In dieser Ausgabe
+ Ist Dialekt nochzeitgemäß?

+ Integration jungerRußlanddeutscher

+ Mittelalterliches Lüneburg:Weißes Gold, rote Klinker

+ Erholung zwischen Lahn, Sieg und Eder.

+ Flüchtlingskindergartenin Jordanien

+ Freihandelsabkommen USA - Europa

+ Das Schicksal des Windhuker Reiters

+ Europa im Jahrhundert der Kriege

+ Feuerwehr-Oldtimer in PEI

Wo die Tin Lizzie vor über 100 Jahren startete und Henry Ford reich machte

Den riesigen Ford Rouge Komplex verewigte Diego Rivera in einem Wandbild im Detroit Institute of Arts. Nach der Vorgängerfabrik in der City von Highland Park, einer Enklave in Detroit, ist immerhin ein Einkaufszentrum benannt – die Model T Plaza. Die eigentliche Geburtsstätte der „Tin Lizzie“ war dagegen lange Zeit aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden: Das Piquette-Werk in Detroit, in dem Henry Ford das erfolgreichste Automobil seiner Zeit entworfen und bald auch in größerer Stückzahl gebaut hatte, gilt als die „vergessene Fabrik“.

Womöglich ist genau das der Grund dafür, warum das Gebäude erhalten blieb – und sich zumindest im Inneren noch weitgehend im Originalzustand präsentiert. Heute ist die Fabrik ein Museum. „Vorsicht“, warnt der ehrenamtliche Mitarbeiter, der die Besucher durchs Fabrikgebäude führt, im engen Treppenhaus mit den ausgetretenen Stufen. „Fallen Sie nicht! Hier ist alles sehr alt. Das ist immer noch die Treppe, die einst Henry Ford benutzte.“

Die Bemerkung verfehlt ihre Wirkung nicht, und die Besucher bestaunen nun ehrfürchtig jeden alten Türknopf, auf dem aller Wahrscheinlichkeit nach schon einmal Fords Hand ruhte. Dann versammelt sich die Gruppe in einem kleinen Raum im zweiten Stock des Gebäudes, um zu hören, daß der Autopionier an diesem Ort das legendäre Model T ersann und am Reißbrett entwarf. Das Auto, das die Welt verändern sollte. Und daraufhin machen alle ein sehr beeindrucktes Gesicht.

Die Amerikaner lieben ihre großen Erfinder. Und Henry Ford (1863 bis 1947) gehört unbestritten zu den Größten unter ihnen. Manche glauben sogar, er habe das Auto höchstpersönlich erfunden. Von Carl Benz und Gottfried Daimler haben in den USA die wenigsten etwas gehört, wofür es aber gerade in der Motormetropole Detroit keine Entschuldigung gibt – die Geschichte des Automobils ist in der „Automotive Hall of Fame“ in Fords Geburtsort Dearborn gründlich dokumentiert. Dort kann man auch in Erfahrung bringen, daß es schon zahlreiche US-Hersteller der pferdelosen Kutsche gab, bevor Henry Ford in Erscheinung trat. Die Ford Motor Company gründete Ford 1903. Und nur wenig später schickte er sich an, aus dem Auto ein Massenprodukt zu machen.

Als Ford Ende 1904 das Piquette-Werk an einem logistisch günstigen Standort unweit des Eisenbahnknotens „Milwaukee Junction“ in Betrieb nahm, gab es in der näheren Umgebung mindestens 45 weitere Autohersteller und Zulieferer. Darunter waren so berühmte Namen wie Cadillac, Dodge und Packard. Die Automobilindustrie war damals klar eine Wachstumsbranche – Henry Ford zweifelte keinen Moment daran. Das dreistöckige Gebäude mit den für die damalige Zeit ungewöhnlich großen Fenstern war so geräumig, daß ein Angestellter die Befürchtung äußerte, man werde es wohl nie vollständig nutzen können.

Nun, schon Anfang 1910 bezog die Ford Motor Company die nächstgrößere Fabrik in Highland Park. Denn der Erfolg der „Blechliesel“, wie das Modell T auf Deutsch genannt wird, übertraf alle Erwartungen. Die Nachfrage explodierte. Das vormalige Luxusgut Auto, das sich allenfalls ein paar Begüterte leisten konnten, wurde für breite Bevölkerungskreise erschwinglich. Und genau das war von Anfang an das erklärte Ziel von Henry Ford.

Ford wollte ein alltagstaugliches Fahrzeug bauen, keine Luxuskutsche für verwöhnte Ansprüche wie die meisten anderen Hersteller. Schon das Model N entsprach diesen Vorstellungen: robust und zuverlässig, dazu günstig im Preis. Aber bis zum Model T waren noch einige Verbesserungen nötig, wie die alphabetische Benennung zeigt. Von einigen Buchstaben in der Modellfolge ließ Ford allerdings nur ein Konzeptauto entwickeln; sie gingen nie in Serie. Prototypen des Model T, bei dem Ford zum ersten Mal vanadiumhaltige Stähle einsetzte, gab es schon 1907.

Das erste serienmäßige Model T verließ am 27. September 1908 die Fabrikhalle. Als die Produktion vom Piquette-Werk nach Highland Park verlagert wurden, waren bereits über 12.000 Model Ts gebaut worden. Fast möchte man sagen, sie waren „vom Band gelaufen“, aber das wäre nicht zutreffend – das Fließband führte Ford erst in der Highland-Park-Fabrik ein. Allerdings hatte er schon im Piquette-Gebäude damit experimentiert, nicht mehr die Montagetruppe von Auto zu Auto ziehen zu lassen, sondern stattdessen die Fahrzeugteile zu den Arbeitern zu bringen.

Das Model T revolutionierte die Fortbewegung. Es verringerte nicht nur die Distanzen in einem riesigen Land – die Amerikaner fanden auch schnell Geschmack an der neuen Bewegungsfreiheit, und bis heute wird in den USA individuelle Mobilität als eine Art Grundrecht empfunden. Die „Tin Lizzie“ war die frühe Idee eines Autos, aufs Essenzielle reduziert, und damit viel preisgünstiger als die Modelle der Konkurrenz. Der Wagen wurde ausschließlich in Schwarz angeboten, weil das die Farbe war, die am schnellsten trocknete. Und weil es unglaublich robust war und sogar auf Sand fuhr, wurde das Model T für alles Mögliche eingesetzt, auch in der Landwirtschaft.

Bis 1927 wurden über 15 Millionen Model Ts gebaut, und 45 Jahre lang war es das populärste Auto aller Zeiten, bis der VW Käfer im Februar 1972 den Rekord brach. Aus Henry Ford machte es einen reichen Mann – und eine Berühmtheit dazu. Das Modell T ist in den USA bis heute präsent; schätzungsweise sind noch 250.000 davon fahrtüchtig. Bei einem Jubiläumstreffen zum 100. Geburtstag im Juli in Indiana kam ein Teilnehmer sogar aus Kalifornien angetuckert, berichtete die „Detroit Free Press“. Weil für viele Reparaturen am Model T ein Werkzeugkasten völlig ausreicht, ist das Auto ein Traum für alle Hobbyschrauber. Das T Model gibt’s auch als Bausatz, und in der alten Piquette-Fabrik werden regelmäßig Workshops für Blechliesel-Fans angeboten.

Die Fabrik, in der das Erfolgsmodell zuerst gebaut wurde, verkaufte Ford einst an Studebaker. Weitere Besitzer folgten. Der heutige „Model T Automotive Heritage Complex“, kurz T-Plex, geht auf auf eine private Initiative zurück: Im Jahr 2000 erwarben die T-Plex-Organisatoren das vom Verfall bedrohte Gebäude, das seither in ehrenamtlicher Arbeit saniert wird. Es befindet sich in einem recht trostlosen Teil der Stadt Detroit; bezeichnenderweise wurde eine Sequenz des Streifens „8 Mile“ mit „Rapper“ Eminem in dieser Gegend gedreht.

Die Geburtsstätte des Model T ist an von Mai bis Oktober an jedem ersten und dritten Samstag im Monat zugänglich. Wer in einer „Tin Lizzie“ mitfahren möchte, sollte allerdings besser ins Freilichtmuseum Greenfield Village in Dearborn bei Detroit gehen: Dort sind die urigen Autos noch tagtäglich im Einsatz und befördern Besucher.

Cornelia Schaible

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