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DIE QUAL DER WAHL
Liebe Leserinnen und Leser,
in Kanada prägt seit Wochen der Wahlkampf die Medienlandschaft. Ontario wählte einen neuen Ministerpräsidenten, die Metropole Toronto einen neuen Bürgermeister, nun wird über die Nachfolge des kanadischen Premiers Jean Chrétien entschieden.
“Menschen zwischen den Stühlen”, die mit deutschem Paß in Kanada leben, beobachten das politische Geschehen mit Interesse, aber distanziert. “Permanent Residents” dürfen ihre Stimme in Kanada nicht abgeben, dazu muß ist die kanadische Staatsbürgschaft erforderlich. Weltweit wird zwar seit Jahren ein kommunales Wahlrecht für Ausländer heiß diskutiert, läßt sich aber nicht durchsetzen. Obgleich ein Stimmrecht auf lokaler Ebene andersstaatliche Mitbürger stärker in ihre Gemeinden einbinden würde, stehen den dazu erforderlichen Gesetzesänderungen viele bürokratische Hürden im Wege. So bleiben Einwanderer, die ihren Heimatpaß behalten, auf beiden Seiten des Atlantiks bei politischen Entscheidungen vor Ort außen vor, selbst, wenn sie dort Steuerzahler sind. Kein Wunder also, daß wir als Auswanderer mit deutschem Paß politische Machtkämpfe in unserer Wahlheimat etwas reserviert mitverfolgen.
Wie ist es aber mit den politischen Entscheidungen in unserer alten Heimat? Betreffen uns diese noch im gleichen Ausmaß wie vor unserer Auswanderung? Um als deutscher Staatsbürger im Ausland an Bundestagswahlen teilnehmen zu können, bedarf es einiger Anstrengungen: Bei einem deutschen Konsulat muß ein förmlicher Antrag auf Eintragung in ein Wählerverzeichnis gestellt und gleichzeitig eine Versicherung an Eides Statt abgegeben werden, daß der Antragsteller noch Deutscher im Sinne des Grundgesetzes ist. Das ist aufwendiger als der einfache Gang an die Wahlurne, und Politikverdrossene werden den Extra-Verwaltungsaufwand nicht ohne weiteres auf sich nehmen. Den deutschen Bundestag mitwählen kann jeder volljährige Deutsche, der sich nicht länger als 25 Jahre im Ausland aufgehalten hat.

Nach einem Vierteljahrhundert befinden sich Auswanderer mit deutschem Paß dann in einem politischen Niemandsland – nicht länger wahlberechtigt in Deutschland und schon gar nicht in der Wahlheimat. Aber 25 Jahre sind eine lange Zeit. Schon nach nur einem Jahrzehnt im Ausland wird der Abstand zu dem, worüber sich in Deutschland tagtäglich die politischen Gemüter erregen, groß. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man die deutschen Spitzenpolitiker und ihre Vorhaben jeden Tag im Fernsehen und in den Printmedien vor Augen hat, oder ob man mit tausenden Kilometern Distanz auf das Internet und sporadische TV-Programme zurückgreifen muß. Andererseits schaffen die Erfahrungen im ausländischen Alltag einen positiven Abstand und internationale Vergleichsmöglichkeiten, durch die die inländischen Zustände besser zu beurteilen sind.
Die Informationsbeschaffung ist dabei auch im 21. Jahrhundert noch ein Problem. Auch die beste internationale High-Tech-Internet-Verbindung kann das politische Geplänkel am Gartenzaun und in der Stammkneipe nicht ersetzen, das in der Auslands-Diaspora eben nur sporadisch stattfinden kann. Wer als Computer-Muffel im Ausland lebt und keinen Zugang zu deutschsprachigen Fernsehsatellitenprogrammen hat, muß sich mit älteren Ausgaben deutscher Zeitungen zufriedengeben, sofern diese überhaupt zu erhalten sind.
Hand auf’s Herz: Können Sie aus dem Stegreif die wichtigsten deutschen Bundesminister noch mit Namen nennen? Wie leicht fällt Ihnen das für Ihre Wahlheimat? Wie versuchen Sie, über politische Entwicklungen im deutschsprachigen Raum auf dem laufenden zu bleiben? Fühlen Sie sich vom politischen Geschehen an Ihrem Wohnort ausgeschlossen? Engagieren Sie sich persönlich? Ist es vom Standpunkt des Auswanderers aus überhaupt noch wichtig, welche politischen Entscheidungen in der alten Heimat getroffen werden? Welche politischen Köpfe haben in Ihren Augen in Deutschland oder in Ihrer neuen Heimat wirklich Geschichte geschrieben? Wir möchten Sie anregen, Ihre Erfahrungen zu diesem Themenkreis mit anderen Lesern zu teilen. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.
Dr. Manya Brunzema
Liebe Leser und Leserinnen,
Es ist wieder einmal soweit. Weihnachten und der Jahreswechsel stehen vor der Tür. Politisches tritt vor dem Privaten zurück. Dies sind Feiertage, an denen Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, noch stärker als sonst bewußt wird, daß sie sich jetzt in einem anderen Kulturkreis aufhalten. Der sentimentale Unterton beider Feste und die Tatsache, daß sie in unserer Erinnerung an bestimmte Bilder, Gerüche, Speisen, Traditionen und Personen, mit denen wir diese Feste schon feierten, gebunden sind, machen uns “anfälliger” für einen wehmütigen Blick zurück – in die eigene Kindheit und dahin, wo wir lebten, bevor wir unser Geburtsland verließen.
Zwischen den Jahren laufen zwischen den Kontinenten die Telefondrähte heiß. Wenn im deutschsprachigen Europa an Heiligabend die Geschenke geöffnet werden, ist man in Nordamerika noch beim Mittagessen. Das deutsche Silvesterfeuerwerk ist längst verloschen, wenn man auf anderen Kontinenten auf den Beginn des neuen Jahres anstößt. Die Feiertage machen den Abstand zwischen uns “Auslandsdeutschen” und den im Land Gebliebenen besonders deutlich und demonstrieren unsere Situation als “Wanderer zwischen den Welten” genau. Weihnachts- und Silvesterbräuche der Wahlheimatländer, die uns fremd bleiben, scheinen die Distanz zwischen uns als Einwanderern und den Einheimischen noch zu vergrößern. Mit unseren Nikolaus-Feiern, unserem Tannenbaum-Schmuck und unseren Silvester-Knallern “outen” wir uns in fremden Ländern als Menschen deutschsprachiger Herkunft, greifen auf unsere eigene Tradition zurück und grenzen uns damit ein Stück von der Kultur unserer Gastländer ab – eine Gratwanderung, die Auswanderer ihr Leben lang vollziehen. Nach Jahren der Abwesenheit aus der “alten Heimat” gehören wir jedoch auch dort nicht mehr so ganz hin. Auch wenn wir noch so viele Zeitschriften, Internet-Nachrichten und Radio- und Fernsehprogramme via Satellit aus dem deutschsprachigen Europa beziehen, kann dies die Teilnahme am tagtäglichen Geschehen dort nicht ersetzen. Zwar wird die Kluft zwischen Ausgewanderten und Daheimgebliebenen an Feiertagen besonders spürbar, doch sie betrifft viele unserer Leser und Leserinnen 365 Tage im Jahr. Das Leben in der Fremde hat viele anstrengende Facetten: Eine Heimreise ist in der Regel kein Heimat-Urlaub, sondern kann sich leicht zur Tournee entwickeln, auf der sämtliche Verwandtschaft mit einem Besuch bedacht werden möchte und beleidigt ist, wenn das nicht geschieht. Wer nicht regelmäßig nach Deutschland, in die Schweiz oder nach Österreich zurückfliegen kann, stellt fest, wie befremdlich vieles “typisch Deutsche” nach einigen Jahren Auslandsaufenthalt wirkt.
Wer im Ausland Kinder erzieht, stößt nicht nur dabei auf Probleme, ihnen die deutsche Sprache aktiv zu erhalten: Wie stellt man Nähe zu Großeltern her, die tausende von Kilometern weit weg wohnen? Wie verkraften kleinere Kinder es, daß Verwandte und gute Freunde manchmal für Wochen am Familienleben teilnehmen, um dann wieder für Jahre ganz aus ihrem Blickfeld zu verschwinden, kaum, daß die Kinder an ihre Gesellschaft gewöhnt sind?
Die zahlreichen Abschiede und Wiedersehen, die ein Leben im Ausland mit sich bringt, sind für alle Altersgruppen schwer zu verarbeiten. Wie geht eine Familie im Ausland mit Besuchern um, die sie als preiswerte Hotel-Alternative für einen Erlebnisurlaub ansteuern und ein Abenteuerprogramm vor Ort erwarten? Was geschieht, wenn Eltern oder Freunde in der alten Heimat gebrechlicher, krank oder pflegebedürftig werden? Was passiert, wenn der Anlaß zur Auswanderung plötzlich nicht mehr besteht, wenn man etwa im Ausland den Job oder den Lebenspartner verliert? Kann man nach langen Jahren des Auslandsaufenthaltes wirklich noch den Schritt zurück in das Herkunftsland wagen, das fremder geworden ist? All dies sind nur einige der Fragen, die Sie oder Bekannte von Ihnen sicher auch schon beschäftigt haben, nachdem Sie den deutschsprachigen Raum verließen.
Welche Erfahrungen haben Sie mit diesen Problemen gemacht, die Sie mit anderen Lesern der “Deutschen Rundschau” teilen möchten? Haben Sie Ratschläge für andere Leser und Leserinnen, wie Sie die Schwierigkeiten einer Existenz zwischen zwei Welten ganz persönlich und konkret gemeistert haben? Bitte schreiben Sie uns. Ihre Geschichten und Beispiele könnten anderen Lesern in ähnlichen Situationen in anderen Ländern der Erde weiterhelfen und – ganz im Sinn unserer Zeitung – eine weltweit verbindende Brücke schlagen.
Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften. Die Redaktion der “Deutschen Rundschau” wünscht Ihnen – wo immer Sie leben – ein zufriedenes neues Jahr!
Dr. Manya Brunzema