Sinn und Zweck der Schule und der Schulzeit: Bildung zu vermitteln, sich Bildung anzueignen, und zwar eine solche, auf deren Grundlage man aufbauen kann, sei es im Studium oder in der Arbeit, zum eigenen wie zum Nutzen der gesamten Gesellschaft. Und etwas zu lernen passiert nun mal leider nicht auf Grundlage der Osmosis: du hängst ein paar Stunden lang in der Schule ‘rum und lässt die Umgebung auf dich einwirken – irgendwas wird schon durchdringen. Und nur das, was nach der Schule passiert, ist wirklich wichtig. Diese Haltung gipfelte in der Meinung eines Diskussionsteilnehmers, der das Ganze auf die Formel brachte: eine glückliche Kindheit bestehe aus den drei Fs von Freunde, Freizeit, Faulenzen, und diese drei Fs würden durch das G8 vom Leben der Kinder eliminiert, weil sie sich doch jetzt durch den gestrafften Lehrplan mehr auf den Hosenboden setzen müssten. Welche Zumutung aber auch!
Warum diskutiert man nicht stärker die Methoden der Wissensvermittlung als die Tatsache, dass zum Lernen auch die gelegentliche Anstrengung und Einschränkung gehört? Denn eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Wissenserwerb ist nicht die Länge der zur Verfügung stehenden Zeit (die sich durch eine bessere Organisation auch optimaler ausnutzen ließe), sondern die Einstellung dazu, die Freude am Lernen. Diese zu vermitteln sollte bereits im Vorschulalter beginnen und sich in den weiteren Schuljahren über kompetente Lehrer mit Freude an ihrem Beruf entwickeln. Mit kompetenten Lehrern, solchen, die nicht nur stur den jeweiligen Stoff abarbeiten, sondern fächerübergreifend unterrichten und die Kinder zum selbständigen Lernen anregen, stehen und fallen Qualität wie Attraktivität des Unterrichts sowieso, und an solchen scheint es zunehmend zu mangeln. Man vergegenwärtige sich nur einmal das jetzt vorliegende Ergebnis einer Langzeitstudie der Universität Frankfurt, wonach jeder zehnte Lehrer nach rund vier Berufsjahren ausgebrannt sei. Dies liege allerdings weniger an den schulischen Gegebenheiten, sondern schlicht daran, dass die meisten dieser niemals “gebrannt haben” – will heißen, sie waren schon während des Studiums überfordert und demotiviert. Dieses Phänomen wird allerdings so lange nicht aus der Welt geschafft, wie der Lehrerberuf verunglimpft, verächtlich gemacht und oftmals nur als Verlegenheitsoption gesehen wird, weil man nicht weiß, was man mit seinem Abitur denn nun anderes anfangen soll.
Dass man auch in 8 Jahren Gymnasium gut lernen UND dabei noch reichlich Zeit erübrigen kann für Arbeitsgemeinschaften, Hobbys, Freunde und dergleichen mehr, zeigt nicht nur eigene Erfahrung, sondern auch ein Blick beispielsweise ins Bundesland Sachsen, wo das Abitur schon immer nach maximal 12 Schuljahren abgelegt wird, die Kinder im Bundesdurchschnitt sehr gut abschneiden und sich kaum je ein Schüler über mangelnde Freizeit beklagt. Sollte dies doch der Fall sein, und sich der einzelne Schüler mit stundenlangem häuslichem Lernstress, womöglich noch täglichem Tutorium, ausgesetzt sehen, müssten sich die Eltern eigentlich fragen, ob besagtes Kind wirklich auf’s Gymnasium gehört.
Kaputt macht die Schule unsere Kinder ganz gewiss nicht dadurch, dass Leistung und Disziplin gefordert, benotet und eingeschätzt werden, sondern vielmehr dann, wenn das nicht geschieht.
Oder was meinen Sie?
Unabhängiges Kosovo – wem nützt es?
Seit dem 17. Februar 2008 ist die Zahl der souveränen Staaten auf der Welt um eins gewachsen: das Kosovo. Auf den ersten Blick eine positive Entwicklung, nicht wahr, und maßgebliche Länder allerorten, allen voran die USA, beeilten sich sogleich, dieses neue Gebilde als Staat zu akzeptieren. Denn geglückten Unabhängigkeitsbestrebungen eines bislang unterdrückten Volkes gilt es, moralische und tätige Unterstützung angedeihen zu lassen. Soweit, so richtig. Allerdings sollte man grundsätzlich die Beweggründe hinterfragen, und im Falle des Kosovo sogar ganz besonders.
Das Kosovo war seit der historischen Schlacht 1389 auf dem Amselfeld, in der die Serben in ihrem zentralen Mutterland dem osmanischen Eroberungsbestreben auf dem Balkan unterlagen, bis 1913 ganz der Türkei zugehörig, wurde dann an Serbien und Montenegro aufgeteilt und gehörte erst seit nach dem 2. Weltkrieg ganz zu Serbien, seit 1963 als autonome Provinz. Die Bevölkerung rekrutiert sich zu etwa 75% aus muslimischen Albanern, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts recht friedlich mit den christlich-orthodoxen Serben zusammenlebten. Seit etwa dieser Zeit begannen die Konflikte zwischen beiden Völkerschaften aufgrund schärfer gewordenen nationalstaatlichen Denkens in Europa und aufgrund zunehmender serbischer Unterdrückung der muslimischen Albaner seit 1913. Schon unter Tito erfuhren diese Konflikte eine ständige Eskalation, die dann im Krieg von 1999 kulminierte und sich in der nachfolgenden systematischen Zerstörung christlich-historischen Kulturguts in der Region und Terrorakten der Albaner gegen die Serben einerseits und dem sich ständig steigernden Hass der Serben auf die ihrem historischen Anspruch auf jenes Gebiet im Wege stehenden Kosovaren andererseits fortsetzte. In den folgenden Jahren spitzte sich der Konflikt auf dramatische Weise zulasten der Kosovo-Albaner auf dramatische Weise zu, und so ist die Ausrufung einer unabhängigen Republik Kosovo, wo die muslimische Mehrheit endlich ihr Schicksal selbst bestimmen kann, oberflächlich betrachtet nur die einzig logische Konsequenz. Nur geht es in der Region um weit mehr, als um die Beilegung dieser ethnischen Konflikte. Denn das Kosovo ist ein in vieler Hinsicht strategisch wichtiges Gebiet, überreich an Bodenschätzen, vor allem Braunkohle, deren Vorkommen dort als das größte in Europa gilt, Gold und Kupfer. Bislang wurden diese Bodenschätze vor allem von den Serben und mit serbischen Geldern erschlossen, die Serben hingegen sind eng mit den Russen verbunden und im Falle eines Verbleibens des Kosovo in Serbien behielten letztere die Entscheidungsgewalt über die Verteilung und den Verkauf dieser Bodenschätze samt der dort inzwischen entstandenen Infrastruktur an ausländische Investoren. Ein unabhängiges Kosovo hingegen kann von anderen Interessenten, unter anderen den schon fest dort etablierten Briten und Deutschen, wesentlich besser beeinflusst werden, die sich durch Privatisierung des Flughafens in Prstina, des Postwesens, der Kohlegruben, Stromerzeuger und der Eisenbahn die Filetstücke bereits untereinander aufgeteilt haben.
Warum aber sind die Amerikaner so erfreut über das jetzt formell unabhängige Kosovo? Ist es allein die Genugtuung darüber, dass das humanistische Prinzip der Selbstbestimmung wieder einmal triumphierte? Diese Frage beantwortet sich eigentlich von selbst, richtet man seine Aufmerksamkeit zunächst auf Camp Bondsteel, den KFOR Hauptstützpunk der USA südlich von Prstina, ausgebaut von der Firma Kellogg, Brown & Root, einer Tochter von Halliburton, die im Irak heute Umsätze in Milliardenhöhe macht. Dieses Militärgelände will die USA auf 99 Jahre pachten, um so eine ständige militärische Präsenz in diesem Gebiet zu erhalten. Die Serben sind den USA seit dem Balkankrieg aus verschiedenen Gründen keine Verbündeten mehr und neigen sich mehr den Russen zu, eine ständige militärische Präsenz auf dem Balkan ist aber für die USA von hoher Bedeutung, und so deckt sich die Abspaltung des Kosovo gut mit diesen Interessen.
Die Unternehmung Bondsteel wird u.a. auch von Aserbaidschan unterstützt, und hier eröffnet sich ein weiterer interessanter Blickwinkel auf die Interessenlage im Kosovo: Aserbaidschan am Kaspischen Meer herrscht über gewaltige Rohölvorkommen, und die USA, wie auch europäische Konsumenten, betrachten diese Quelle als willkommene Alternative zur Abhängigkeit von arabischem Erdöl. Wichtig dabei ist natürlich der Transport der wertvollen Fracht, und es existieren bereits mehrere Rohrleitungen, die die Lieferung vom Kaspischen zum Schwarzen Meer sicherstellen, von wo aus dann der Weitertransport in Tankern erfolgt. Leider verläuft der Haupttransportweg vom Schwarzen Meer zu den Raffinerien im Mittelmeer und weiter durch die Meerenge des Bosporus, und mit zunehmender Ölproduktion wird der Schiffsverkehr dort zu sehr belastet und stellt außerdem ein sich ständig erhöhendes Sicherheitsrisiko hinsichtlich potentieller Umweltkatastrophen dar. Also müssen Umgehungsprojekte geschaffen werden, die sich auch unabhängig von Russland realisieren lassen. Eines davon ist die AMBO-Pipeline, die sich vom bulgarischen Schwarzmeerhafen Burgas über 894 km quer durch den Balkan nach Vlore an der albanischen Adria-Küste erstrecken, 1,5 Milliarden US Dollar kosten und täglich 750,000 Barrels Öl transportieren soll. Das AMBO (Albanian-Macedonian-Bulgarian-Oil) -Konsortium ist in den USA registriert und hat enge Verbindung wiederum zu Halliburton. Es geht nun den USA darum, dieses Projekt vom Eis zu bekommen, bevor die russische Gazprom oder die französische Total den Wettbewerb gewinnen.
Die Rohrleitung soll in Albanien enden, und die Wichtigkeit, das Wohlwollen der Albaner gegenüber den USA durch amerikanische Unterstützung der kosovarischen Unabhängigkeit gegen Serbien zu sichern, muss wohl nicht weiter erklärt werden. Dabei sollen natürlich der Einfluss der USA in Europa gefestigt und die Einflussnahme seitens der Europäer gemindert werden.
Somit hat wieder einmal ein Kaiser, dem die Welt hinterherläuft, keine Kleider an.
Liebe Leserinnen und Leser!
Ein Videofilm hat Deutschland aufgewühlt: Man sieht, wie in der Münchner U-Bahn zwei Gestalten einen Mann schlagen, zu Boden reißen und dem Hilflosen mit unfaßbarer Gewalt vor den Kopf treten. Die Täter: 17 und 20 Jahre alt. Der Mann am Boden: ein 76jähriger Rentner. Er hatte die beiden in der U-Bahn aufgefordert, ihre Zigaretten auszumachen.
Deutschland diskutiert nun über „Jugendgewalt“. Und natürlich wieder über „Ausländer raus“. Denn die beiden Männer haben „Migrationshintergrund“: Aus der Türkei ist die Familie des einen, aus Griechenland die des anderen. „Abschieben“, tönt es – und darin zeigt sich wieder die ganze Misere deutscher Immigrationspolitik: Erst holt man die Leute ins Land. Dann weigert man sich, sie und ihre Kinder als Einwanderer zu integrieren. Dann wundert man sich, wenn die deklassierten jungen Männer sich mit Gewalt gegen die „Scheißdeutschen“ groß tun. Und schließlich will man sie einfach rauswerfen, „nach Hause“, auch wenn sie ihre angebliche Heimat nie gesehen haben.
In Wahrheit ist alles komplizierter. Richtig ist wohl, wie der „Spiegel“ schrieb, daß unbeschäftigte, frustrierte junge Männer seit jeher und überall ihren Hormonstau gern in Gewaltorgien abbauen und sich so selbst definieren. Richtig ist auch, daß „ausländische“ Jugendliche in Deutschland einen überproportional hohen Anteil an solchen Gewalttaten haben. Und das mag auch mit ihrem kulturellen Hintergrund zu tun haben, der Gewalt und Machogehabe anders wertet als wir. Vor allem aber ist Jugendgewalt ein Phänomen der Zukurzgekommenen, unter denen sich nun mal besonders viele Migrantenkinder befinden. Insofern hat Deutschland ein Problem mit schlecht integrierten Migranten, wie etwa Frankreich auch.

Jenes neue, keineswegs nur deutsche Phänomen wiederum, daß jugendliche Gewalt überhaupt keine Grenzen mehr zu kennen scheint, daß zu Tode getrampelt wird, wer längst am Boden liegt, daß junge Versager als waffenstarrende Terminators mit einem finalen Blutbad abtreten – woran sonst soll es liegen als an der widerwärtigen Gewaltverherrlichung in einschlägigen Filmen und Computerspielen, vor denen wir unsere Kinder sitzen lassen, bis sie die Realität nicht mehr von der kunstbluttriefenden Bilderwelt trennen können?
Im übrigen bietet der Münchner Vorfall wenig Grund, mit dem Finger bloß auf Jugendliche zu zeigen. Denn was war noch der Anlaß? Die jungen Männer wollten rauchen, wo es verboten war und wo sie es aus Rücksicht auf andere ohnehin nicht hätten tun sollen. Jemand hat sie darauf hingewiesen und fast mit dem Leben dafür bezahlt. Aber – so sind wir doch fast alle! Jedenfalls in Deutschland: Ich, ich, ich – wir tun, was uns gefällt. Ob’s jemanden stört, das kümmert uns nicht. Ob’s verboten ist, auch nicht. Und wenn uns jemand darauf hinweist, ist er ein blöder Spießer und kriegt dumme Antwort – wenn er Glück hat. Deswegen haben auch alle in der U-Bahn weggeguckt, als die unverschämten Raucher ihr späteres Opfer anpöbelten. Gemeinsinn? Zivilcourage? Bringt nix.
Die Brutalität ist es, mit denen sich die jugendlichen Schläger noch abheben. Aber nicht mal das stimmt eigentlich: Wenn, nur ein Beispiel, in deutschen Städten immer häufiger mit hoher Geschwindigkeit und mit voller Absicht bei Rot über Ampeln gefahren wird, gern auch mit überschweren Geländewagen, gegen die Kinder kaum eine Chance haben, womöglich mit vormontierten „Kuhfängern“ als Fußgängerkillern – was anders ist das als ego-gesteuerte, sinnlose, illegale, brutale und potentiell tödliche Gewalt?
„Erziehungscamps“ heißt nun, neben „Ausländer raus“, das populistische Patentrezept. Mal abgesehen von der höchst trüben deutschen Lager-Tradition: Wenn man die Sache ernst nehmen wollte, würden die „Camps“ schnell voll werden. Mit ungezogenen Erwachsenen.
Martin Kuhna
Integration durch Bildung
Liebe Leserinnen und Leser!
Im Ausland ist jeder Ausländer. Um zu erfahren, was es heißt, fremd zu sein, muß man jedoch nicht unbedingt Ausländer sein. Als Kind im Nachkriegsdeutschland verboten mir meine Eltern, mit Flüchtlingskindern zu spielen. Wenn ich daran zurückdenke, fällt mir das Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ von Franz Josef Degenhart aus den 60er Jahren ein, in dem es weiter heißt „So sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor“. Fremd kann der Norddeutsche sein, der nach Bayern kommt, der Ostdeutsche, der in den Westen geht.
Im Jahr 2006 sind rund 662.000 Menschen nach Deutschland gezogen, gleichzeitig verlegten 639.000 ihren Wohnsitz ins Ausland. 155.300 sind offiziell ausgewandert, der höchste Auswanderungsstand seit 1954. Die Zahl der Einwanderer hingegen ging um 4% gegenüber dem Vorjahr zurück.
Rund 6,7 Millionen Ausländer leben heute in Deutschland, das sind etwa acht Prozent der Gesamtbevölkerung. Aus den Gastarbeitern, die in den 50er und 60er Jahren angeworben wurden, und von denen man glaubte, daß sie nur vorübergehend im Lande bleiben würden, sind Migranten geworden. 15 Millionen Menschen aus 200 Staaten haben das, was man Migrationshintergrund nennt, und stellen fast ein Fünftel der Bevölkerung der Bundesrepublik. Jede fünfte Ehe ist binational. Jedes vierte Neugeborene hat einen ausländischen Elternteil, doch in Deutschland geborene Kinder sind inzwischen deutsche Staatsbürger. In großen westdeutschen Städten kommen bis zu 40 Prozent der Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Etliche Grundschulklassen deutscher Großstädte haben bereits 50% oder mehr Ausländerkinder.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat die Situation von Einwandererkindern weltweit untersucht. Länder wie Kanada, die Niederlande und Schweden stuft sie als vorbildlich ein und lobt Australien und Neuseeland, die einen wesentlich höheren Migrantenanteil haben als Deutschland, weil sie den Kindern vor allem durch intensive Sprachförderung helfen, sich im neuen Land zu integrieren. Das deutsche Schulsystem jedoch versage wie kein anderes vergleichbarer Industrienationen bei der Förderung von Migrantenkindern, weil es zehnjährige Schüler auf verschiedene Schulformen aufteilt und Ausländer- und Problemkinder in den Hauptschulen konzentriert, heißt es in der jüngsten Studie.
Kinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse haben in Deutschland keine Chance auf Schulerfolg und damit auf einen Ausbildungsplatz, sagt Faruk Sen, Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien, und verweist darauf, daß die Arbeitslosenquote von türkischen Migranten bei über 25 Prozent liegt.
Bildungsfachleute und Politiker nahmen die OECD-Studie zum Anlaß, in Berlin über „Integration durch Bildung“ zu diskutieren. „Sprache erlernen, ein gegenseitiges Gefühl für unterschiedliche Kulturen bekommen und gemeinsames Miteinander üben, sind die wesentlichen Bestandteile von Integration, und diese sind eng an die Schule geknüpft“, weiß die ehemalige Schulleiterin und heutige Schulberaterin Enja Riegel. Doch weil „deutsche Schulen noch immer reine Lernkäfige sind“, versagen sie bei der Integration von Ausländerkindern.
Ausnahmen wie die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund, im letzten Jahr als beste Schule Deutschlands ausgezeichnet, beweisen, daß eine Schule trotz Ausländeranteil von 85% erfolgreiche Integration leisten kann. Es gehe nicht in erster Linie um Ausländerkinder, sondern um Kinder, sagt Enja Riegel, und diese Schule sei erfolgreich, weil sich die Lehrer auch um die Eltern kümmern und frühzeitig deren Vertrauen gewinnen. Inzwischen haben sowohl Politik als auch Wirtschaft gemerkt, daß es immer mehr kostet, wenn man diese Kinder vernachlässigt und erkannt, daß Integration nicht nur eine menschliche Verpflichtung ist, sondern sich auch wirtschaftlich auszahlt.
Wenn nun auch Bundeskanzlerin Merkel vor dem Hintergrund von Gewalttaten, Kriminalität und Krawallen zwischen ethnischen Gruppierungen bessere Chancen für Migrantenkinder „fordert“, dann kann man sich eigentlich nur wundern. Schließlich sitzt sie ja genau an der Stelle, an der sie Dinge bewegen könnte. Oder teilt auch sie bereits jene ernüchternde Erkenntnis der amerikanischen Altpräsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton, die feststellen, daß sie im Präsidentenamt niemals auch nur einen annähernd vergleichbaren Handlungsspielraum hatten, etwas zum Guten zu bewegen, wie heute in ihren Stiftungen? Das muß einem doch sehr zu denken geben und rückt den Traum von einer friedlichen Welt in weite Ferne.
Liebe Leserinnen und Leser, im Namen von Herausgeber Juri Klugmann und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Rundschau bedanke ich mich für Ihre Unterstützung in diesem zu Ende gehenden Jahr. Ihre zahlreichen Leserbriefe und Telefonanrufe, Vorschläge und Ideen und die vielen Beiträge unserer ehrenamtlichen Korrespondenten haben unsere Weltzeitung für Deutschsprechende entscheidend mitgeprägt. Der Dialog mit Ihnen ist das Herz unserer Zeitschrift, und wir schätzen jede Zuschrift hoch. Als „Ausländer im Ausland“ kennen wir Integration und ihre Probleme aus eigenem Erleben. Es wäre schön, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen.
Mit den besten Wünschen für ein gutes Neues Jahr 2008
Ihre Elisabeth von Ah
Liebe Leserinnen und Leser!
Alle drei Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind an vermeidbaren Krankheiten, an Erschöpfung, an Gewalttätigkeit, an Hunger und Durst. Jährlich werden etwa 246 Millionen Kinder als Bettler, Arbeitssklaven und Prostituierte verkauft, werden 250 000 Kinder unter 18 Jahren zum Kämpfen in kriegerischen Auseinandersetzungen gezwungen. Etwa eine Million Kinder arbeiten in Bergwerken und Steinbrüchen Lateinamerikas, Asiens und Afrikas.
Laut WHO leben 33 Millionen Kinder weltweit auf der Straße, werden in Verhältnisse hineingeboren, die für Bürger in Wohlstandsgesellschaften schlicht unvorstellbar sind, müssen darin leben und sterben daran. Ein Menschenleben ist in vielen Teilen der Erde nicht viel wert, ein Kinderleben oft nur dann, wenn das entsprechende Kind für ein paar jämmerliche Dollars verkauft werden kann, häufig von den eigenen Eltern, die so bitter arm sind, daß sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Skrupellose Händler nutzen solche Notsituationen aus. Inzwischen ist Kinderhandel zu einem lukrativen, weltweit florierenden Geschäft geworden, denn es gibt ja die ebenso skrupellosen Abnehmer der „Ware Kind“, also Menschen, die nichts Schlimmes daran finden, wehrlose Kinder körperlich und sexuell zu mißbrauchen, ihnen Lohn, Nahrung, Zuwendung und Bildung vorzuenthalten, sie bis aufs Blut zu peinigen und auszubeuten.
![]() Klaus Cadsky Cartoon |
|
50 Millionen Knöpfe verarbeitet |
|
(Karikatur: Klaus Cadsky – “Nico”) |
Ob es sich dabei um ganz junge Mädchen aus Asien oder zunehmend aus osteuropäischen Staaten handelt, die in die Prostitution gezwungen werden, um vierjährige pakistanische Buben, die in Saudi-Arabien Kamele in Wettkämpfen reiten müssen, um unter 15-jährige aus Kolumbien oder Angola, denen zwecks optimalem Einsatz in bewaffneten Auseinandersetzungen durch Drogen und Gewalt systematisch jedwedes ethisch-moralische Bewußtsein ausgetrieben wird – an ihnen allen und an unzähligen Anderen werden jeden Tag Verbrechen begangen.
Erschreckend hierbei ist auch die Tatsache, daß anderweitig „unbescholtene“ Bürger sich maßgeblich an diesen Verbrechen beteiligen, indem sie etwa minderjährige Prostituierte entweder im eigenen Land kaufen oder eigens dafür weite Reisen unternehmen, beispielsweise nach Thailand oder Kenia. Sextouristen in den Küstenregionen des letztgenannten Landes, die auf Minderjährige zwischen 12 und 17 Jahren ausgehen, rekrutieren sich zu 18 Prozent aus Italien, zu 14 Prozent aus Deutschland und zu 12 Prozent aus der Schweiz(1).
Und was ist mit den Europäern oder Nordamerikanern, die Kinder vor allem aus Guatemala gegen Geld adoptieren, Kinder, die ihren Eltern laut Unicef entweder gestohlen oder abgeschwatzt wurden? Hier mag man einwenden, daß solchen Kindern womöglich eine Zukunft in Armut erspart wird. Dennoch bleibt es ein ethisch fragwürdiges Handeln an den Kindern, die aus ihrem Kulturkreis gerissen, von ihren Familien getrennt werden, um als gekaufte Ware ansonsten kinderlosen Paaren einen weiteren Konsumwunsch zu erfüllen.
Kinder sind wehrlos, manipulierbar, billigste Arbeitskräfte, können in jeder Art und Weise mißbraucht werden, und solange sie ungebildet bleiben, produzieren sie ihrerseits wieder manipulierbaren, ungebildeten und ausnutzbaren Nachwuchs. Mit dem stetigen weiteren Ansteigen der Weltbevölkerung wird sich die Situation der Kinder in den Ländern mit dem stärksten Bevölkerungswachstum noch sehr viel weiter verschlechtern, denn in den ärmsten Ländern gibt es die meisten Geburten. In diesen Ländern gibt es beispielsweise keine staatlichen Sozialversicherungssysteme, und so ist eine große Kinderschar oftmals die einzige Hoffnung der Familie, nicht Hungers zu sterben.
Wie also ist der Situation beizukommen? Individuelle Geldspenden gutherziger und wohlmeinender Einzelpersonen helfen sicherlich punktuell und vorübergehend, packen das vielschichtige Übel aber nicht bei der Wurzel. Kinderhandel, Kinderpornographie, Kinderprostitution und Kinderarbeit unter menschenunwürdigen Verhältnissen müssen ausgemerzt werden. In armen Regionen müßten mit Hilfe der entwickelten Nationen viel mehr Schulen gebaut werden, die unentgeltlich Bildung vermitteln. Nur wie überwindet man jahrhundertealte Überzeugungen in vielen Kulturen, wonach Kinder zu arbeiten haben, sobald sie laufen können, anstatt in die Schule zu gehen, selbst wenn diese nichts kostet? Oder wie rottet man das tiefsitzende, weitverbreitete Vorurteil aus, wonach speziell Mädchen keine Schulbildung brauchen?
Gut ausgebildete Kinder, die lernen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, sind besser in der Lage, sich selbst zu helfen und bringen damit auch die Gesellschaft voran. Um dieses Ideal langfristig zu erreichen, sollten wir bei unseren eigenen Kindern beginnen. Nämlich versuchen, ihnen die bestmögliche Ausbildung zugänglich zu machen, sie zu moralisch, sozial und politisch verantwortlichen Menschen zu erziehen. Vielleicht gelingt es dann eines Tages, elende Verhältnisse und damit die Situation der Kinder weltweit zu verbessern.
A. Liane Harmat
(1)Quelle: http://www.fairunterwegs.org
Reden wir über’s Wetter
Liebe Leserinnen und Leser!
Seitdem alle Welt über die globale Klimaerwärmung beunruhigt ist, ist selbst das Reden übers Wetter hochbrisant. Private Unterhaltungen spiegeln die überhitzte Klimadebatte wider, die öffentlich auf politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Seite geführt wird. Wie oft gibt es gegensätzliche Sichten der Dinge.
Die ökologisch Beunruhigten sprechen von nicht mehr aufzuhaltender Klimakatastrophe, verursacht vom Kohlendioxid, das durch Verbrennung fossiler Brennstoffe in zunehmender Konzentration in die Luft geblasen wird. Angesichts der Tatsachen, daß die Durchschnittstemperatur auf der Erde ansteigt, die Polkappen abschmelzen, Gletscher überall zurückgehen, Wüsten sich ausdehnen und der Meeresspiegel ansteigt, werden furchterregende Szenarien beschrieben: Millionen heimatloser Menschen auf der Flucht, geflutete Küstenstädte, untergehende Inseln, zunehmende Wirbelstürme.
Andererseits mahnen Klima- und Wetterforscher zu Besonnenheit und rationalem Umgang mit den Folgen der Klimaerwärmung. Auch sie sind überzeugt, daß es nicht mehr gelingen kann, den Klimawandel aufzuhalten, aber sie stützen ihre Beruhigungsversuche. Es werde schon nicht so schlimm kommen, auf neueste Computersimulationsmodelle, die einen weitaus geringeren Anstieg der Temperaturen und des Meeresspiegels voraussagen. Man habe noch Zeit genug, technologisch der Klimaerwärmung zu begegnen, wird argumentiert.
Eine dritte Seite gar verweist auf vermeintlich positive Begleiterscheinungen des Klimawandels wie Mittelmeerklima am Nordseestrand und geöffnete Straßencafés in Hamburg im Winter.
Bislang haben alle Versuche, die Zukunft vorherzusagen – ob mit oder ohne Computersimulation – versagt. Daß heute zunehmend wissenschaftliche Forschungen von der Privatwirtschaft in Auftrag gegeben und finanziert werden, fordert ein kritisches Hinterfragen der Ergebnisse geradezu heraus. Hat sich doch im Umweltbereich bisher für jede Meinung ein vermeintlicher Experte und Befürworter aus Wissenschaftskreisen gefunden.
Erinnern Sie sich noch an die Konfrontation mit Saurem Regen in den 70er Jahren in Deutschland, die Todesfälle von Babys durch Pseudo-Krupp und an den ersten Smogalarm im Ruhrgebiet am 17. Januar 1985, an dem die Schulkinder zu Hause bleiben durften? Damals wurden den Menschen schlagartig die Folgen hoher Schwefeldioxidkonzentrationen in der Luft vom Waldsterben bis zu chronischen Krankheiten bewußt; es war der Beginn der grünen Bewegung. Es entwickelte sich ein ökologisches Bewußtsein, die Menschen fingen an, über ihr Umweltverhalten nachzudenken. Zahlreiche, daraus hervorgehende Bürgerinitiativen zwangen Politik und Wirtschaft zum Handeln und heute, fast 30 Jahre später, darf Deutschland stolz darauf sein, die fortschrittlichste Umwelttechnologie der Welt zu besitzen.
Politiker jeder Richtung deklarieren inzwischen den Klimaschutz als eines ihrer obersten Ziele. In geradezu unglaublichem Aktivismus in Sachen Klima jetten sie fast pausenlos samt riesigem Begleittroß zu Umweltkonferenzen rund um den Globus – allein 2007 waren es über 80 – und verursachen dadurch eine nicht zu vertretende Umweltbelastung. Diese wiegt um so schwerer, als ihre Ziele nicht im entferntesten erreicht wurden und sich als bloße Lippenbekenntnisse erwiesen haben.
Im rasant aufstrebenden China ist Umwelt- und Klimaschutz bislang ein Fremdwort. Aber wenn das Image als Ausrichter der Olympischen Spiele 2008 gefährdet ist, schreckt die Regierung nicht vor diktatorischen Maßnahmen zurück, um den Autoverkehr zu stoppen und den Besuchern ein Trugbild von heiler, sauberer Luft in Peking vorzugaukeln.
Im Dezember 2007 soll auf Bali das Nachfolgeabkommen nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls 2012 verabschiedet werden. Es scheint absehbar, daß die Ergebnisse wieder hinter den Erfordernissen zurückbleiben. Die USA als größter CO2-Ausstoßer verweigern sich nach wie vor; Präsident Bush: „It just didn’t make sense for the United States.“ Stattdessen ruft er im Verbund mit anderen konservativen Regierungschefs sein eigenes Umweltprogramm aus. Also weiter wie gehabt.
Doch immer mehr Menschen wollen das nicht mehr zulassen. Über das Internet hat sich ein globales Umweltbewußtsein wie ein Lauffeuer um die Erde verbreitet. Innerhalb weniger Tage haben Hunderttausende die Umweltpetitionen der Organisation Avaaz online unterzeichnet und damit gezeigt, wo sie stehen.
Anlaß zu Hoffnung gibt auch die Existenz einer freien Presse. Während Politik und Wirtschaft den Medien oftmals vorwerfen, Nachrichten aus purer Sensationsgier zu dramatisieren, fühlen wir uns verpflichtet, Sie unabhängig und ohne Vorbehalte zu informieren. Während Politiker die Meinung ihrer Wähler nur zu Wahlkampfzeiten zu interessieren scheint, führen wir mit Ihnen, unserer Leserschaft, einen ständigen und offenen Dialog. Wir befinden uns oft genauso wie Sie zwischen gegensätzlichen Seiten, müssen uns als Nichtfachleute eine Meinung bilden und daraus unser persönliches und journalistisches Handeln ableiten.
Die Geschichte hat bewiesen, daß nur in Ausnahmefällen Politiker und Wirtschaftsbosse in der Lage sind, Entscheidungen für die Zukunft der Erde verantwortungsvoll und weitblickend zu treffen. Nur wenn sich weltweit ein neues, ethisches Bewußtsein entwickelt, ist Wandel zum Besseren möglich.
Wir freuen uns ganz besonders auf Ihre Zuschriften zu diesem Thema.
Elisabeth von Ah
Kein Platz für wilde Tiere
Liebe Leserinnen und Leser!
sicher kennen viele von Ihnen Al Gores preisgekrönten Dokumentarfilm über die Zukunft der Erde „An Inconvenient Truth – eine unbequeme Wahrheit“. Am meisten berührt mich die Szene, in der ein Eisbär auf der Suche nach den immer seltener werdenden Eisschollen ertrinkt. Sind Sie ebenso wie ich darüber entsetzt, daß die kanadische Regierung trotz massiver weltweiter Proteste auch im Jahr 2007 wieder 270.000 Seehundbabys zum Töten freigegeben hat? Vielleicht haben Sie schon gehört, daß die letzten 2000 Bergkaribus in den Regenurwäldern des Landesinneren von British Columbia kaum noch eine Chance haben, das nächste Jahrzehnt zu überleben, weil ihr Lebensraum zunehmend abgeholzt wird. Und daß Grizzlybär Bruno, der nach 150 Jahren als erster seiner Art wieder deutschen Boden betrat, letztes Jahr erschossen wurde, ist Ihnen sicher noch in Erinnerung.
Wir, die privilegierten Einwohner der westlichen Industrieländer, zeigen mit Fingern auf Dritte-Welt-Länder, die Elefanten, Tiger, Menschenaffen nicht nachhaltig schützen – das Java-Nashorn zum Beispiel, mit einem Bestand von weniger als 60 Tieren das seltenste Großsäugetier der Welt – obwohl wir mit unseren eigenen heimischen Tieren ebenso verfahren. Für den Artenschwund, den „Todeskampf der Tiere“, wie ihn der SPIEGEL nannte, sind die mehr als sechs Milliarden Menschen verantwortlich, die inzwischen die Erde bevölkern. Sie benötigen immer mehr Lebensraum und verändern ihn radikal nach ihren Vorstellungen. So wurde in den vergangenen hundert Jahren die Hälfte aller Tropenwälder abgeholzt und die Hälfte der Sümpfe trocken gelegt.
Asiatische Nashörner sind in großer Gefahr
Überall auf der Erde töten Bauern große Raubtiere, weil sie ihre Farmtiere reißen. Der Handel mit seltenen Tieren und Pflanzen, Umsatz 30 Milliarden Dollar pro Jahr, davon ein Drittel illegal und kriminell,
![]() Indian_Rhinoceros |
(Foto: colint / Wikipedia Creative Commons Attribution
|
hat schon viele Arten vernichtet. Selbst das 1973 verabschiedete Washingtoner Artenschutzabkommen Cites, dem bis heute 172 Länder beigetreten sind, schafft es nicht, das internationale Geschäft mit den seltenen Arten zu deren Schutz zu regeln. Schon 2001 sprach Roland Melisch, Artenschutzexperte beim World Wide Fund For Nature (WWF) aus, daß man nur erfolgreich gegen das Aussterben von Arten vorgehen könne, wenn man der Wilderei und dem Raubbau an Wäldern und Meeren ökonomische Alternativen entgegensetzt.
Diese Alternativen sind bis heute nicht in Sicht in der paradoxen Situation, daß die Weltbevölkerung in den Entwicklungs- und Schwellenländern wie China und Indien stetig wächst, während die Industrieländer die katastrophalen Folgen ihres Geburtenrückgangs und ihrer Überalterung beklagen und diese Entwicklung durch finanzielle Anreize zum Kinderkriegen aufzuhalten versuchen.
![]() Shark plus Poem |
(Foto: Michael Mardner / Text: Elisabeth von Ah) |
Der Mensch hat bis heute nicht erkannt, daß er Teil der Natur ist und die Vielfalt der Natur braucht. Offensichtlich hat er den Befehl „Macht euch die Erde untertan“ aus dem ersten Buch Moses nicht als Verpflichtung verstanden, den Lebensraum Erde und die Wesen, die ihn bevölkern, verantwortungsvoll zu schützen, sondern er mißbraucht ihn, sein Machtstreben und seine Gier gnadenlos zu befriedigen.
Rücksichtnahme, Einschränkung und Verzicht auf liebgewordenen Komfort sind keine menschlichen Eigenschaften. Machtstreben und Gier hingegen ziehen sich wie ein Roter Faden durch die Geschichte des Homo Sapiens und hinterlassen bis heute grausame Spuren. Doch kann man von einer Art, die vor Gewalt gegen die eigene Rasse und vor Kriegen und Völkermord wie zur Zeit Darfurs nicht zurückschreckt, Mitleid für Tiere in Not erwarten?
Immer mehr Menschen auf der Erde haben sich von natürlicher Lebensweise entfernt und verschanzen sich und ihren Besitz hinter Zäunen und Alarmanlagen. Muß es nicht zu denken geben, daß sich heutige Spitzenpolitiker zu ihren Treffen wie jüngst beim G8-Gipfel in Heiligendamm durch einen 13km langen Zaun von den Menschen abschotten, für deren Wohl sie Politik machen sollten, in einer künstlichen Scheinwelt konferieren, für Fotografen bei strahlendem Sonnenschein posieren und von ihren Mitarbeitern lediglich durch SMS über das Weltgeschehen auf dem Laufenden gehalten werden?
Die Geschichte zeigt, daß von Menschen, die einem politischen Kalkül folgen, keine Veränderungen und Entscheidungen zu erwarten sind, die langfristig angelegt sind und auf Vernunft, Einsicht und Verantwortungsgefühl fußen. Um den Traum von einer besseren Welt nicht sterben zu lassen, in der Menschen-, Eisbär- und Bergkaribukinder gleichermaßen eine Zukunftschance haben, bedarf es des Engagements von uns allen. Alle vier Jahre einmal wählen, ist kein Alibi, uns aus der Verantwortung zu stehlen. Der Einsatz von jedem von uns, ob allein oder in einer Organisation, ob als Aktivist oder zahlender Förderer oder als Unterstützer einer freien und engagierten Presse, ist erforderlich. Nur wenn wir selbst unsere Bedürfnisse einschränken und die Regierenden und wirtschaftlich Mächtigen zu einer verantwortungsvollen Politik zwingen, deren Entscheidungen wie bei den indianischen Ureinwohnern Nordamerikas auf das Wohlergehen von vier Generationen im Voraus angelegt sind, besteht die Hoffnung, daß die mahnende Vision, die Bernhard Grzimeks 1956 in seinem legendären Film „Kein Platz für wilde Tiere“ aussprach, nicht noch mehr Realität wird.
„Was wäre der Mensch ohne die Tiere?“, fragte Indianerhäuptling Seattle 1854 im Brief an den „großen weißen Vater“. Er selbst gab die Antwort: „Wären alle Tiere fort, dann stürbe der Mensch an großer Einsamkeit des Herzens.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Wie immer freuen wir uns auf den Dialog mit Ihnen und auf Ihre Zuschrift
Elisabeth von Ah
Liebe Leserinnen und Leser!
Erinnern Sie sich noch an Peter Hartz? Das war der Mann, der als VW-Personal-Vorstand den Arbeitsmarktreformen in Deutschland seine Ideen und seinen Namen gab. Mit dem deutschen Arbeitsmarkt geht es jetzt langsam bergauf, mit dem Hartz steil bergab. Ich wollte ihn ja seinerzeit für Sie befragen, wie er das bloß aushält, das mit seinem Namen für die anfangs völlig verkorksten Reformen. Zwischenzeitlich wurde aus dem Hartz ein rechtskräftig Verurteilter – schuldig gesprochen wegen Untreue in 44 Fällen sowie wegen unrechtmäßiger Begünstigung – auf Bewährung. Besonders sauber war auch dieser Deal nicht: Vor dem Prozeß hatten die Verantwortlichen bereits die Strafe ausgehandelt…
Ein Gespenst geht um in Deutschland – man könnte denken, Peter Hartz sei zur GEZ gewechselt, zur Gebühreneinzugszentrale, in die brave deutsche Radiohörer, 1.-Reihe-Sitzer und neuerdings Computernutzer überhöhte Rundfunk- und TV-Gebühren einzahlen müssen. Ist er aber nicht. Denn: Die Wuppertaler Staatsanwaltschaft hat nun die GEZ in Köln wegen des Verdachts der Bestechung durchsucht. Der Chefeinkäufer der GEZ und andere Leute „von Rang und Namen“ ließen sich offenbar mit Besuchen in Bordellen, Edelrestaurants und zu Sportevents (Fußball, Formel 1) bestechen: Bedient wird das immer gleiche Lustprinzip – Fressen, Ficken, Fußball. Dafür wird geschmiert, was das Zeug hält. Apropos Fußball: Läuft da nicht auch der Hartz als Schiedsrichter Hoyzer auf, der mit am ganz großen Rad im Wettgeschäft drehte und frech Wett- und Fußballfans betrog? Hartz geistert in diesen Tagen aber auch als millionenschwerer SIEMENS Krokodil-Fond-Wärter oder Schwarze-Kassen-Wart von Politikern durch die hiesige Finanz- und Presselandschaft, die unlängst auch die schlimmen Korruptionsaffären bei DaimlerChrysler und Infinion ausweidete. Und schließlich – geben wir es zu – steckt ein „kleiner“ Hartz in vielen Menschen, die alltäglich völlig unspektakulär ihre Macht mißbrauchen, um private Vorteile zu erringen, ein kleines Stück vom großen Kuchen sich abschneiden wollen – auf Kosten anderer, dem schnöden Mammon kleine und große Gefälligkeiten erweisen und damit ihre Moral auf dem Altar des Anstands opfern.
Ist Deutschland auf dem Weg von der Hartz-Reform zum Hartz-Syndrom? Gehen wir massenweise der Korruption auf die Schleimspur, diesem Hartzer Käse? Korruption – Deutschlands blühende Landschaften? Der moralische Schaden, den die Hartzer anrichten, ist verheerend und bleibt zu oft ungesühnt, gar ungenannt. Die Fakten sprechen jedoch eine harte Sprache.
Besorgte Bürger nicht nur in Deutschland fragen sich: Sind nur Vereinzelte korrumpiert, oder hat die Korruption längst die Gesellschaft zerfressen? Kleben wir alle schon am Fliegenfänger, wie der Volksmund behauptet? Eins ist uns doch wohl klar: Korruption schädigt die mit ehrlichen Mitteln lebende Gemeinschaft, die mit Fairness und Wettbewerb arbeitende Wirtschaft. Sie zerstört das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in das menschliche Miteinander, in die Integrität und Funktionsfähigkeit von Unternehmen und Politik. Kein Wunder, wenn fast die Hälfte der Wähler mit den Füssen abstimmt – und gar nicht erst zur Wahlurne geht. Ja, die Korruption hat sich leider auch in Deutschland etabliert. Es verbietet sich, mit spitzem Finger auf scheinbar noch korruptere Länder zu zeigen. Ist Korruption überhaupt steigerungsfähig? Etwa wie Freund – Feind –Parteifreund. Sogar schon Witze erzählt man sich über die Korruption. Beispiel: Was haben Riesenkraken und deutsche Berufspolitiker gemeinsam? Die Antwort gibt es auf 3sat.de: Der Schlund des Kraken geht direkt durch sein Hirn. Das Gehirn ist sehr klein und hat die Form eines Ringes, durch den das Essen hindurch muß. Auch bei deutschen Berufspolitikern geht der (Gier-) Schlund direkt durch das Hirn oder ist unmittelbar mit diesem verbunden…
Doch Spaß beiseite: Die durch Korruption, Preisabsprachen und Schattenwirtschaft jährlich verursachten materiellen Schäden werden vom Bundeskriminalamt für Deutschland auf über 200 Mrd. EUR geschätzt. In einer Korruptions-Liste der Organisation Transparency International wird die Bundesrepublik für das Jahr 2005 nur noch auf Platz 16 von 159 Staaten geführt.
Wegschauen? Weghören? Einfach ignorieren? Nein, das können wir uns nicht leisten. Nirgendwo. In keinem Land, in keiner Behördenstube, in keiner Firma.
Es gibt bereits engagiertes Bemühen, die Korruption in deutschen Amtszimmern und Firmenbüros zu bekämpfen, aktiv zurückzudrängen. Öffentliche Verwaltungen in vielen Kommunen versuchen seit einigen Jahren durch die Bestellung von behördeninternen Ansprechpartnern Korruptionsvorsorge zu betreiben. Doch bislang will sich im Zuge entsprechender Initiativen selten Erfolg einstellen. Denn: Die Hartzer sind zähe und geschickt. Der Grund liegt auf der Hand: Mitarbeiter, die entsprechende Informationen weiterleiten, befürchten, daß sie selbst in den möglichen Korruptionssog hineingezogen und ihr Ansehen beschädigt, ihre Karriere beeinträchtigt wird. Zudem sind behördeninterne Ansprechpartner grundsätzlich zur Preisgabe aller – auch vertraulich übermittelter – Hinweise verpflichtet. Es besteht die Verpflichtung zur Offenlegung aller Informationen insbesondere gegenüber dem Dienststellen- und Personalleiter. Behördeninterne Ansprechpartner senken nicht die Hemmschwelle für Mitarbeiter, aber auch nicht für Kunden, Lieferanten, Konkurrenten und andere Betroffene, die Problemlage offen anzusprechen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, daß die Bestellung eines zusätzlichen unabhängigen externen Ansprechpartners diese Hemmschwelle senkt. In diesem Zusammenhang habe ich eine Bitte: Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen, wie Sie und Ihre Partner der Korruption vorbeugen und sie zurückdrängen – im Interesse unserer ganzen Leserschaft – vielen Dank.
Als „Bürger“ Hartz den Gerichtssaal mit versteinerter Miene als Verurteilter verließ – ein guter Tag für alle, die an Recht und Anstand interessiert sind. So etwa äußerten sich die deutschen Medien. So ähnlich sprach allerdings auch schon Marcus Tullius Cicero vor über 2000 Jahren. Als Ankläger wies er nach, daß sich ein gewisser Verres als Proprätor Siziliens mit Schützenhilfe einflußreicher Freunde große Mengen Gold und Kunst unrechtmäßig angeeignet hatte. Beutekunst, würden wir heute sagen. Cicero machte sodann Karriere, begeisterte Rom als jüngster Konsul in der Geschichte, überzeugte als Senator, deckte die Verschwörung des Catalina auf – und wurde liquidiert. Die Korruption hatte sich gerächt. Wenn wir die Korrupten nicht zurückdrängen und entlarven – gnade uns Gott.
Ihr Gerd Michels
Liebe Leserinnen und Leser!
Politische Korrektheit führt zum Übel –
Was der Rücktritt des Warschauer Erzbischofs auch lehrt
Kennen Sie den? Warum durften in Polen nach 1945 neue Kirchen nur als Rundbau entstehen? – Damit sich Kommunisten nicht in der Ecke vestecken konnten.
Heuchelei, Verlogenheit, bequeme Anpassung, all dies sind leider recht oft Merkmale des alltäglichen Daseins. Im Regelfall versucht man potentielle Fallen durch geschickte Tarnung zu umgehen. Lippenbekenntnisse sind nicht die Ausnahme, eher die Regel. Und warum auch nicht, geht es doch durchweg um kleine Nebensächlichkeiten, um läßliche Sünden also.
Manchmal aber, dies zeigt der kürzlich erzwungene Rücktritt des erst im Dezember ernannten neuen Erzbischofs von Warschau, Stanislaw Wielgus, erwachsen aus vermeintlich kleinen Fehltritten unabsehbare Folgen, die die Urheber erst nach langen Jahren einholen.
![]() |
Erzbischof Stanislaw Wielgus
|
Weil Wielgus vor guten dreißig Jahren in der damaligen Bundesrepublik Deutschland studieren wollte, unterschrieb er ein Formular der polnischen Geheimpolizei, der zu recht gefürchteten Sluzba Bespieczentswa (SB). Dies, so der Vorwurf, sei seine Bereitschaftserklärung gewesen, der Geheimpolizei, die im Volksmund als Esbecja einen üblen Ruf hatte, zu Diensten zu sein. Ob Wielgus je schuldhaft gehandelt hat, bleibt offen. Gegenbeweise liegen nicht vor.
Fest steht dies: am 2. Dezember 2006 unterschrieb Wielgus eine zweite Erklärung, nämlich einen schriftlichen Eid. In diesem Eid, den der Vatikan forderte, bevor Wielgus zum Erzbischof ernannt wurde, liest man „daß ich mich während der Begegnungen und Gespräche, die ich vor meinen Auslandsreisen in den 70er Jahren mit Vertretern der Miliz und der Spionage hatte, niemals gegen die Kirche ausgesprochen habe. Und daß ich nie etwas Schlechtes gegen Priester oder Laien gesagt habe.“
Als Persilschein in quasi eigener Sache ist dieser Text nicht eben überzeugend. Aber kommt es darauf entscheidend an? Steht nicht vielmehr nach dem Rücktritt des Erzbischofs die peinliche Frage im Vordergrund, wem aus der Affaire letztlich der größte Schaden erwächst? Wielgus, der polnischen Kirche, dem Vatikan?In Polen überschlagen sich die Skandalmeldungen. Plötzlich ist die Rede von insgesamt zwölf Bischöfen, die möglicherweise zu SB-Spitzeln wurden. Kardinal Glemp, der aushilfsweise nach dem Wielgus-Rücktritt in sein altes Amt als Warschauer Erzbischof zurückgekehrt ist, sprach zeitweise von bis zu 15% der polnischen Geistlichen, die als „kompromittiert“ galten.
![]() |
Die Johanneskathedrale (Archikatedra sw. Jana Chrzciciela) in der Altstadt der polnischen Hauptstadt Warschau ist seit 1798 Domkirche des Erzbistums Warschau und zugleich die älteste Warschauer Kirche.
|
Ähnliche Probleme gab es ja auch in den ersten Jahren nach der Wende in den damals noch so jungen Neuen Bundesländern. Nach Stasiunterlagen waren etwa 4,7% der insgesamt 5741 DDR-Geistlichen in Diensten des Ministers Mielke.
Was unter dem Strich tatsächlich bleibt, ist ein widerwärtiger Nachgeschmack, der diesen zeitgeschichtlichen Episoden anhaftet. Das moderne Polen könnte unter diesen Umständen – bevor es jetzt ans hausinterne Großreinemachen geht – eine Lernanleihe in Südafrika aufnehmen. Dort nämlich vollzog sich der Wandel von einer rein weissen Unterdrückerminderheit zur heutigen Republik unter ausdrücklicher Ausklammerung der entsetzlichen Vergehen des Apartheid-Regimes.
Und in genau diesem Sinne haben sich ja glücklicherweise die polnischen Bischöfe auch an ihr Kirchenvolk gewandt. Jene Kräfte aber, die jetzt die Stunde für gekommen halten, eine Abrechnung um jeden Preis zu vollziehen, die ihre Political Correctness beweisen wollen, verhalten sich ähnlich wie ethnische Säuberer in Serbien, Kroatien, Kosovo, Ruanda und im Irak. Ihnen geht es um gespenstische Aburteilungen, wie man sie aus der französischen Revolution kennt oder auch aus der großen sowjetischen Säuberungswelle der Jahre 1936 bis 1938. Damals, so weiß man heute, wurden von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des 1934er 17. Parteitages der KpdSU nicht weniger als 98, umgerechnet 70%, verhaftet und liquidiert.
Derlei schädliche Ausuferungen bleiben Polen und dem polnischen Kirchenvolk hoffentlich erspart. Viel hätte man auf diesem Wege schon schaffen können, hätte sich etwa Papst Benedikt XVI. schützend vor seinen Mitbruder Wielgus gestellt.
J. Joachim Moskau
Liebe Leserinnen und Leser!
Zum Jahreswechsel
Meine privaten Rückblicke zum Jahreswechsel sind immer eine Bestandsaufnahme. Auch wenn ich keine neuen Vorsätze habe – denn warum sollte ich mir ausgerechnet zum Jahreswechsel etwas vornehmen und nicht für jeden kommenden Tag – staune ich jedes Mal, wieviel unerwartet Neues in einem Jahr passiert ist. Begegnungen, Aufgaben, Herausforderungen, Erfahrungen, Erkenntnisse. Alles, nur kein Stillstand. Das in einer Rückschau mit sich allein, im Gespräch mit dem Partner oder guten Freuden in einer besinnlichen Stunde bei einem Glas Wein noch einmal Revue passieren zu lassen, gehört für mich zu jedem Jahreswechsel und Geburtstag.
Auch die Jahresrückblicke im Fernsehen sehe ich mit großem Interesse. Meist staune ich dann mehr darüber, wie viele Ereignisse ich schon fast vergessen habe, als darüber, wie viel passiert ist. Offensichtlich selektiert mein Gedächtnis die tagtägliche Flut von Nachrichten, in der die Zahl der schlimmen und tragischen Ereignisse die der positiven Meldungen um ein Vielfaches übersteigt, unbewußt in die zwei Schubladen Merken und Nichtmerken.Weihnachts- und Neujahrsansprachen von Politikern hingegen öden mich schon seit Jahren an.

(Foto: Archiv Elisabeth von Ah)
In den Nachrichten habe ich gerade noch von den schlimmen Ereignissen auf der Erde gehört, daß tagtäglich Kriege an vielen Orten stattfinden, Gewalt, Mord und Folter für unzählige Menschen zum Lebensalltag gehören. daß die Welt weiter aufrüstet und Unsummen in Waffenarsenale investiert, obwohl Millionen Menschen hungern, daß allein 1,8 Millionen Kinder im Jahr sterben, weil sie kein sauberes Trinkwasser haben, daß. „AIDS“ in Afrika 50 Millionen Kinder zu Waisen gemacht hat, daß die Zahl der Tuberkulose-Erkrankungen wieder ansteigt, daß zehntausend Tier- und Pflanzenarten jedes Jahr verschwinden, daß die großen Säugetiere vom Aussterben bedroht sind, weil für sie kein Platz mehr auf der Erde bleib, daß durch die Klimaerwärmung eine riesige Tier- und Pflanzenwanderung nach Norden eingesetzt hat, die eingesessene Arten aus ihrem Lebensraum verdrängt, daß mit Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren, Waldbränden, Vulkanausbrüchen zunehmend zu rechnen ist.
Und dann treten unsere Politiker und Staatoberhäupter vor die Fernsehkameras und versuchen uns weiszumachen, daß der Kampf gegen den Terrorismus oberste Priorität hat.Sie reden vom Frieden, aber sie entwickeln Vernichtungswaffen und schicken junge Menschen in Kriege. Sie erzählen von sozialer Gerechtigkeit und grenzen ganze Gesellschaftsgruppen aus. Sie reden vom Umweltschutz und holzen ganze Urwälder ab. Sie schicken Soldaten in Länder, deren Rohstoffe sie interessieren, doch sie schauen tatenlos zu, wenn Frauen und Kinder in Darfur abgeschlachtet werden. Sie geben dem Großkapital freie Hand, die Ressourcen der Erde nach Belieben auszuplündern. Den Ausverkauf der Erde nennen sie Politik, doch für die wirklich großen, von Menschen gemachten Probleme Armut, Hunger und Naturzerstörung haben sie keine Lösungen.
Für globale Gerechtigkeit – Frieden – Naturbewahrung
Am liebsten möchte ich bei jedem zweiten Satz „Einspruch!“ rufen und auf die verweisen, die wirklich etwas tun. Wie Muhammad Yunus und die Grameen Bank in Bangladesh, die den Friedensnobelpreis 2006 erhielten. Als „Bank für die Armen“ geben sie den Ärmsten Kredite zum Aufbau einer eigenen Existenz. Armut ist für Ökonomieprofessor Yunus eine „schreiende globale Ungerechtigkeit“ und ihre Überwindung eine unabdingbare Voraussetzung für den Frieden in der Welt.
Der Verein Aachener Friedenspreis, 1988 von Einzelpersonen aus Parteien, Gewerkschaften und Bürgergruppen ins Leben gerufen, würdigt Engagement und Zivilcourage von Menschen, die ohne öffentliche Ämter für den Frieden arbeiten. In diesem Jahr wurde der Verein „Hilfe für Menschen in Abschiebehaft Büren“ ausgezeichnet.
Desolaten politischen Entscheidungen kann man nur durch persönliches Engagement etwas Positives entgegensetzen. Es sind die vielen Menschen überall auf der Erde, die sich in Initiativen und Projekten für globale Gerechtigkeit, Frieden und Naturbewahrung einsetzen, die Anlaß geben, guten Mutes auf dieses neue Jahr anzustoßen.
Im Namen von Herausgeber Juri Klugmann und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Rundschau wünsche ich Ihnen ein gutes Neues Jahr. Wir bedanken uns für Ihr Interesse im abgelaufenen Jahr und hoffen, daß Sie uns im neuen treu bleiben.
Elisabeth von Ah
Krieg und (kein) Frieden im Nahen Osten
Liebe Leserinnen und Leser!
„Ich kann’s nicht mehr hören“, winkt einer meiner Freunde regelmäßig dann ab, wenn die Rede auf den Nahen Osten kommt, und er klinkt sich aus. Ein anderer hingegen, international renommierter Gastprofessor an der Amerikanischen Universität in Beirut, berichtet von traumatischen Erlebnissen. Die hatte er, nachdem der Uni-Betrieb wegen des israelischen Bombardements geschlossen werden mußte, bis zu seiner dramatischen Evakuierung durch US-Marines über Zypern und Italien in die USA. Und ein dritter ergeht sich beständig in den abenteuerlichsten Vorschlägen, wie der Brandherd zu löschen sei, wobei weder die eine noch die andere Seite gut wegkommt.
.jpg)
(Karikatur: Pohlenz)
Das Theoretisieren, besonders in objektiver und informierter Weise, über den seit 1948 bestehenden Brandherd in Palästina gestaltet sich angesichts fundamendalistisch gesteuerter, verheerender Attentate auf ahnungslose Menschen überall in der Welt und von israelischen Bomben zerfetzten libanesischen Kindern zunehmend schwieriger. Die Debatten in den Medien werden hitziger. Gleichzeitig läßt sich eine deutlichere Polarisierung der Meinungen feststellen, Schuldzuweisungen werden vehementer, Rechtfertigungsversuche unnachgiebiger und die Rufe nach diplomatischen Lösungen werden schwächer. Die Polarisierung dehnt sich, mehr noch als bisher, auf die geopolitische Ebene aus und verändert neutrale Positionen in unzweideutige diplomatische Unterstützung der einen oder anderen Partei. Beispiel Kanada: Dieses Land hat jetzt mit seiner neutralen internationalen Vermittlerrolle gebrochen und sich parteiisch auf die Seite Israels im gegenwärtigen Konflikt geschlagen. Währenddessen rufen konservative Kreise in den USA und anderswo nach einer Beendigung der diplomatischen Vermittlungsversuche und dem Einsatz eines „aggresiven Programms“, sprich Krieg, gegen die der Schürung der gegenwärtigen heißen Phase verdächtigten Länder Iran und Syrien.
Das ist eine höchst bedauerliche Wendung, denn kriegerische Auseinandersetzungen, zumal im Nahen Osten, haben der Zivilbevölkerung niemals etwas gebracht außer unsäglichem Leid: zu Tode gekommene Menschen, zerstörte Städte und Landschaften, vernichtete Lebensgrundlagen, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus spürbare wirtschaftliche, politische und soziale Nachwirkungen. Einzig spezielle Interessenvertreter und die Hersteller der im Kampf gebrauchten Waffensysteme, Bomben und Munition sowie deren Zulieferer reiben sich jedesmal freudestrahlend die Haut von den Händen. Was hat denn der vorerst letzte Krieg in Palästina konkret gebracht? Vorgeblich von der Hisbollah provoziert, marschiert die israelische Armee im Libanon ein, um einen vorbeugenden Vernichtungsschlag gegen die Bedrohung aus dem Norden auszuführen, übrigens bereits zum fünften Mal seit 1978, und bombardiert gleichzeitig das Land samt seiner Hauptstadt 20 Jahre zurück in die Vergangenheit. Am Ende sind tausende Unbeteiligte gestorben, aber das Ziel ist nicht erreicht, sondern das Gegenteil: die Hisbollah wurde nicht entwaffnet, die Bürger des Libanon, ansonsten eher in religiöse und politische, sich gegenseitig bekämpfende Fraktionen gespalten, schliessen sich enger zusammen in Opposition zu Israel. Das kann weder in israelischem noch in US-amerikanischem Interesse sein.
Aber vielleicht im Interesse vieler Millionen Menschen im Iran? Glaubt man nämlich den neuesten Enthüllungen des Starjournalisten des „New Yorker“, Seymour Hersh („Watching Lebanon, by Seymour M. Hersh, Washington’s interests in Israel’s war.“ Issue of 2006-08-21; posted 2006-08-14), so war der mißglückte Feldzug gegen die Hisbollah nicht nur mit der Bush-Regierung abgesprochen, sondern gar eine „Trockenübung“ für einen tatsächlich geplanten, nicht nur in bestimmten Kreisen geforderten, präventiven Krieg gegen Iran.
Eine weitere Folge der Invasion im Libanon ist die neuerliche Entsendung von Friedenstruppen als Puffer zwischen die kriegerischen Parteien – ebenfalls nicht zum erstenmal. Wieder muß die internationale Gemeinschaft ihren Hals hinhalten zur Stabilisierung der ewig wackeligen Situation im Libanon. Wird es etwas nützen oder wird es wieder zu Blutvergießen kommen, wie beispielsweise 1983 in Beirut, als 241 US-Marinesodaten und 58 französische Fallschirmjäger, alles Mitglieder einer UN-Friedenstruppe, arabischen Selbstmordattentätern zum Opfer fielen?
Für uns hier ist es dankenswerterweise nur die theoretische Erörterung eines schier unlösbaren Konflikts. Was aber, wenn unsere Söhne im wehrpflichtigen Alter demnächst zur Friedenserhaltung nach Palästina abkommandiert werden? Seit dem neuesten Beschluß der deutschen Bundesregierung ist dies durchaus denkbar. Abwinken und ausklinken funktioniert dann nicht mehr.
Eines allerdings kann man in jedem Falle tun: sich umfassend und aus vielerlei Quellen informieren und sich weder von der einen, noch von der anderen Seite einschüchtern oder vereinnahmen lassen, schon gar nicht im Namen sogenannter „political correctness“. Das Diskutieren über die Verhältnisse hilft ebenfalls beim Denken.
Was meinen Sie?
Heidi Liane Harmat
Liebe Leserinnen und Leser,
benötigen Sie nach der apokalyptischen Flutkatastrophe in Südostasien, die bisher 220.000 Menschen das Leben kostete, noch schreckenseinflößende Katastrophenfilme “made in Hollywood”? Wir haben diese Filme nie gemocht und verzichten auch zukünftig auf sie. Die Macht der Natur, die unserem Dasein Grenzen setzt, und die täglichen Meldungen über Mord und Totschlag, Folter und Vergewaltigung von Körper, Geist und Seele sind schlimm genug. Sie reichen aus, um einen sensiblen Charakter in tiefe Depressionen verfallen zu lassen. Einen Augenblick schien es, daß die Menschheit angesichts der Bilder von furchtbarer Zerstörung und unsagbaren Leids alle ihr innewohnenden Widersprüche und selbstgemachten Konflikte vergessen würde, um den Opfern in den Tsunami-Gebieten am Indischen Ozean zu helfen. Der Welle der Zerstörung folgte eine Welle beispielloser Hilfsbereitschaft und des Mitgefühls. Einen Augenblick schien es, als ob Menschlichkeit über unterschiedliche politische und wirtschaftliche Interessen siegen würde. Einen Augenblick schien es, alle Bewohner unserer Erde würden sich auf einem Schlag bewußt werden, daß wir einander brauchen, um gemeinsam zu überleben. Einen Augenblick schien es Hoffnung zu geben, daß wir als vernunftbegabte Wesen statt todbringener Waffen zukünftig allen notleidenden Menschen Zugang zu sauberem Wasser, lebensnotwendigen Nahrungsmitteln und menschenwürdigem Dasein ermöglichen würden.
Doch diese Augenblicke der Hoffnung werden überschattet von neuen Schreckensmeldungen über Terroranschläge, Bürgerkriege und schwelende Konflikte. Jan Egeland, für Hilfsaktionen zuständiger Koordinator der Vereinten Nationen, erinnerte kürzlich in New York daran, nicht zu vergessen, daß seit 1998 im Kongo 3,8 Millionen Menschen dem Bürgerkrieg zum Opfer fielen und heute immer noch täglich 1000 Menschen eines gewaltsamen Todes sterben. Daß in Dafur im Sudan täglich vor den Augen der Weltbevölkerung gemordet wird. Daß den Opfern des verheerenden Erdbebens im iranischen Bam anhaltende Hilfe und Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit nicht zuteil wird. Wer spricht heute noch vom Genozid in Ruanda und Burundi, steht den Millionen Waisenkindern bei, deren Eltern in den letzten Jahren Opfer einer kriegerischen Auseinandersetzung wurden, heilt die Wunden der Millionen, die in den Krisenzonen unserer Erde geistig und körperlich verstümmelt zurückbleiben?
Hingegen reisen zur Zeit noch immer Politiker aller Herren Länder medienwirksam in die Tsunami-Katastrophengebiete und machen sie zu obersten Wallfahrtsorten des Schreckens, unter dem Schutz von Sicherheitskräften und in Hubschraubern, die dadurch gehindert werden den Opfern zu helfen.
Wir hoffen, daß Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunamis, Wirbelstürme, Erdrutsche und Vulkanausbrüche mit Hilfe moderner Technologien und neuster wissenschaftlicher Erkenntnisse besser voraussehbar und in ihren Auswirkungen abgemildert werden können, wissen aber, daß sie dennoch immer unberechenbar bleiben Das flößt uns blankes Entsetzen ein. Im Gegensatz dazu scheinen wir uns jedoch an von Menschen gemachte Katastrophen als unvermeidbares Übel gewöhnt zu haben. Ist es nicht schizophren, daß wir Kriege und bewaffnete Konflikte, angezettelt von denjenigen, die am Krieg und Leid anderer Menschen Geld verdienen, als unabänderliche Tatsache akzeptieren, die uns kaum mehr Entsetzen einflößt? Welche Umkehrung der Realität hat dazu in unserem Bewußtsein stattgefunden?
Mit ihrer nie dagewesenen Spendenbereitschaft für die Opfer der Flutkatastrophe haben sich mitfühlende Menschen in aller Welt in Hilfsbereitschaft vereinigt. Auch die Regierungen zeigen mit gewaltigen Spendensummen anscheinend Verantwortungsbewußtsein. Dabei haben die Vereinigten Staaten von Amerika gerade mal die Summe zugesagt, die sie in anderthalb Tagen im Irak-Krieg ausgeben. Die Spende der deutschen Regierung entspricht gerade dem Betrag, den Steuerflüchtlinge angesichts versprochener Amnestie im letzten Jahr freiwillig zurückzahlten.
UN-Generalsekretär Kofi Annan bezweifelt zudem aufgrund seiner Erfahrung, daß die Zusagen tatsächlich in voller Höhe eingehalten werden. Kritische Stimmen hinterfragen bereits das politische Kalkül der Geberländer und sehen ihre handfesten Interessen, die in Imageaufwertung, dauerhafter Militärpräsenz in der Region und in der Stärkung von Waffenhandel und Militärkooperation bestehen könnten. Und während US-Hubschrauberpiloten in Indonesien begrüßen, daß sie mit ihrem Einsatz “Gutes für die Menschen tun können”, schließt ihr Oberbefehlshaber Präsident Busch einen künftigen Krieg gegen Iran nicht aus.
Wissen Sie einen Weg, wie wir unsere Welt für alle Bewohner lebenswert gestalten können? Sehen Sie einen Ausweg aus der Misere? Bitte schreiben Sie uns.
Ihr Juri Klugmann
Ihre Elisabeth von Ah
Verehrte Leserin, verehrter Leser,
“Endlich reiten Sie wieder! Die Rächer der Entharzten, die Kämpfer für soziale Gerechtigkeit…” Über die “Entharzten” stolperte eine Moskauer Kollegin bei der Lektüre originaler deutscher Presseprodukte. Sie rief bei mir in Berlin an. Und ich war im Erklärungsnotstand. Ein Student aus Ghana e-mailt gestern neugierig: “Wer ist Hartz der IV.? Wer waren Hartz der I. bis III.? Um welche Dynastie handelt es sich?” Ja, die Informationsdefizite über “Hartz” sind in ferneren Regionen beträchtlich. Doch auch hierzulande weiß längst noch nicht jeder Bescheid: “Hartz” hat sich zwar herumgesprochen. Doch so richtig durch die Köpfe ist dieses Reformwerk noch lange nicht. “Hartz” steht denn auch für Kommunikationspannen und Informationschaos der Regierung. Manche, die immer alles besser wissen (wollen), sprechen sogar von “Kommunikationskatastrophe” im Zusammenhang mit der politischen Vermittlung der Hartz-IV-Gesetzesinhalte. Die zumeist negative Belegung der Hartz-Wort-Blüten resultiert aus der sich langsam entfaltenden Wirkung dieses so genannten Gesetzes zur Arbeitsmarktreform im Vorfeld seines In-Kraft-Tretens zum 1. Januar 2005. Denn mit Hartz IV werden Millionen Menschen wie Vorbestrafte behandelt. Sie müssen, wenn sie staatliche Hilfe beanspruchen — die Hosen runter lassen, ihre Vermögensverhältnisse komplett offenlegen. Von der Datsche, Omas Erbschmuck, Kindersparbuch, alles gerät ins Visier des Staates. Der stellt dafür extra 80.000 Schnüffelkraten ein. Übrigens die erste greifbare, nachweisbare Arbeitsbeschaffungsmaßnahme dieses Gesetzes. Fakt ist: Diese Bundesregierung beherrscht nicht die Kunst, Fehler zu machen, die kein Mensch bemerkt. Das kann ihr zum Verhängnis werden. Warum? Die Deutschen marschieren wieder. Montags. Ja, es gibt sie wieder, die Montagsdemo. Sie erinnern sich? Es waren die Montagsdemonstrierer, die 1989 die DDR-Regierung aus ihren Sesseln, die DDR aus den Angeln hob, die Berliner Mauer zum Einsturz brachte. Klar, heute sind die Winkelemente und Gesinnungstextilien anders beschriftet. Und noch ein gravierender Unterschied ist zu registrieren: Schon seit Wochen laufen die Montagsdemonstrierer gegen “Hartz” auch auf westdeutschen Straßen. Das ist eine echte Premiere.

Photo
Apropos Premiere. Das deutsche Regierungslager erweist sich sogar selbst irgendwie als reformfähig: Das Hartz-IV-Gesetz wird noch vor seinem Inkrafttreten novelliert. Tja, in Deutschland läuten die Glocken. Der vertriefte deutsche Michel reibt sich die Augen, wird langsam wach. Sein Sozialstaat wird zu Grabe getragen.
Derweil treibt der Wortstamm “Hartz” weiter reiche Blüten: “Das ist ja hartzend!” ist unter Jugendlichen ähnlich gebräuchlich wie “Is’ ja ätzend!” “Hat es Dir die Stimmung verharzt?”, fragte mich letztens meine Tochter. “Total verhartz!” stöhnt mich ein arbeitsloser Kollege an — auf mein ahnungsloses “Wie geht’s?” Ein Vorschlag an die Sprachjäger und Sammler vom Duden: Nehmt das Wort “hartzen”, (“verhartzen”, “hartzig”) in euren Wortschatz auf. Auch “Hartzianer” war schon zu lesen — im Zusammenhang mit Golfen. Haben Sie dich schon “geharzt” heißt so viel wie: Bist Du schon von der Arbeitsagentur durchleuchtet? Kein Wunder also, “Hartz” hat das Zeug, zum Unwort des Jahres zu avancieren. Mensch, ist deutsche Sprachentwicklung aufregend! Und wir sind mittendrin, so richtig dabei, in Echtzeit.
Übrigens: Noch hatte ich keine Gelegenheit, Herrn Peter Hartz, Volkswagen-Personal-Vorstand in Wolfsburg, persönlich zu fragen, wie er das aushält, das mit seinem Namen. Immerhin steuerte Herr Hartz Schlüssel-Ideen zu diesem Gesetz bei. Jedenfalls wird es ein heißer Protest-Herbst in Deutschland. Das verspricht zumindest Pedram Shahyar von Attac. “Wir werden mit Blockaden und kollektivem Ungehorsam Sand ins Getriebe streuen.” Mit einem Marsch auf Berlin soll am 3. Oktober gegen die Hartz-Gesetze demonstriert werden. Wir halten Sie auf dem Laufenden.
Vorher jedoch, Anfang September, treffen sich die Korrespondenten der Deutschen Rundschau aus ganz Europa in Berlin. Bestimmt werden wir auch über die spannenden Ereignisse rund um “Hartz” debattieren. Ich werde Ihnen ausführlich von unserem Treffen berichten. Versprochen. Schon in Vorfreude auf unser Treffen in Berlin.
Ihr Gerd Michels
DIE QUAL DER WAHL
Liebe Leserinnen und Leser,
in Kanada prägt seit Wochen der Wahlkampf die Medienlandschaft. Ontario wählte einen neuen Ministerpräsidenten, die Metropole Toronto einen neuen Bürgermeister, nun wird über die Nachfolge des kanadischen Premiers Jean Chrétien entschieden.
“Menschen zwischen den Stühlen”, die mit deutschem Paß in Kanada leben, beobachten das politische Geschehen mit Interesse, aber distanziert. “Permanent Residents” dürfen ihre Stimme in Kanada nicht abgeben, dazu muß ist die kanadische Staatsbürgschaft erforderlich. Weltweit wird zwar seit Jahren ein kommunales Wahlrecht für Ausländer heiß diskutiert, läßt sich aber nicht durchsetzen. Obgleich ein Stimmrecht auf lokaler Ebene andersstaatliche Mitbürger stärker in ihre Gemeinden einbinden würde, stehen den dazu erforderlichen Gesetzesänderungen viele bürokratische Hürden im Wege. So bleiben Einwanderer, die ihren Heimatpaß behalten, auf beiden Seiten des Atlantiks bei politischen Entscheidungen vor Ort außen vor, selbst, wenn sie dort Steuerzahler sind. Kein Wunder also, daß wir als Auswanderer mit deutschem Paß politische Machtkämpfe in unserer Wahlheimat etwas reserviert mitverfolgen.
Wie ist es aber mit den politischen Entscheidungen in unserer alten Heimat? Betreffen uns diese noch im gleichen Ausmaß wie vor unserer Auswanderung? Um als deutscher Staatsbürger im Ausland an Bundestagswahlen teilnehmen zu können, bedarf es einiger Anstrengungen: Bei einem deutschen Konsulat muß ein förmlicher Antrag auf Eintragung in ein Wählerverzeichnis gestellt und gleichzeitig eine Versicherung an Eides Statt abgegeben werden, daß der Antragsteller noch Deutscher im Sinne des Grundgesetzes ist. Das ist aufwendiger als der einfache Gang an die Wahlurne, und Politikverdrossene werden den Extra-Verwaltungsaufwand nicht ohne weiteres auf sich nehmen. Den deutschen Bundestag mitwählen kann jeder volljährige Deutsche, der sich nicht länger als 25 Jahre im Ausland aufgehalten hat.

Nach einem Vierteljahrhundert befinden sich Auswanderer mit deutschem Paß dann in einem politischen Niemandsland – nicht länger wahlberechtigt in Deutschland und schon gar nicht in der Wahlheimat. Aber 25 Jahre sind eine lange Zeit. Schon nach nur einem Jahrzehnt im Ausland wird der Abstand zu dem, worüber sich in Deutschland tagtäglich die politischen Gemüter erregen, groß. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man die deutschen Spitzenpolitiker und ihre Vorhaben jeden Tag im Fernsehen und in den Printmedien vor Augen hat, oder ob man mit tausenden Kilometern Distanz auf das Internet und sporadische TV-Programme zurückgreifen muß. Andererseits schaffen die Erfahrungen im ausländischen Alltag einen positiven Abstand und internationale Vergleichsmöglichkeiten, durch die die inländischen Zustände besser zu beurteilen sind.
Die Informationsbeschaffung ist dabei auch im 21. Jahrhundert noch ein Problem. Auch die beste internationale High-Tech-Internet-Verbindung kann das politische Geplänkel am Gartenzaun und in der Stammkneipe nicht ersetzen, das in der Auslands-Diaspora eben nur sporadisch stattfinden kann. Wer als Computer-Muffel im Ausland lebt und keinen Zugang zu deutschsprachigen Fernsehsatellitenprogrammen hat, muß sich mit älteren Ausgaben deutscher Zeitungen zufriedengeben, sofern diese überhaupt zu erhalten sind.
Hand auf’s Herz: Können Sie aus dem Stegreif die wichtigsten deutschen Bundesminister noch mit Namen nennen? Wie leicht fällt Ihnen das für Ihre Wahlheimat? Wie versuchen Sie, über politische Entwicklungen im deutschsprachigen Raum auf dem laufenden zu bleiben? Fühlen Sie sich vom politischen Geschehen an Ihrem Wohnort ausgeschlossen? Engagieren Sie sich persönlich? Ist es vom Standpunkt des Auswanderers aus überhaupt noch wichtig, welche politischen Entscheidungen in der alten Heimat getroffen werden? Welche politischen Köpfe haben in Ihren Augen in Deutschland oder in Ihrer neuen Heimat wirklich Geschichte geschrieben? Wir möchten Sie anregen, Ihre Erfahrungen zu diesem Themenkreis mit anderen Lesern zu teilen. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.
Dr. Manya Brunzema
Liebe Leserinnen und Leser,
beklagen Sie auch, zu wenig Zeit zum Lesen zu haben, gar nicht alles lesen können, was Sie reizt und neugierig macht und faszinierenden Lesestoff oft unterbrechen zu müssen?
Sicher kennen Sie die hypothetische, aber psychologisch interessante Fragestellung, welche drei Bücher Sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Meine Buchwahl wäre je nach Lebensalter eine andere gewesen. Denn erstaunlich oft hat mir das Leben im jeweiligen Moment DAS richtige Buch in die Hände gespielt.
Geht es Ihnen auch so, daß ein Buch für die Lesezeit und darüber hinaus Begleiter Ihrer Gedanken- und Gefühlswelt wird? Daß Sie sich darüber mit anderen Menschen austauschen möchten und versuchen, sie zum Lesen zu motivieren? Und daß Sie dann oft hören: Keine Zeit!
Umfragen zufolge lesen die Deutschen heute seltener und oberflächlicher als früher und brechen eine Lektüre schneller ab, wenn sie ihnen nicht zusagt. Nahmen 1992 noch 16% der Menschen täglich ein Buch in die Hand, so sind es heute nur noch 6%. Die Zahl derjenigen, die nie ein Buch lesen, stieg im gleichen Zeitraum von 20% auf 28%. Als Gründe gaben 62% an, keine Zeit zu haben, 55% lieber fernzusehen, 28% Lesen sei ihnen zu anstrengend und 15% Lesen sei etwas für Leute, die nichts Besseres zu tun hätten.
Dennoch zeigen die Verkaufszahlen des deutschen Buchhandels, daß das Buch noch nicht aus der Mode gekommen ist. Allerdings lesen 2/3 aller Männer und 1/3 der Frauen,
![]() |
| Nach 20 Uhr: Jedes 5 .Kind allein vor dem Bildschirm! (Karikatur: Klaus Cadsky) |
um sich zu informieren und nicht zur Entspannung und Unterhaltung. Die Umfragen zeigen allerdings auch, daß Computer und Internet nicht für das veränderte Leseverhalten verantwortlich sind, denn jugendliche Computernutzer lesen deutlich mehr als Gleichaltrige ohne Computerzugang. Tatsache ist, daß die Erfahrung in der Kindheit vorrangig das Leseverhalten prägt und mit dem Vorlesen beginnt. Ich erinnere mich immer noch gerne an meine fernsehlose Nachkriegskinderzeit mit Geschichten vor dem Einschlafen, Grimms Märchen, Sagen des klassischen Altertums, den Sanella-Sammelalben mit ihren bunten Bildern, an meine Bilderbibel und an “das Kino im Kopf”, das sie ausgelöst haben. Später an meine wöchentlichen Besuche in der Bücherei, an den Stapel Bücher unter dem Weihnachtsbaum. Und in meiner Jugend an wahllose Leseorgien von klassischer Literatur bis zum Groschenroman.
Ich frage mich, ob Kinder, die in Haushalten ohne Bücher groß werden, deren Eltern kaum oder gar nicht mehr lesen und vorlesen, Literatur wertschätzen lernen. Werden Texte in Zukunft auf Comic-Sprechblasen-Niveau verflachen müssen, um die Menschen noch zu erreichen? Stellen die anspruchslosen Bestseller, die Rekorde auf dem Buchmarkt verzeichnen, weil man sie wie geistige Fast-Food-Nahrung konsumieren kann, die Mehrheit der Menschen auf Dauer zufrieden? Oder behält das in der Sprache der Zeit gut geschriebene Wort nicht doch seinen Stellenwert, eben weil es das Denken und Fühlen der Gegenwart widerspiegelt? So wie die klassische Literatur bis heute überlebt hat, weil sie Ausdruck des Zeitgeistes ihrer Epoche ist.
Die Deutsche Rundschau freut sich wie immer auf Ihre Meinung.
Ihre Elisabeth von Ah
Liebe Leser und Leserinnen,
Es ist wieder einmal soweit. Weihnachten und der Jahreswechsel stehen vor der Tür. Politisches tritt vor dem Privaten zurück. Dies sind Feiertage, an denen Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, noch stärker als sonst bewußt wird, daß sie sich jetzt in einem anderen Kulturkreis aufhalten. Der sentimentale Unterton beider Feste und die Tatsache, daß sie in unserer Erinnerung an bestimmte Bilder, Gerüche, Speisen, Traditionen und Personen, mit denen wir diese Feste schon feierten, gebunden sind, machen uns “anfälliger” für einen wehmütigen Blick zurück – in die eigene Kindheit und dahin, wo wir lebten, bevor wir unser Geburtsland verließen.
Zwischen den Jahren laufen zwischen den Kontinenten die Telefondrähte heiß. Wenn im deutschsprachigen Europa an Heiligabend die Geschenke geöffnet werden, ist man in Nordamerika noch beim Mittagessen. Das deutsche Silvesterfeuerwerk ist längst verloschen, wenn man auf anderen Kontinenten auf den Beginn des neuen Jahres anstößt. Die Feiertage machen den Abstand zwischen uns “Auslandsdeutschen” und den im Land Gebliebenen besonders deutlich und demonstrieren unsere Situation als “Wanderer zwischen den Welten” genau. Weihnachts- und Silvesterbräuche der Wahlheimatländer, die uns fremd bleiben, scheinen die Distanz zwischen uns als Einwanderern und den Einheimischen noch zu vergrößern. Mit unseren Nikolaus-Feiern, unserem Tannenbaum-Schmuck und unseren Silvester-Knallern “outen” wir uns in fremden Ländern als Menschen deutschsprachiger Herkunft, greifen auf unsere eigene Tradition zurück und grenzen uns damit ein Stück von der Kultur unserer Gastländer ab – eine Gratwanderung, die Auswanderer ihr Leben lang vollziehen. Nach Jahren der Abwesenheit aus der “alten Heimat” gehören wir jedoch auch dort nicht mehr so ganz hin. Auch wenn wir noch so viele Zeitschriften, Internet-Nachrichten und Radio- und Fernsehprogramme via Satellit aus dem deutschsprachigen Europa beziehen, kann dies die Teilnahme am tagtäglichen Geschehen dort nicht ersetzen. Zwar wird die Kluft zwischen Ausgewanderten und Daheimgebliebenen an Feiertagen besonders spürbar, doch sie betrifft viele unserer Leser und Leserinnen 365 Tage im Jahr. Das Leben in der Fremde hat viele anstrengende Facetten: Eine Heimreise ist in der Regel kein Heimat-Urlaub, sondern kann sich leicht zur Tournee entwickeln, auf der sämtliche Verwandtschaft mit einem Besuch bedacht werden möchte und beleidigt ist, wenn das nicht geschieht. Wer nicht regelmäßig nach Deutschland, in die Schweiz oder nach Österreich zurückfliegen kann, stellt fest, wie befremdlich vieles “typisch Deutsche” nach einigen Jahren Auslandsaufenthalt wirkt.
Wer im Ausland Kinder erzieht, stößt nicht nur dabei auf Probleme, ihnen die deutsche Sprache aktiv zu erhalten: Wie stellt man Nähe zu Großeltern her, die tausende von Kilometern weit weg wohnen? Wie verkraften kleinere Kinder es, daß Verwandte und gute Freunde manchmal für Wochen am Familienleben teilnehmen, um dann wieder für Jahre ganz aus ihrem Blickfeld zu verschwinden, kaum, daß die Kinder an ihre Gesellschaft gewöhnt sind?
Die zahlreichen Abschiede und Wiedersehen, die ein Leben im Ausland mit sich bringt, sind für alle Altersgruppen schwer zu verarbeiten. Wie geht eine Familie im Ausland mit Besuchern um, die sie als preiswerte Hotel-Alternative für einen Erlebnisurlaub ansteuern und ein Abenteuerprogramm vor Ort erwarten? Was geschieht, wenn Eltern oder Freunde in der alten Heimat gebrechlicher, krank oder pflegebedürftig werden? Was passiert, wenn der Anlaß zur Auswanderung plötzlich nicht mehr besteht, wenn man etwa im Ausland den Job oder den Lebenspartner verliert? Kann man nach langen Jahren des Auslandsaufenthaltes wirklich noch den Schritt zurück in das Herkunftsland wagen, das fremder geworden ist? All dies sind nur einige der Fragen, die Sie oder Bekannte von Ihnen sicher auch schon beschäftigt haben, nachdem Sie den deutschsprachigen Raum verließen.
Welche Erfahrungen haben Sie mit diesen Problemen gemacht, die Sie mit anderen Lesern der “Deutschen Rundschau” teilen möchten? Haben Sie Ratschläge für andere Leser und Leserinnen, wie Sie die Schwierigkeiten einer Existenz zwischen zwei Welten ganz persönlich und konkret gemeistert haben? Bitte schreiben Sie uns. Ihre Geschichten und Beispiele könnten anderen Lesern in ähnlichen Situationen in anderen Ländern der Erde weiterhelfen und – ganz im Sinn unserer Zeitung – eine weltweit verbindende Brücke schlagen.
Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften. Die Redaktion der “Deutschen Rundschau” wünscht Ihnen – wo immer Sie leben – ein zufriedenes neues Jahr!
Dr. Manya Brunzema
Liebe Leser,
“Go East – Deutschlands starker Osten”. Unter diesem Motto haben wir für Sie erst kürzlich die jungen Bundesländer 10 Jahre nach der Wiedervereinigung besucht. Wir stellten Ihnen in einer Beitragsserie interessante Menschen, Persönlichkeiten, Städte und Regionen vor. Ein besonderes Lob möchte ich an dieser Stelle dem Presse- und Informationsamt der deutschen Bundesregierung und dem Besucherdienst von Inter Nationes aussprechen, deren Mitarbeiter uns mit Rat und Tat zur Seite standen. Ohne diese Förderung wäre unseren Redakteuren, Korrespondenten und mir bestimmt manch wichtige Tür verschlossen und wertvolle Erfahrung versagt geblieben.
Da Ihnen, geschätzte Leser, die westelbischen Bundesgebiete gewiß vielfach vertrauter als der Osten Deutschlands sind, haben wir uns bewußt für Sie in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen umgeschaut. Was lag näher, als mit dem ersten Mann des jeweiligen Bundeslandes ins Gespräch zu kommen? Was lag näher, als die Oberbürgermeister und bekannte Persönlichkeiten danach zu befragen, warum sie gerade ihren Heimatort und ihre Heimatregion im Ausland lebenden Deutschsprechenden als interessanten Unternehmensstandort und sehenswertes Reiseziel empfehlen? Was lag näher, als sich vor Ort davon zu überzeugen, ob das vielfach vermittelte Negativ-Bild von Deutschland insgesamt und den “ausländerfeindlichen Ostdeutschen” nicht einer dringenden Korrektur bedarf?
Um das zu ergründen, habe ich gerne die Kritik von Lesern in Kauf genommen, die sich darüber beklagten, daß wir uns in unserer jüngsten Berichterstattung zu sehr auf die neuen deutschen Bundesländer konzentrierten, statt ein gesamtdeutsches Bild zu vermitteln.
Die für mich persönlich wohl wichtigste Erfahrung unserer jüngsten Journalistenreisen war diese: Alle Spitzen- und Lokalpolitiker, mit denen wir ins persönliche Gespräch kamen, wollten nicht nur die gebotene Chance zur Selbstdarstellung nutzen, sondern sie erkundigten sich sehr genau danach, was Deutschsprechende im Ausland bewegt. Vielfach tauchte die Frage auf, wie Deutschstämmige über heutige politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen in ihrer ehemaligen Heimat denken. In besonders einprägsamer Erinnerung sind mir unsere (wiederholten) Begegnungen mit den Ministerpräsidenten von Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt, aber auch unsere sehr offenen, konstruktiven Gespräche mit Staatssekretär Heye in Berlin und Staatsminister Huber in München geblieben.
Es scheint mir, daß im Gegensatz zu manchem Industrieboß, deutsche Politiker und mittelständische Firmenchefs eher bereit sind, das Verhältnis zu Deutschsprechenden im Ausland als Segment deutscher auswärtiger Kulturpolitik, weg vom vorurteilsbehafteten“Schwarz-Weiß-Denken”, neu zu bewerten.
Sie wissen, die “Deutsche Rundschau” kritisiert im Interesse ihrer weltweiten Leserschaft oft und sehr heftig die Rotstiftpolitik der ehemaligen und der jetzigen Bundesregierung. Aber als wichtige internationale Stimme der im Ausland lebenden und arbeitenden Deutschsprechenden beklagen wir uns nicht nur. Wir wollen z.B. mithelfen, das Verhältnis zwischen Politikern der deutschsprachigen Vaterländer und Mitgliedern von Organisationen der im Ausland lebenden Deutschsprechenden zu verbessern. Deshalb suchen wir bewußt den konstruktiven Dialog mit deutschen Spitzenpolitikern. Wie Sie auch in dieser Ausgabe sehen und lesen können, wurde unsere Initiative angenommen.
Nicht nur der Regierungssprecher der Bundesrepublik Deutschland und die Ministerpräsidenten und Minister verschiedener Bundesländer hörten uns an. Nein, auch Parlamentarier der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien fanden Zeit für uns. Oberbürgermeister und Einwohner von mittel- und norddeutschen Städten kamen mit uns ins Gespäch, gaben uns Gelegenheit zum Umschauen.
Meinungsverschiedenheiten gab es auch. Beispielsweise in der Frage, wie deutsche auswärtige Kulturpolitik am Besten ihre Adressaten erreichen kann. Das ist bei diesem brisanten Thema nicht ungewöhnlich. Unterm Strich zeigten sich jedoch alle Gesprächspartner interessiert und versprachen, unsere Vorschläge sorgfältig zu prüfen.
Regelrecht begeistert wurde unser Angebot aufgenommen, gemeinsam mit örtlichen Handwerkskammern einen Austausch von Lehrlingen und jungen Handwerksgesellen zwischen deutschen und nordamerikanischen Familienunternehmen über unsere internationale Monatszeitung ins Leben zu rufen. Mit dieser Aktion möchte die “Deutsche Rundschau” erneut ihre völkerverbindende Mission unter Beweis stellen. Wir setzen uns dafür ein, daß junge Leute die Gelegenheit erhalten, ihre Traumländer und andere Unternehmenskulturen zu besuchen und kennenzulernen.
Es ist an der Zeit, daß wir uns auf die Lösung der wichtigen Fragen der Gegenwart und Zukunft konzentrieren. Vielfältige Begegnungen zwischen Deutschen und Deutschsprechenden, über Ozeane und Ländergrenzen hinweg, gehören dazu. Persönliche Kontakte können von websites im Internet angeregt, aber nicht ersetzt werden.
Ihre Ideen und die Bereitschaft zur Mitarbeit sind gefragt. Bitte teilen Sie uns mit, wie die Zusammenarbeit zwischen in Europa lebenden und außerhalb Europas wohnenden Deutschsprechenden noch verbessert werden kann. Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
Sie werden es selbst bemerkt haben: Auch im neuen Jahrtausend berichten seriöse Tagesmedien weltweit mehr über unerfreuliche, statt gute Neuigkeiten. Wer Massenarbeitslosigkeit, Massenarmut, Massenkrawalle und Massenhoffnungslosigkeit zum Thema macht, will nicht nur Einschaltquoten und Leserzahlen erhöhen, sondern berichtet über tatsächliche Probleme unserer Welt. Diese Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Wie Shakespeares zögernder Hamlet, der konstatierte “The time is out of joint”, scheinen wir hilflos mit diesem Zustand. Denn mit Besorgnis verfolgen Millionen von Menschen an flimmernden Bildschirmen, wie große Teile dieser Welt von einer Welle von Protesten und Gewaltakten erschüttert werden, die in vergangenen Jahrzehnten ihresgleichen suchte. Wehret den Anfängen!
Im Zusammenhang mit den in vielen Ländern gestiegenen Preisen für Rohöl, Benzin- und Dieselkraftstoff wird die schwankende Balance der Gesellschaft im scheinbar so stabilen Westeuropa besonders deutlich. Es war abzusehen, daß sich die in den letzten Monaten rasch gewachsene Unzufriedenheit der Bürger vieler Länder Luft machen und versuchen wird, ihren rat- und kraftlos wirkenden Regierungen Einhalt zu gebieten. Otto Normalverbraucher hat endgültig die Nase voll. Er nimmt die Knebelung durch die Steuerschraube, ganz gleich mit welchem Namen man ihm das Kind in die Wiege zu legen versucht, nicht länger hin. Wehret den Anfängen!
Ich frage mich, ob die Regierungen x-beliebiger Länder, ganz gleich von welcher Partei sie gestellt werden, überhaupt noch die Handlungs- und Entscheidungsfreiheiten besitzen, die sie für sich reklamieren? Macht nicht die jüngste, von der OPEC erneut inszenierte “Ölkrise” in erschreckender Weise deutlich, daß die Karten an ganz anderen Tischen gemischt werden? Nein, es sind nicht die Schröders, Blairs, Putins oder Chiracs oder all die anderen europäischen Staatsoberhäupter, die die ökonomischen Trümpfe dieses Spelunkenspiels in ihren Händen halten, sondern die OPEC-Fürsten und internationalen Öl-Multis. Aber Mitspieler sind die Herren Politiker schon. Ob sie jedoch das Spiel im Interesse ihrer Wähler und Bürger spielen, wird die Zukunft erweisen. Nur zur Kasse gebeten wird, wie immer, der kleine Mann. Alles schon mal da gewesen? Wehret den Anfängen!
Der Ruf nach einer neuen Weltordnung, “The Call for a New Global Order”, wird lauter. Und er verhallt nicht ungehört. Ich sehe durchaus, daß viele Probleme, keineswegs nur Umwelt-, Ernährungs-. Gesundheits- oder Energieprobleme, nur global und gemeinsam gelöst werden können. Jedoch, alleine der Gedanke daran, wer alles und mit welchen Mitteln die beschworene neue Weltordnung herbeizuführen und Schlüsselstellungen der Macht zu besetzen versucht, macht mich gruseln. Werden die humanistischen Kräfte in der Welt die Oberhand behalten? Oder wird die neue Weltordnung von eiskalt rechnenden Ökonomisten, wahnwitzigen Militärs oder gar militanten politischen Außenseitern herbeigeführt werden? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: Beten allein hilft nicht! Wehret den Anfängen!
Wer sich nur am Stammtisch ereifert und vorm Fernseher empört, ändert nichts. Jeder von uns, der in einer Demokratie lebt, hat noch die Möglichkeit Einfluß auf politische, wirtschaftliche und kulturelle Entscheidungen zu nehmen. Als Wähler und im Alltag. Sie wissen doch: “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.” Wehret den Anfängen! Sie auch?
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
der Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e.V. (VDA) wird im kommenden Jahr 120 Jahre alt. Vielen von Ihnen wird diese traditionsreiche Organisation noch unter dem ehemaligen Namen “Verein für das Deutschtum im Ausland” ein Begriff sein. Der neue Name wurde dem Zeitgeist angepaßt, das große Engagement seiner Mitglieder zum Wohle der deutschen Landsleute in aller Welt blieb unverändert. Der VDA sieht sich als Brücke zu den zwischen 14 und 15 Millionen Deutschen in aller Welt, die sich der alten Heimat bzw. der Heimat ihrer Vorfahren emotional verbunden fühlen und die deutsche Sprache und Kultur pflegen. Seine besondere Solidarität gilt, wie es in dem Aufruf an die Mitglieder und Freunde des VDA heißt, jenen Deutschen, die sich in Mittel- und Osteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion nach jahrzehntelanger Unterdrückung um die Wiederbelebung der deutschen Sprache und Kultur bemühen. Es besteht kein Zweifel darüber, daß es in der Geschichte des VDA eine Reihe von Versuchen verschiedener deutscher Regierungen gab, diese Organisation zu mißbrauchen. Sie als Ochsen vor den Karren ihrer politischen Interessen zu spannen. Bei einem Verein, der sich um die Aufrechterhaltung der Verbindungen zu seinen Landsleuten im Ausland bemüht, überrascht das nicht sonderlich. Das mag für manche Funktionäre und verschiedene Mitglieder des VDA belastend — für andere gar verlockend gewesen sein. Ich weiß nicht, was z.B. die demokratisch gewählte VDA-Führung in der NS-Zeit dem Diktat der braunen Machthaber entgegensetzte? Gleichschaltung stand im “Tausendjährigen Reich” auf der Tagesordnung. Wie Kritiker behaupten, ordnete sich der VDA der “Führer befiehl, wir folgen!”-Aufforderung unter. Leider! Und doch: Mir fehlt, wie vielen Angehörigen meiner Generation, die genaue Sachkenntnis und somit auch das Recht, um über Gut und Böse, Recht und Unrecht in den einzelnen geschichtlichen Entwicklungsphasen des VDA zu befinden.
Korrekt ist, daß den Weg von der Gründung am 15. August 1881 in Berlin als “Allgemeiner Deutscher Schulverein” zum heutigen VDA Persönlichkeiten aus allen Parteien sowie gesellschaftlichen Klassen und Schichten geprägt haben. Der Reichspräsident Paul von Hindenburg, der zu Zeiten der Weimarer Republik an der Spitze der Organisation stand, gehörte ebenso dazu wie die prominenten Sozialdemokraten Wilhelm Hoegner und Wenzel Jaksch. Wer seine Emotionen beiseite schiebt und für Gerechtigkeit eintritt, muß zugeben, daß es der VDA einfach nicht verdient hat, allein an seinen Taten in dunklen Jahren gemessen zu werden.
Jede Kritik ist schmerzhaft. Den Anschuldigungen von Nachkriegskritikern, daß es sich beim VDA um einen “rechtslastigen” Verein handele, wehrte vielleicht deshalb der ehemalige Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Dr. Hans Klein (CDU/CSU), einst in einem Vortrag mit den Worten ab: “Entgegen nachträglicher Unterstellungen von parteipolitisch voreingenommenen heutigen Kritikern hat sich der VDA — seit 1908 trugen die zusammengeführten Schulvereine den Namen ‘Verein für das Deutschtum im Ausland’ — stets klar abgegrenzt gegen den in Zielsetzung und
Handlungsweise anders ausgerichteten Alldeutschen Verband und gegen antisemitische Einflüsse.” (Wer von Ihnen, liebe Leser, diese Aussage von Dr. Hans Klein durch Fakten be- oder widerlegen kann, sollte uns bald schreiben, weil “Deutsche Rundschau” in den nächsten Ausgaben Artikel veröffentlichen wird, die sich der Geschichte des VDA widmen.)
Und heute? Im jüngsten Aufruf an seine Mitglieder und Freunde läßt der VDA eine Zweifel an seiner Zielstellung: “Der VDA möchte auch im beginnenden neuen Jahrtausend eine Brücke zu seinen Landsleuten in aller Welt sein und den Dialog mit ihnen pflegen. Ein kleiner Teil der Deutschen im Ausland trägt durch seine Mitgliedschaft im VDA dazu bei, daß der Verein seine weltweite Arbeit zur Erhaltung und Förderung des Deutschtums leisten kann. Der VDA erhält dafür keine staatlichen Mittel und ist ausschließlich auf Spenden und Beiträge seiner Mitglieder angewiesen.”
Zweifellos ein Anliegen, das unsere ganze Unterstützung und die Solidarität aller im Ausland lebenden Deutschsprechenden verdient! Denn Hand aufs Herz: Nicht nur für den VDA, sondern für die Mehrheit der im Ausland um die Erhaltung der deutschen Sprache und Kultur ringenden Organisationen stellt der anhaltende Mitgliederverlust das größte aller Probleme dar. Dem dürfen wir nicht länger tatenlos zusehen! Es müssen Konzepte gefunden werden, die insbesondere die jüngere Generation anziehen. Ein erster Schritt wäre, daß wir unsere eigenen Kinder ermutigen, ihr Mitspracherecht durch Mitgliedschaft wahrzunehmen. Mitgliedschaft im VDA? JA! Die Entscheidung über die Existenzberechtigung von Organisationen und Vereinen wie dem VDA darf nicht den innen- oder außenpolitischen Interessen und Zielen von Politikern überlassen werden. Doch was ist Ihre Meinung?
Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
mit der deutschen Sprache nimmt man es in Deutschland sehr genau. Die Rechtschreibreform scheint es zu belegen. Sie wurde trotz allem Für und Wider und trotz heftigen Widerstandes vieler Bürger durchgeboxt. Die für den Kurswechsel zuständigen Schriftgelehrten und vor allem die Kultusminister von Deutschland, Österreich und der Schweiz waren sich einig wie sonst selten. Die Mehrheit der im deutschsprachigen Raum publizierten Medien hat sich damit abgefunden und sich auf die neuen Regelungen eingestellt. “Deutsche Rundschau” folgt der neuen Sprachregelung noch nicht. Eine Entscheidung, die uns schon von einigen Redakteuren und Lesern geharnischte Kritik einbrachte. Wer mit dem Anspruch “Weltzeitung für Deutschsprechende” antrete, solle doch beispielgebend bei der Verbreitung der neuen Rechtschreibregeln vorangehen, wurde mir mündlich und schriftlich (in neuer Schreibweise!) mehrfach nahegelegt. Zunächst muß ich eingestehen, daß ich ein Gegner der neuen Rechtschreibreform bin. Nicht etwa aus Bequemlichkeit oder weil mir das Geld für die Installation des neuen Rechtschreibprogramm zu schade ist. Nein, weil für Deutschsprechende im Ausland das Umsetzen der Rechtschreibreform und Erlernen der neuen Regelungen viel schwieriger ist als in deutschsprachigen Mutter- und Vaterländern. Die Kinder deutschsprachiger Auswanderer erlernen meist die Mutter-, wenn nicht gar die Großmuttersprache zuerst. Erst danach oder gleichzeitig wird die Landessprache erlernt und erst dann, wenn überhaupt, werden sie in deutschen Samstagsschulen mit der neuen Regelung vertraut gemacht. Ich habe mir sagen lassen, daß viele deutsche Sprachschulen im Ausland noch nicht die entsprechenden Lehrmaterialien erworben haben. Nicht zuletzt, weil finanzielle und materielle Fördermittel aus der alten Heimat spärlicher als früher fließen.
![]() |
![]() |
Wird sich die “Deutsche Rundschau” der Rechtschreibreform anschliessen? Gewiß, denn viele unserer Redakteure und Korrespondenten arbeiten schon jetzt nach den neuen Regeln. Wir redigieren und editieren oft die nach der neuen Sprachreglung verfaßten Texte um. Ein zeitaufwendiges, nervenraubendes Unterfangen. Sie, liebe Leser, werden jedoch erst ab der Januar-Ausgabe im Jahr 2001 die “Deutsche Rundschau”, geschrieben in der neuen Rechtschreibung, lesen können. Bis dahin schreiten und schreiben wir im alten Stiefel weiter.
Die neue deutsche Rechtschreibreform hat auch noch andere Konsequenzen. Deutschstämmige Rußlanddeutsche, die ins “gelobte Deutschland” einwandern wollen, müssen in einem Sprachtest den Nachweis erbringen, daß sie die deutsche Sprache gut beherrschen. Wer den Test nicht mit Erfolg absolviert, kann seinen Traum vom Leben im Land seiner Ahnen nicht verwirklichen. Ich frage mich, was passiert wäre, wenn Kanada oder die anderen gefragten Auswandererländer in der Nachkriegszeit von ihren vielen deutschsprachigen Neueinwanderern einen ähnlichen Sprachtest in Englisch als Eintrittskarte gefordert hätten. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin der Meinung, daß jede/r Auswanderungswillige die Sprache der Wahlheimat schnellstmöglich erlernen und sprechen sollte. Man sollte aber an Deutschstämmige keine unnötig höheren Anforderungen stellen, als man sie an Antragsteller aus anderen Ländern stellt. Und was ist Ihre Meinung zu diesem Thema? Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
was verstehen Sie unter einer “unabhängigen Zeitung”? Ich verstehe darunter eine Zeitung, die ihre Autoren nicht einer Gesinnungsschnüffelei aussetzt, bevor sie sie zu Wort kommen läßt. Eine Zeitung, die sich an die Spielregeln der Demokratie hält. Eine Zeitung, die nicht bestimmte Meinungen bevorzugt oder gar indoktriniert. Eine Zeitung, die sachlich, wenn auch nicht ohne Leidenschaft berichtet und es ihren Lesern überläßt, welches Urteil sie sich aus dem Gelesenem bilden.
“Deutsche Rundschau” ist keine Parteizeitung. Als “kleinste globale Zeitung” bedienen wir die Leserinteressen von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Religion, weltanschaulicher Überzeugung, Lebenserfahrung und unterschiedlichen Alters. Daß dies eine schwierige Aufgabe ist, wird jedem einleuchten.
Man bewegt Menschen leichter zum Nachdenken, wenn man Dinge bewußt zuspitzt, Widerspruch herausfordert. Auf die Gefahr hin, daß man sich bei dem einen oder anderen Mitbürger unbeliebt macht. Deshalb schreibe ich Ihnen ungeschminkt meine Gedanken und Gefühle auf. Daß ich bei meinen Kommentaren oft kein Blatt vor dem Mund nehme, aus meinem Herzen keine Mördergrube mache und, das streite ich nicht ab, gelegentlich über’s Ziel hinausschieße, birgt das Risiko des “Anekkens” in sich. Berufsrisiko eines Journalisten. Ich nehme es, wenn auch gelegentlich mit Zähneknirschen, in Kauf. Jede auch kritische Leserzuschrift, die unsere Redaktion aus aller Herren Länder erreicht, werten wir zu allererst als Zeichen Ihrer Verbundenheit zu unserer “Weltzeitung für Deutschsprechende”.
Gewiß: Der Herausgeber und die Chefredaktion einer Zeitung sind Lesermeinungen und -befindlichkeiten sowie freundlichen oder weniger gut gemeinten Kommentaren regelrecht ausgeliefert. Es allen recht zu machen, ist eine Kunst, die keiner kann. “Entlassen Sie sofort Ihre linken Schreiberlinge!”, fordern die einen. “Noch so ein rechtslastiger Artikel und Sie brauchen uns in Sachen Anzeigen nie wieder anzusprechen, Herr Klugmann!”, drohen andere. “Ändern Sie bloß Ihren Zeitungsnamen! “Deutsche Rundschau” klingt ja als Zeitungstitel ziemlich angestaubt. Sie sind doch nicht etwa deutschnational?”, fragen Dritte besorgt. Manche wollen es ganz genau wissen: “Wer bezahlt Sie eigentlich? Der Jüdische Weltkongreß?” Sensible meinen: “Warum haben Sie mein Gedicht nicht abgedruckt? Mein Ihnen zugesandtes Buch ist bis heute nicht rezensiert worden. Haben Sie etwas gegen junge Künstler oder mich persönlich?” Und dann kommt der erhobene Zeigefinger: “Warum lassen Sie in Ihrer Zeitung das “F-Wort” zu? Lassen Sie die “Deutsche Rundschau” nicht so verkommen!“ Wie angenehm ist dagegen die Aufforderung: “Drucken Sie bitte die Artikel in Ihrer Zeitung in größeren Buchstaben, diese kleine Schrift kann ja kein Mensch lesen und im übrigen sollten Sie sich zumindest am Telefon das Sächseln abgewöhnen.” Und abschließend die ganz Modebewußten: “Was tragen Sie denn für einen Mantel? Hatten Sie den schon bei Ihrer Ausreise aus Ostdeutschland an?” Ich möchte es bei diesem Meinungsspektrum unserer Leser belassen. Es ließe sich ausweiten.
Weiten Sie es mit aus! Halten Sie nicht mit Ihrer Meinung hinter dem Berg! Denn auch zukünftig werden unsere Korrespondenten/ Innen und Gastautoren/Innen ihre Meinung ungefiltert kundtun. Schreiben Sie uns, wenn Sie anderer Meinung sind oder es besser wissen. Schreiben Sie uns, wie wir unsere Zeitung noch interessanter, noch augenfälliger gestalten sollen. Schlagen Sie uns Ihre Themen vor, damit wir sie auf die Tagesordnung setzen können.
Teilen Sie uns mit, welche unserer Beiträge Sie gut fanden und welche nicht. Debattieren Sie energisch mit unseren Autoren, Redakteuren und Mitarbeitern, aber fordern Sie nicht gleich deren Entlassung! Denn wenn ich diesen Forderungen folgen würde, dann wären wir wieder auf der Stufe der gleichgeschalteten Medien angelangt. Auf Ihre Zuschriften freut sich Ihr
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
“Keine Politik ist besser als die Ziele, die sie sich setzt”, meint Henry Kissinger. Wenn diese Aussage stimmt, gehört Helmut Schmidt für mich in die vorderste Reihe der Männer, die das, was moralisch falsch war, nie politisch richtig fanden. Denn Eines muß man Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt lassen: Er weiß noch immer den Finger auf offene Wunden zu legen. Trotz seines hohen Alters hat der Mitherausgeber von Deutschlands renommierter Wochenzeitung “Die Zeit” seine Scharfsinnigkeit, Exaktheit und vor allem seine scharfe Zunge in der politischen Analyse und Debatte nicht eingebüßt. Letzteres macht ihn mir besonders sympathisch. “Das 21. Jahrhundert beginnt im Zeichen einer erdrückenden Präponderanz der USA – von Internet bis Electronic Commerce, von Bosnien bis Timor. Washington bemüht sich, die NATO zu einem globalen Instrument amerikanischer Machtpolitik umzuprägen”, schreibt er in seinem erst kürzlich in der renomierten Publikation “Die Zeit” veröffentlichten, mich sehr nachdenklich stimmenden Beitrag.
Helmut Schmidt, der mit den Großen dieser Welt verhandelte, ein fließendes Englisch spricht und über tiefere Kenntnisse amerikanischer Verhältnisse verfügt, als manch noch in Amt und Würden weilende europäische Staatsmann, weiß, wovon er spricht, wenn er das erdrückende Übergewicht der USA problematisiert. Zweifellos hat er recht, wenn er meint, daß aus amerikanischer Sicht die Europäische Union – das, vom Potential her gesehen, einzig ernstzunehmende Gegengewicht gegenüber den USA, – möglichst schwach bleiben sollte.
Präziser wäre es vielleicht gewesen, wenn er von der gegenwärtigen amerikanischen Regierung, den industriellen “Global Players” und der Hochfinanz gesprochen hätte. Denn sie sind es, die die “Amerika First!” – Politik noch immer ganz in Ordnung finden und ihren Freunden in Übersee nur so weit freundschaftlich begegnen, wie deren Politik amerikanischen Interessen nicht zuwiderläuft. Und der Zusammenbruch des Ostblocks mit der Weltmacht UdSSR hat diese internationale Dominanz der USA, die nun weltweit kein wirkliches Gegenüber mehr zu fürchten haben, befördert. Bleibt zu hoffen, daß die “Gefahr eines sozial rücksichtslosen Raubtier-Kapitalismus”, von der der Alt-Bundeskanzler spricht, noch rechtzeitig gebannt wird.
Wenn es um unsere heutige Welt so bestellt ist, wie es Helmut Schmidt darlegt und wie ein Blick in die internationale Politik belegt – man denke nur an die Düpierung der EU durch Präsident Clinton bei der Wahl des Präsidenten des IWF –, fragt man sich, welche Antworten darauf die Europäische Union parat hat. Was gedenken die Hochkommissare der EU zu tun, um dem übermäßigen Machthunger der USA gleichwertig zu begegnen? Was gedenkt insbesondere Deutschland zu tun? Als wirtschaftlicher Motor der Europäischen Union ist es wie kein anderes europäisches Land ins Visier der Mächtigen in Übersee geraten. Nicht nur führende Unternehmen der deutschen Großindustrie haben in jüngster Zeit in den USA, nicht zuletzt durch Anzeigenkampagnen im Zusammenhang mit der Zwangsarbeiter-Debatte, an Ansehen eingebüßt. Auch anderweitig scheinen die Beziehungen zwischen den USA und dem NATO-Partner Deutschland belastet. So steht plötzlich wieder die von Stuart Eizenstat, dem US-Unterhändler über die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern, aufgeworfene Frage im Raum: Wie es eigentlich um Reparationszahlungen für den Zweiten Weltkrieg bestellt sei? Wird Deutschland seinen finanziellen Verpflichtungen gegenüber der EU überhaupt noch zukünftig gerecht werden können, wenn Reparations-Milliarden über den großen Teich fließen müssen? Sicherlich ist diese von Eizenstat aufgeworfene Frage letzten Endes auch in den USA weder konsens- noch politikfähig, doch allein der Umstand, daß sie überhaupt in einem offiziellen Kontext gestellt werden konnte, bewirkte eine beträchtliche Irritation.
Von der amerikanisch-europäischen Beziehungskrise betroffen sind nicht zuletzt auch die deutschsprachigen Minderheiten. Wenn sich das politische Klima zwischen Ländern verschlechtert, sind ethnische Minderheiten immer mit belastet, wenigstens mittelbar. Manch Auslandsösterreicher wird nach den jüngsten Wahlen in Österreich sein Lied davon zu singen wissen. All das gesagt, scheint mir jedoch die große Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung weder anti-europäisch, noch anti-deutsch oder anti-österreichisch eingestellt zu sein. Da sich bei der letzten Volkszählung in den USA erneut große Teile der amerikanischen Bevölkerung, in einzelnen Bundesstaaten sogar über 50%, zu ihrer deutschsprachigen Abstammung bekannten, bleibt zu wünschen, daß sich diese Bevölkerungsgruppe nicht nur bei statistischen Erhebungen ihrer Wurzeln besinnt.
Viel wünschenswerter wäre, wenn sich der Austausch von Schülern, Studenten, und Facharbeitern zwischen der Alten und Neuen Welt unbürokratischer in einem breiteren Rahmen entwickeln könnte. Wenn junge Menschen beider Kontinente sich öfter begegnen, heilen auch noch offene Wunden schneller. Für diesen Heilungsprozeß setzt sich auch die “Deutsche Rundschau” weiterhin ein. Dem Brückenbauen haben wir uns seit der Erstausgabe verschrieben. In diesem Sinne möchte ich auch Sie, unsere Leser, zur Gestaltung von Geschichte ermutigen. Denn um mehr Bürger- und globalen Gemeinschaftssinn zu entwickeln, benötigt man keines der hochdotierten Ämter, sondern vor allem Zivilcourage. Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
im Ausland lebende Deutschsprechende tauchen als Konsumenten höchst selten in Statistiken auf. Bei der Mehrheit versierter Wirtschaftswissenschaftler und bei Weichenstellern in den Chefetagen der deutschen, österreichischen und Schweizer Industrie findet man nur selten ein offenes Ohr, wenn man eine Lanze für diese wichtige Verbrauchergruppe brechen will.
Als Argument wird dabei oft ins Feld geführt, daß man den jeweiligen Markt als Ganzes oder sich gar als “global player” betrachte. Den Hinweis, daß man ein “Weltspieler” sei, finde ich gar nicht einleuchtend, denn weltweit sprechen über 100 Millionen Menschen täglich Deutsch. Gemessen am asiatischen Markt ist diese Konsumentengruppe zwar klein, doch dafür mit (ehemals) deutschen Marken besonders vertraut. Erfahrungsgemäß stehen unsere ausgewanderten Landsleute und Freunde der deutschen Sprache nicht nur der deutschen Kultur nahe. Viele deutsche, österreichische und Schweizer Waren würden sich gewiß schneller und leichter in ausländischen Märkten absetzen lassen, wenn man das Kaufverhalten der dort lebenden deutschsprechenden Bürger öfter zum Gegenstand der Marktforschung und wissenschaftlicher Untersuchungen machen würde.
Mir fiel auf, daß beispielsweise Deutschamerikaner und Deutschkanadier der zweiten und dritten Generation gern Waren kaufen, von deren Qualität schon ihre Vorfahren begeistert waren. Auch dann, wenn sie nicht mehr fließend oder gar nicht Deutsch sprachen. Mit diesem Kaufverhalten unterscheiden sie sich oft von anderen Konsumenten in Nordamerika. Verwunderlich ist deshalb, daß Unternehmer aus dem deutschsprachigen Teil Europas ihre Marktstrategien nicht stärker auf diese Verbrauchergruppe ausrichten. Denn während in Deutschland jedes Kind Coca Cola und McDonald’s kennt, ist es leider um den Bekanntheitsgrad deutscher Markenartikel, Luxusautomarken ausgenommen, in den USA und Kanada nicht so gut bestellt. Zum einen liegt es wohl daran, daß sich nur wenige Tochterfirmen zu ihrer deutschen Mutter bekennen wollen und im extremen Fall sogar einen anderen Markennamen als im Mutterland führen (müssen?). Andererseits obliegt die Unternehmensleitung vieler Niederlassungen, anders als in den 50er und 60er Jahren, Amerikanern oder Kanadiern. Darf von diesen Entscheidungsträgern erwartet werden, daß sie den Kaufstimulatoren “Erinnerung” und “Heimatliebe” besondere Bedeutung beimessen? Immer häufiger produzieren auch deutsche “Firmen von Welt” ihre Markenerzeugnisse in verschiedenen Billiglohnländern. Natürlich mit der Begründung wettbewerbsfähig bleiben zu wollen, was wohl ein vornehmer Ausdruck für Profitmaximierung ist. Aber andererseits wird der Bezug auf eine profitabel erscheinende Zielgruppe nicht gesucht und zum Teil gar bewußt vermieden. Ist die zunehmende Identitätslosigkeit bei Erzeugnissen eine Schatten- oder Sonnenseite der Globalisierung?
Letztendlich entscheidet die Qualität der Erzeugnisse über den Absatz. Das Herkunftsland scheint dabei unwesentlich. Doch ist es das wirklich? Stellt man nicht noch immer bei Wortverbindungen wie russischer Wodka und Kaviar, argentinisches Rindfleisch, kolumbianischer Kaffee, deutsche Autos usw. gedankliche Verbindungen her? Besitzen diese Verbindungen noch einen Verkaufswert? Ich meine JA!
Zurecht wird nicht nur in Deutschland über die Amerikanisierung des Alltags geklagt. Doch wer so klagt, unternimmt oft selbst nicht viel, um seine Produkte jenseits des Ozeans ideenreich im Markt anzubieten. Wer Gleiches mit Gleichem zu vergelten versucht, sollte sich nicht als U-Boot im nordamerikanischen Markt bewegen, sondern Flagge zeigen, wie das Nordamerika in Deutschland auch tut. Als ich mich bei meinem jüngsten Berlinbesuch bemühte, für meine kanadischen Kinder den von ihnen gewünschten Pulli mit Kennedys berühmter Aussage: “Ich bin ein Berliner” zu erwerben, erntete ich nur Kopfschütteln. “Wat denn, Ihre Kids sind Kanadier und denn koofen Se nich “I like Berlin?”, wurde ich halb ungläubig und halb vorwurfsvoll gefragt. Pullis mit englischen, zum Teil sinnlosen Sprüchen waren dagegen in Hülle und Fülle vorhanden. Ein anderes Beispiel: Als ich im Wartezimmer meines Augenarztes auf eine Werbebroschüre von Zeiss stieß, wollte ich diese erfreut meiner Frau zeigen. Um so ärgerlicher war ich, als ich feststellte, daß man nirgendwo ersehen konnte, daß es sich bei Zeiss-Brillengläsern um ein deutsches Markenprodukt handelt. Mir ist das unverständlich. Zumal das “Made in Germany” nicht nur bei deutschstämmigen Konsumenten noch immer den Ruf deutscher Wertarbeit in sich trägt.
Wer lange Zeit im Ausland gelebt und gearbeitet hat, weiß um den Einfluß, den Einwandererfamilien aus der Alten Welt auf das Kaufverhalten ihrer Freunde und Bekannten in der Neuen Welt haben. Sie sind es, die oft entscheidend zum guten oder auch schlechten Ruf eines Produktes beitragen und zum Kauf oder Nichtkauf eines Erzeugnisses “Made in Germany, in Austria oder in Switzerland” ermuntern. Man weiß aber auch um die “Nostalgie” der Auswanderer, die Sehnsucht nach heimischen Produkten. Und warum sollte das, was bei Osterhasen aus Schweizer Schokolade und Weihnachtsbaumkugeln aus Deutschland funktioniert, bei technischen Erzeugnissen weniger wirken?
Zumindest Panzer scheinen sich immer noch besser zu verkaufen, wenn der deutsche Firmenname fällt. Aber brauchen Sie einen Panzer? Auf Ihre Zuschriften freut sich Ihr
Ihr Juri Klugmann
.jpg)
small.jpg)

_Seniors-00000002(gray)(Health_Canada).jpg)







