Vancouver – ein Jahr vor Olympia

Gute Wettkampfstätten, aber drum herum noch viel zu tun bis Februar 2010

Weniger als ein Jahr noch zeigt die Olympiauhr im Zentrum von Vancouver an bis am 12. Februar 2010 die Olympischen Winterspiele im BC Place Stadium eröffnet werden. Lange lag die Olympiastadt gut im Plan. Doch nun hat die Weltwirtschaftskrise auch die Stadt an der Westküste Kanadas erreicht.

Billy ist optimistisch: „Ich freue mich schon auf die Kunden aus aller Welt.“ Billy steht an der Kasse seines kleinen Alkoholshops am Rande des Highway 99 in Squamish, einem Flecken nordwestlich von Vancouver. Hier auf halben Weg nach Whistler hofft Billy auf Olympiatouristen, die sich bei ihm mit einigen Six-Packs Gletscherbier oder ein paar Landjägerwürsten versorgen. Immerhin, kein Weg führt vorbei an Billys Laden, wenn man von Vancouver in den Olympiapark will, dem Austragungsort für die Ski-, Rodel- und Bobwettbewerbe.

Die ersten Gäste sind schon jetzt im Olympiarevier unterwegs. Auch Jochen Behle, Langlauf-Bundestrainer, hatte mit seiner kleinen Delegation Unterkunft in Squamish gefunden. Die Männer auf den schmalen Brettern bringen wie auch die Skispringer, Bobfahrer oder Biathleten schon mal einen Hauch olympischer Atmosphäre an Kanadas Westküste.

Mehr allerdings auch nicht. „Hier ist definitiv noch viel zu tun. Bis auf die Wettkampfstätten ist von Olympia überhaupt nichts zu spüren“, meint Behle. Es seien viele kleine Dinge, die nerven: Autos ohne Winterreifen oder die Verpflegung in den Hotels, die man selbst organisieren müsse. Dafür liegen mehr als eineinhalb Meter Schnee an der Strecke. „Die Loipe ist fantastisch“, schwärmt Jochen Behle, „die Strecke selbst dürfte für Axel Teichmann ideal sein.“ Der allerdings war nicht mitgereist.

Nahe der Loipe, am Fuß der Sprungschanzen steht der steinerne Inukshuk. Diese seit Jahrhunderten von den Inuit People, wie die kanadischen „Eskimos“ politisch korrekt genannt werden, als Symbol der Freundschaft und der Hoffnung aufgestapelten Felsfigur, ist das Olympiazeichen von Vancouver 2010. Werner Schuster, Nationaltrainer der Skispringer, achtet natürlich mehr auf die Schanzen. Seine Schützlinge flogen zwar nicht so weit wie ihre österreichischen Konkurrenten. Aber die Anlage sei Klasse. „Die Flugkurve ist wunderbar und die Anlage ist gut von Seitenwinden geschützt“, lobt Martin Schmitt, Deutschlands Nummer 1 unter den Schanzenpiloten, die Wettkampfstätte.

Überhaupt sind alle begeistert von den Sportanlagen, die alle bereits lange vor den Spielen intakt sind. Vor allem in Vancouver selbst. Auch die Freestyle- und Skicross-Pisten am Cypress Mountain und die Halle für die Eisschnellläufer haben ihre ersten Wettkampftests hinter sich. Und das BC Place Stadium, die an ein riesiges UFO erinnernde Halle, in der 60 000 Zuschauer die Eröffnungs- und Abschiedszeremonie erleben werden, ist seit Jahren Heimstätte der BC Lions – dem American-Football-Team von British Columbia. Hier in Downtown, gegenüber des Olympischen Dorfes, sollen auch die Sieger geehrt werden.

Aber das Olympische Dorf macht der Stadt den größten Kummer. Die Entwicklungsgesellschaft Millennium Properties, die das olympische Dorf errichten sollte, wurde Opfer der Finanzkrise. Ihr Investor, die Fortress Investment Group, stellte im Herbst 2008 die Zahlungen ein. Ab Oktober übernahm die Stadt die offenen Baurechnungen. Und die Kosten für das Olympische Dorf sind um knapp 100 Millionen Euro auf eine Höhe von fast 540 Millionen gewachsen. Angesichts des geplanten Endtermins 1. November bekommt man in Vancouver nun kalte Füße. Das Finanzierungsproblem für das Olympische Dorf scheint gelöst. Vancouver bekommt einen 485-Millionen-Euro-Kredit, allerdings vom Steuerzahler.

Der Steuerzahler wird noch mehr leiden. Kritiker befürchten, daß ähnlich wie nach den Spielen von Montréal 1976 jahrzehntelang Schulden abgebaut werden müssen. Etwa 1,12 Milliarden Euro soll der Olympiahaushalt umfassen. Das VANOC sucht indes noch Großsponsoren, um ein Finanzloch von etwa 19 Millionen Euro zu stopfen. Andererseits sucht das VANOC nach Einsparungspotenzial. Auch in Whistler. So wurden die ursprünglich hier geplanten abendlichen Medaillen-Zeremonien gestrichen. VANOC-Vizepräsident Terry Wright will den Marketing- und Kommunikationsetat um 3,1 Millionen Euro, den Techniksektor um 4,1 Millionen Euro kürzen. Und obwohl auch das Athletendorf in Whistler, der „Sea-to-Sky-Highway“ von Vancouver in die Berge und die Hochbahn vom Flughafen nach Downtown noch im Bau sind, meint VANOC-Boss John Furlong trotzig: „Wir werden die Spiele mit einem ausgeglichenen Budget beenden.“

Der Ansturm auf die Tickets sei einzigartig. Dabei sind die Preise gepfeffert: Für die Eröffnungsfeier werden 750 Euro und für Karten der Abschluß-Zeremonie 530 Euro verlangt. Für die besten Sitzplätze beim Eiskunstlaufen muß man 300 Euro berappen. Die teuersten Karten beim alpinen Abfahrtslauf kosten 100 Euro. Die Hälfte aller Tickets soll – wie der Veranstalter verspricht – nicht mehr als 67 Euro kosten. Nun heißt es, daß von den 1,6 Millionen Eintrittskarten 100 000 für 16 Euro über den Tisch gehen sollen.

Schwere Zeiten für Sportfans mit schmalem Budget. Zumal in der Olympiastadt schon jetzt die Lebensmittel- und Hotelpreise steigen. Ein Bett unter 100 Euro ist kaum zu finden. Es sei denn im St. Clair Hotel. Hier kostet eine Übernachtung gerade mal 49 Dollar – noch. In der 1911 von Kapitän Henry Pybus gebauten Herberge mitten in Downtown sitzt Hans Becker an der Rezeption. Der junge dunkelhaarige Mann ist Sohn einer Berlinerin, die nach dem Krieg nach Québec auswanderte. „Aber Vancouver ist schöner“, meint Becker, „die Sommer hier sind herrlich, in den Tälern wächst der Wein und das Wasser aus der Leitung schmeckt wie aus einer Bergquelle.“

Die Winter sind nicht ganz so idyllisch. Zu Weihnachten gab es in der Perle an der Westküste ein Schneechaos. Dann regnete es. Und wenn es regnet in Vancouver, dann hilft kein Schirm. Der Wind jagt den Regen kreuz und quer durch die Straßen. Anfang Januar spülte das Wasser sogar Straßen und Eisenbahnlinien weg. Der Sea-to-Sky-Highway 99 war zeitweise gesperrt. Bleibt die Hoffnung, daß sich sowas in einem Jahr nicht wiederholt.

Unangenehme Fragen werden vom VANOC nicht gern beantwortet. Das Organisationskomitee hat sich abseits auf einem Gewerbepark zwischen Autohändlern und Lagerhallen versteckt. Nicht einmal eine Buslinie führt dahin. Im Vorfeld der Spiele gibt es immer wieder Störungen: Ende Juli zerfetzte ein übereifriger Baggerfahrer ein Hauptkabel für die Stromversorgung von Downtown, im Dezember verletzten sich fünf Touristen bei einem Gondelabsturz in Whistler. Im vergangenen Sommer versperrte eine Steinlawine den Highway 99.

Das 600-Millionen-Dollar-Projekt hatte in den vergangenen Jahren sowohl Umweltschützer als auch die First Nations People, wie die kanadischen „Indianer“ politisch korrekt genannt werden, irritiert. Immerhin wurden mehr als zwei Millionen Kubikmeter Fels aus den Bergen gesprengt und 260 000 Tonnen Asphalt in die Landschaft gewalzt. Andererseits hat man in Vancouver von Beginn an versucht, einen Konsens zwischen den Organisatoren der Spiele und den vier hier ansässigen Stämmen – Squamish, Lil’wat, Musqueam und Tsleil-Waututh – zu finden. Im Zentrum von Whistler lädt das „Squamish-Lil’wat-Kulturzentrum“ die Gästen der Spiele ein. „Wir wollen zeigen, daß es hier lange vor den Weißen schon Bewohner mit einer eigenen Kultur gab“, sagt Squamish-Häuptling Bill Williams.

David Dennis, Präsident der United Native Nations (UNN) von British Columbia, aber will gewaltfreie Protestaktionen während der Spiele nicht ausschließen. Man will Druck auf die Regierungen in Ottawa und British Columbia ausüben, um auf ihre Landrechtefragen sowie das Problem der Armut unter den Ureinwohnern aufmerksam zu machen. Ein Problem aber nicht nur der Ureinwohner. Gerade Vancouver zählt zu den Städten mit den meisten Obdachlosen Kanadas. Unter der Losung „Armutsolympia“ zog am 8. Februar ein Karnevalszug durch die East Side von Downtown, um gegen steigende Armut und Obdachlosigkeit zu protestieren.

Der Weg von Vancouver nach Whistler ist atemberaubend: Anfangs führt er entlang der Pazifikküste den Howe Sound entlang, etwa 60 Kilometer bis nach Squamish. Die letzten 40 Kilometer schlängelt sich der Sea-to-Sky-Highway durch die Berge. Whistler selbst liegt gerade mal 650 Meter über dem nahen Pazifik. Die Meeresnähe schafft unberechenbares Wetter. Schnee wechselt mit Regen, und die Wolken vom Pazifik können hartnäckig an den Berghängen kleben. „Verkehrsmäßig kann es natürlich immer Probleme geben im Winter. Da ist Whistler aber keine Ausnahme“, meint Norbert Baier, Sportlicher Leiter für Biathlon beim Deutschen Skiverband. „Ansonsten ist es ein herrliches Gelände. Ich bin überzeugt, das werden schöne Spiele hier.“ Jochen Behle ist skeptisch: „Für die vielen Zuschauer bei Olympia ist alles ein wenig klein hier.“ Das betrifft wohl auch die Hotelkapazitäten in dem Bergstädtchen. Dieses Defizit in Whistler ist noch zu lösen. So wurde eine alte Idee wieder aufgegriffen, Kreuzfahrtschiffe auf den Fjord nach Squamish zu schippern und als Hotelunterkünften zu nutzen. Für Billy in seinem Alkoholshop nebenan gewiß eine gute Nachricht.

Hajo Obuchoff


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