In dieser Ausgabe / In this issue

Piraten voraus!? Freibeuter der Zukunft +++ Graffiti in Berlin: Eine Kunst, die keine ist +++ Minderheitenpolitik: Die Sorgen der Sorben +++ Frankreich: „Im Westen was Neues...“ +++ Lissabon – westlichste Hauptstadt Europas +++ Spanien: Touristenmekka Barcelona +++ Grauer Modeosten? Junge Mode in der DDR +++ Wernher von Braun Der Raketenmann +++ Neuseeland: Keas, Kiwis und Vulkane

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Integration durch Bildung

Liebe Leserinnen und Leser!

Im Ausland ist jeder Ausländer. Um zu erfahren, was es heißt, fremd zu sein, muß man jedoch nicht unbedingt Ausländer sein. Als Kind im Nachkriegsdeutschland verboten mir meine Eltern, mit Flüchtlingskindern zu spielen. Wenn ich daran zurückdenke, fällt mir das Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ von Franz Josef Degenhart aus den 60er Jahren ein, in dem es weiter heißt „So sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor“. Fremd kann der Norddeutsche sein, der nach Bayern kommt, der Ostdeutsche, der in den Westen geht.

Im Jahr 2006 sind rund 662.000 Menschen nach Deutschland gezogen, gleichzeitig verlegten 639.000 ihren Wohnsitz ins Ausland. 155.300 sind offiziell ausgewandert, der höchste Auswanderungsstand seit 1954. Die Zahl der Einwanderer hingegen ging um 4% gegenüber dem Vorjahr zurück.

Rund 6,7 Millionen Ausländer leben heute in Deutschland, das sind etwa acht Prozent der Gesamtbevölkerung. Aus den Gastarbeitern, die in den 50er und 60er Jahren angeworben wurden, und von denen man glaubte, daß sie nur vorübergehend im Lande bleiben würden, sind Migranten geworden. 15 Millionen Menschen aus 200 Staaten haben das, was man Migrationshintergrund nennt, und stellen fast ein Fünftel der Bevölkerung der Bundesrepublik. Jede fünfte Ehe ist binational. Jedes vierte Neugeborene hat einen ausländischen Elternteil, doch in Deutschland geborene Kinder sind inzwischen deutsche Staatsbürger. In großen westdeutschen Städten kommen bis zu 40 Prozent der Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Etliche Grundschulklassen deutscher Großstädte haben bereits 50% oder mehr Ausländerkinder.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat die Situation von Einwandererkindern weltweit untersucht. Länder wie Kanada, die Niederlande und Schweden stuft sie als vorbildlich ein und lobt Australien und Neuseeland, die einen wesentlich höheren Migrantenanteil haben als Deutschland, weil sie den Kindern vor allem durch intensive Sprachförderung helfen, sich im neuen Land zu integrieren. Das deutsche Schulsystem jedoch versage wie kein anderes vergleichbarer Industrienationen bei der Förderung von Migrantenkindern, weil es zehnjährige Schüler auf verschiedene Schulformen aufteilt und Ausländer- und Problemkinder in den Hauptschulen konzentriert, heißt es in der jüngsten Studie.

Kinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse haben in Deutschland keine Chance auf Schulerfolg und damit auf einen Ausbildungsplatz, sagt Faruk Sen, Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien, und verweist darauf, daß die Arbeitslosenquote von türkischen Migranten bei über 25 Prozent liegt.

Bildungsfachleute und Politiker nahmen die OECD-Studie zum Anlaß, in Berlin über „Integration durch Bildung“ zu diskutieren. „Sprache erlernen, ein gegenseitiges Gefühl für unterschiedliche Kulturen bekommen und gemeinsames Miteinander üben, sind die wesentlichen Bestandteile von Integration, und diese sind eng an die Schule geknüpft“, weiß die ehemalige Schulleiterin und heutige Schulberaterin Enja Riegel. Doch weil „deutsche Schulen noch immer reine Lernkäfige sind“, versagen sie bei der Integration von Ausländerkindern.

Ausnahmen wie die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund, im letzten Jahr als beste Schule Deutschlands ausgezeichnet, beweisen, daß eine Schule trotz Ausländeranteil von 85% erfolgreiche Integration leisten kann. Es gehe nicht in erster Linie um Ausländerkinder, sondern um Kinder, sagt Enja Riegel, und diese Schule sei erfolgreich, weil sich die Lehrer auch um die Eltern kümmern und frühzeitig deren Vertrauen gewinnen. Inzwischen haben sowohl Politik als auch Wirtschaft gemerkt, daß es immer mehr kostet, wenn man diese Kinder vernachlässigt und erkannt, daß Integration nicht nur eine menschliche Verpflichtung ist, sondern sich auch wirtschaftlich auszahlt.

Wenn nun auch Bundeskanzlerin Merkel vor dem Hintergrund von Gewalttaten, Kriminalität und Krawallen zwischen ethnischen Gruppierungen bessere Chancen für Migrantenkinder „fordert“, dann kann man sich eigentlich nur wundern. Schließlich sitzt sie ja genau an der Stelle, an der sie Dinge bewegen könnte. Oder teilt auch sie bereits jene ernüchternde Erkenntnis der amerikanischen Altpräsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton, die feststellen, daß sie im Präsidentenamt niemals auch nur einen annähernd vergleichbaren Handlungsspielraum hatten, etwas zum Guten zu bewegen, wie heute in ihren Stiftungen? Das muß einem doch sehr zu denken geben und rückt den Traum von einer friedlichen Welt in weite Ferne.

Liebe Leserinnen und Leser, im Namen von Herausgeber Juri Klugmann und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Rundschau bedanke ich mich für Ihre Unterstützung in diesem zu Ende gehenden Jahr. Ihre zahlreichen Leserbriefe und Telefonanrufe, Vorschläge und Ideen und die vielen Beiträge unserer ehrenamtlichen Korrespondenten haben unsere Weltzeitung für Deutschsprechende entscheidend mitgeprägt. Der Dialog mit Ihnen ist das Herz unserer Zeitschrift, und wir schätzen jede Zuschrift hoch. Als „Ausländer im Ausland“ kennen wir Integration und ihre Probleme aus eigenem Erleben. Es wäre schön, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen.

Mit den besten Wünschen für ein gutes Neues Jahr 2008

Ihre Elisabeth von Ah


Reden wir über’s Wetter

Liebe Leserinnen und Leser!

Seitdem alle Welt über die globale Klimaerwärmung beunruhigt ist, ist selbst das Reden übers Wetter hochbrisant. Private Unterhaltungen spiegeln die überhitzte Klimadebatte wider, die öffentlich auf politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Seite geführt wird. Wie oft gibt es gegensätzliche Sichten der Dinge.

Die ökologisch Beunruhigten sprechen von nicht mehr aufzuhaltender Klimakatastrophe, verursacht vom Kohlendioxid, das durch Verbrennung fossiler Brennstoffe in zunehmender Konzentration in die Luft geblasen wird. Angesichts der Tatsachen, daß die Durchschnittstemperatur auf der Erde ansteigt, die Polkappen abschmelzen, Gletscher überall zurückgehen, Wüsten sich ausdehnen und der Meeresspiegel ansteigt, werden furchterregende Szenarien beschrieben: Millionen heimatloser Menschen auf der Flucht, geflutete Küstenstädte, untergehende Inseln, zunehmende Wirbelstürme.

Andererseits mahnen Klima- und Wetterforscher zu Besonnenheit und rationalem Umgang mit den Folgen der Klimaerwärmung. Auch sie sind überzeugt, daß es nicht mehr gelingen kann, den Klimawandel aufzuhalten, aber sie stützen ihre Beruhigungsversuche. Es werde schon nicht so schlimm kommen, auf neueste Computersimulationsmodelle, die einen weitaus geringeren Anstieg der Temperaturen und des Meeresspiegels voraussagen. Man habe noch Zeit genug, technologisch der Klimaerwärmung zu begegnen, wird argumentiert.

Eine dritte Seite gar verweist auf vermeintlich positive Begleiterscheinungen des Klimawandels wie Mittelmeerklima am Nordseestrand und geöffnete Straßencafés in Hamburg im Winter.

Bislang haben alle Versuche, die Zukunft vorherzusagen – ob mit oder ohne Computersimulation – versagt. Daß heute zunehmend wissenschaftliche Forschungen von der Privatwirtschaft in Auftrag gegeben und finanziert werden, fordert ein kritisches Hinterfragen der Ergebnisse geradezu heraus. Hat sich doch im Umweltbereich bisher für jede Meinung ein vermeintlicher Experte und Befürworter aus Wissenschaftskreisen gefunden.

Erinnern Sie sich noch an die Konfrontation mit Saurem Regen in den 70er Jahren in Deutschland, die Todesfälle von Babys durch Pseudo-Krupp und an den ersten Smogalarm im Ruhrgebiet am 17. Januar 1985, an dem die Schulkinder zu Hause bleiben durften? Damals wurden den Menschen schlagartig die Folgen hoher Schwefeldioxidkonzentrationen in der Luft vom Waldsterben bis zu chronischen Krankheiten bewußt; es war der Beginn der grünen Bewegung. Es entwickelte sich ein ökologisches Bewußtsein, die Menschen fingen an, über ihr Umweltverhalten nachzudenken. Zahlreiche, daraus hervorgehende Bürgerinitiativen zwangen Politik und Wirtschaft zum Handeln und heute, fast 30 Jahre später, darf Deutschland stolz darauf sein, die fortschrittlichste Umwelttechnologie der Welt zu besitzen.

Politiker jeder Richtung deklarieren inzwischen den Klimaschutz als eines ihrer obersten Ziele. In geradezu unglaublichem Aktivismus in Sachen Klima jetten sie fast pausenlos samt riesigem Begleittroß zu Umweltkonferenzen rund um den Globus – allein 2007 waren es über 80 – und verursachen dadurch eine nicht zu vertretende Umweltbelastung. Diese wiegt um so schwerer, als ihre Ziele nicht im entferntesten erreicht wurden und sich als bloße Lippenbekenntnisse erwiesen haben.

Im rasant aufstrebenden China ist Umwelt- und Klimaschutz bislang ein Fremdwort. Aber wenn das Image als Ausrichter der Olympischen Spiele 2008 gefährdet ist, schreckt die Regierung nicht vor diktatorischen Maßnahmen zurück, um den Autoverkehr zu stoppen und den Besuchern ein Trugbild von heiler, sauberer Luft in Peking vorzugaukeln.

Im Dezember 2007 soll auf Bali das Nachfolgeabkommen nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls 2012 verabschiedet werden. Es scheint absehbar, daß die Ergebnisse wieder hinter den Erfordernissen zurückbleiben. Die USA als größter CO2-Ausstoßer verweigern sich nach wie vor; Präsident Bush: „It just didn’t make sense for the United States.“ Stattdessen ruft er im Verbund mit anderen konservativen Regierungschefs sein eigenes Umweltprogramm aus. Also weiter wie gehabt.

Doch immer mehr Menschen wollen das nicht mehr zulassen. Über das Internet hat sich ein globales Umweltbewußtsein wie ein Lauffeuer um die Erde verbreitet. Innerhalb weniger Tage haben Hunderttausende die Umweltpetitionen der Organisation Avaaz online unterzeichnet und damit gezeigt, wo sie stehen.

Anlaß zu Hoffnung gibt auch die Existenz einer freien Presse. Während Politik und Wirtschaft den Medien oftmals vorwerfen, Nachrichten aus purer Sensationsgier zu dramatisieren, fühlen wir uns verpflichtet, Sie unabhängig und ohne Vorbehalte zu informieren. Während Politiker die Meinung ihrer Wähler nur zu Wahlkampfzeiten zu interessieren scheint, führen wir mit Ihnen, unserer Leserschaft, einen ständigen und offenen Dialog. Wir befinden uns oft genauso wie Sie zwischen gegensätzlichen Seiten, müssen uns als Nichtfachleute eine Meinung bilden und daraus unser persönliches und journalistisches Handeln ableiten.

Die Geschichte hat bewiesen, daß nur in Ausnahmefällen Politiker und Wirtschaftsbosse in der Lage sind, Entscheidungen für die Zukunft der Erde verantwortungsvoll und weitblickend zu treffen. Nur wenn sich weltweit ein neues, ethisches Bewußtsein entwickelt, ist Wandel zum Besseren möglich.

Wir freuen uns ganz besonders auf Ihre Zuschriften zu diesem Thema.

Elisabeth von Ah


Kein Platz für wilde Tiere

Liebe Leserinnen und Leser!

sicher kennen viele von Ihnen Al Gores preisgekrönten Dokumentarfilm über die Zukunft der Erde „An Inconvenient Truth – eine unbequeme Wahrheit“. Am meisten berührt mich die Szene, in der ein Eisbär auf der Suche nach den immer seltener werdenden Eisschollen ertrinkt. Sind Sie ebenso wie ich darüber entsetzt, daß die kanadische Regierung trotz massiver weltweiter Proteste auch im Jahr 2007 wieder 270.000 Seehundbabys zum Töten freigegeben hat? Vielleicht haben Sie schon gehört, daß die letzten 2000 Bergkaribus in den Regenurwäldern des Landesinneren von British Columbia kaum noch eine Chance haben, das nächste Jahrzehnt zu überleben, weil ihr Lebensraum zunehmend abgeholzt wird. Und daß Grizzlybär Bruno, der nach 150 Jahren als erster seiner Art wieder deutschen Boden betrat, letztes Jahr erschossen wurde, ist Ihnen sicher noch in Erinnerung.

Wir, die privilegierten Einwohner der westlichen Industrieländer, zeigen mit Fingern auf Dritte-Welt-Länder, die Elefanten, Tiger, Menschenaffen nicht nachhaltig schützen – das Java-Nashorn zum Beispiel, mit einem Bestand von weniger als 60 Tieren das seltenste Großsäugetier der Welt – obwohl wir mit unseren eigenen heimischen Tieren ebenso verfahren. Für den Artenschwund, den „Todeskampf der Tiere“, wie ihn der SPIEGEL nannte, sind die mehr als sechs Milliarden Menschen verantwortlich, die inzwischen die Erde bevölkern. Sie benötigen immer mehr Lebensraum und verändern ihn radikal nach ihren Vorstellungen. So wurde in den vergangenen hundert Jahren die Hälfte aller Tropenwälder abgeholzt und die Hälfte der Sümpfe trocken gelegt.

Asiatische Nashörner sind in großer Gefahr

Überall auf der Erde töten Bauern große Raubtiere, weil sie ihre Farmtiere reißen. Der Handel mit seltenen Tieren und Pflanzen, Umsatz 30 Milliarden Dollar pro Jahr, davon ein Drittel illegal und kriminell,


Indian_Rhinoceros
Indian_Rhinoceros
(Foto: colint / Wikipedia Creative Commons Attribution
ShareAlike License v. 2.0)

hat schon viele Arten vernichtet. Selbst das 1973 verabschiedete Washingtoner Artenschutzabkommen Cites, dem bis heute 172 Länder beigetreten sind, schafft es nicht, das internationale Geschäft mit den seltenen Arten zu deren Schutz zu regeln. Schon 2001 sprach Roland Melisch, Artenschutzexperte beim World Wide Fund For Nature (WWF) aus, daß man nur erfolgreich gegen das Aussterben von Arten vorgehen könne, wenn man der Wilderei und dem Raubbau an Wäldern und Meeren ökonomische Alternativen entgegensetzt.
Diese Alternativen sind bis heute nicht in Sicht in der paradoxen Situation, daß die Weltbevölkerung in den Entwicklungs- und Schwellenländern wie China und Indien stetig wächst, während die Industrieländer die katastrophalen Folgen ihres Geburtenrückgangs und ihrer Überalterung beklagen und diese Entwicklung durch finanzielle Anreize zum Kinderkriegen aufzuhalten versuchen.

Shark plus Poem
Shark plus Poem

(Foto: Michael Mardner / Text: Elisabeth von Ah)


Der Mensch hat bis heute nicht erkannt, daß er Teil der Natur ist und die Vielfalt der Natur braucht. Offensichtlich hat er den Befehl „Macht euch die Erde untertan“ aus dem ersten Buch Moses nicht als Verpflichtung verstanden, den Lebensraum Erde und die Wesen, die ihn bevölkern, verantwortungsvoll zu schützen, sondern er mißbraucht ihn, sein Machtstreben und seine Gier gnadenlos zu befriedigen.
Rücksichtnahme, Einschränkung und Verzicht auf liebgewordenen Komfort sind keine menschlichen Eigenschaften. Machtstreben und Gier hingegen ziehen sich wie ein Roter Faden durch die Geschichte des Homo Sapiens und hinterlassen bis heute grausame Spuren. Doch kann man von einer Art, die vor Gewalt gegen die eigene Rasse und vor Kriegen und Völkermord wie zur Zeit Darfurs nicht zurückschreckt, Mitleid für Tiere in Not erwarten?
Immer mehr Menschen auf der Erde haben sich von natürlicher Lebensweise entfernt und verschanzen sich und ihren Besitz hinter Zäunen und Alarmanlagen. Muß es nicht zu denken geben, daß sich heutige Spitzenpolitiker zu ihren Treffen wie jüngst beim G8-Gipfel in Heiligendamm durch einen 13km langen Zaun von den Menschen abschotten, für deren Wohl sie Politik machen sollten, in einer künstlichen Scheinwelt konferieren, für Fotografen bei strahlendem Sonnenschein posieren und von ihren Mitarbeitern lediglich durch SMS über das Weltgeschehen auf dem Laufenden gehalten werden?
Die Geschichte zeigt, daß von Menschen, die einem politischen Kalkül folgen, keine Veränderungen und Entscheidungen zu erwarten sind, die langfristig angelegt sind und auf Vernunft, Einsicht und Verantwortungsgefühl fußen. Um den Traum von einer besseren Welt nicht sterben zu lassen, in der Menschen-, Eisbär- und Bergkaribukinder gleichermaßen eine Zukunftschance haben, bedarf es des Engagements von uns allen. Alle vier Jahre einmal wählen, ist kein Alibi, uns aus der Verantwortung zu stehlen. Der Einsatz von jedem von uns, ob allein oder in einer Organisation, ob als Aktivist oder zahlender Förderer oder als Unterstützer einer freien und engagierten Presse, ist erforderlich. Nur wenn wir selbst unsere Bedürfnisse einschränken und die Regierenden und wirtschaftlich Mächtigen zu einer verantwortungsvollen Politik zwingen, deren Entscheidungen wie bei den indianischen Ureinwohnern Nordamerikas auf das Wohlergehen von vier Generationen im Voraus angelegt sind, besteht die Hoffnung, daß die mahnende Vision, die Bernhard Grzimeks 1956 in seinem legendären Film „Kein Platz für wilde Tiere“ aussprach, nicht noch mehr Realität wird.
„Was wäre der Mensch ohne die Tiere?“, fragte Indianerhäuptling Seattle 1854 im Brief an den „großen weißen Vater“. Er selbst gab die Antwort: „Wären alle Tiere fort, dann stürbe der Mensch an großer Einsamkeit des Herzens.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Wie immer freuen wir uns auf den Dialog mit Ihnen und auf Ihre Zuschrift

Elisabeth von Ah


Liebe Leserinnen und Leser!


Zum Jahreswechsel

Meine privaten Rückblicke zum Jahreswechsel sind immer eine Bestandsaufnahme. Auch wenn ich keine neuen Vorsätze habe – denn warum sollte ich mir ausgerechnet zum Jahreswechsel etwas vornehmen und nicht für jeden kommenden Tag – staune ich jedes Mal, wieviel unerwartet Neues in einem Jahr passiert ist. Begegnungen, Aufgaben, Herausforderungen, Erfahrungen, Erkenntnisse. Alles, nur kein Stillstand. Das in einer Rückschau mit sich allein, im Gespräch mit dem Partner oder guten Freuden in einer besinnlichen Stunde bei einem Glas Wein noch einmal Revue passieren zu lassen, gehört für mich zu jedem Jahreswechsel und Geburtstag.

Auch die Jahresrückblicke im Fernsehen sehe ich mit großem Interesse. Meist staune ich dann mehr darüber, wie viele Ereignisse ich schon fast vergessen habe, als darüber, wie viel passiert ist. Offensichtlich selektiert mein Gedächtnis die tagtägliche Flut von Nachrichten, in der die Zahl der schlimmen und tragischen Ereignisse die der positiven Meldungen um ein Vielfaches übersteigt, unbewußt in die zwei Schubladen Merken und Nichtmerken.Weihnachts- und Neujahrsansprachen von Politikern hingegen öden mich schon seit Jahren an.


(Foto: Archiv Elisabeth von Ah)

In den Nachrichten habe ich gerade noch von den schlimmen Ereignissen auf der Erde gehört, daß tagtäglich Kriege an vielen Orten stattfinden, Gewalt, Mord und Folter für unzählige Menschen zum Lebensalltag gehören. daß die Welt weiter aufrüstet und Unsummen in Waffenarsenale investiert, obwohl Millionen Menschen hungern, daß allein 1,8 Millionen Kinder im Jahr sterben, weil sie kein sauberes Trinkwasser haben, daß. „AIDS“ in Afrika 50 Millionen Kinder zu Waisen gemacht hat, daß die Zahl der Tuberkulose-Erkrankungen wieder ansteigt, daß zehntausend Tier- und Pflanzenarten jedes Jahr verschwinden, daß die großen Säugetiere vom Aussterben bedroht sind, weil für sie kein Platz mehr auf der Erde bleib, daß durch die Klimaerwärmung eine riesige Tier- und Pflanzenwanderung nach Norden eingesetzt hat, die eingesessene Arten aus ihrem Lebensraum verdrängt, daß mit Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren, Waldbränden, Vulkanausbrüchen zunehmend zu rechnen ist.

Und dann treten unsere Politiker und Staatoberhäupter vor die Fernsehkameras und versuchen uns weiszumachen, daß der Kampf gegen den Terrorismus oberste Priorität hat.Sie reden vom Frieden, aber sie entwickeln Vernichtungswaffen und schicken junge Menschen in Kriege. Sie erzählen von sozialer Gerechtigkeit und grenzen ganze Gesellschaftsgruppen aus. Sie reden vom Umweltschutz und holzen ganze Urwälder ab. Sie schicken Soldaten in Länder, deren Rohstoffe sie interessieren, doch sie schauen tatenlos zu, wenn Frauen und Kinder in Darfur abgeschlachtet werden. Sie geben dem Großkapital freie Hand, die Ressourcen der Erde nach Belieben auszuplündern. Den Ausverkauf der Erde nennen sie Politik, doch für die wirklich großen, von Menschen gemachten Probleme Armut, Hunger und Naturzerstörung haben sie keine Lösungen.

Für globale Gerechtigkeit – Frieden – Naturbewahrung

Am liebsten möchte ich bei jedem zweiten Satz „Einspruch!“ rufen und auf die verweisen, die wirklich etwas tun. Wie Muhammad Yunus und die Grameen Bank in Bangladesh, die den Friedensnobelpreis 2006 erhielten. Als „Bank für die Armen“ geben sie den Ärmsten Kredite zum Aufbau einer eigenen Existenz. Armut ist für Ökonomieprofessor Yunus eine „schreiende globale Ungerechtigkeit“ und ihre Überwindung eine unabdingbare Voraussetzung für den Frieden in der Welt.

Der Verein Aachener Friedenspreis, 1988 von Einzelpersonen aus Parteien, Gewerkschaften und Bürgergruppen ins Leben gerufen, würdigt Engagement und Zivilcourage von Menschen, die ohne öffentliche Ämter für den Frieden arbeiten. In diesem Jahr wurde der Verein „Hilfe für Menschen in Abschiebehaft Büren“ ausgezeichnet.

Desolaten politischen Entscheidungen kann man nur durch persönliches Engagement etwas Positives entgegensetzen. Es sind die vielen Menschen überall auf der Erde, die sich in Initiativen und Projekten für globale Gerechtigkeit, Frieden und Naturbewahrung einsetzen, die Anlaß geben, guten Mutes auf dieses neue Jahr anzustoßen.

Im Namen von Herausgeber Juri Klugmann und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Rundschau wünsche ich Ihnen ein gutes Neues Jahr. Wir bedanken uns für Ihr Interesse im abgelaufenen Jahr und hoffen, daß Sie uns im neuen treu bleiben.

Elisabeth von Ah


Armes Deutschland!

Wie deutschsprachige Medien in Kanada brüskiert werden

Aus der Bibel wissen wir, daß auf sieben fette Jahre sieben magere folgen. Die Zeichen sind unübersehbar, Deutschland befindet sich in den mageren.

Der Pleite- und Konkursgeier kreist übers Land, Industriebetriebe flüchten wie Ratten vom sinkenden Schiff in Billiglohnländer und Multimillionäre in Steuerparadiese, über 4 Millionen Arbeitslose vertreiben sich die Zeit mit den Simpsons. Kein Wunder, daß angesichts von Steuerausfällen Ebbe in der Kasse und Leere im Portemonnaie der öffentlichen Haushalte herrscht.

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(Karikatur:  Pohlenz)

Nun steht eine Europawahl an. Eine teure Sache. Zu Zeiten, in denen gespart werden muß. Wo also anfangen? Am leichtesten bei den kleinen Leuten. Die können sich am wenigsten wehren. Für Probleme dieser Art hat man schließlich clevere Finanzköpfe zu Beraterverträgen in Millionenhöhe engagiert. Sie finden den Trick, wie die Bundesregierung ihrer Pflicht nachkommen und deutsche Bürger in Kanada über ihr Wahlrecht informieren und die Kosten dafür auf private Finanziers abwälzen kann. Man stellt den deutschsprachigen Auslandszeitungen Inserate in Aussicht, weckt Erwartungen, versendet ein sog. Press Release bereits als fertige Anzeige gestaltet, kleidet die Freude, die man beim Abdruck empfinden würde, in so reizende Worte, weist so eindringlich auf Finanznot hin, daß es wirklich anrührend ist. Einfach genial. Wer mag ehrenwerten Politikern und Diplomaten dieses Ansinnen verweigern, “wo doch” – laut Generalkonsulat Toronto – “schon die Erfahrung gezeigt hat, daß das Interesse an der Bundestagswahl bei in Kanada lebenden Auslandsdeutschen gering ist”. Na also! Warum Perlen vor die Säue schmeißen!

Die Herausgeber der Zeitungen haben eben Pech gehabt. Und wer die Anzeige doch gedruckt hat, der ist halt Idealist oder blöd. Irgendeiner muß die Zeche ja zahlen. Und mal ehrlich, in Zeiten, wo es um ganz große Dinge geht, ist es da nicht kleinlich, um Anzeigen zu feilschen? Zumal der deutsche Verteidigungsminister Struck klargestellt hat, wo die eigentlichen Prioritäten liegen. “Die Freiheit Deutschlands wird nicht zuletzt am Hindukusch verteidigt”, hat er gesagt. Schließlich kann man es Bush & Co. nicht alleine überlassen, ihre Vorstellung von Freiheit Ländern aufzuzwingen, die sie so gar nicht haben wollen. Und das kostet Geld. Viel Geld! Da bleibt kein Geld mehr für Anzeigen, die die Wahlfreiheit in Europa verteidigen, für Zeitungen, die die Pressefreiheit um JEDEN Preis verteidigen, für Idealismus und ehrenamtliches Engagement. Danke, daß Sie uns aufgeklärt haben, Herr Struck!

Elisabeth von Ah

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