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Piraten voraus!? Freibeuter der Zukunft +++ Graffiti in Berlin: Eine Kunst, die keine ist +++ Minderheitenpolitik: Die Sorgen der Sorben +++ Frankreich: „Im Westen was Neues...“ +++ Lissabon – westlichste Hauptstadt Europas +++ Spanien: Touristenmekka Barcelona +++ Grauer Modeosten? Junge Mode in der DDR +++ Wernher von Braun Der Raketenmann +++ Neuseeland: Keas, Kiwis und Vulkane

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Dient Empörung der Erleichterung im stressigen Alltag?
Man kann Wandel auch mit eindringlicheren Mitteln erreichen

Liebe Leserinnen und Leser!

Kein Zweifel, es wird immer schlim­mer! Der uns umgebende Digitalmüll nämlich.

Die Großeltern können sich noch erinnern und in vergilbten Zeitungen steht es auch schwarz auf weiß: Zorn ist statthaft! – Wenigstens am 1. Mai durfte man früher einmal die ganze Wut entladen, den bösen „Klassenfeind“ beschimpfen und bedrohen. Und es gab sogar einmal Zeiten, in denen rasende Menschenmengen den „totalen Krieg“ forderten. Na ja, das ging dann ziemlich gründlich in die Hose. – Also, Schwamm drüber.

Aber, grundsätzlich durfte man schon mal laut die Meinung sagen. Was ja auch auf dem Fußballplatz noch immer statthaft ist. Aber sonst ist es eigentlich in unseren Breiten merkwürdig still ge­worden. Und vielleicht hat unsere moderne Ge­sellschaft ja auch wirklich alle dringenden Sachfragen längst ir­gendwie erledigt.

Die Frage stellt sich, weil alte Formen des Protestes scheinbar neuen Mitteln der Meinungsbildung und -entfaltung gewichen sind. Kaum jemand geht noch auf die Straße, um Kernwaffen aus der Welt zu schaffen. Und nur die Wenigsten regen sich lautstark vor Botschaften über Menschenrechtsverletzungen in China, im Iran und in Simbabwe auf. Wenn etwas Wirkungsvolles ge­schieht, dann passiert es heute fast im Stillen. Ganze Protestmaschinen existieren nämlich zwischenzeitlich im Internet und leisten einen Beitrag, um Gesetzesänderungen zu erzwingen oder um auch schon mal die Aufhebung von Todesurteilen durchzusetzen.

 

Ein wirkliches Musterbeispiel für neue Formen der Meinungsballung ist die erst Anfang 2007 entstandene, aber fast etwas romantisch chaotisch, wenngleich global funktionierende zivile Organisiation Avaaz.org (www.avaaz.org/en/). Völlig locker und aus dem Stand hat sich bei Avaaz eine weiter sehr munter wachsende Mitgliedschaft von zwischenzeitlich fast vierzehn Millionen Mitgliedern in 194 Ländern eingefunden. Der Name Avaaz ist dem persischen Farsi entlehnt und bedeutet „Stimme“, oder „Klang“. Zwei Dinge fallen auf: Avaaz lebt ausschließlich von Spenden mit einer vergleichsweise niedrigen maximalen Obergrenze. Eindrucksvoller fast: Avaaz findet Beachtung. Der kanadische Außenminister John Baird machte sich etwas sehr lächerlich, als er Avaaz eine „schattenhafte Fremdorganisation“ nannte, die dem amerikanischen Finanzier und Philanthropen George Soros nahestünde. Man könnte sagen, viel Feind, viel Ehr! Avaaz arbeitet sehr gezielt mit Petitionen, zu deren Unterzeichnung schon mal gut und gerne einige Millionen Weltbürger beitragen.

Diese eher unauffällige Arbeit zur Behebung von Mißständen in aller Welt konzentriert sich auf brennende Fragen des Klimawandels, der Wahrung von Menschenrechten, der Korruptionsbekämpfung, der Ar­muts- und Unrechtsbekämpfung.

Wohltuend an diesem relativ ruhigen Aktionismus ist der Kontrast zu diversen und erstaunlichen Aufgeregtheiten, die besonders in den letzten Monaten und dabei ganz eindeutig in der mitteleuropäischen Bundesrepublik Deutschland das Alltagsgeschehen teilweise kennzeichneten.

Ganze Empörungswellen entluden sich über einen Verteidigungsminister, der bei seiner Doktorarbeit munteren Diebstahl geistigen Ei­gentums beging. In ganz kurzen Wochen wurde ein sehr ungeschickter Provinzpolitiker aus dem höch­sten Staatsamt vertrieben, weil er im Begriff war, der Vorteilsannahme überführt zu werden und die Selbstgerechtigkeit deutscher Me­dien scheinbar keine Grenzen mehr kannte. Und gänzlich skurril wur­de es, als der Dichterfürst Günter Grass es wagte, seine Privatmeinung zu einem wirklich brandaktuellen und weltgeschichtlich ex­trem heißen Eisen zu äußern.

Längst ging es in nicht einem dieser Fälle um sachliche Inhalte, sondern nur um plumpe Skandalisierungen. Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Präses Nikolaus Schneider, sieht Gefahren, wo sich über digitale soziale Netzwerke in Minutenschnelle Empörungsschübe entladen und sein katholischer Kollege als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Ro­bert Zollitsch, kritisierte die Gefahren des Internets, die, wie Alkohol, Medikamente und Drogen, zu den ‚versklavenden Götzen unserer Zeit‘ gehören.

Besonnenheit, so scheint es zeitweise, wird zur Mangelware. Gefragt sind, so Präses Schneider, „Empörungszyklen und rasche Schuldzuweisungen“. Ob es anders manchmal leichter ginge?

J. Joachim Moskau

Wahlen, Wahlen, überall…
Nur ist niemand recht am Ball!

Leserinnen und Leser,

es gilt die eherne Faustregel: „Ratlosigkeit verführt Politiker fast immer zur vollmundigen Überschätzung eigener Fähigkeiten.“
Journalisten hingegen flüchten in derartigen Situation oft in die traute Welt der Märchenerzählung.

Konkret: in diesen Herbstwochen haben Wähler beider nordamerikanischer Staaten die Chance, in den Gang der Geschichte einzugreifen. Nur bieten sich ihnen keinerlei verlockende Perspektiven, von der Qualität der angetretenen KandidatenInnen ganz zu schweigen. Da bleibt den Aspiranten auf Wählerweihen keine andere Wahl, als mittels zweifelhafter Versicherungen der eigenen Kompetenz um Vertrauen zu werben. Wir kennen diese Bilder: mildes Lächeln vor laufenden Kameras und die fast herablassende Zusicherung, man dürfe dem Kandidaten schon trauen, er/sie würden das Ruder recht zu wenden wissen. Genau so sieht es in diesen Wochen vor dem Urnengang aus.

Später, wenn dann die Rechnung eben doch nicht genau so aufgeht wie vom geneigten Wähler erwartet und von ambitiösen Kandidaten versprochen, wird dann die Rede sein vom berühmten „Wählerbetrug.“

Da haben es Journalisten wesentlich leichter. Sie nämlich dürfen fast ungestraft schwadronieren, spekulieren, räsonieren. Werden sie im nachhinein aufgrund fälschlicher Darstellung erwischt, gilt stets der kopfschüttelnde Nachsatz, ja, bitteschön, wer traut denn schon einem Journalisten?

Um erst gar nicht in derlei Verlegenheit zu kommen, retten sich versiertere Vertreter der schreibenden Zunft in die Auffrischung alter Geschichten, um aktuelle Probleme neu zu beleuchten.

In diesen Herbstwochen versuchen Politiker, Journalisten und Leser den unglaublich vielen Rätseln der unbestritten größten Finanzkrise der Weltgeschichte auf die Schliche zu kommen, um vielleicht doch noch per obskurer Kunstgriffe den Kopf aus der fortschreitend engeren Schlinge zu ziehen. Wem dies letztlich gelingt, gebührt schon heute der ungeschmälerte Beifall der „Deutschen Rundschau.“

Noch gibt es tagtäglich fast nur tiefschwarze Negativschlagzeilen. Was unter diesen deprimierenden Umständen helfen dürfte, ist ein kleiner Verweis auf vergleichbare Situationen in der Vergangenheit.

Auch nach dem Zusammenbruch von 1929 fanden sich Mittel, die eine Stabilisierung der Finanzwelt ermöglichten. Ähnlich die Situation 1873, als die Wiener Kreditanstalt versagte und damit den sogenannten „Großen Gründerkrach“ auslöste.

Und sogar 1637 ging die Welt nicht unter. Wenn sich nämlich Politiker, Notenbankchefs, Journalisten und Leser heute Gedanken machen, wie man Wege findet, um das globale Finanzvolumen von angeblichen 454 000 000 000 000 000 (das sind 454 Billionen Dollar) fester in den Griff  bekommt, sei an den frühen Februar 1637 erinnert. Während damals fast ganz Deutschland in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges unterging, florierte in den benachbarten Niederlanden das sogenannte Tulpenfieber. Die erst seit 1593 aufblühende niederländische Tulpenzucht hatte in wenigen Jahren einen unglaublichen Wirtschaftszweig zur Folge, nämlich einen Handel mit Tulpenzwiebeln, der dem heute so katastrophal ausufernden Handel mit Finanzderivatinstrumenten verblüffend ähnelt.

So wurden am 5. Februar 1637 im vergleichsweise kleinen Alkmaar insgesamt 99 Posten an Zwiebeln für nicht weniger als 90 000 Gulden gehandelt, umgerechnet wären das heute gute 1,4 Millionen Dollar. Auf dem Höhepunkt einer nie zuvor so verbreiteten Spekulationswelle verkaufte ein braver Bürger sein Haus, um in den Besitz von drei begehrten Zwiebeln zu kommen.

Eine einzige Zwiebel der heute nicht mehr nachweisbaren Tulpe „Semper Augustus“ erbrachte dem Eigentümer einen Erlös von 10 000 Hfl. Vergleichsweise verdiente ein biederer Zimmermann damals jährliche 250 Hfl.

Jene Tulpenkatastrophe führte zu einer straffen Neuordnung des Handelssystems, ähnlich der gegenwärtigen Versuche aufsichtsführender staatlicher Organe, ein Finanzsystem zu retten, das scheinbar jeglicher Steuerung entglitten ist.  Dies sind die Fragen, denen sich heutige Politiker in diesen Wochen stellen sollten.

J. Joachim Moskau

Kopfrechnen: Schwach

– Warum uns die Finanzkrise schwer fällt

Und warum wir Kurt Tucholsky brauchen

Liebe Leserinnen und Leser,

Geht es Ihnen ähnlich? – Wenn wir uns heutzutage überfordert fühlen, hilft manchmal eine plumpe Google-Suche im Internet. Kann aber auch sein, daß genau diese Suche nur das Unbehagen bei Alltagsfragen verschlimmert. Manchmal nämlich tauchen jetzt Begriffe auf, von deren Existenz wir vorher nichts wußten, die uns durchaus auch einschüchtern.

Hand aufs Herz: hatten Sie vor zwei Jahren eine Ahnung, was „Collateralized Debt Obligations“ sind? – Ich auch nicht. – Und genau genommen, ich weiß es bis heute nicht. Und ich weiß auch leider noch immer nicht wirklich, wie ein „Structured Investment Vehicle“ aussieht, wie ich es erkenne und ob es sinnvoll wäre, ich würde meine bescheidenen Ersparnisse in diese Dinger stecken.

Kurt Tucholsky in Paris, 1928
Kurt Tucholsky in Paris, 1928

Viel schlimmer aber ist, ich kann mir nicht wirklich vorstellen wovon die Rede ist, wenn im Londoner Economist zu lesen steht, der „imaginäre Umfang von Kreditausfallswaps verdoppelte sich 2007 auf US $62 Trillionen.“ – Wirklich? – Im Klartext scheint dies zu heißen, das weltumspannende Finanzwesen habe Rückversicherungsverträge der einen Bank mit der anderen und dieser zweiten Bank mit einer dritten usw. in einem Umfang von 62 tausend Milliarden Dollar abgeschlossen.

Dem relativ einfachen Normalbürger drängt sich spätestens hier die Frage auf, wie groß muß das Mißtrauen der Banken untereinander sein, wenn sie sich mit einem so unglaublich unbegrenzten „Sicherheitsnetz“ glauben, verteidigen zu können und zu müssen.

An anderer Stelle im Mediendickicht erfährt der unbedarfte und zwischenzeitlich längst verunsicherte Leser, die gegenwärtige Finanzkrise habe bislang Marktwertverluste an den Börsen der Welt in einer Größenordnung von elf Trillionen Dollar verursacht.

Hellhörig wird man zudem, wenn beim Internationalen Währungsfonds im letzten „Weltfinanzstabilitätsbericht“ im April fast beiläufig erwähnt wird, der Gesamtverlust der Banken, Versicherer und Anlagefonds im Zuge der jetzigen Krise könne 945 Milliarden US$ überschreiten. Das war im April, und wer im Sommerurlaub vielleicht eines erfrischenden Angstschauers bedarf, dem sei die Lektüre empfohlen (www.IMF.org/External/Pubs/ FT/GFSR).

Sicher, auch zu früheren Zeiten gab es immer wieder mal systembedrohende Mammutkrisen. Nur war die Weltwirtschaft nie vorher so eng verflochten. Vor jetzt fast genau 77 Jahren aber versuchte Kurt Tucholsky auf dem Höhepunkt der damaligen Weltwirtschaftskrise einige Wegweiser anzubieten, die uns heute erstaunlich aktuell erscheinen mögen.

In einem „Kurzen Abriß der Nationalökonomie“ und unter dem Pseudonym Peter Panter machte er sich auf die Suche.

„Die Grundlage der Nationalökonomie,“ so schrieb er, „ist das sog. ,Geld‘. Geld ist weder ein Zahlungsmittel noch ein Tauschmittel, auch ist es keine Fiktion, vor allem aber ist es kein Geld. Für Geld kann man Waren kaufen, weil es Geld ist, und es ist Geld, weil man dafür Waren kaufen kann. Doch ist diese Theorie inzwischen fallen gelassen worden. Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist eben da bzw. nicht da – meist nicht da.“

Erstaunlich direkt auf unsere momentane Realität zielt Tucholsky wenige Passagen später: „Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andre werde gepumptes Geld zurückzahlen. Tut er das nicht, so erfolgt eine sog. ,Stützungsaktion‘, bei der alle, bis auf den Staat, gut verdienen. Solche Pleiten erkennt man daran, daß die Bevölkerung aufgefordert wird, Vertrauen zu haben. Weiter hat sie dann auch meist nichts mehr.“

In der heutigen Situation, also mitten im schönsten Sommer 2008, darf man zuversichtlich davon ausgehen, daß die Lage zwar katastrophal und scheinbar auch hoffnungslos ist, man aber trotzdem den Gesundbetern unter den Notenbankchefs durchaus zutrauen darf, mit neuen billigen Taschenspielertricks neue Pseudolösungen auszutüfteln. – Die Alternative dazu, also der Zusammenbruch des globalen Zahlungssytems könnte zwar heilsam sein, nur halt nach heutigem menschlichen Ermessen unvorstellbar. Mit und ohne Tucholsky.

J. Joachim Moskau


Liebe Leserinnen und Leser!

Rein zufällig saß Papst Benedikt am 15. April in einer Alitalia Maschine auf dem Flug nach Washington als in Schwerin ein Strafverfahren gegen die Eltern von Lea-Sophie eröffnet wurde.

Lea-Sophie ist tot. Sie starb am 20. November 2007. Als Notärzte ihr Leben zu retten versuchten, wog die Fünfjährige noch 7,4 kg. Es hätten altersgemäß gute zwanzig Kilo sein sollen. Man hatte sie verhungern und verdursten lassen und deshalb läuft gegen ihre Eltern in Schwerin ein Strafverfahren mit Mordanklage.

Grundsätzlich hat dies mit Papst Benedikt und seinem Washington Flug nichts zu tun. Aber der Heilige Vater nutzte die Stunden an Bord auch zur Beantwortung von Journalistenfragen und eine dieser Fragen betraf die lange Kette der Strafverfahren gegen geweihte Priester, die des Missbrauchs an Kindern in den letzten Jahren angeklagt wurden. Rund fünftausend Priester sind allein in den USA beschuldigt worden, sich vergangen zu haben und bis heute hat die Kirche des Heiligen Vaters deshalb über zwei Milliarden Dollar in Form von Schmerzensgeld gezahlt.

Aber was hat das mit Lea-Sophie in Schwerin zu tun? Und mit dem Tod der kleinen Jessica in Hamburg, die im Alter von sieben Jahren starb. Zuletzt nur noch 9,5 kg wog und vom Verzehr der Teppichfasern ihres verschlossenenen Zimmers und der eigenen Haare vergeblich zu überleben versuchte? Oder auch mit dem Tod des kleinen zweijährigen Kevin in Bremen, dessen Leiche man im Oktober 2006 im Kühlschrank der Familie verborgen fand?

In fast all diesen Fällen vollzog sich das Grauen über kürzere oder längere Zeiträume nicht irgendwo, sondern im Regelfall bei uns allen vor der Tür, quasi nebenan. Überall hören wir schon mal etwas Merkwürdiges. Beobachten einen Vorgang, der Fragen aufwirft, ob wir hier nicht doch eingreifen sollten. Aber wenn ja, wie dann? Zumeist wissen wir es einfach nicht!

Die moderne Gesellschaft, die die früheren Modelle des eng verzahnten Zusammenlebens auf Großfamilien- oder Dorfebene als Folge rascher Sprünge in den heutigen Wohlstand überwunden hat und das Prinzip der Nichteinmischung als eine hehre Errungenschaft unseres Zeitalters feiert, meidet den Eingriff in das vermeintliche Privatleben des Nachbarn.

Nur sind es zwischenzeitlich nicht nur die schlagzeilenträchtigen Fälle, wie der der kleinen Lea-Sophie oder jener der priesterlichen Vergehen an zumeist Minderjährigen. Da gibt es die erschrek-kende Schätzung des deutschen Bundesfamilienministeriums aus dem Jahre 2001, wonach jährlich etwa 600 000 Senioren Opfer von familiärer Drangsal werden, wobei zumeist keinerlei Ahndung folgt.

Und wer sich häufiger in Seniorenheimen oder Krankenhäusern für Langzeitpflegefälle aufhält, der erlebt schon mal Grenzsituationen im Umgang der Betreuer mit den ihnen anvertrauten Empfängern von Hilfeleistungen. Manchmal ist es nur ein fahrlässig gesprochenes grobes Wort. Oder eine gelähmte Patientin wird schlecht gefüttert. Und was geschieht, wenn ein bewegungsunfähiger älterer Kranker stundenlang in den verkoteten Windeln liegen bleibt?

In Bonn hat der Altenforscher Rolf Hirsch daher den Verein „Handeln statt Mißhandeln“ gegründet, der sich darum bemüht, im aktuellen Notfall für die sofortige Betätigung einer sozialen Notbremse zu sorgen. In Kanada hat die Schriftstellerin June Callwood in ganz ähnlicher Weise den solidarischen Mut ihrer Mitbürger eingefordert, nämlich im Zweifelsfall laut „Hilfe“ zu rufen, statt wegzusehen.

Derlei Zivilcourage muß eingeübt werden und wer das Wagnis auf sich nimmt zu intervenieren, darf nicht unbedingt damit rechnen, in der engeren und weiteren Nachbarschaft auf sofortigen und lauten Beifall zu hoffen. Soziale Hilfe ist aber dringend geboten. Besonders auch im Hinblick auf die sich weiter in Richtung einer alternden Gesellschaft verschiebenden Strukturen.

Die heute 65-jährigen können, dürfen oder müssen sich in Europa und Nordamerika darauf einrichten, im statistischen Normalfall noch rund neunzehn Jahre zu leben.

J. Joachim Moskau


Liebe Leserinnen und Leser!


Politische Korrektheit führt zum Übel –
Was der Rücktritt des Warschauer Erzbischofs auch lehrt

Kennen Sie den? Warum durften in Polen nach 1945 neue Kirchen nur als Rundbau entstehen? – Damit sich Kommunisten nicht in der Ecke vestecken konnten.

Heuchelei, Verlogenheit, bequeme Anpassung, all dies sind leider recht oft Merkmale des alltäglichen Daseins. Im Regelfall versucht man potentielle Fallen durch geschickte Tarnung zu umgehen. Lippenbekenntnisse sind nicht die Ausnahme, eher die Regel. Und warum auch nicht, geht es doch durchweg um kleine Nebensächlichkeiten, um läßliche Sünden also.

Manchmal aber, dies zeigt der kürzlich erzwungene Rücktritt des erst im Dezember ernannten neuen Erzbischofs von Warschau, Stanislaw Wielgus, erwachsen aus vermeintlich kleinen Fehltritten unabsehbare Folgen, die die Urheber erst nach langen Jahren einholen.

Erzbischof Stanislaw Wielgus
(Foto: Courtesy of Instytut Swiêtej Rodziny)

Weil Wielgus vor guten dreißig Jahren in der damaligen Bundesrepublik Deutschland studieren wollte, unterschrieb er ein Formular der polnischen Geheimpolizei, der zu recht gefürchteten Sluzba Bespieczentswa (SB). Dies, so der Vorwurf, sei seine Bereitschaftserklärung gewesen, der Geheimpolizei, die im Volksmund als Esbecja einen üblen Ruf hatte, zu Diensten zu sein. Ob Wielgus je schuldhaft gehandelt hat, bleibt offen. Gegenbeweise liegen nicht vor.

Fest steht dies: am 2. Dezember 2006 unterschrieb Wielgus eine zweite Erklärung, nämlich einen schriftlichen Eid. In diesem Eid, den der Vatikan forderte, bevor Wielgus zum Erzbischof ernannt wurde, liest man „daß ich mich während der Begegnungen und Gespräche, die ich vor meinen Auslandsreisen in den 70er Jahren mit Vertretern der Miliz und der Spionage hatte, niemals gegen die Kirche ausgesprochen habe. Und daß ich nie etwas Schlechtes gegen Priester oder Laien gesagt habe.“

Als Persilschein in quasi eigener Sache ist dieser Text nicht eben überzeugend. Aber kommt es darauf entscheidend an? Steht nicht vielmehr nach dem Rücktritt des Erzbischofs die peinliche Frage im Vordergrund, wem aus der Affaire letztlich der größte Schaden erwächst? Wielgus, der polnischen Kirche, dem Vatikan?In Polen überschlagen sich die Skandalmeldungen. Plötzlich ist die Rede von insgesamt zwölf Bischöfen, die möglicherweise zu SB-Spitzeln wurden. Kardinal Glemp, der aushilfsweise nach dem Wielgus-Rücktritt in sein altes Amt als Warschauer Erzbischof zurückgekehrt ist, sprach zeitweise von bis zu 15% der polnischen Geistlichen, die als „kompromittiert“ galten.


Die Johanneskathedrale (Archikatedra sw. Jana Chrzciciela) in der Altstadt der polnischen Hauptstadt Warschau ist seit 1798 Domkirche des Erzbistums Warschau und zugleich die älteste Warschauer Kirche.
(Foto: Artur Stopyra)

Ähnliche Probleme gab es ja auch in den ersten Jahren nach der Wende in den damals noch so jungen Neuen Bundesländern. Nach Stasiunterlagen waren etwa 4,7% der insgesamt 5741 DDR-Geistlichen in Diensten des Ministers Mielke.

Was unter dem Strich tatsächlich bleibt, ist ein widerwärtiger Nachgeschmack, der diesen zeitgeschichtlichen Episoden anhaftet. Das moderne Polen könnte unter diesen Umständen – bevor es jetzt ans hausinterne Großreinemachen geht – eine Lernanleihe in Südafrika aufnehmen. Dort nämlich vollzog sich der Wandel von einer rein weissen Unterdrückerminderheit zur heutigen Republik unter ausdrücklicher Ausklammerung der entsetzlichen Vergehen des Apartheid-Regimes.

Und in genau diesem Sinne haben sich ja glücklicherweise die polnischen Bischöfe auch an ihr Kirchenvolk gewandt. Jene Kräfte aber, die jetzt die Stunde für gekommen halten, eine Abrechnung um jeden Preis zu vollziehen, die ihre Political Correctness beweisen wollen, verhalten sich ähnlich wie ethnische Säuberer in Serbien, Kroatien, Kosovo, Ruanda und im Irak. Ihnen geht es um gespenstische Aburteilungen, wie man sie aus der französischen Revolution kennt oder auch aus der großen sowjetischen Säuberungswelle der Jahre 1936 bis 1938. Damals, so weiß man heute, wurden von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des 1934er 17. Parteitages der KpdSU nicht weniger als 98, umgerechnet 70%, verhaftet und liquidiert.

Derlei schädliche Ausuferungen bleiben Polen und dem polnischen Kirchenvolk hoffentlich erspart. Viel hätte man auf diesem Wege schon schaffen können, hätte sich etwa Papst Benedikt XVI. schützend vor seinen Mitbruder Wielgus gestellt.

J. Joachim Moskau

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