In dieser Ausgabe
+ Ist Dialekt nochzeitgemäß?

+ Integration jungerRußlanddeutscher

+ Mittelalterliches Lüneburg:Weißes Gold, rote Klinker

+ Erholung zwischen Lahn, Sieg und Eder.

+ Flüchtlingskindergartenin Jordanien

+ Freihandelsabkommen USA - Europa

+ Das Schicksal des Windhuker Reiters

+ Europa im Jahrhundert der Kriege

+ Feuerwehr-Oldtimer in PEI

Auf den Spuren der deutschen Sprache in Burkina Faso (Teil 1)

Wohl jeder Pole assoziiert Afrika mit dem polnischen Jungenvornamen „Stao“ (eine der vielen Verkleinerungsformen von Stanislaw) und dem englischen Mädchenvornamen „Nell“. Warum?

Der Grund ist das geniale und außerhalb Polens leider weniger bekannte Buch des polnischen Literaturnobelpreisträgers von 1905, Henryk Sienkiewicz (1846-1916), „Durch Wüste und Wildnis“ (Originaltitel: „W pustyni i w puszczy“, der englische Titel: „In Desert and Wilderness“) aus dem Jahr 1911. Als Hintergrund für das Afrika-Abenteuer der Hauptfiguren Stao und Nell wurden teilweise wirkliche Ereignisse ausgewählt, die allerdings auch geschichtlich festgehalten sind. Im Sudan, während der Mahdisten-Aufstände (1882-1898), werden von Derwischen zwei Kinder entführt.

Bis dahin hatte es den beiden Kindern an nichts gemangelt, denn ihre Eltern, die als Kanalbau-Ingenieure im Land am Nil tätig waren, ermöglichten ihnen ein sorgenfreies Wohlstandsleben. Stao ist 14 und Nell 8 Jahre alt, als ihr dramatisches Abenteuer seinen Anfang nimmt: Der lange, unsagbar mühevolle Marsch durch Wüsten und Dschungel des riesigen Afrika, Begegnung mit einheimischen Stämmen, Kampf ums Überleben, „immer auf der Hut vor feindlich gesinnten Menschen und wilden Tieren“, wie es in einer deutschen Rezension zu lesen ist. Das Buch wurde im Jahr 1973 verfilmt und ist bis heute einer der Lieblingsfilme vieler polnischer Kinder und Jugendlichen, aber auch ihrer Eltern und Großeltern.

In den 70er Jahren wurde der Film in der DDR gezeigt und konnte auch dort einen Riesenerfolg verbuchen. In einem Internetforum schreibt eine 42jährige aus Ostdeutschland: „Ich habe mir den Film gestern auf Polnisch angesehen (…). Ich kann nicht verstehen, warum ein so schöner Film nicht auf Deutsch auf DVD erscheint, oder im TV gesendet wird, wo jeder Mist -zigmal läuft. Dieser Zweiteiler ist das Beste, was ich seit Langem gesehen habe, auch wenn ich kein Polnisch kann. Ich sehe die Bilder und höre die Musik. Einfach toll.“ Übrigens, 2003 hat der südafrikanische Filmregisseur Gavin Hood eine neue, kommerzielle und eher kitschige Version des Filmes „W pustyni i w puszczy“ produziert (die Produktion kostete ungefähr 4,2 Millionen US-Dollar!). Diese Version kann jedoch mit der ersten, literaturgetreuen Verfilmung nicht konkurrieren.

Die Bilder und die Musik aus dem Film „W pustyni i w puszczy“ (1973) haben das Leben vieler junger Polen geprägt, darunter das der künftigen Missionare, aber auch der Touristen, Weltenbummler und anderer Afrika-Besucher. Auch ich habe immer als Kind davon geträumt, einmal Afrika zu besuchen, was damals jedoch fast unmöglich war. Polen befand sich hinter dem Eisernen Vorhang, dazu waren wir damals noch sehr arm. Ich war glücklich, wenn ich die benachbarte Tschechoslowakei oder die DDR besuchen konnte. Vor etwa einem Jahr habe ich im Internet über eine germanistische Tagung gelesen, die im Dezember 2008 in Burkina Faso stattfinden sollte. Ohne zu zögern habe ich mich dazu angemeldet, ich dachte nämlich, das sei für mich die beste Gelegenheit, eines der ärmsten Länder der Welt und eines der interessantesten Gebiete Afrikas zu besuchen. Nach einigen Wochen habe ich von den Organisatoren eine freundliche Einladung bekommen. Ende November, etwa eine Woche vor dem Kongreß, saß ich schon im Airbus der Air France und versuchte mir vorzustellen, was mich in Afrika erwartet.

Das „Land der Menschen, die ihre Würde haben“ – so heißt der Name Burkina Faso in der Sprache der Mossi (die zahlenmäßig stärkste Ethnie im Land und in der ganzen Region) – habe ich allerdings nicht allein bereist, sondern mit Afsa, einer 24jährigen afrikanischen Studentin, die ich vor einem Jahr per Internet kennengelernt hatte. Afsa, die mich sogar nach Hause eingeladen hatte, zeigte mir ihre Heimat aus einer ganz anderen Perspektive, als wenn ich sie „von Hotels aus“ gesehen hätte. Mit herzlicher Gastfreundschaft und Flexibilität diente sie mir mit vielen praktischen Informationen und brachte mir sogar die wichtigsten Alltagsbegriffe in Dioula, ihrer Muttersprache, bei. Die Grundkenntnisse von Moré, einer anderen wichtigen Sprache der Burkinabé (Burkiner), verdanke ich Afsas Cousine, Aida. Innerhalb von knapp 12 Tagen konnte ich einige der schönsten Orte des Landes besuchen und habe mich in Afrika verliebt. Besonders gefallen hat es mir in kleinen Dörfern und bei einfachen Leuten.

Der Kongreß war jedoch auch etwas Einzigartiges und eine Gelegenheit, interessante Freundschaften mit Germanisten aus vielen afrikanischen Ländern auf einmal zu schließen und über zukünftige Zusammenarbeit auf dem Gebiet der interkulturellen Germanistik zu sprechen. Die ganze Reise mit Flugticket Berlin-Paris-Ouagadougou und zurück, inklusive allen Aufenthaltskosten und Geschenken kostete mich nur etwa 500 Euro (da ich momentan nicht an der Uni tätig bin, konnte ich nicht mit Rückerstattung der Kosten rechnen). Mein Traum von einer Reise nach Afrika hat sich also doch erfüllt.

Und was wissen Sie alles über Burkina Faso, außer, daß es (mit dem Namen Haute-Volta, zu Deutsch: Obervolta) von 1919 bis 1932 und von 1947 bis 1960 eine französische Kolonie war? Vielleicht assoziieren Sie es mit der Hungersnot in der Sahelzone in den 1970er und 1980er Jahren? Oder mit dem im Jahr 2002 ausgebrochenen Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste, der erst fünf Jahre später mit dem Abkommen von Ouagadougou (2007) endete? Burkina Faso gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, zeichnet sich heute aber durch eine gewisse Stabilität und die kulturelle Vielfalt der friedlich zusammenlebenden Ethnien aus. Es ist vielleicht schwer zu glauben, aber was die christlich-islamischen Beziehungen anbelangt (etwa die Hälfte der Burkiner sind Muslime), gehört Burkina Faso zu den sichersten und friedlichsten Ländern der Welt. Dieses gute, ja, richtig wohltuende Zusammenleben der Christen und Muslime in Burkina Faso habe ich besonders tief in Bobo-Dioulasso erlebt, als ich Afsas Eltern besuchte. Daß ich (als Katholik!) im Haus einer angesehenen moslemischen Familie (bei einer unverheirateten jungen Frau!) mitten in einem Moslemviertel übernachten durfte, war für mich etwas Außergewöhnliches.

Mit Freude und Dankbarkeit habe ich die Gastfreundschaft der Familie genossen, ich durfte sogar mit Afsas Vater und seinen Nachbarn zum Gebet am Tabaski-Fest gehen – so wird in Westafrika das Opferfest, das höchste islamische Fest (‘Eid al-Adha, arab.) genannt – und während des Gebetes viele Fotos machen, ohne daß jemand dagegen protestierte. Ein anderes „Wunder“ und guter Beweis für den friedlichen Umgang von Christen und Moslems in Burkina Faso war für mich auch die Einladung der polnischen Franziskanern an Afsa in Sabou. Afsa war damit die erste Frau (und die einzige Muslimin!), die im dortigen Männerkloster der Franziskaner je übernachtete. Die freundliche Einladung der Missionare war – etwa wegen verschiedener Hausregeln – nicht selbstverständlich, denn die Priester riskierten, daß sich darüber irgendwelche Gerüchte verbreiten.

(Teil 2 folgt in nächster Ausgabe.)

Artur Stopyra

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