In dieser Ausgabe
+ Ist Dialekt nochzeitgemäß?

+ Integration jungerRußlanddeutscher

+ Mittelalterliches Lüneburg:Weißes Gold, rote Klinker

+ Erholung zwischen Lahn, Sieg und Eder.

+ Flüchtlingskindergartenin Jordanien

+ Freihandelsabkommen USA - Europa

+ Das Schicksal des Windhuker Reiters

+ Europa im Jahrhundert der Kriege

+ Feuerwehr-Oldtimer in PEI

Ausgewählte Beiträge

Auf den Spuren der deutschen Sprache in Burkina Faso (Teil 1)

Wohl jeder Pole assoziiert Afrika mit dem polnischen Jungenvornamen „Stao“ (eine der vielen Verkleinerungsformen von Stanislaw) und dem englischen Mädchenvornamen „Nell“. Warum?

Der Grund ist das geniale und außerhalb Polens leider weniger bekannte Buch des polnischen Literaturnobelpreisträgers von 1905, Henryk Sienkiewicz (1846-1916), „Durch Wüste und Wildnis“ (Originaltitel: „W pustyni i w puszczy“, der englische Titel: „In Desert and Wilderness“) aus dem Jahr 1911. Als Hintergrund für das Afrika-Abenteuer der Hauptfiguren Stao und Nell wurden teilweise wirkliche Ereignisse ausgewählt, die allerdings auch geschichtlich festgehalten sind. Im Sudan, während der Mahdisten-Aufstände (1882-1898), werden von Derwischen zwei Kinder entführt.

Bis dahin hatte es den beiden Kindern an nichts gemangelt, denn ihre Eltern, die als Kanalbau-Ingenieure im Land am Nil tätig waren, ermöglichten ihnen ein sorgenfreies Wohlstandsleben. Stao ist 14 und Nell 8 Jahre alt, als ihr dramatisches Abenteuer seinen Anfang nimmt: Der lange, unsagbar mühevolle Marsch durch Wüsten und Dschungel des riesigen Afrika, Begegnung mit einheimischen Stämmen, Kampf ums Überleben, „immer auf der Hut vor feindlich gesinnten Menschen und wilden Tieren“, wie es in einer deutschen Rezension zu lesen ist. Das Buch wurde im Jahr 1973 verfilmt und ist bis heute einer der Lieblingsfilme vieler polnischer Kinder und Jugendlichen, aber auch ihrer Eltern und Großeltern.

In den 70er Jahren wurde der Film in der DDR gezeigt und konnte auch dort einen Riesenerfolg verbuchen. In einem Internetforum schreibt eine 42jährige aus Ostdeutschland: „Ich habe mir den Film gestern auf Polnisch angesehen (…). Ich kann nicht verstehen, warum ein so schöner Film nicht auf Deutsch auf DVD erscheint, oder im TV gesendet wird, wo jeder Mist -zigmal läuft. Dieser Zweiteiler ist das Beste, was ich seit Langem gesehen habe, auch wenn ich kein Polnisch kann. Ich sehe die Bilder und höre die Musik. Einfach toll.“ Übrigens, 2003 hat der südafrikanische Filmregisseur Gavin Hood eine neue, kommerzielle und eher kitschige Version des Filmes „W pustyni i w puszczy“ produziert (die Produktion kostete ungefähr 4,2 Millionen US-Dollar!). Diese Version kann jedoch mit der ersten, literaturgetreuen Verfilmung nicht konkurrieren.

Die Bilder und die Musik aus dem Film „W pustyni i w puszczy“ (1973) haben das Leben vieler junger Polen geprägt, darunter das der künftigen Missionare, aber auch der Touristen, Weltenbummler und anderer Afrika-Besucher. Auch ich habe immer als Kind davon geträumt, einmal Afrika zu besuchen, was damals jedoch fast unmöglich war. Polen befand sich hinter dem Eisernen Vorhang, dazu waren wir damals noch sehr arm. Ich war glücklich, wenn ich die benachbarte Tschechoslowakei oder die DDR besuchen konnte. Vor etwa einem Jahr habe ich im Internet über eine germanistische Tagung gelesen, die im Dezember 2008 in Burkina Faso stattfinden sollte. Ohne zu zögern habe ich mich dazu angemeldet, ich dachte nämlich, das sei für mich die beste Gelegenheit, eines der ärmsten Länder der Welt und eines der interessantesten Gebiete Afrikas zu besuchen. Nach einigen Wochen habe ich von den Organisatoren eine freundliche Einladung bekommen. Ende November, etwa eine Woche vor dem Kongreß, saß ich schon im Airbus der Air France und versuchte mir vorzustellen, was mich in Afrika erwartet.

Das „Land der Menschen, die ihre Würde haben“ – so heißt der Name Burkina Faso in der Sprache der Mossi (die zahlenmäßig stärkste Ethnie im Land und in der ganzen Region) – habe ich allerdings nicht allein bereist, sondern mit Afsa, einer 24jährigen afrikanischen Studentin, die ich vor einem Jahr per Internet kennengelernt hatte. Afsa, die mich sogar nach Hause eingeladen hatte, zeigte mir ihre Heimat aus einer ganz anderen Perspektive, als wenn ich sie „von Hotels aus“ gesehen hätte. Mit herzlicher Gastfreundschaft und Flexibilität diente sie mir mit vielen praktischen Informationen und brachte mir sogar die wichtigsten Alltagsbegriffe in Dioula, ihrer Muttersprache, bei. Die Grundkenntnisse von Moré, einer anderen wichtigen Sprache der Burkinabé (Burkiner), verdanke ich Afsas Cousine, Aida. Innerhalb von knapp 12 Tagen konnte ich einige der schönsten Orte des Landes besuchen und habe mich in Afrika verliebt. Besonders gefallen hat es mir in kleinen Dörfern und bei einfachen Leuten.

Der Kongreß war jedoch auch etwas Einzigartiges und eine Gelegenheit, interessante Freundschaften mit Germanisten aus vielen afrikanischen Ländern auf einmal zu schließen und über zukünftige Zusammenarbeit auf dem Gebiet der interkulturellen Germanistik zu sprechen. Die ganze Reise mit Flugticket Berlin-Paris-Ouagadougou und zurück, inklusive allen Aufenthaltskosten und Geschenken kostete mich nur etwa 500 Euro (da ich momentan nicht an der Uni tätig bin, konnte ich nicht mit Rückerstattung der Kosten rechnen). Mein Traum von einer Reise nach Afrika hat sich also doch erfüllt.

Und was wissen Sie alles über Burkina Faso, außer, daß es (mit dem Namen Haute-Volta, zu Deutsch: Obervolta) von 1919 bis 1932 und von 1947 bis 1960 eine französische Kolonie war? Vielleicht assoziieren Sie es mit der Hungersnot in der Sahelzone in den 1970er und 1980er Jahren? Oder mit dem im Jahr 2002 ausgebrochenen Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste, der erst fünf Jahre später mit dem Abkommen von Ouagadougou (2007) endete? Burkina Faso gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, zeichnet sich heute aber durch eine gewisse Stabilität und die kulturelle Vielfalt der friedlich zusammenlebenden Ethnien aus. Es ist vielleicht schwer zu glauben, aber was die christlich-islamischen Beziehungen anbelangt (etwa die Hälfte der Burkiner sind Muslime), gehört Burkina Faso zu den sichersten und friedlichsten Ländern der Welt. Dieses gute, ja, richtig wohltuende Zusammenleben der Christen und Muslime in Burkina Faso habe ich besonders tief in Bobo-Dioulasso erlebt, als ich Afsas Eltern besuchte. Daß ich (als Katholik!) im Haus einer angesehenen moslemischen Familie (bei einer unverheirateten jungen Frau!) mitten in einem Moslemviertel übernachten durfte, war für mich etwas Außergewöhnliches.

Mit Freude und Dankbarkeit habe ich die Gastfreundschaft der Familie genossen, ich durfte sogar mit Afsas Vater und seinen Nachbarn zum Gebet am Tabaski-Fest gehen – so wird in Westafrika das Opferfest, das höchste islamische Fest (‘Eid al-Adha, arab.) genannt – und während des Gebetes viele Fotos machen, ohne daß jemand dagegen protestierte. Ein anderes „Wunder“ und guter Beweis für den friedlichen Umgang von Christen und Moslems in Burkina Faso war für mich auch die Einladung der polnischen Franziskanern an Afsa in Sabou. Afsa war damit die erste Frau (und die einzige Muslimin!), die im dortigen Männerkloster der Franziskaner je übernachtete. Die freundliche Einladung der Missionare war – etwa wegen verschiedener Hausregeln – nicht selbstverständlich, denn die Priester riskierten, daß sich darüber irgendwelche Gerüchte verbreiten.

(Teil 2 folgt in nächster Ausgabe.)

Artur Stopyra

Vom Schiffsvorrat zu Spitzenweinen

„Heeden is, Gode loff, vande Caepse druyven d’eerste mael wijn geparst“ („Heute, Gott sei gepriesen, wurde zum erstenmal aus Kaptrauben Wein gepreßt.“) – Diese Worte schrieb Jan van Riebeeck, Gründer der niederländischen Kolonie am Kap der Guten Hoffnung, am 2. Februar 1659 in sein Tagebuch, weshalb dieser Tag als Beginn des Weinbaus in Südafrika gilt und dort jetzt nach 350 Jahren an vielen Orten auch gefeiert wird.

Am 6. April 1652 waren drei Schiffe der Niederländisch-Ostindischen Kompanie (V.O.C. = Vereenigte Nederlandsche Ge-Octroeerde Oost-Indische Compagnie) in der Tafelbucht vor Anker gegangen, am Tag darauf gingen die Besatzungen an Land, und wiederum einen Tag später begann man mit dem Bau einer Feste – es war die Gründung Kapstadts und damit der ersten ständigen Niederlassung von Europäern auf südafrikanischem Boden. An eine Siedlungskolonie war zunächst nicht gedacht, vielmehr sollte eine Zwischenstation zur Verpflegung und Frischwasserstation der um das Kap fahrenden Schiffe der V.O.C. auf ihrem Weg zwischen Europa und Ostasien errichtet werden.

Neben der Station wurde deshalb ein Garten angelegt (der heute noch existierende „Kompaniegarten“ hinter dem Parlamentsgebäude), in dem man Obst und Gemüse anbaute. Da die Pflanzen dort gut gediehen, bat Jan van Riebeeck, der erste Kommandant der Station, schon einen Monat nach der Ankunft die Direktoren der V.O.C. in Amsterdam um Übersendung von Rebstöcken, denn ihm war bewußt, „welch hohen Stellenwert die Kompanieleitung dem Wein beimaß, war dieser doch für die Seeleute auf ihren monatelangen Fahrten von unschätzbarem Wert, nicht nur in Krankheitsfällen und gerade auch bei der Behandlung des so gefürchteten Skorbut, sondern auch, um das nach dreimonatiger Fahrt nicht selten faulig werdende und dann fast untrinkbare Wasser zu ergänzen bzw. zu ersetzen.“ Es wurde deshalb angeordnet, daß die Schiffe nur mit einem umfangreichen Vorrat an Wein in See stechen durften.

Im Sommer 1654 trafen die ersten Rebsetzlinge in Kapstadt ein. Man hatte sie in nasse Erde gepackt und diese in Segeltuch eingenäht, das während der Überfahrt immer wieder feucht gehalten werden mußte. Die Herkunft dieser ersten Pflanzen läßt sich nicht mehr genau feststellen, aber es wird vermutet, daß sie aus Frankreich oder Deutschland (Rheinland) kamen. Am 22. Juli 1655 folgte die nächste Sendung mit Weinstöcken, diesmal aus Frankreich, Deutschland und Spanien, und im Jahr darauf brachten die beiden Schiffe „Dordrecht“ und „Parel“ erneut Rebstöcke aus Frankreich mit. Die Setzlinge gingen gut an, was van Riebeeck in seiner Ansicht bestätigte, daß dort, wo Gemüse und Obst gut wachsen, auch der Wein gedeihen sollte, zumal er in seinen Berichten das Klima am Kap mit dem Frankreichs und Spaniens verglich.

Die Anpflanzungen im Kompaniegarten standen unter der Leitung des Chefgärtners Hendrik Boom und seines Assistenten Jacob Cloete van Kempen, dessen Nachfahren 1778 das berühmte Weingut „Constantia“ erwarben. Weil die Niederländer aber selbst keine Ahnung von Weinkultur besaßen, griffen sie gerne auf die Hilfe der Deutschen zurück, die ja auch in großer Anzahl in der V.O.C. dienten und von denen etliche aus dem Rheinland stammten, wo sie mit dem Weinbau bereits in Berührung gekommen waren. Besucher am Kap – von vorbeifahrenden Schiffen – äußerten sich immer wieder lobend über die Fortschritte mit den Weinanpflanzungen, und auch mehrere Direktoren der V.O.C. überzeugten sich mit eigenen Augen davon, weshalb sie nach ihrer Rückkehr die weitere Entsendung von Rebstöcken verfügten. Diese wurden schon bald nicht nur im Kompaniegarten angepflanzt, sondern weiter westlich der Siedlung, ungefähr dort, wo heute der Stadtteil Green Point liegt und wo zur Zeit das Stadion für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 gebaut wird. Weil es hier aber immer wieder zu Überschwemmungen kam, verlegte man die Pflanzungen 1658 an das südöstliche Ufer des Liesbeeck-Flusses, wo mit 1.200 Rebstöcken die erste Weinfarm Südafrikas, „Wynberg“ (später „Bosheuvel“, dann „Protea“) entstand. Im Jahr darauf war es dann endlich soweit: Am 2. Februar 1659 konnten erstmals Trauben geerntet und zu Most verarbeitet werden, was Jan van Riebeeck mit Freude und Stolz in seinem Tagebuch vermerkte und was als die Geburtsstunde der südafrikanischen Weinkultur gilt.

Gleichwohl waren die ersten Weine zumeist noch von minderer („zweifelhafter“) Qualität, doch der Anfang war gemacht. Als van Riebeeck 1662 das Kap verließ, wurde er zu Recht nicht nur als der Gründer Kapstadts, sondern zugleich als der Begründer des südafrikanischen Weinbaus betrachtet. Schon kurz nach den ersten positiven Ergebnissen folgten andere Farmer seinem Beispiel und pflanzten ebenfalls Weinstöcke an.

1676 wurde die erste Weinpresse nach Südafrika geliefert, vier Jahre zuvor war erstmals Branntwein aus Kaptrauben destilliert worden. Einen enormen Aufschwung erlebte der Weinbau schließlich mit dem 1679 in Kapstadt eintreffenden Kommandeur (ab 1691 mit dem Titel Gouverneur) Simon van der Stel, der noch im selben Jahr den nach ihm benannten zweiten Ort am Kap, Stellenbosch, gründete. 1685 ließ er das Gut „Constantia“ anlegen, wo man über 100.000 Rebstöcke anpflanzte. Bald folgte die Gründung weiterer, heute namhafter Weingüter wie „Boschendal“ (1685), „Libertas“ (1689), „Welmoed“ (1690), „Lanzerac“, „Spier“, „Blaauwklippen“ und „Landskroon“ (jeweils 1692) sowie „Meerlust“ und „Bellingham“ (beide 1693), um nur einige zu nennen. In die Amtszeit van der Stels (bis 1699) fiel auch der erste bescheidene Export von Kap-Weinen nach Europa. In den Jahren 1688-1690 wanderten viele aus Frankreich vertriebene Hugenotten über die Niederlande nach Südafrika ein. Etliche von ihnen kamen aus Südfrankreich und waren daher mit dem Weinbau vertraut, was eine zusätzliche Bereicherung der am Kap entstehenden Weinkultur bedeutete.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde die Qualität ständig verbessert, und ab 1761 fanden Rot- und Weißweine aus Südafrika immer häufiger den Weg nach Europa. Großer Beliebtheit erfreute sich seit 1778 insbesondere an den Höfen gekrönter europäischer Herrscher der süße Dessertwein vom berühmten Gut „Constantia“. Friedrich der Große und Napoleon lobten ihn über alle Maßen, und der Dichter Friedrich Gottlob Klopstock besang ihn 1795 in seiner Ode „Der Kapwein und der Johannisberger“ mit den Worten: „Alter Vater Johann, zürne mir Deutschem nicht, Daß ich die Tochter Konstanzia Lieber (darf ich auch, darf ich das trunkene Wort Wagen?) lieber sie trink’ als dich…“

Heute gehören südafrikanische Weine, deren Angebotspalette in den vergangenen Jahren erheblich erweitert wurde, zu den Spitzenweinen der Welt. Und so finden in den kommenden Wochen und Monaten überall in den Weingegenden am Kap Jubiläumsveranstaltungen statt, die an die Anfänge vor dreieinhalb Jahrhunderten erinnern.

Wolfgang Reith

Wo die Tin Lizzie vor über 100 Jahren startete und Henry Ford reich machte

Den riesigen Ford Rouge Komplex verewigte Diego Rivera in einem Wandbild im Detroit Institute of Arts. Nach der Vorgängerfabrik in der City von Highland Park, einer Enklave in Detroit, ist immerhin ein Einkaufszentrum benannt – die Model T Plaza. Die eigentliche Geburtsstätte der „Tin Lizzie“ war dagegen lange Zeit aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden: Das Piquette-Werk in Detroit, in dem Henry Ford das erfolgreichste Automobil seiner Zeit entworfen und bald auch in größerer Stückzahl gebaut hatte, gilt als die „vergessene Fabrik“.

Womöglich ist genau das der Grund dafür, warum das Gebäude erhalten blieb – und sich zumindest im Inneren noch weitgehend im Originalzustand präsentiert. Heute ist die Fabrik ein Museum. „Vorsicht“, warnt der ehrenamtliche Mitarbeiter, der die Besucher durchs Fabrikgebäude führt, im engen Treppenhaus mit den ausgetretenen Stufen. „Fallen Sie nicht! Hier ist alles sehr alt. Das ist immer noch die Treppe, die einst Henry Ford benutzte.“

Die Bemerkung verfehlt ihre Wirkung nicht, und die Besucher bestaunen nun ehrfürchtig jeden alten Türknopf, auf dem aller Wahrscheinlichkeit nach schon einmal Fords Hand ruhte. Dann versammelt sich die Gruppe in einem kleinen Raum im zweiten Stock des Gebäudes, um zu hören, daß der Autopionier an diesem Ort das legendäre Model T ersann und am Reißbrett entwarf. Das Auto, das die Welt verändern sollte. Und daraufhin machen alle ein sehr beeindrucktes Gesicht.

Die Amerikaner lieben ihre großen Erfinder. Und Henry Ford (1863 bis 1947) gehört unbestritten zu den Größten unter ihnen. Manche glauben sogar, er habe das Auto höchstpersönlich erfunden. Von Carl Benz und Gottfried Daimler haben in den USA die wenigsten etwas gehört, wofür es aber gerade in der Motormetropole Detroit keine Entschuldigung gibt – die Geschichte des Automobils ist in der „Automotive Hall of Fame“ in Fords Geburtsort Dearborn gründlich dokumentiert. Dort kann man auch in Erfahrung bringen, daß es schon zahlreiche US-Hersteller der pferdelosen Kutsche gab, bevor Henry Ford in Erscheinung trat. Die Ford Motor Company gründete Ford 1903. Und nur wenig später schickte er sich an, aus dem Auto ein Massenprodukt zu machen.

Als Ford Ende 1904 das Piquette-Werk an einem logistisch günstigen Standort unweit des Eisenbahnknotens „Milwaukee Junction“ in Betrieb nahm, gab es in der näheren Umgebung mindestens 45 weitere Autohersteller und Zulieferer. Darunter waren so berühmte Namen wie Cadillac, Dodge und Packard. Die Automobilindustrie war damals klar eine Wachstumsbranche – Henry Ford zweifelte keinen Moment daran. Das dreistöckige Gebäude mit den für die damalige Zeit ungewöhnlich großen Fenstern war so geräumig, daß ein Angestellter die Befürchtung äußerte, man werde es wohl nie vollständig nutzen können.

Nun, schon Anfang 1910 bezog die Ford Motor Company die nächstgrößere Fabrik in Highland Park. Denn der Erfolg der „Blechliesel“, wie das Modell T auf Deutsch genannt wird, übertraf alle Erwartungen. Die Nachfrage explodierte. Das vormalige Luxusgut Auto, das sich allenfalls ein paar Begüterte leisten konnten, wurde für breite Bevölkerungskreise erschwinglich. Und genau das war von Anfang an das erklärte Ziel von Henry Ford.

Ford wollte ein alltagstaugliches Fahrzeug bauen, keine Luxuskutsche für verwöhnte Ansprüche wie die meisten anderen Hersteller. Schon das Model N entsprach diesen Vorstellungen: robust und zuverlässig, dazu günstig im Preis. Aber bis zum Model T waren noch einige Verbesserungen nötig, wie die alphabetische Benennung zeigt. Von einigen Buchstaben in der Modellfolge ließ Ford allerdings nur ein Konzeptauto entwickeln; sie gingen nie in Serie. Prototypen des Model T, bei dem Ford zum ersten Mal vanadiumhaltige Stähle einsetzte, gab es schon 1907.

Das erste serienmäßige Model T verließ am 27. September 1908 die Fabrikhalle. Als die Produktion vom Piquette-Werk nach Highland Park verlagert wurden, waren bereits über 12.000 Model Ts gebaut worden. Fast möchte man sagen, sie waren „vom Band gelaufen“, aber das wäre nicht zutreffend – das Fließband führte Ford erst in der Highland-Park-Fabrik ein. Allerdings hatte er schon im Piquette-Gebäude damit experimentiert, nicht mehr die Montagetruppe von Auto zu Auto ziehen zu lassen, sondern stattdessen die Fahrzeugteile zu den Arbeitern zu bringen.

Das Model T revolutionierte die Fortbewegung. Es verringerte nicht nur die Distanzen in einem riesigen Land – die Amerikaner fanden auch schnell Geschmack an der neuen Bewegungsfreiheit, und bis heute wird in den USA individuelle Mobilität als eine Art Grundrecht empfunden. Die „Tin Lizzie“ war die frühe Idee eines Autos, aufs Essenzielle reduziert, und damit viel preisgünstiger als die Modelle der Konkurrenz. Der Wagen wurde ausschließlich in Schwarz angeboten, weil das die Farbe war, die am schnellsten trocknete. Und weil es unglaublich robust war und sogar auf Sand fuhr, wurde das Model T für alles Mögliche eingesetzt, auch in der Landwirtschaft.

Bis 1927 wurden über 15 Millionen Model Ts gebaut, und 45 Jahre lang war es das populärste Auto aller Zeiten, bis der VW Käfer im Februar 1972 den Rekord brach. Aus Henry Ford machte es einen reichen Mann – und eine Berühmtheit dazu. Das Modell T ist in den USA bis heute präsent; schätzungsweise sind noch 250.000 davon fahrtüchtig. Bei einem Jubiläumstreffen zum 100. Geburtstag im Juli in Indiana kam ein Teilnehmer sogar aus Kalifornien angetuckert, berichtete die „Detroit Free Press“. Weil für viele Reparaturen am Model T ein Werkzeugkasten völlig ausreicht, ist das Auto ein Traum für alle Hobbyschrauber. Das T Model gibt’s auch als Bausatz, und in der alten Piquette-Fabrik werden regelmäßig Workshops für Blechliesel-Fans angeboten.

Die Fabrik, in der das Erfolgsmodell zuerst gebaut wurde, verkaufte Ford einst an Studebaker. Weitere Besitzer folgten. Der heutige „Model T Automotive Heritage Complex“, kurz T-Plex, geht auf auf eine private Initiative zurück: Im Jahr 2000 erwarben die T-Plex-Organisatoren das vom Verfall bedrohte Gebäude, das seither in ehrenamtlicher Arbeit saniert wird. Es befindet sich in einem recht trostlosen Teil der Stadt Detroit; bezeichnenderweise wurde eine Sequenz des Streifens „8 Mile“ mit „Rapper“ Eminem in dieser Gegend gedreht.

Die Geburtsstätte des Model T ist an von Mai bis Oktober an jedem ersten und dritten Samstag im Monat zugänglich. Wer in einer „Tin Lizzie“ mitfahren möchte, sollte allerdings besser ins Freilichtmuseum Greenfield Village in Dearborn bei Detroit gehen: Dort sind die urigen Autos noch tagtäglich im Einsatz und befördern Besucher.

Cornelia Schaible

Deutsche Soldaten bekämpfen Piraten am Horn von Afrika

Es ist entschieden: Künftig werden auch deutsche Soldaten an der EU-Mission „Atalanta“ zur Bekämpfung von Piraten vor der Küste Somalias am Horn von Afrika mitwirken.

Das von der Regierung am 10. Dezember in einer Entschließung verabschiedete und vom Bundestag am 19. Dezember 2008 bestätigte Mandat gilt zunächst bis zum 15. Dezember 2009. Bis dahin können bis zu 1400 deutsche Soldaten gegen die Piraten aktiv werden.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) verfügt mit dieser großen Zahl von Soldaten über das von ihm angestrebte „robuste“ Mandat. Eingesetzt wird zunächst nur eine Truppe von 200 bis 250 Mann, die sich an Bord der in der Region liegenden Fregatte „Karlsruhe“ befindet. Sollten jedoch im Rahmen der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) noch mehr deutsche Anti-Piraten-Kämpfer gebraucht werden, ist dies mit dem erteilten Mandat jederzeit möglich. Ein Vorgehen gegen die Piraten an Land und im somalischen Luftraum, wie es der UN-Sicherheitsrat auf Initiative der USA und mit Genehmigung der Regierung Somalias kürzlich beschlossen hat, ist jedoch nicht geplant.

Neben der Beteiligung an der Operation „Atalanta“ wird auch künftig eine weitere deutsche Fregatte – zur Zeit ist es die „Mecklenburg-Vorpommern“ – an der von den USA geleiteten Antiterror-Operation Enduring Freedom (OEF) vor der ostafrikanischen Küste mitwirken. Sollte es die Lage vor Ort erfordern, kann auch sie zeitweilig in den Kampf gegen die Piraten einbezogen werden – unter anderem auch deshalb wurde die Zahl der Soldaten mit 1400 Frauen und Männern so hoch angesetzt.

Die Hauptaufgabe der deutschen Piraten-Jäger wird die Abschreckung sein. Im vorigen Jahr wurden vor der ostafrikanischen Küste mehr als 100 Schiffe überfallen und fast 40 davon gekapert. Im Gegensatz zu anderen Gegenden der Welt, wie West-Afrika und der Straße von Malakka in Südostasien, wo es Piraten vor allem auf wertvolle Frachten abgesehen haben, sind die Seeräuber vor Somalias Küste auf das Erpressen von Lösegeldern aus. Je nach Herkunftsland des Schiffes fordern sie Summen von hunderttausend Dollar bis zu mehreren Millionen, rauben die Besatzungen aus und stehlen die Schiffskassen. Ihr Aktionsradius reicht dabei inzwischen bis zu 300 Seemeilen ins Meer hinaus. Marine-Experten gehen davon aus, daß die bloße Präsenz der europäischen Kriegsschiffe oder allenfalls das Vorzeigen ihrer weit überlegenen Waffen bereits ausreicht, die See wieder sicher zu machen. Dennoch werden künftig auch die deutschen Soldaten nicht untätig zuschauen, wenn Piraten Schiffe kapern. Falls die Abschreckung nicht ausreicht, darf nun auch geschossen werden. Im Notfall haben die Soldaten das Recht, Piratenschiffe zu kapern und die Piraten festzunehmen.

An erster Stelle beim Schutz vor Piratenüberfällen im Rahmen der Operation „Atalanta“ stehen Frachter des Welternährungsprogramms, die Hilfslieferungen nach Somalia bringen. Erst danach folgen „zivile Schiffe im Operationsgebiet“, das einen Streifen von 500 Seemeilen (etwa 900 Kilometer) vor der Küste umfaßt.

Gestritten wird über den Umgang mit Kreuzfahrern. Ein Horrorszenario für westliche Staaten wäre es, wenn es zur Entführung eines solchen Schiffes mit mehreren Tausend Passagieren käme. Bis Ende März 2009 sind allein neun Passagen deutscher Kreuzfahrtschiffe durch das gefährdete Seegebiet bereits angekündigt. Solche „Vergnügungsreisen“ hält Verteidigungsminister Jung für „unverantwortlich“. Andere Politiker fordern bereits jetzt, daß Betroffene für eventuelle Rettungs- und Befreiungsaktionen zur Kasse gebeten werden, wenn trotz der Warnungen des Auswärtigen Amtes weiterhin Reise in die Krisenregion stattfinden.

Noch völlig ungeklärt ist auch, was mit Gefangenen geschehen soll. Deutschlands Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) meint, daß sie nur dann nach Deutschland überstellt werden können, wenn sie deutsche Schiffe oder Staatsbürger angegriffen haben. Ist dies nicht der Fall, können sie unter Berücksichtigung der in Deutschland geltenden Rechtsgrundlagen anderen Staaten übergeben werden, wenn diese zur Strafverfolgung bereit sind. Da dies durchaus strittige Fragen sind, dürften zukünftig viele der Piraterie Verdächtige einfach wieder freigelassen werden. Um diese unbefriedigende Situation zu ändern, befürworten deutsche Politiker der verschiedenen Parteien langfristig die Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofes. Konkrete Absprachen dazu gibt es jedoch noch nicht. So bleiben trotz des erteilten Mandates noch etliche Fragen zu klären. Kritiker des Marine-Einsatzes verweisen überdies darauf, daß die dafür veranschlagten Kosten von 45 Millionen Euro etwa fünfmal so hoch sind wie die gesamte Hungerhilfe, die Deutschland Somalia erweist.

Klaus Behling

Ein erhaltenswertes Kulturgut

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts – nach der Erfindung des Buchdrucks – entwickelte sich „als erste, typisch gebrochene Schrift“ die „Schwabacher“, die schon bald überall in Deutschland Verbreitung fand. 1485 wurde sie erstmals durch Friedrich Creußner in Nürnberg verwendet.

Obwohl der eigentliche Schöpfer unbekannt ist, so darf wohl angenommen werden, daß es sich um einen Schriftschneider aus dem nur 15 Kilometer von Nürnberg entfernten Schwabach handelte, nach dessen Herkunft die Schrift dann ihren Namen erhielt. Diese „Original-Schwabacher“, die vor der Fraktur die übliche deutsche Werkschrift war, ist also die älteste deutsche Schrift, die sich im Gebrauche fast unverändert erhalten hat, und sie wurde in der Zeit nach ihrer Entstehung vor allem von Martin Luther für den Druck seiner Bibel benutzt.

Wenige Jahrzehnte später entstand die Fraktur, die ab Mitte des 16. Jahrhunderts die Schwabacher verdrängte. Ihr Ursprung lag „in schnell geschriebenen gotischen Gebrauchsschriften“, wie sie u.a. auch in der Kanzlei des Kaisers verwendet wurden. Die Fraktur wurde zum ersten Mal 1525 in Nürnberg gesetzt, und sie blieb für vier Jahrhunderte (1540-1941) die in Deutschland vorherrschende Druckschrift. Übrigens existierte die Textur, die Vorläuferin der Fraktur, bereits vor der Antiqua (Druckschrift in lateinischen Buchstaben), denn das erste Buch in dieser Alt-Fraktur wurde schon 1474 in England hergestellt. Zeitgleich mit der Fraktur schuf Johann Neudörffer (1497-1563), der als der bedeutendste Nürnberger Schreibmeister jener Epoche gilt, auch die „Kurrent“ genannte deutsche Schreibschrift.

Während die Antiqua damals vor allem in den romanischsprachigen Ländern Italien und Frankreich gebräuchlich war und weiterentwickelt wurde, fand die Fraktur in fast allen Staaten mit deutschen bzw. germanischen Sprachen Verwendung, so etwa in Schweden noch bis ins 19. Jahrhundert hinein.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts tauchten dann erstmals Bestrebungen auf, die deutsche Schrift (und mit ihr die Fraktur) abzuschaffen. Die Gegner erreichten sogar, daß sich 1911 der Reichstag mit dem Thema befaßte, doch votierten 75 Prozent der Abgeordneten für die Beibehaltung der herkömmlichen (deutschen) Schrift vor allem in den Druckereien. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden zahlreiche neue deutsche Druckschriften, aber auch die Schreibschrift wurde weiterentwickelt. So hatte Ludwig Sütterlin bereits 1914 die nach ihm benannte Schrift erschaffen, die ab 1915 und dann verstärkt nach dem Krieg in den Schulen gelehrt und auch als Schulausgangsschrift bezeichnet wurde. 1935 entstand die „Rudolf-Koch-Kurrent“, benannt nach dem gleichnamigen wohl bedeutendsten Schriftkünstler des 20. Jahrhunderts, der im Jahr zuvor verstorben war. Auch eine Fraktur ist nach ihm benannt. Martin Hermersdorf, ein Mitarbeiter Rudolf Kochs, entwickelte schließlich dessen Kurrent weiter – die ab 1951 als „Hermersdorf-Schrift“ bekannt war und an deutschen Schulen gelehrt wurde – und setzte sich im übrigen nach dem Zweiten Weltkrieg allgemein für den Erhalt bzw. die Erneuerung der deutschen Schrift ein.

Nachdem das Reichspropagandaministerium schon zu Beginn des Zweiten Weltkrieges betont hatte, es müsse mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, bei der Fraktur handele es sich um eine deutsche, bei der Antiqua aber um eine undeutsche Schrift, erging am 3. Januar 1941 durch Martin Bormann, den „Stabsleiter beim Stellvertreter des Führers“ an alle „Reichsleiter, Gauleiter und Verbändeführer“ ein geheimes (!) Rundschreiben, in dem die Verwendung der deutschen Schrift künftig untersagt wurde mit der Begründung, dabei handele es sich in Wirklichkeit um „Schwabacher Judenlettern“. Stattdessen sollte nur noch die Antiqua (lateinische Schrift) benutzt werden, die man jetzt als „Normal-Schrift“ bezeichnete. Alle Druckerzeugnisse waren nach und nach darauf umzustellen, und in den Schulen durfte nur noch die „Normal-Schrift“ gelehrt werden. Weil man negative Rückwirkungen in der Bevölkerung befürchtete, wurden die Veröffentlichung des Rundschreibens sowie auch seine Ausführungsbestimmungen ausdrücklich untersagt. Eine der ersten Zeitungen, die bereits im selben Jahr auf Antiqua-Druck umstellte, war das NS-Parteiblatt „Völkischer Beobachter“.

Obwohl also das Verbot ausgerechnet auf Hitler zurückgeht, wird von den Gegnern der deutschen Schrift, insbesondere aber von Politikern des linken Spektrums und Gewerkschaftsfunktionären, diese immer wieder völlig widersinnig als „Nazi-Schrift“ diffamiert. Nicht selten setzen deutsche Zeitungen und Zeitschriften in Unkenntnis der Sachlage die Überschriften von Artikeln zu den Themen Rechtsextremismus, Neo-Faschismus oder Antisemitismus in Frakturschrift, um eine Assoziation dieser Schrift mit der NS-Ideologie herzustellen. Schon die alliierten Besatzungsmächte hatten nach 1945 die Herstellung deutscher Druckerzeugnisse nur genehmigt, wenn diese in Antiqua gesetzt waren – ohne sich darüber klar zu sein, daß sie damit im Sinne des „Führer-Erlasses“ von 1941 handelten.

Gleichwohl erlebte die deutsche Schrift in geschriebener und gedruckter Form ab etwa 1950 eine vorübergehende Renaissance. So erklärte der bayerische Landtag in jenem Jahr das Erlernen der deutschen Schrift in der Schule zur Pflicht, 1955 und 1956 folgten Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen, wo die deutsche Schrift im 3. Schuljahr zum obligatorischen Lehrstoff gemacht wurde. Zuvor schon war es den Volksschullehrern in Nordrhein-Westfalen überlassen geblieben, ob sie den Schülern im 1. Schuljahr zuerst die lateinische oder die deutsche Schrift beibrachten, nur mußten die Schüler bis zum Ende der 2. Klasse dann eben beide Schriften beherrschen. Und der nordrhein-westfälische Kultusminister sagte sogar noch am 26. März 1965 auf eine Anfrage hin schriftlich zu, dafür sorgen zu wollen, „daß die amtlichen Bestimmungen über die Durchführung des Unterrichts in der deutschen Schreibschrift künftig beachtet“ würden. Seit den siebziger und achtziger Jahren gelten solche Bestimmungen zwar nicht mehr, gleichwohl bildet die deutsche Schrift zum Teil wieder einen „Wahlgegenstand“ im Kunsterziehungsunterricht. Für Studenten der Germanistik oder der Geschichtswissenschaft ist es hingegen unverzichtbar, daß sie die deutsche Schrift in geschriebener und gedruckter Form beherrschen, das gleiche gilt für Berufe wie die des Archivars, des Bibliothekars oder des Notars.

In einem Informationsblatt des „Bund für deutsche Schrift und Sprache“ (gegründet 1918, verboten 1941, wiederbegründet 1951 und existent bis heute) heißt es zusammenfassend:

„Die deutsche Schrift (Handschrift und Frakturdruck) ‚diente‘ bis zu ihrem Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahre 1941 niemals einer einzigen Richtung, politischen Partei oder Ideologie: Luthers Bibel (1534), Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (1781), Goethes und Heines Werke, das „Kommunistische Manifest“ von Karl Marx (1848 in London gedruckt!), die Werke Thomas Manns, Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1927), Hitlers „Mein Kampf“ (1925) und sogar einige Bücher deutscher Emigranten sind in Fraktur gedruckt.

Die deutsche Schrift ist weder „rechts“ noch „links“: Kommunisten, Nationalsozialisten, der „Centralverein deutscher Juden“, Stresemanns Deutsche Volkspartei, die Sozialdemokraten, sie alle bedienten sich selbstverständlich in ihren Wahlaufrufen der deutschen Schrift. Sie war eben seit 400 Jahren die volkstümliche Schrift. In ihr waren und wurden nicht nur die Heilige Schrift, die Märchen, die Klassiker und natürlich auch der überwiegende Teil der zeitgenössischen Literatur gedruckt, sondern auch fast alle Zeitungen in Deutschland und somit auch der größte Teil der Wahlplakate in den zwanziger und dreißiger Jahren.“

„Ohne Zweifel“, so der damalige niedersächsische Kultusminister am 22. September 1988, „ist die deutsche Schreibschrift ein wertvolles Kulturgut, das es zu pflegen gilt“, und das bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus pflichtete am 12. Mai 1989 bei: „Bei der deutschen Schrift handelt es sich… um ein altes, bewahrenswertes Kulturgut.“ Eine Art Wiedergutmachung des „Führer-Erlasses“ von 1941 aber nahm der Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages genau 30 Jahre später vor, indem er erklärte: „…Den Freunden der deutschen Schrift ist es jedoch unbenommen, sich für die Verbreitung dieser Schrift einzusetzen und für ihre Verwendung zu werben. Der Staat respektiert die freie Entfaltung von Kunst und Kultur, so auch auf dem Gebiet der Schriftverwendung. Der im „Dritten Reich“ herrschende Zwang zur Bevorzugung der „Normal-Type“ (d.h. lateinischer Lettern) besteht nicht mehr…“ Diese Aussage läßt wahrlich nichts an Klarheit vermissen!

Wolfgang Reith

Berlins Spitzenrestaurant “Facil” verwöhnt nicht nur den Gaumen, sondern alle Sinne

Ein Spaziergang zu Berlins Sehenswürdigkeiten macht nicht nur Touristen schnell hungrig. Vom Fernsehturm zum Reichstag, vom Brandenburger Tor über den Potsdamer Platz… Hier lockt ein üppiges Angebot von Sushi-Bar bis Bagel-Shop. Kenner lassen all dies zurück, um sich in einen wahren Himmel des feinen Geschmacks zu begeben.

Hoch über der belebten Straße gelegen befindet sich im exklusiven Mandala Hotel das Facil. Längst sind es nicht nur Eingeweihte, die sich vom charmanten Personal den Weg zu kulinarischen Genüssen in einem von Berlins niveauvollsten Restaurants weisen lassen.

Außergewöhnliches bietet sich dem Gast bereits vor dem Dinner: Ein Augenschmaus die klar strukturierte Architektur! Eine Oase der Ruhe betritt man durch die Glastüren. Klares, offenes Design überzeugt in stilvoller Moderne, ohne abgehoben zu wirken. Bei erlesensten Zutaten verstehen sich Preise der oberen Kategorie von selbst. Das vorzügliche Business Lunch ist jedoch auch für kleinere Budgets erschwinglich. Eine junge Klientel lockt auch dies in den von Gault Milleau zum Aufsteiger 2008 gewählten Feinschmeckertempel. Ob in der unverkrampften Eleganz des Saals oder Dinner im Separée: Im Facil fühlt sich ein jeder willkommen!

Das Restaurant „Facil“ im Mandala Hotel, Berlin

(Hotel Mandala / Restaurant Facil)

Aufgeschlossen und entspannt ist auch Michael Kempf, der persönlich zum Interview empfängt. Mit seinen 32 Jahren ist er nicht nur einer der jüngsten Küchenchefs Deutschlands, sondern auch ausgezeichnet mit einem Michelin-Stern. “Innovativ, puristisch, individuell – das ist für mich das Besondere an der Küche des Facil. Wir wollen eine Atmosphäre schaffen, in die der Gast gerne wiederkehrt.” Ein Ansinnen, das sowohl in Ambiente wie im zuvorkommenden, jedoch unaufdringlichen Service perfekt aufgeht. Trotz der Lage im fünften Stock dieses wahrhaft “gehobenen” Ortes verleiht die begrünte Dachterrasse dem lichtdurchfluteten Speisesaal die entspannte Harmonie eines Gartens. Marmor, Mahagoni und Alabaster vereinen sich rund um die Tische zu klassischer Eleganz. Das Glasdach zaubert des Abends romantischen Sternenschein zum Dinner. Während die Speisekarte mit Kreationen gekrönt von Gourmet- Sternen verführt…

Schon das Amuse Bouche vom Schweinebauch zergeht auf der Zunge. Ein Gläschen Champagner zum Aperitif beschwingt ohne zu beschweren. Am meisten begeistert das Entrée von Seeteufelbäckchen mit knackigen Kichererbsen. Zart und dennoch mit Biß, wie auch die anderen Gänge perfekt gewürzt. Ein leichter Riesling unterstreicht dies optimal. Als Hauptspeise erhält der Rücken vom Müritzlamm durch Anchovis-Emulsion eine besondere Note. Dazu harmoniert ein süffiger Rotwein mit angenehmsten Bukett. Eine Symphonie von Erdbeeren und Pistazie zum Dessert krönt die Gaumenfreuden. Ein letzter Gruß vom Koch darf nicht fehlen: Klassischer Aprikosenkuchen angerichtet mit einem “Venusbrüstchen” von Moccacreme. All dies kein Menü, sondern ein Gedicht!

Die Inspiration dieses Magiers der Kulinaristik? “Klassische, bodenständige Gerichte aus Süddeutschland. Das ist das Essen meiner Kindheit. International die junge Küche Portugals.” Eine Reise nach Barcelona ist noch dieses Jahr geplant. Da liegt die Frage nahe, ob ihn eine Metropole wie Paris oder Mailand von hier weglocken könnte. “Berlin ist für mich die ideale Stadt. Aufgeschlossen, experimentierfreudig – dies spiegelt das Konzept des Facil wider. Hier kann ich mich perfekt entfalten.” Untrennbar mit der Weltstadt verbunden ist auch Michael Kempfs “kulinarische Sünde”, die er lachend verrät: “Currywurst!”

Und das persönliche Ziels des Meisterkochs? Die Kreation eines berühmten Gerichts, wie Escoffier für Nellie Melba? Oder ein eigenes Restaurant? “Ein zweiter Michelin- Stern”, heißt es. Daß Michael Kempf dies erreicht, bezweifelt man nicht. Beschwingt durch ein Menü der Spitzenklasse entschwebt der Gast. Begehrlich sich bald erneut verführen zulassen von den Gourmetkreationen des Facil!

Lida Bach


Armes Deutschland!

Wie deutschsprachige Medien in Kanada brüskiert werden

Aus der Bibel wissen wir, daß auf sieben fette Jahre sieben magere folgen. Die Zeichen sind unübersehbar, Deutschland befindet sich in den mageren.

Der Pleite- und Konkursgeier kreist übers Land, Industriebetriebe flüchten wie Ratten vom sinkenden Schiff in Billiglohnländer und Multimillionäre in Steuerparadiese, über 4 Millionen Arbeitslose vertreiben sich die Zeit mit den Simpsons. Kein Wunder, daß angesichts von Steuerausfällen Ebbe in der Kasse und Leere im Portemonnaie der öffentlichen Haushalte herrscht.

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(Karikatur:  Pohlenz)

Nun steht eine Europawahl an. Eine teure Sache. Zu Zeiten, in denen gespart werden muß. Wo also anfangen? Am leichtesten bei den kleinen Leuten. Die können sich am wenigsten wehren. Für Probleme dieser Art hat man schließlich clevere Finanzköpfe zu Beraterverträgen in Millionenhöhe engagiert. Sie finden den Trick, wie die Bundesregierung ihrer Pflicht nachkommen und deutsche Bürger in Kanada über ihr Wahlrecht informieren und die Kosten dafür auf private Finanziers abwälzen kann. Man stellt den deutschsprachigen Auslandszeitungen Inserate in Aussicht, weckt Erwartungen, versendet ein sog. Press Release bereits als fertige Anzeige gestaltet, kleidet die Freude, die man beim Abdruck empfinden würde, in so reizende Worte, weist so eindringlich auf Finanznot hin, daß es wirklich anrührend ist. Einfach genial. Wer mag ehrenwerten Politikern und Diplomaten dieses Ansinnen verweigern, “wo doch” – laut Generalkonsulat Toronto – “schon die Erfahrung gezeigt hat, daß das Interesse an der Bundestagswahl bei in Kanada lebenden Auslandsdeutschen gering ist”. Na also! Warum Perlen vor die Säue schmeißen!

Die Herausgeber der Zeitungen haben eben Pech gehabt. Und wer die Anzeige doch gedruckt hat, der ist halt Idealist oder blöd. Irgendeiner muß die Zeche ja zahlen. Und mal ehrlich, in Zeiten, wo es um ganz große Dinge geht, ist es da nicht kleinlich, um Anzeigen zu feilschen? Zumal der deutsche Verteidigungsminister Struck klargestellt hat, wo die eigentlichen Prioritäten liegen. “Die Freiheit Deutschlands wird nicht zuletzt am Hindukusch verteidigt”, hat er gesagt. Schließlich kann man es Bush & Co. nicht alleine überlassen, ihre Vorstellung von Freiheit Ländern aufzuzwingen, die sie so gar nicht haben wollen. Und das kostet Geld. Viel Geld! Da bleibt kein Geld mehr für Anzeigen, die die Wahlfreiheit in Europa verteidigen, für Zeitungen, die die Pressefreiheit um JEDEN Preis verteidigen, für Idealismus und ehrenamtliches Engagement. Danke, daß Sie uns aufgeklärt haben, Herr Struck!

Elisabeth von Ah

An interview with its President Dr. Albert Maringer

Deutsche Rundschau: Dr. Maringer, Siemens has played a definitive part in Canada’s impressive industrial history. In your opinion, what are the most significant milestones that Siemens has achieved during the last few decades?

Dr. Maringer: Following the loss of the Second World War, German-based companies in most instances not only lost their overseas assets but also “name rights” were taken away. This, of course, hit Siemens worldwide very hard. It took us until 1965 to get Siemens “name rights” back in Canada. At the same time, it is important to realize that Siemens historically had a strong business base in Eastern Europe and these were cut off by the Iron Curtain. At that time, Siemens’ business interests were never really directed towards the West, however, when Siemens realized that the Iron Curtain would remain in place much longer than anticipated, it began to redirect its business attention and turned its sights towards the West.

In the early 1970s, we began to make inroads in North America, particularly the United States and grew primarily through acquisition of local U.S. based companies. Siemens sent me to the States at that time as one of the first Siemens representatives to a joint venture between Siemens and Allis Chalmers. When acquiring a US company, you usually set a precedent for doing business in Canada at the same time. With some homegrown businesses in Canada, Siemens started to grow its base, but it took almost until the mid-90s to realize that Canada had a growing marketplace, which was sustained on its own merits and was gaining an own identity apart from the U.S., both economically and culturally. Siemens recognized a need for a dedicated agenda for doing business in Canada. Considering the fact that Siemens had a relatively late start in North America, we are currently the largest German-based company in Canada. We recognize that Canada is the seventh largest economy in the world and all things being equal, if Siemens in Canada was the seventh largest company in the Siemens family, we would be a seven billion dollar entity in Canada.

Deutsche Rundschau: Measured relative to the total global results of Siemens AG, of what significance is Siemens Canada’s contribution to the overall bottom line and thereby to the global success of the AG?

Dr. Maringer: We are squarely within the top 20 countries in the Siemens worldwide organization, which operates in over 190 countries. Of course, we can always do much better – nonetheless, we contribute significantly to the overall bottom line and are responsible for a lot of export out of Canada.

[Deutsche Rundschau: And our publication is distributed to “only” 140 countries around the world… You beat us by 50 countries! We have to find out from you which those other 50 countries are!] Yes, it is amazing to think of the number of countries that Siemens does business in and the number of times we have reinvented ourselves over our 157-year history. Siemens’ global strength and diversity is an excellent resource for us in Canada – we consistently learn from other countries and their challenges. This global experience and infrastructure knowledge can provide us with creative ideas and innovative solutions that we can transfer and use to benefit our Canadian customers. Our diversification and our ability to react to ever-changing business environments is what makes us unique.

Deutsche Rundschau: During the 1950s, the trademark “Siemens” was better known in North America in the trade and industrial circles than by “Joe Consumer”… has this conception changed markedly during the last decades? Do you continue to perceive growth opportunities in the Canadian markets? And if so, in which sectors of industry?

Dr. Maringer: Yes, it is interesting that you should say that. My yardstick for “Siemens-recognition” has always been entering the country and going through customs and immigration. Just a few years ago, when I would arrive at the airport in Toronto, officials, not really understanding or knowing Siemens, would always question what kind of a company Siemens was and the type of business Siemens was in – unlike my visits to Europe, where Siemens is a household name. Now however, the response from Toronto customs officials is been: “Siemens, yes; – great products!” Part of this new recognition is due to our marketing efforts. We are now very active in Canada through our focus on sports and charities. We have recently established “The Siemens Network of Caring” (TSNOC), through which, we lend support and channel our efforts to benefit specific charities. In addition to TSNOC, we have expanded our exposure and increased our awareness through our sponsorship of professional sports. On average, a million people will see the Siemens brand during a single NHL game and we do this across Canada — in Montréal, Toronto, Calgary and Vancouver. We also advertise with the Toronto Blue Jays in the SkyDome (Siemens technology is responsible for the opening and closing of the retractable roof of the SkyDome), and the Toronto Raptors.

In Europe, Siemens products are well known because their products form a part of everyday life – Siemens is part of the culture – people have grown up with us. Here in Canada, Siemens has always been well known in industrial arenas, but not in the public eye. I am pushing very hard to change this by introducing technological and high-tech commodity products such as cell phones, enterprise phone systems and cordless products – anything which gets our products into the hands of consumers helps to increase our brand awareness. Nonetheless, our base business is still derived from the electrical engineering and electronic sectors (in Canada, Siemens operates in six core market segments: health care, information & communications, energy & power, industry & automation, transportation and lighting) and from infrastructure products. We cannot and do not need to be everything to everyone. The bottom line is, that we focus quite strongly on solidifying the brand name and are trying to avoid any cannibalization of it. Our communications and marketing teams are doing an outstanding job in establishing our brand.

(left to right: Juri Klugmann, Dr. Albert Maringer, Donald James Dunn)

(Photo: D.L. Leslie)

Deutsche Rundschau: Siemens Canada is represented in the Canadian marketplace with a wide spectrum of products and with a correspondingly full and well-developed service capability. Has the offering of such a broad palette of products been a successful strategy in achieving desired sales targets in today’s highly competitive markets?

Dr. Maringer: Historically, Siemens in North America was structured as a vertical organization and our diverse businesses operated independently of each other – this strategy, however, gave us an illusion of strength, but did not really allow us to grow effectively. The world is not structured vertically – our customers are in need of multiple Siemens offerings and services. Those needs have to be served more in a lateral matrix. Only when you place everything you have to offer on one plate and can deliver totally integrated solutions, are you taking the right approach. Instead of having clients pick and choose suppliers from the phone book, we are offering them a one-stop shopping experience – using shared technologies and our diversity in applications. All of our clients go through a variety of business cycles and we are able to survive the “ups” and “downs” of those cycles, and maintain our relationships with those clients, even when they are not doing a lot of business with us, because of how we are structured. This is important to our success. At the same time, Canada is a tremendous challenge; it has the second largest geographical landscape in the world. As we are an infrastructure company, 50% of all capital invested in Canada is spent in the oil & gas sector and in government, meaning crown corporations involved in uranium mining, diamond mining, and so on, and our offerings are well suited. Unfortunately, when the Good Lord created this wonderful country, He made a design flaw. I argue with Him about this every night. He could have put all of Canada’s great natural resources, such as oil and gas, uranium and diamonds, in a neat and convenient ring around Toronto. Instead, they are located in beautiful but remote places like Fort McMurray, Kirkland Lake and Yellowknife. And, of course, Siemens has to be there where those natural resources are to build infrastructures on site – that challenges us. If you approach those situations in a vertical manner, there is not enough business for anyone to carry, but collectively it’s doable.

[Deutsche Rundschau: Another problem one is faced with here in Canada, of course, is the lack of sufficient market base. South of the border, you have a base of some 260 million people. In Canada the base is 32 million. How does Siemens market its products in this diminutive market base?] The approaches are different between the two countries. Marketing in the US is relatively easy because of the dense population in a rather small geography as opposed to Canada, which is the opposite. However, in spite of this challenge in size, Canada is still an extremely attractive market with a market economy equal to that of the UK or France, where Siemens is doing very well. So, by expanding our portfolio of offerings, one might think that we are diluting our strength but actually the opposite is true. Customers are always looking for new ways to compete and that is what we do – we help our customers become more profitable by providing them with innovative global solutions.

Deutsche Rundschau: Dr. Maringer, you hold important and influential positions on the board of directors of the German-Canadian Chamber of Commerce and Industry as well as on the Scientific Council for German and European Studies at York University. What noteworthy concepts and ideas do you glean from participation in such honorary positions, which you can subsequently apply in exercising your role as president of Siemens Canada?

Dr. Maringer: Of course, my primary function is to run a successful company in Canada. But, in order to be not necessarily the largest but certainly among the most prominent German companies, one cannot escape taking responsibility for the collective of the German community and the interrelationships between its members. Ideas and information obtained from Chamber and Council members can be used to support development within Siemens. The Chamber and Council is dedicated to preserving German interests culturally and economically and promote collaboration. I think we also have a responsibility to unite the different views which are inherent here because of Canada’s cultural diversity and history, by providing for a common path to be followed, a contemporary path for the future. And the Germans as well as other Europeans have tackled such challenges before. When I think of the Club of Rome and the Zero-Sum-Society and the work accomplished thereafter, I see what is still ahead of us here. Canada has not yet gone through this “growing” phase and is still in its developing stage compared to Europe where maturity in contemporary ideas to some degree has already been attained – by this, I mean in the exchange of ideas and learning to help one another. The German-Canadian Chamber of Commerce and Industry is a very important element in this because it represents three basic types of members in its constituency, all of whom – except for the grand Canadian-German or the German-Canadian affiliation – otherwise have little in common with one another. First is the affiliates of German companies run by “Germans” here in Canada; then we have Canadian companies with affiliations in Germany; these two groups have by and large different perspectives on the German-Canadian relationship. Finally, we have German subsidiaries reporting to US-Headquarters or are being managed by Canadian locals – they again may have a different view on the German-Canadian relationship. The common denominator between all of them is the Chamber managing the common interest on the German-Canadian affiliations. As far as the Advisory Council for German and European Studies is concerned, it acts as an advisory board without getting too involved in actual academic matters. It also acts as a sounding board for the associated constituency to reflect what an appropriate mix of contemporary German studies could be, concentrating more on the future than on the past, and on what we can all learn from each other. This is a very challenging task. I recently spent an entire week traveling in Germany with President Prof. Lorna Marsden and with Prof. Webber, both of York University, as well as Prof. LaCroix, President, Université de Montréal, to exchange ideas with academic counterparts in Bonn, Jena and elsewhere. This sort of cross-border venture creates a valuable resource of ideas, which can be applied in Canada.

Deutsche Rundschau: Dr. Maringer, the Deutsche Rundschau wishes to convey its sincere appreciation for your time and effort in participating in this interview.

Donald James Dunn
Juri Klugmann


Ein Kommentar von Altbundeskanzler Dr. Helmut Schmidt.

Noch nie war die amerikanische Außenpolitik so imperial.

Damit muß Europa leben – aber es soll sich nicht unterwerfen

Ob Robert Kagan oder Charles Krauthammer, William Kristol, Richard Perle, Zbig-niew Brzezinski oder Paul Wolfowitz – seit Ende des Kalten Krieges schießen die amerikanischen Fürsprecher rücksichtslosen Machtgebrauches und die intellektuellen Wortführer des amerikanischen Unilateralismus ins Kraut.

Brzezinski verlangt, die USA sollen “den eurasischen Kontinent kontrollieren”. Wolfowitz erklärt, “…die Aufgabe bestimmt die Koalition, nicht andersherum” – und meint damit: Die Nordatlantische Allianz ist nicht wichtig. Kagan beruft sich auf Thomas Hobbes, der vor dreieinhalb Jahrhunderten den absoluten Machthaber als den einzigen Garanten von Frieden, Sicherheit, Recht und Moral gepriesen hat. Man kann fragen, warum Kagan nicht gleich Machiavelli zum Zeugen aufruft; denn der hat nicht erst das Recht oder die Moral bemüht, sondern von vornherein auf Gewalt und Macht gesetzt.

Der nationalistisch-egozentrische Einfluß imperialistisch gesinnter Intellektueller auf die Strategie der USA ist derzeit größer als je seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Allerdings hatte sich der im Kalten Krieg legitime amerikanische Führungsanspruch schon zur Zeit Reagans, abermals und stärker zur Zeit Clintons, in Richtung auf eine Selbsteinschätzung entwickelt, nach welcher die USA als einzige globale Supermacht den Rat ihrer europäischen Verbündeten eigentlich nicht benötigten. Sie brauchten auch nicht allzu viel Rücksicht auf die Interessen anderer Nationen zu nehmen. Reagan bombardierte Grenada, Clinton bombardierte Belgrad und eine Fabrik im Sudan – alles ohne einen Beschluß des Sicherheitsrates der UN, alles Verletzungen der Charta der Vereinten Nationen. Im ersten Halbjahr der Bush-Administration war deutlich geworden, daß sie geltende Verträge und geleistete Unterschriften nur so lange honorieren will, wie sie diese als vorteilhaft für die USA ansieht.

Schon Edmund Burke warnte vor der Hybris der Supermacht
Gleichzeitig nahm die Feindseligkeit gegenüber China zu, die schon unter Clinton erkennbar gewesen ist; Clinton hatte unter anderem ein extensives Militärabkommen mit Japan geschlossen, das eindeutig gegen China gerichtet war. Gleichzeitig schürten imperialistisch gesinnte Intellektuelle den Argwohn gegen China als künftigen Weltmacht-Konkurrenten. Im ersten Halbjahr der Bush-Administration erschien ein Kalter Krieg der USA gegen China als möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich.

Aber dann hat der 11. September die Welt verändert – so meinen jedenfalls die meisten Amerikaner. Man muß dem nicht beipflichten; aber offensichtlich hat jenes terroristische Kolossalverbrechen die amerikanischen Vorstellungen von der Welt tiefgehend verändert. Dem Volk war seit Jahren gesagt worden, sein Land sei die einzige Supermacht der Welt – und deswegen fühlte man sich sicher. Jetzt aber hatte die Nation zum ersten Mal seit Jahrhunderten auf ihrem eigenen Boden unter einer gewaltsamen Attacke zu leiden, mit dreitausend ermordeten Opfern. Der tiefe Schock hat einen weitgreifenden, anhaltenden Willen zum Widerstand hervorgebracht.

Der von Bush ausgerufene “Krieg gegen den Terrorismus” war Ausdruck des Willens von Regierung und Nation, ihre enorme Macht gegen die Terroristen einzusetzen. Zwar war diese Parole ähnlich grobschlächtig wie zuvor schon das Schlagwort von der axis of evil, das drei Staaten auf dem asiatischen Kontinent zusammenfaßte, die in Wahrheit kaum irgendeine Verbindung untereinander haben.

Es gibt vielerlei Terrorismen auf der Welt, von Südamerika über die ETA in Spanien und die IRA in Irland bis nach Asien und Afrika; viele davon haben weder mit al-Qaida noch mit anderem islamistischem Extremismus etwas zu tun, sie würden auch in dem günstigsten Falle einer völligen Auslöschung von al-Qaida nicht beseitigt sein.

Für den notwendigen militärischen Angriff auf das mit al-Qaida kooperierende Taliban-Regime Afghanistans war Washington klug genug, sich zunächst der politischen Unterstützung der Staaten der Europäischen Union, Rußlands, Chinas und vieler anderer Staaten zu versichern, eine antiterroristische Koalition zustande zu bringen und einen Beschluß des Sicherheitsrates der UN herbeizuführen. Es war gut und richtig, daß die Regierungen und die Medien der europäischen Staaten ihre Solidarität mit den USA erklärt und auf vielfältige Weise kooperiert haben, so auch die NATO, die im Oktober 2001 für ihre Mitglieder die Beistandsverpflichtung gegenüber dem Allianz-Mitglied USA festgestellt hat. Washington hat bisher von der NATO kaum Gebrauch gemacht – zur Enttäuschung ihres Generalsekretärs George Robertson und einiger ihrer Militärs und Diplomaten. Im Ergebnis war es dankenswert, nicht das ganze Nordatlantische Verteidigungsbündnis und die NATO in den Krieg in Zentralasien zu verwickeln.

Stattdessen hat Washington sich der politischen und militärischen Kooperation einer Reihe einzelner Staaten bedient. Damit haben sich die Vereinigten Staaten zugleich aller multilateralen Beschlußfassung entzogen. Washington hat sich inzwischen eine von niemand einschränkbare nationale Handlungsfreiheit zur Richtschnur gemacht – und obendrein erklärt, jeden als Gegner betrachten zu wollen, der in ihrem Kampf nicht auf seiten der USA steht.

Anders als Wladimir Putin in Moskau und Jiang Zemin in Peking haben manche europäische Minister und Regierungschefs ziemlich würdelos auf diesen amerikanischen Unilateralismus reagiert. Sie haben sich darüber beklagt; sie reden immer wieder von einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union, welche es in Wahrheit nicht gibt; sie geben Erklärungen ab, die nichts bewirken; sie reisen einzeln nach Washington, aber auch zu Scharon und Arafat, und geben mancherlei Ratschläge; sie kritisieren Amerika.

Die unilateralistischen Wortführer in Washington lächeln darüber. Robert Kagan verspottet die Europäer als pazifistische Idealisten, die angeblich einer von Kagan erfundenen “Kantianischen Weltordnung” anhängen. Dagegen ließe sich ein anderer europäischer Denker aus der Zeit der Aufklärung zitieren: Edmund Burke, der britische Konservative, der im 18. Jahrhundert für die Freiheit der amerikanischen Kolonien eintrat und geschrieben hat: “Nichts kann einer Nation verhängnisvoller werden als ein Übermaß an Parteilichkeit und eine totale Mißachtung der natürlichen Hoffnungen und Befürchtungen anderer.”

Diejenigen europäischen Politiker, die nach einer eigenen “Rolle” in der Weltpolitik streben – in Wahrheit aber ebenso sehr nach Medienauftritten für das eigene Wählerpublikum –, haben mit mancher ihrer Kritiken an Washington durchaus Recht. Aber Washingtons freundlich verpackte Nichtachtung ist verständlich. Denn diese Europäer sollten sich einmal vorstellen, wie sie und ihre Nationen wohl reagiert hätten, wenn zwei von Selbstmordterroristen entführte Verkehrsflugzeuge auf das Bankenviertel in Frankfurt und auf das Reichstagsgebäude in Berlin gelenkt worden wären und Tausende ermordet hätten. Was wären die psychologischen und politischen Reaktionen in unseren Nationen? Würden unsere Regierungen kühle Vernunft bewahren? Wer sich solch einen Fall vorstellen kann, der wird die überspannte seelische Befindlichkeit der amerikanischen Nation etwas besser verstehen. Gleichwohl bleibt vielerlei Kritik am Verhalten der Bush-Administration gerechtfertigt. Es ist sehr fraglich, ob sie nützen wird.

In den zwei Jahrhunderten bisheriger amerikanischer Außenpolitik haben immer drei verschiedene Grundtendenzen nebeneinander existiert. Bisweilen hatte Isolationismus die Oberhand, bisweilen Internationalismus, den man auch Multilateralismus nennen kann, bisweilen unilateralistischer Imperialismus. Solange die USA ökonomisch und militärisch schwach waren, galt die isolationistische Monroe-Doktrin; aber schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts erzwangen amerikanische Kriegsschiffe die Öffnung Japans für den internationalen Handel. Während des ganzen Jahrhunderts fand eine Erweiterung des kontinentalen Hoheitsgebietes der USA statt. Am Ende des Jahrhunderts kamen der Krieg gegen Spanien, der Erwerb der Philippinen, des Hawaii-Archipels und Guams sowie die machtpolitische Einflußnahme auf Mittelamerika und die karibischen Inseln. Unter dem Einfluß Alfred Mahans und Theodore Roosevelts hatten im Beginn des 20. Jahrhunderts die schon damals so genannten “Imperialisten” die Oberhand. Aber am Ende des Ersten Weltkrieges scheiterte der missionarische Internationalist Woodrow Wilson am wiedererstarkten amerikanischen Isolationismus, seinem Völkerbund traten die USA nicht bei.

Amerikas Entschlossenheit zum Alleingang ist eine Tatsache.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges, aus dem Amerika endgültig als stärkste Militär- und Wirtschaftsmacht der Welt hervorgegangen war, konnten gleichwohl internationalistisch gesinnte Führer wie Truman, Marshall oder Acheson die UN und den Sicherheitsrat errichten, den Internationalen Währungsfond und die Weltbank, sie erfanden die Entwicklungshilfe und den Marshall-Plan und halfen Europa wieder auf die Beine – sogar den bisherigen Feinden Deutschland und Japan. Gewiß hat Amerika diese in der Geschichte einmalige Leistung nicht bloß aus uneigennützigen Motiven vollbracht; aber sie ist fast der ganzen Welt zugute gekommen. Auch in der Zeit der Bedrohung Europas durch die hoch gerüstete, zugleich imperialistische Sowjetunion, welche den Nordatlantischen Beistandspakt und die NATO nötig machte, hat die damals noch ziemlich homogene politische Klasse in Washington am Multilateralismus festgehalten – freilich auch an ausgeprägter Führung durch die USA. Erstmalig unter Reagan gewann die nie ganz verstummte Tendenz zum Unilateralismus wieder an Boden. Unter George W. Bush hat der Unilateralismus seinen Durchbruch erzielt.

Die europäischen Regierungen wären klug beraten, wenn sie die heutige amerikanische Entschlossenheit zum Alleingang als Tatsache ansähen und sich darauf einrichteten, daß der Unilateralismus auf lange Sicht, möglicherweise auf Jahrzehnte, in Washington die Oberhand behalten wird. Zwar sind weder die isolationistischen noch die internationalistischen Kräfte innerhalb der amerikanischen Gesellschaft untergegangen. Jedoch wird die voraussichtlich lange Dauer des islamistischen Terrorismus die imperiale Phase ausdehnen; vor allem wird wahrscheinlich das Hochgefühl uneingeschränkter Macht entscheidend zur Fortsetzung des Unilateralismus beitragen.

Schon heute hört man Amerikaner ihr Land mit dem Weltreich des klassischen Rom vergleichen, dabei weisen sie ganz Europa die provinzielle Rolle Athens zu, wohin die römischen Patrizier ihre Söhne schickten, um Rhetorik und Philosophie zu studieren. Weil es noch lange dauern wird, bis die Europäische Union eine umfassende Handlungsfähigkeit nach außen erreicht, werden die Europäer sich mit diesem Zustand abfinden müssen. Allenfalls werden sie punktuell dann erfolgreich eingreifen können, wenn sie sich im Einzelfall zu gemeinsamem Handeln aufraffen.

Die Europäer haben es allerdings keineswegs nötig, sich selbst zu Instrumenten amerikanischer Weltpolizei zu machen oder machen zu lassen. Sie sind 1999 auf dem Gipfel zum fünfzigjährigen Jubiläum der Allianz mit der Ausrufung einer “neuen NATO” und mit ihren Reden über neue Verantwortungen schon viel zu weit gegangen. Gegen welchen Feind sollte sich die neue NATO richten? Etwa gegen alle sechs oder sieben der damals noch so genannten Schurkenstaaten? Oder hatten die versammelten Regierungschefs neue friedenschaffende militärische Interventionen außerhalb Europas im Sinn – à la Balkan oder à la Somalia oder Ruanda oder Timor? Oder à la Desert Storm im Irak?

Gegenwärtig bereitet sich Washington militärisch und logistisch auf einen abermaligen Krieg gegen den Irak vor. Ob und wann der Entschluß dazu tatsächlich gefaßt werden wird, steht dahin. Auch ist offen, ob George Bush junior dazu, wie seinerzeit sein Vater, einen Beschluß des Sicherheitsrates der UN für nötig hält. Die amerikanische Öffentlichkeit wird heute zunehmend auf präventive Kriegsführung eingestimmt. Sogar vom Erstschlag mit nuklearen Waffen ist die Rede. Unklar ist, wie man sich die anschließende innenpolitische Situation im Irak oder in Saudi-Arabien vorstellt, im Libanon, in den von zwanzig Millionen Kurden bewohnten Teilen des Irak und der Türkei, in Israel, im Westjordanland und in Gaza – und wie Washington damit umgehen will.

Es gibt einige Einsichten, vor denen Washington die Augen nicht verschließen sollte:

1) Ein Krieg gegen den Irak kann zwar die beiden Risiken der Unberechenbarkeit des Machthabers Saddam Hussein und der irakischen Verfügung über Massenvernichtungswaffen beseitigen. Der Krieg kann aber nicht den vielfältigen islamistischen Terrorismus auslöschen, dieser würde vermutlich im Gegenteil von einem amerikanisch-irakischen Krieg eher noch angestachelt werden.

2) Die heterogenen islamistischen Terrorismen haben in manchen der über sechzig islamisch geprägten Staaten geheimen Unterschlupf gefunden. Sie werden erheblich aus einigen reich gewordenen OPEC-Staaten finanziert. Neben mehreren religiös-fanatischen geistlichen Führern und Missionszentren spielt in den arabischen Staaten die Solidarisierung mit den Palästinensern eine entscheidende Rolle. Auf dem Nährboden der Armut, zumal in den übervölkerten Städten, bedroht der Extremismus fast überall den inneren Frieden und die Regierungen, die durch die einseitig proisraelische Politik der USA in Bedrängnis geraten. Ihnen kann nur durch eine weitsichtige Politik und finanzielle Unterstützung, nicht durch Raketenschläge geholfen werden.

3) Die USA besitzen im Mittleren Osten eine singuläre Einflußposition, nur sie können dort für Ordnung und Frieden sorgen; sie haben gute Beziehungen zu Israel, zu Saudi-Arabien, Ägypten und zur Türkei und verfügen außerdem in der Region über einzigartige militärische und finanzielle Hebel. Jedoch ist die Politik Washingtons gegenüber der komplexen Problematik im Mittleren Osten seit Jahrzehnten inkonsistent und ohne eindeutiges Ziel – und zwar weitgehend aus innenpolitischen Gründen. Solange es dabei bleibt, wird niemand sonst im Mittleren Osten eine friedliche Ordnung herstellen können.

4) Ein amerikanischer nuklearer Ersteinsatz – gegen wen auch immer – wäre eine globale Umwälzung der bisher von den USA, von allen NATO-Partnern und von Rußland einvernehmlich verfolgten Nuklearstrategie der Nonproliferation. Er würde zugleich ein gefährliches Präjudiz für die anderen sieben Staaten, die heute über Nuklearwaffen verfügen.

Für die Europäer ergeben sich einige klare strategische Prinzipien:

1) Hunderte Millionen Muslime leben in geografischer Nähe zu Europa und zum kleinen Teil bereits in den Staaten der EU. Deshalb und wegen des starken Zuwanderungsdrucks aus den übervölkerten Städten Asiens und Afrikas hat Europa ein vitales Interesse an der Vermeidung eines globalen clash of civilizations mit dem Islam; die Massen islamischer Gläubiger machen heute schon ein Fünftel der Menschheit aus, und ihr Anteil steigt. Deshalb muß die Europäische Union für Dialog und Toleranz gegenüber dem Islam eintreten. Deshalb kann die EU keine politischen Aktionen unterstützen, die von den islamischen Völkern als Provokation empfunden werden.

2) Europa erlebt Terroristen von vielfältiger Provenienz (schon vor 25 Jahren wurde – siehe Mogadischu! – die terroristische deutsche RAF von muslimischen Terroristen unterstützt!). Die europäischen Regierungen haben in ihrer Abwehr bisher stets die Gebote des gesetzten Rechts beachtet. Zugleich ist es ihnen selbstverständlich, international zu kooperieren. Es gibt für sie keinen Grund, diese erprobten Prinzipien zu verletzen. Warum sollte Europa mehr Geld für Rüstung ausgeben?

3) Die Mitglieder des Nordatlantischen Verteidigungsbündnisses wären im theoretischen Fall eines durch die USA geführten “präventiven” Krieges nicht zum militärischen Beistand verpflichtet. Eine deutsche Beteiligung ist durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 sogar verboten. Der Fall könnte dann anders liegen, wenn ein positives Votum des Sicherheitsrates der UN vorläge.

Es wäre gut, wenn die Europäer den Amerikanern diese Einsichten ins Bewußtsein heben könnten, einschließlich der genannten europäischen strategischen Vorgaben. Wir Europäer sollten aus Gründen der gemeinsamen Geschichte und der einander verwandten Kultur die Freundschaft und das Bündnis mit Amerika pflegen. Das muß uns nicht hindern zu erkennen, daß wir kein Interesse am Ausbau der amerikanischen Tendenz zum Alleingang oder gar zum Imperialismus haben. Wir müssen keineswegs jedweder außenpolitischen Wendung der USA folgen, so auch nicht dem Druck, künftig wieder mehr Geld für Rüstung auszugeben. Wir haben guten Grund, keineswegs den Beispielen der sehr hohen und täglich wachsenden Auslandsverschuldung der US-Wirtschaft oder der wachsenden Staatsverschuldung Amerikas oder den erschreckenden Auswüchsen des amerikanischen Raubtierkapitalismus zu folgen.

Die dringlichsten Aufgaben der Europäer liegen keineswegs in der Weltpolitik, sondern vielmehr innerhalb des Kontinents. Denn bisher sind die EU-Mitgliedsstaaten mit wenigen Ausnahmen unfähig, ihre selbstverschuldete Arbeitslosigkeit zu überwinden. Sie bedürfen wegen der Schaffung neuer Arbeitsplätze dringend eines weitreichenden Umbaus ihrer Strukturen sowie einer großen, anhaltenden Anstrengung in der Forschung und anschließend in der technologischen Entwicklung. Sie sind bisher der Aufgabe der Integration von Millionen hier ansässig gewordener Ausländer ebenso wenig gewachsen wie der Vermeidung weiteren Zustroms.

Die Europäische Union findet sich seit Maastricht, wo man vor zehn Jahren den Euro beschlossen hat, in einer Stillstandskrise; ihre Institutionen und Verfahren, auch ihre finanzielle Ordnung sind für eine Aufnahme von zehn oder sogar zwölf neuen Mitgliedsländern immer noch nicht vorbereitet. Die politische Führung der EU, die von 1974 bis 1989 von Frankreich und Deutschland mit großem Erfolg ausgeübt worden ist und die den Integrationsprozeß Schritt für Schritt vorangebracht hat, bedarf der Erneuerung.

Die Vollendung der Europäischen Union liegt noch in der Ferne – möglicherweise brauchen wir noch einmal fünfzig Jahre. Unterdessen müssen wir uns nicht von Amerika bevormunden lassen.

Helmut Schmidt


Die Bundeswehr zwischen Wehrpflicht und Berufsarmee

Aufrechterhaltung der Wehrpflicht umstritten


Seit dem politischen Wechsel in Deutschland von der CDU/ CSU zur Koalition von SPD/ Bündnis 90 – Die Grünen ist die Zukunft der Bundeswehr eines der wichtigsten politischen Themen, das zur Behandlung durch die Regierung ansteht. Offiziell will der neue Bundesverteidigungsminister, wenn überhaupt, nur wenig verändern. Er spricht von Kontinuität. Andererseits ist der Druck des kleineren Koalitionspartners nicht zu übersehen. Seine Militärexpertin, die Abgeordnete Angelika Beer, spricht offen von einer starken Reduzierung der Bundeswehr in naher Zukunft. Ähnliches wird von der jetzt eingesetzten Wehrstrukturkommission erwartet.
Auch im Bundesverteidigungsministerium wird unter der Hand von einer Reduzierung der Bundeswehr auf 200.000 Soldaten und gleichzeitiger Umwandlung in eine Berufsarmee nachgedacht. Für eine Berufsarmee würden die sich häufenden out of area-Einsätze sprechen, denn diese verlangen eine hochmotivierte und hochspezialisierte Truppe, die den damit verbundenen besonderen Aufgaben gerecht wird. Damit befindet sich die Bundesrepublik Deutschland in einem Konflikt, denn dem Bedarf an hochspezialisierten Einsatzkräften steht die Forderung nach Aufrechterhaltung der Wehrpflicht entgegen. Beide Forderungen sind finanziell nicht zu verwirklichen. Außerdem ist auch dem Laien deutlich, daß eine Verwendung von Wehrpflichtigen in Kampftruppen aufgrund ihrer minimalen militärischen Kenntnisse kaum möglich ist. Zehn Monate Wehrpflicht reichen nicht aus, um ungediente Soldaten für den Einsatz im Rahmen der out of area-Einsätze auszubilden.Deutschland kann sich den Einsätzen außerhalb seines Staatsgebiets nicht mehr entziehen. Als starker wirtschaftlicher Machtfaktor in Europa ist seine stärkere Eine Bindung in den politischen und militärischen Teil der NATO unabdingbar. Wenn Deutschland nicht in die zweite Reihe der europäischen und internationalen Staaten rutschen will, muß es sich aktiv in die gemeinsame Sicherheitsvorsorge und Verteidigung einbringen. Noch zu deutlich ist die eingeschränkte Beteiligung der Bundesrepublik am Irak-Einsatz der Vereinten Nationen im Gedächtnis der Partner. Ein weiteres Mal würde ein derartiges Zögern zu Verlusten beim politischen Einfluß z. B. in der NATO, der EU und der UNO führen.

Rechtlich ist die Eine Bindung Deutschlands in die internationalen Organisationen längst abgesichert. Heute gilt, daß die Prinzipien der “Charta der Vereinten Nationen” und die Werteordnung des Grundgesetzes Richtschnur für die Außen- und Sicherheitspolitik sind. In Übereinstimmung mit der Charta bestimmt Artikel 24 des Grundgesetzes, daß sich die Bundesrepublik Deutschland in ein kollektives Sicherheitssystem einordnen kann. Als Mitglied der Vereinten Nationen hat sie die Rechte und Pflichten der Charta der Vereinten Nationen übernommen. Daraus leitet sich nach dem Verständnis auch der neuen Bundesregierung die Verpflichtung zur aktiven Mitwirkung an den Aufgaben und Missionen der Völkergemeinschaft ab. Die militärische Sicherheitsvorsorge kann sich daher nicht allein auf die Landes- und Bündnisverteidigung beschränken.

Dennoch ist die Umwandlung der Wehrpflichtarmee in eine Berufsarmee nicht einfach. Seit mehr als 40 Jahren besteht in der Bundesrepublik Deutschland die Wehrpflicht.Nach Artikel 12a des Grundgesetzes können Männer vom vollendeten 18. Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz oder in einem Zivilschutzverband verpflichtet werden. In Ausnahmefällen können wehrpflichtige junge Männer einen Ersatzdienst leisten. Die Wehrpflicht, so die allgemeine Lesart, ist die in Jahrzehnten gewachsene Verteidigungsstruktur der Bundesrepublik. Sie geht vom Bild des mündigen Staatsbürgers aus, der sich aus Einsicht in die Notwendigkeit seinen Pflichten gegenüber dem Staat bewußt ist. Der Bürger ist deshalb bereit, persönliche Mitverantwortung für den Schutz des Gemeinwesens zu übernehmen. Der Schutz von Recht, Freiheit und Menschenwürde ist seine ureigenste Angelegenheit. Gleichzeitig wird argumentiert, daß die Wehrpflicht eine überproportionale Professionalisierung und geistige Abkapselung der Bundeswehr von der übrigen Gesellschaft verhindert. Sie zwingt die Zeit- und Berufssoldaten, sich mit dem Bewußtsein der Wehrpflichtigen, das diese in die Armee hineintragen, auseinanderzusetzen. Die Wehrpflicht schafft so ein hohes Maß an gesellschaftlicher Kongruenz. Diese Argumentation ist aber heuzutage wohl mehr eine vordergründige. Eine Rolle der Bundeswehr als “Staat im Staate”, wie sie der Reichswehr der Weimarer Republik zugeschrieben wird, ist heute nicht mehr vorstellbar. Zu sehr sind auch Soldaten mündige Bürger geworden, nicht zuletzt Dank der Omnipotenz der Medien und der durch sie erzeugten Transparenz politischer Abläufe und der damit verbundenen Aufklärung. Sie sind dadurch zum Kontrollorgan staatlicher und militärischer Macht geworden.

Viel prob

Dr. Dieter Rogge
Dr. Dieter Rogge
lematischer ist, daß mit der Abschaffung der Wehrpflicht und Konstituierung einer Berufsarmee die Auflösung des Zivildienstes einhergeht. Der Zivildienst als Alternative zum Wehrdienst wurde 1998 von ca. 160.000 ungedienten Wehrpflichtigen gewählt. Diese sind zu über 70% in der Pflegehilfe und der Mobilen Sozialen Hilfe eingesetzt. Würden diese Zivildienstleistenden wegfallen, entstünde eine personelle Lücke, die kaum zu schließen wäre. Schon heute klagen Krankenhäuser und karikativen Einrichtungen über zu wenig Pflegepersonal, zumal diese Stellen schlecht bezahlt werden. Zur Zeit betragen die Kosten der Zivildienste ca. 2,5 Milliarden Mark. Die Personalkosten, die durch die Zivildienstleistenden eingespart werden, sind jedoch ungefähr viermal so hoch. Zwar wird immer betont, daß hauptamtliche Kräfte billiger wären, wenn alle gesellschaftlichen Kosten wie z.B. der Steuerausfall einbezogen würden, doch ist diese Rechnung angesichts fehlender ausgebildeter Arbeitskräfte und des geringen Entgelts eine zur Zeit hypothetische Aussage.

Die Schaffung einer Berufsarmee, die damit verbundene Aufhebung der Wehrpflicht und des damit gekoppelten Zivildienstes ist derzeit aus den genannten Gründen unvorstellbar. Sie ist zwar militärpolitisch wünschenswert, jedoch gesellschaftlich nur schwer durchsetzbar. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn auch der Verteidigungsminister wider besseres Wissen sich für die Wehrpflicht ausspricht und sie als für die Bundesrepublik Deutschland als unabdingbar bezeichnet. Eine Lösung des Dilemmas wird von der Wehrstrukturkommission erwartet. Man darf gespannt sein!

Dr. Dieter Rogge

“Vergessene” Erfinder

Peter Henlein: Konstrukteur der ersten Taschenuhr – das Nürnberger Ei

Das hört sich so leicht an: Man nimmt eine Uhr und schon weiß man, “was die Zeit geschlagen hat”. Aber so einfach ist das nun auch wieder nicht, denn der Fluß der “Zeit” ist etwas ununterbrochen Andauerndes. Sie hat weder Anfang noch Ende wie andere Dinge, die man messen kann.

Die ersten Uhren waren die Menschen selbst. In grauer Vorzeit richtete man sich nach seiner “biologischen Uhr”, die z. B. anzeigte, wenn man hungrig war. Diese Uhr ging nach einem etwa 24stündigen Rhythmus, und es gab auch noch andere, die sich nach dem Mond oder dem Jahresablauf richteten. Richtig betrachtet, sind diese Uhren auch heute noch im Gange und jeder benutzt sie, ohne sich ihrer bewußt zu sein. Genau gehen sie nicht und sie werden oft durch äußere Einflüsse aus dem Takt gebracht und brauchen Tage, um wieder richtig in Gang zu kommen, z.B. nach einem mehrstündigen Flug.

Die erste von Menschen gemachte Uhr war wohl die Sonnenuhr, die nur aus einem Stock bestand, den man in die Erde steckte. Mit ihrer Hilfe konnte man schon die Tageszeit abschätzen. Es war daher eine technische Großtat, als der Mensch auf die Idee kam, den Lauf der Zeit sozusagen in gleiche, immer wiederkehrende Teile zu zerhacken, die er nun ohne große Schwierigkeiten wirklich messen konnte. Doch noch immer war es mit der Genauigkeit, an die wir heute gewohnt sind, nicht weit her. Schon die alten Ägypter hatten Wasseruhren, die nichts weiter waren als ein Gefäß, das auf der Seite unten ein Loch hatte, durch das das Wasser nach einer bestimmten Zeit ausgelaufen war. Die Chinesen hatten schon richtige Weckeruhren, bei denen eine Lunte langsam brannte und in bestimmten Zeitabständen Fäden, an denen kleine Kugeln hingen, abbrannte, die dann in eine Metallschale fielen. Die Zeit, die man benötigte, solche Uhren wieder in Gang zu bringen, konnte man aber nicht messen; nicht einmal mit Sanduhren, die jeder kennt.

Ein Uhrlein (mit Stackfreed) von Caspar Werner aus dem Jahr 1548
Ein Uhrlein (mit Stackfreed) von Caspar Werner aus dem Jahr 1548

Die ersten modernen Uhren wurden in Europa gebaut und sie liefen auch weiter, während man sie wieder aufziehen mußte. Das war ein gewaltiger Fortschritt. Zum Antrieb dieser Uhren benutzte man Gewichte oder gespannte Federn. Man nimmt an, daß die ersten Uhren mit Gewichtsantrieb zu Beginn des 14. Jahrhunderts und die ersten Uhren mit Federantrieb etwa 100 Jahre später erfunden wurden. Die Genauigkeit einer Uhr hängt u. a. auch von der Gleichmäßigkeit der Antriebskraft ab und das ist bei Gewichtsuhren keine Schwierigkeit. Anders bei einer Uhr, die durch Federkraft angetrieben wird: je länger sie gelaufen ist, umso schwächer wird die Kraft der Feder. Zum Ausgleich benutzte man eine “Schnecke”, die mit einer Darmsaite mit der Feder verbunden war. Je mehr sich die Feder entspannte, umso größer wurde der Durchmesser auf der Schnecke, auf dem die Darmsaite gerade war.
Eine andere Möglichkeit, die Kraft der Feder auszugleichen, wurde im 16. Jahrhundert in Süddeutschland gefunden und hiermit kommen wir zu unserem schon beinahe vergessenen deutschen Erfinder, nämlich Peter Henlein, der die erste
Taschenuhr baute. Und er baute gleich einen Stackfreed mit ein, die Erfindung, durch die er berühmt wurde.

Peter Henlein wurde 1480 in Nürnberg geboren und starb auch dort am 14. November 1542. Er war anscheinend ein Hitzkopf, der nicht viel Geduld mit seinen Mitmenschen hatte. Bei einer Gelegenheit war er für den Tod eines Mannes bei einer Rauferei verantwortlich und mußte zweiundzwanzigmal Zuflucht im Kloster der Barfüßigen Mönche suchen, bis die Sache mit den Verwandten des Toten geschlichtet war. Er war Schlosser von Beruf und schuf seine Uhr mit Unruh und Stahlfeder im Jahre 1510. Sie hatte eine Laufzeit von 40 Stunden und benötigte kein Pendel zur Regelung der Ganggenauigkeit und keine Gewichte als Antrieb.

Nürnberg war zu jener Zeit das führende Zentrum Europas in der Herstellung von Metallarbeiten und optischen Geräten. Es wurden Werkzeuge, Waffen, Draht, Geschirr und Instrumente wie Kompasse, Zirkel, Fernrohre, Mikroskope und Brillen hergestellt. Das Wort Brille kommt übrigens vom Namen des Bergkristalls “Beryll”, aus dem man die Linsen machte. Man konnte damals schon Nah- und Fernbrillen herstellen!

Die Erfahrungen, die in diesen Handwerkszweigen gewonnen wurden, haben es wohl Peter Henlein ermöglicht, kleine und zuverlässige Taschenuhren herzustellen. Sie wurden eifrig nachgemacht und sogar mit seinem verfälschten Namen (Peter Hele) versehen. Seine Uhren waren auch nicht eiförmig, sondern zylindrisch wie eine Dose, im Gegensatz zu den bekannten Nürnberger Eiern, der Form, die die Taschenuhren später bekamen. Der Stackfreed aber war nichts anderes als ein kleiner gebogener, federnder Draht mit einer kleinen Rolle am Ende, die auf eine Kurvenscheibe drückte und damit die Antriebskraft der Uhrfeder ausglich und so eine genaue Zeitmessung ermöglichte. Wie viele andere Erfindungen war der Stackfreed genial einfach. Man muß nur darauf kommen. Wo das Wort Stackfreed herrührt, ist nicht klar. Es scheint plattdeutscher oder holländischer Herkunft zu sein und ebenso unklar ist, wieso es ausgerechnet in Nürnberg seine Bedeutung erhielt.

Peter Henleins Taschenuhr ist nur ein kleiner Teil des spannenden Themas Uhren. Es ist wirklich staunenswert, was unsere Vorfahren auf diesem Gebiet alles geleistet haben. Sie hatten nicht unsere modernen Präzisionsmaschinen, für die ein Tausendstel eines Millimeters und Meßgeräte, die auch Millionstel Millimeter messen können, keine nennenswerten Schwierigkeiten bedeuten. Sie mußten alles von Hand herstellen, vom kleinsten Zahnrad bis zu den Zeigern und dem Gehäuse. Sie schufen wahre Wunderwerke der Handwerkskunst, von den kleinen Taschenuhren angefangen bis zu den Großuhren und astronomischen Uhren, die den Lauf der Gestirne anzeigen. Im Uhrenmuseum in Furtwangen im Schwarzwald und anderen Museen kann man sie heute besichtigen und man staunt über die Vielfalt der Ideen und die Qualität der Erzeugnisse unserer Vorfahren. Es ist zweifelhaft, ob wir heute, trotz unserer gediegenen Berufsausbildung in der Lage wären, unter den gleichen Bedingungen Gleichwertiges zu schaffen.

Walter Ruthard

Phallerie, Phallera

VIAGRA: eine Art multimedialer Orgasmus?

Die Tierschützer werden sich besonders freuen: Nashörner sehen nicht mehr länger wie vertrocknete Nilpferde aus, Tiger dürfen ihre Penisse behalten, Stiere ihre Hoden. Nur die Spanische Fliege stirbt urplötzlich aus. All dieses Zeugs, das der Mann jahrhundertelang aus der Männlichkeit der wildesten Tiere extrahiert hat, um animalische Wucht zwischen die Lenden zu bekommen, tut jetzt nicht mehr not. Nie wieder Sellerie und Potenzholzpuder! Fauna und Flora kommen ins Lot.Herrschaftszeiten. Fast zweitausend Jahre nach Christi Geburt geht alles wieder von vorne los, nur daß jetzt die Welt ein blaßblauer Rhombus ist: VIAGRA. Was für ein Zauberwort. Ein Machtwort wie “Globalisierung” oder “Atombombe”. Ein Stichwort im wahrsten Sinne. Viagra steht noch nicht einmal im Duden, da wird es schon in Kreuzworträtseln abgefragt. Komischerweise unter 23 Senkrecht – eine Sache des Blickwinkels, sicher. Kreuzworträtselautoren geht der Sinn für Feinheiten ab.
Nicht nur Bumsblätter machen mit dem Thema auf, auch Spiegel, Stern, Focus und alle, alle, alle. Eine Art multi- medialer Orgasmus ist im Gange, furioser noch als bei Lady Di’s Tod, dem Elchtest, der Rede Trapattonis oder Guildo Horn. Keiner kann mehr davon aufhören. Es wurde Zeit, daß die Fußball-Weltmeisterschaft anfing und sich danach ein Sommerloch auftut wie noch nie. Bis dahin geht es Phallerie, Phallera. Im Tagesspiegel beispielsweise hat Hellmuth Karasek die Pille in die Literaturgeschichte eingeführt, sie in Goethes Faust getan und gestanden: “Der Faust ist, wir geben es gerne zu, ein männliches Stück. Frauen sind Opfer, Potenz-Opfer auf dem Altar männlicher Selbstverwirklichung und Vermehrung.” Zeilen tiefer fragt er sich oder wen sonst: “Wird sich unser aller Leben total und radikal ändern? Darf sich neue Hoffnung, neue Furcht breitmachen, nach dem Motto: Der Wüste lebt?”

Fein. Da möchte ich fragen: Wird das Literarische Quartett verlottern zum flotten Vierer? Aus Furcht vor der Hoffnung? Wer macht den Altar, wer kriegt die Kinder? Fünf Tage zuvor hatte Karasek noch eine anständige Kritik zu Woody Allens neuestem Film geschrieben. Dann konnte selbst er nicht mehr an sich halten. Bei SAT. 1 war die Wüstenei fast schon live auf Sendung: Das Magazin Akte 98 hatte für drei Paare verschiedenen Alters und dementsprechender Konstitution Hotelbetten gebucht, je eine Viagra spendiert und die dann machen lassen. Die fröhlichen Probanden schilderten im Studio Einzelheiten. Es schien, als hätten sie alles auch nach einer Flasche Spumante schaffen können. Nichts zum Staunen.
RTL wird eine Viagra-Show basteln, in der man Jahresrationen gewinnen kann und Spranzbänder gegen Leistenbruch: “Steh mir bei!” Heikle Fälle (“Schwerenotruf”) werden zu Hans Meiser überwiesen, und die ganz Schlimmen treffen in der ersten TV-Selbsthilfegruppe zusammen und flehen: Bitte melde mich! Dort werden Plätze in der geschlossenen Anstalt verlost. Auch die Werbemittelbranche rüstet sich zum Merchandising-Kreuzzug. Der erste immerspitze Bleistift mit Viagra-Logo soll in den nächsten Tagen auf den Markt geworfen werden. Die Wissenschaft der Phallistik wird geboren. Akademische Viertelstunden dauern einen halben Tag. Forschen, forschen, nochmals forschen. In einer Zeit, in der sich die Libido des amerikanischen Präsidenten ursächlich auf die Börsenkurse an der Wall Street auswirkt, ist fest damit zu rechnen, daß mit Viagra auch der Organismus Weltwirtschaft und die daran hängende Politik völlig aus den Fugen geraten werden. Koitus globalis.

Beinahe zeitgleich zur Bundestagswahl im Herbst soll die Tablette in Deutschland auf den Markt kommen. Damit gehen die lauen Zeiten dahin, als im Bundestag noch die Toskana-Fraktion alle Genußsüchtigen versammelte. Eine Viagra-Fraktion indessen stünde sozusagen für den längsten gemeinsamen Nenner im Parlament. Eine Art immerwährende Stabilitätspolitik. Der Aufschwung kommt bis sonstwohin. Die Leute wären viel länger weg von der Straße. Roman Herzog sollte unter diesen speziellen Gegebenheiten ‘mal wieder eine schöne Rede zum Ruck halten.

Aber versteifen wir uns noch nicht so sehr auf lauter zauberhafte Vorstellungen von der Welt danach. Kritische Erektionen auf das “Blaue Wunder” kommen nicht von ungefähr, und sie bringen erstaunliche Dinge ans Licht. Die Päpstin Alice Schwarzer gibt in einem Interview bekannt: “Zwar sind sich die Körper von Männern und Frauen ja ganz ähnlich: Auch Frauen haben Schwellkörper und eine Art Penis, die Klitoris. “Aber es gelte dasselbe wie für Männer: “Sexualität ist viel mehr als ein Blutstau.” Das haut hin. Aber: Ein Damenfahrrad ist auch eine Art Fahrrad. Nur das es eben noch viel, viel später erfunden wurde. Allein bei Barbie und Ken war es ausnahmsweise andersrum. Darauf wird sie sich noch mal berufen, wenn sonst nichts mehr zu retten ist. Frau Schwarzer regt sich auf: “Viagra fördert lediglich den männlichen Narzißmus: Jedes Würstchen ein Tarzan.” Sie hat aber ein Einsehen, daß die Pille auch den Männern nicht guttäte, weil sie Stimmungen und Probleme verdecke, die sich körperlich niederschlagen. Ich nehme gar kein Viagra – und fühlte mich trotzdem flau, als ich das las. Blutstau im Kopf.

Nach den eigentlichen Spezialisten will ich dann doch noch die nüchternen Experten zu Wort kommen lassen. Einer meiner Onkel ist Apotheker, und hat mir das Fachblatt seiner Zunft zukommen lassen. Pröbchen gibt’s leider noch keine. Ich hatte darauf gehofft, in der Sprache der Kliniker verfaßte Artikel zu finden, die sich wie Gebrauchsanweisungen für Schlagbohrmaschinen lesen. So ähnlich soll’s ja angeblich gehen: Black und Decker… Aber ich las nur lustlosen Kram: “Der arterielle Einstrom wird gesteigert, gleichzeitig wird der venöse Abfluß gedrosselt…” Danach wurde durch V. erhöhte Fließgeschwindigkeit abgehandelt. Und daß es als eine der wenigen Nebenwirkungen “Effekte auf den Darm” geben könne. Etwa Durchphall? Ich hatte bis dahin nur von Sehstörungen und wenigen Toten gehört. Dann habe ich noch erfahren, daß Männer, die zusätzlich unter Zeitdruck leiden, bald auf “Viagra rapid” zurückgreifen können. Die wirkt in Minuten und ist was für die New Fast-Fuck-Generation. Es ist leider ein teurer Spaß. Pay of life.

Den besten Tip, viel Geld zu sparen, bekam man bei Talk im Turm: Ein Urologe erzählte, daß wesentliche Substanzen von Viagra auch in einigen stinknormalen Farbverdünnern vorkämen. Schnüffeln als Vorspiel. Alles in Obi. Wir warten ab und werden es kommen sehen. Übrigens müßte der Begriff Viagra in der nächsten Duden-Ausgabe kurz vor Vibrator, genau gesagt: zwischen Viadukt (Talbrücke, Überführung) und Viatikum (kath. Kirche; dem Sterbenden gereichte letzte Kommunion) auftauchen. Das wäre ein herausragender Platz in unserer Kulturgeschichte.

Christian Funke

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