In dieser Ausgabe / In this issue

Piraten voraus!? Freibeuter der Zukunft +++ Graffiti in Berlin: Eine Kunst, die keine ist +++ Minderheitenpolitik: Die Sorgen der Sorben +++ Frankreich: „Im Westen was Neues...“ +++ Lissabon – westlichste Hauptstadt Europas +++ Spanien: Touristenmekka Barcelona +++ Grauer Modeosten? Junge Mode in der DDR +++ Wernher von Braun Der Raketenmann +++ Neuseeland: Keas, Kiwis und Vulkane

Kommentare / Commentaries
Kategorien / Categories

Archiv für 2012

Dient Empörung der Erleichterung im stressigen Alltag?
Man kann Wandel auch mit eindringlicheren Mitteln erreichen

Liebe Leserinnen und Leser!

Kein Zweifel, es wird immer schlim­mer! Der uns umgebende Digitalmüll nämlich.

Die Großeltern können sich noch erinnern und in vergilbten Zeitungen steht es auch schwarz auf weiß: Zorn ist statthaft! – Wenigstens am 1. Mai durfte man früher einmal die ganze Wut entladen, den bösen „Klassenfeind“ beschimpfen und bedrohen. Und es gab sogar einmal Zeiten, in denen rasende Menschenmengen den „totalen Krieg“ forderten. Na ja, das ging dann ziemlich gründlich in die Hose. – Also, Schwamm drüber.

Aber, grundsätzlich durfte man schon mal laut die Meinung sagen. Was ja auch auf dem Fußballplatz noch immer statthaft ist. Aber sonst ist es eigentlich in unseren Breiten merkwürdig still ge­worden. Und vielleicht hat unsere moderne Ge­sellschaft ja auch wirklich alle dringenden Sachfragen längst ir­gendwie erledigt.

Die Frage stellt sich, weil alte Formen des Protestes scheinbar neuen Mitteln der Meinungsbildung und -entfaltung gewichen sind. Kaum jemand geht noch auf die Straße, um Kernwaffen aus der Welt zu schaffen. Und nur die Wenigsten regen sich lautstark vor Botschaften über Menschenrechtsverletzungen in China, im Iran und in Simbabwe auf. Wenn etwas Wirkungsvolles ge­schieht, dann passiert es heute fast im Stillen. Ganze Protestmaschinen existieren nämlich zwischenzeitlich im Internet und leisten einen Beitrag, um Gesetzesänderungen zu erzwingen oder um auch schon mal die Aufhebung von Todesurteilen durchzusetzen.

 

Ein wirkliches Musterbeispiel für neue Formen der Meinungsballung ist die erst Anfang 2007 entstandene, aber fast etwas romantisch chaotisch, wenngleich global funktionierende zivile Organisiation Avaaz.org (www.avaaz.org/en/). Völlig locker und aus dem Stand hat sich bei Avaaz eine weiter sehr munter wachsende Mitgliedschaft von zwischenzeitlich fast vierzehn Millionen Mitgliedern in 194 Ländern eingefunden. Der Name Avaaz ist dem persischen Farsi entlehnt und bedeutet „Stimme“, oder „Klang“. Zwei Dinge fallen auf: Avaaz lebt ausschließlich von Spenden mit einer vergleichsweise niedrigen maximalen Obergrenze. Eindrucksvoller fast: Avaaz findet Beachtung. Der kanadische Außenminister John Baird machte sich etwas sehr lächerlich, als er Avaaz eine „schattenhafte Fremdorganisation“ nannte, die dem amerikanischen Finanzier und Philanthropen George Soros nahestünde. Man könnte sagen, viel Feind, viel Ehr! Avaaz arbeitet sehr gezielt mit Petitionen, zu deren Unterzeichnung schon mal gut und gerne einige Millionen Weltbürger beitragen.

Diese eher unauffällige Arbeit zur Behebung von Mißständen in aller Welt konzentriert sich auf brennende Fragen des Klimawandels, der Wahrung von Menschenrechten, der Korruptionsbekämpfung, der Ar­muts- und Unrechtsbekämpfung.

Wohltuend an diesem relativ ruhigen Aktionismus ist der Kontrast zu diversen und erstaunlichen Aufgeregtheiten, die besonders in den letzten Monaten und dabei ganz eindeutig in der mitteleuropäischen Bundesrepublik Deutschland das Alltagsgeschehen teilweise kennzeichneten.

Ganze Empörungswellen entluden sich über einen Verteidigungsminister, der bei seiner Doktorarbeit munteren Diebstahl geistigen Ei­gentums beging. In ganz kurzen Wochen wurde ein sehr ungeschickter Provinzpolitiker aus dem höch­sten Staatsamt vertrieben, weil er im Begriff war, der Vorteilsannahme überführt zu werden und die Selbstgerechtigkeit deutscher Me­dien scheinbar keine Grenzen mehr kannte. Und gänzlich skurril wur­de es, als der Dichterfürst Günter Grass es wagte, seine Privatmeinung zu einem wirklich brandaktuellen und weltgeschichtlich ex­trem heißen Eisen zu äußern.

Längst ging es in nicht einem dieser Fälle um sachliche Inhalte, sondern nur um plumpe Skandalisierungen. Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Präses Nikolaus Schneider, sieht Gefahren, wo sich über digitale soziale Netzwerke in Minutenschnelle Empörungsschübe entladen und sein katholischer Kollege als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Ro­bert Zollitsch, kritisierte die Gefahren des Internets, die, wie Alkohol, Medikamente und Drogen, zu den ‚versklavenden Götzen unserer Zeit‘ gehören.

Besonnenheit, so scheint es zeitweise, wird zur Mangelware. Gefragt sind, so Präses Schneider, „Empörungszyklen und rasche Schuldzuweisungen“. Ob es anders manchmal leichter ginge?

J. Joachim Moskau

Kalendersuche / Search by Date
Mai 2012
M D M D F S S
« Apr    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Archiv
News