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Archiv für März 2009

Vom Schiffsvorrat zu Spitzenweinen

„Heeden is, Gode loff, vande Caepse druyven d’eerste mael wijn geparst“ („Heute, Gott sei gepriesen, wurde zum erstenmal aus Kaptrauben Wein gepreßt.“) – Diese Worte schrieb Jan van Riebeeck, Gründer der niederländischen Kolonie am Kap der Guten Hoffnung, am 2. Februar 1659 in sein Tagebuch, weshalb dieser Tag als Beginn des Weinbaus in Südafrika gilt und dort jetzt nach 350 Jahren an vielen Orten auch gefeiert wird.

Am 6. April 1652 waren drei Schiffe der Niederländisch-Ostindischen Kompanie (V.O.C. = Vereenigte Nederlandsche Ge-Octroeerde Oost-Indische Compagnie) in der Tafelbucht vor Anker gegangen, am Tag darauf gingen die Besatzungen an Land, und wiederum einen Tag später begann man mit dem Bau einer Feste – es war die Gründung Kapstadts und damit der ersten ständigen Niederlassung von Europäern auf südafrikanischem Boden. An eine Siedlungskolonie war zunächst nicht gedacht, vielmehr sollte eine Zwischenstation zur Verpflegung und Frischwasserstation der um das Kap fahrenden Schiffe der V.O.C. auf ihrem Weg zwischen Europa und Ostasien errichtet werden.

Neben der Station wurde deshalb ein Garten angelegt (der heute noch existierende „Kompaniegarten“ hinter dem Parlamentsgebäude), in dem man Obst und Gemüse anbaute. Da die Pflanzen dort gut gediehen, bat Jan van Riebeeck, der erste Kommandant der Station, schon einen Monat nach der Ankunft die Direktoren der V.O.C. in Amsterdam um Übersendung von Rebstöcken, denn ihm war bewußt, „welch hohen Stellenwert die Kompanieleitung dem Wein beimaß, war dieser doch für die Seeleute auf ihren monatelangen Fahrten von unschätzbarem Wert, nicht nur in Krankheitsfällen und gerade auch bei der Behandlung des so gefürchteten Skorbut, sondern auch, um das nach dreimonatiger Fahrt nicht selten faulig werdende und dann fast untrinkbare Wasser zu ergänzen bzw. zu ersetzen.“ Es wurde deshalb angeordnet, daß die Schiffe nur mit einem umfangreichen Vorrat an Wein in See stechen durften.

Im Sommer 1654 trafen die ersten Rebsetzlinge in Kapstadt ein. Man hatte sie in nasse Erde gepackt und diese in Segeltuch eingenäht, das während der Überfahrt immer wieder feucht gehalten werden mußte. Die Herkunft dieser ersten Pflanzen läßt sich nicht mehr genau feststellen, aber es wird vermutet, daß sie aus Frankreich oder Deutschland (Rheinland) kamen. Am 22. Juli 1655 folgte die nächste Sendung mit Weinstöcken, diesmal aus Frankreich, Deutschland und Spanien, und im Jahr darauf brachten die beiden Schiffe „Dordrecht“ und „Parel“ erneut Rebstöcke aus Frankreich mit. Die Setzlinge gingen gut an, was van Riebeeck in seiner Ansicht bestätigte, daß dort, wo Gemüse und Obst gut wachsen, auch der Wein gedeihen sollte, zumal er in seinen Berichten das Klima am Kap mit dem Frankreichs und Spaniens verglich.

Die Anpflanzungen im Kompaniegarten standen unter der Leitung des Chefgärtners Hendrik Boom und seines Assistenten Jacob Cloete van Kempen, dessen Nachfahren 1778 das berühmte Weingut „Constantia“ erwarben. Weil die Niederländer aber selbst keine Ahnung von Weinkultur besaßen, griffen sie gerne auf die Hilfe der Deutschen zurück, die ja auch in großer Anzahl in der V.O.C. dienten und von denen etliche aus dem Rheinland stammten, wo sie mit dem Weinbau bereits in Berührung gekommen waren. Besucher am Kap – von vorbeifahrenden Schiffen – äußerten sich immer wieder lobend über die Fortschritte mit den Weinanpflanzungen, und auch mehrere Direktoren der V.O.C. überzeugten sich mit eigenen Augen davon, weshalb sie nach ihrer Rückkehr die weitere Entsendung von Rebstöcken verfügten. Diese wurden schon bald nicht nur im Kompaniegarten angepflanzt, sondern weiter westlich der Siedlung, ungefähr dort, wo heute der Stadtteil Green Point liegt und wo zur Zeit das Stadion für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 gebaut wird. Weil es hier aber immer wieder zu Überschwemmungen kam, verlegte man die Pflanzungen 1658 an das südöstliche Ufer des Liesbeeck-Flusses, wo mit 1.200 Rebstöcken die erste Weinfarm Südafrikas, „Wynberg“ (später „Bosheuvel“, dann „Protea“) entstand. Im Jahr darauf war es dann endlich soweit: Am 2. Februar 1659 konnten erstmals Trauben geerntet und zu Most verarbeitet werden, was Jan van Riebeeck mit Freude und Stolz in seinem Tagebuch vermerkte und was als die Geburtsstunde der südafrikanischen Weinkultur gilt.

Gleichwohl waren die ersten Weine zumeist noch von minderer („zweifelhafter“) Qualität, doch der Anfang war gemacht. Als van Riebeeck 1662 das Kap verließ, wurde er zu Recht nicht nur als der Gründer Kapstadts, sondern zugleich als der Begründer des südafrikanischen Weinbaus betrachtet. Schon kurz nach den ersten positiven Ergebnissen folgten andere Farmer seinem Beispiel und pflanzten ebenfalls Weinstöcke an.

1676 wurde die erste Weinpresse nach Südafrika geliefert, vier Jahre zuvor war erstmals Branntwein aus Kaptrauben destilliert worden. Einen enormen Aufschwung erlebte der Weinbau schließlich mit dem 1679 in Kapstadt eintreffenden Kommandeur (ab 1691 mit dem Titel Gouverneur) Simon van der Stel, der noch im selben Jahr den nach ihm benannten zweiten Ort am Kap, Stellenbosch, gründete. 1685 ließ er das Gut „Constantia“ anlegen, wo man über 100.000 Rebstöcke anpflanzte. Bald folgte die Gründung weiterer, heute namhafter Weingüter wie „Boschendal“ (1685), „Libertas“ (1689), „Welmoed“ (1690), „Lanzerac“, „Spier“, „Blaauwklippen“ und „Landskroon“ (jeweils 1692) sowie „Meerlust“ und „Bellingham“ (beide 1693), um nur einige zu nennen. In die Amtszeit van der Stels (bis 1699) fiel auch der erste bescheidene Export von Kap-Weinen nach Europa. In den Jahren 1688-1690 wanderten viele aus Frankreich vertriebene Hugenotten über die Niederlande nach Südafrika ein. Etliche von ihnen kamen aus Südfrankreich und waren daher mit dem Weinbau vertraut, was eine zusätzliche Bereicherung der am Kap entstehenden Weinkultur bedeutete.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde die Qualität ständig verbessert, und ab 1761 fanden Rot- und Weißweine aus Südafrika immer häufiger den Weg nach Europa. Großer Beliebtheit erfreute sich seit 1778 insbesondere an den Höfen gekrönter europäischer Herrscher der süße Dessertwein vom berühmten Gut „Constantia“. Friedrich der Große und Napoleon lobten ihn über alle Maßen, und der Dichter Friedrich Gottlob Klopstock besang ihn 1795 in seiner Ode „Der Kapwein und der Johannisberger“ mit den Worten: „Alter Vater Johann, zürne mir Deutschem nicht, Daß ich die Tochter Konstanzia Lieber (darf ich auch, darf ich das trunkene Wort Wagen?) lieber sie trink’ als dich…“

Heute gehören südafrikanische Weine, deren Angebotspalette in den vergangenen Jahren erheblich erweitert wurde, zu den Spitzenweinen der Welt. Und so finden in den kommenden Wochen und Monaten überall in den Weingegenden am Kap Jubiläumsveranstaltungen statt, die an die Anfänge vor dreieinhalb Jahrhunderten erinnern.

Wolfgang Reith

Wo die Tin Lizzie vor über 100 Jahren startete und Henry Ford reich machte

Den riesigen Ford Rouge Komplex verewigte Diego Rivera in einem Wandbild im Detroit Institute of Arts. Nach der Vorgängerfabrik in der City von Highland Park, einer Enklave in Detroit, ist immerhin ein Einkaufszentrum benannt – die Model T Plaza. Die eigentliche Geburtsstätte der „Tin Lizzie“ war dagegen lange Zeit aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden: Das Piquette-Werk in Detroit, in dem Henry Ford das erfolgreichste Automobil seiner Zeit entworfen und bald auch in größerer Stückzahl gebaut hatte, gilt als die „vergessene Fabrik“.

Womöglich ist genau das der Grund dafür, warum das Gebäude erhalten blieb – und sich zumindest im Inneren noch weitgehend im Originalzustand präsentiert. Heute ist die Fabrik ein Museum. „Vorsicht“, warnt der ehrenamtliche Mitarbeiter, der die Besucher durchs Fabrikgebäude führt, im engen Treppenhaus mit den ausgetretenen Stufen. „Fallen Sie nicht! Hier ist alles sehr alt. Das ist immer noch die Treppe, die einst Henry Ford benutzte.“

Die Bemerkung verfehlt ihre Wirkung nicht, und die Besucher bestaunen nun ehrfürchtig jeden alten Türknopf, auf dem aller Wahrscheinlichkeit nach schon einmal Fords Hand ruhte. Dann versammelt sich die Gruppe in einem kleinen Raum im zweiten Stock des Gebäudes, um zu hören, daß der Autopionier an diesem Ort das legendäre Model T ersann und am Reißbrett entwarf. Das Auto, das die Welt verändern sollte. Und daraufhin machen alle ein sehr beeindrucktes Gesicht.

Die Amerikaner lieben ihre großen Erfinder. Und Henry Ford (1863 bis 1947) gehört unbestritten zu den Größten unter ihnen. Manche glauben sogar, er habe das Auto höchstpersönlich erfunden. Von Carl Benz und Gottfried Daimler haben in den USA die wenigsten etwas gehört, wofür es aber gerade in der Motormetropole Detroit keine Entschuldigung gibt – die Geschichte des Automobils ist in der „Automotive Hall of Fame“ in Fords Geburtsort Dearborn gründlich dokumentiert. Dort kann man auch in Erfahrung bringen, daß es schon zahlreiche US-Hersteller der pferdelosen Kutsche gab, bevor Henry Ford in Erscheinung trat. Die Ford Motor Company gründete Ford 1903. Und nur wenig später schickte er sich an, aus dem Auto ein Massenprodukt zu machen.

Als Ford Ende 1904 das Piquette-Werk an einem logistisch günstigen Standort unweit des Eisenbahnknotens „Milwaukee Junction“ in Betrieb nahm, gab es in der näheren Umgebung mindestens 45 weitere Autohersteller und Zulieferer. Darunter waren so berühmte Namen wie Cadillac, Dodge und Packard. Die Automobilindustrie war damals klar eine Wachstumsbranche – Henry Ford zweifelte keinen Moment daran. Das dreistöckige Gebäude mit den für die damalige Zeit ungewöhnlich großen Fenstern war so geräumig, daß ein Angestellter die Befürchtung äußerte, man werde es wohl nie vollständig nutzen können.

Nun, schon Anfang 1910 bezog die Ford Motor Company die nächstgrößere Fabrik in Highland Park. Denn der Erfolg der „Blechliesel“, wie das Modell T auf Deutsch genannt wird, übertraf alle Erwartungen. Die Nachfrage explodierte. Das vormalige Luxusgut Auto, das sich allenfalls ein paar Begüterte leisten konnten, wurde für breite Bevölkerungskreise erschwinglich. Und genau das war von Anfang an das erklärte Ziel von Henry Ford.

Ford wollte ein alltagstaugliches Fahrzeug bauen, keine Luxuskutsche für verwöhnte Ansprüche wie die meisten anderen Hersteller. Schon das Model N entsprach diesen Vorstellungen: robust und zuverlässig, dazu günstig im Preis. Aber bis zum Model T waren noch einige Verbesserungen nötig, wie die alphabetische Benennung zeigt. Von einigen Buchstaben in der Modellfolge ließ Ford allerdings nur ein Konzeptauto entwickeln; sie gingen nie in Serie. Prototypen des Model T, bei dem Ford zum ersten Mal vanadiumhaltige Stähle einsetzte, gab es schon 1907.

Das erste serienmäßige Model T verließ am 27. September 1908 die Fabrikhalle. Als die Produktion vom Piquette-Werk nach Highland Park verlagert wurden, waren bereits über 12.000 Model Ts gebaut worden. Fast möchte man sagen, sie waren „vom Band gelaufen“, aber das wäre nicht zutreffend – das Fließband führte Ford erst in der Highland-Park-Fabrik ein. Allerdings hatte er schon im Piquette-Gebäude damit experimentiert, nicht mehr die Montagetruppe von Auto zu Auto ziehen zu lassen, sondern stattdessen die Fahrzeugteile zu den Arbeitern zu bringen.

Das Model T revolutionierte die Fortbewegung. Es verringerte nicht nur die Distanzen in einem riesigen Land – die Amerikaner fanden auch schnell Geschmack an der neuen Bewegungsfreiheit, und bis heute wird in den USA individuelle Mobilität als eine Art Grundrecht empfunden. Die „Tin Lizzie“ war die frühe Idee eines Autos, aufs Essenzielle reduziert, und damit viel preisgünstiger als die Modelle der Konkurrenz. Der Wagen wurde ausschließlich in Schwarz angeboten, weil das die Farbe war, die am schnellsten trocknete. Und weil es unglaublich robust war und sogar auf Sand fuhr, wurde das Model T für alles Mögliche eingesetzt, auch in der Landwirtschaft.

Bis 1927 wurden über 15 Millionen Model Ts gebaut, und 45 Jahre lang war es das populärste Auto aller Zeiten, bis der VW Käfer im Februar 1972 den Rekord brach. Aus Henry Ford machte es einen reichen Mann – und eine Berühmtheit dazu. Das Modell T ist in den USA bis heute präsent; schätzungsweise sind noch 250.000 davon fahrtüchtig. Bei einem Jubiläumstreffen zum 100. Geburtstag im Juli in Indiana kam ein Teilnehmer sogar aus Kalifornien angetuckert, berichtete die „Detroit Free Press“. Weil für viele Reparaturen am Model T ein Werkzeugkasten völlig ausreicht, ist das Auto ein Traum für alle Hobbyschrauber. Das T Model gibt’s auch als Bausatz, und in der alten Piquette-Fabrik werden regelmäßig Workshops für Blechliesel-Fans angeboten.

Die Fabrik, in der das Erfolgsmodell zuerst gebaut wurde, verkaufte Ford einst an Studebaker. Weitere Besitzer folgten. Der heutige „Model T Automotive Heritage Complex“, kurz T-Plex, geht auf auf eine private Initiative zurück: Im Jahr 2000 erwarben die T-Plex-Organisatoren das vom Verfall bedrohte Gebäude, das seither in ehrenamtlicher Arbeit saniert wird. Es befindet sich in einem recht trostlosen Teil der Stadt Detroit; bezeichnenderweise wurde eine Sequenz des Streifens „8 Mile“ mit „Rapper“ Eminem in dieser Gegend gedreht.

Die Geburtsstätte des Model T ist an von Mai bis Oktober an jedem ersten und dritten Samstag im Monat zugänglich. Wer in einer „Tin Lizzie“ mitfahren möchte, sollte allerdings besser ins Freilichtmuseum Greenfield Village in Dearborn bei Detroit gehen: Dort sind die urigen Autos noch tagtäglich im Einsatz und befördern Besucher.

Cornelia Schaible

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