In dieser Ausgabe
+ Ist Dialekt nochzeitgemäß?

+ Integration jungerRußlanddeutscher

+ Mittelalterliches Lüneburg:Weißes Gold, rote Klinker

+ Erholung zwischen Lahn, Sieg und Eder.

+ Flüchtlingskindergartenin Jordanien

+ Freihandelsabkommen USA - Europa

+ Das Schicksal des Windhuker Reiters

+ Europa im Jahrhundert der Kriege

+ Feuerwehr-Oldtimer in PEI

Archiv für 1. Oktober 2008

Wahlen, Wahlen, überall…
Nur ist niemand recht am Ball!

Leserinnen und Leser,

es gilt die eherne Faustregel: „Ratlosigkeit verführt Politiker fast immer zur vollmundigen Überschätzung eigener Fähigkeiten.“
Journalisten hingegen flüchten in derartigen Situation oft in die traute Welt der Märchenerzählung.

Konkret: in diesen Herbstwochen haben Wähler beider nordamerikanischer Staaten die Chance, in den Gang der Geschichte einzugreifen. Nur bieten sich ihnen keinerlei verlockende Perspektiven, von der Qualität der angetretenen KandidatenInnen ganz zu schweigen. Da bleibt den Aspiranten auf Wählerweihen keine andere Wahl, als mittels zweifelhafter Versicherungen der eigenen Kompetenz um Vertrauen zu werben. Wir kennen diese Bilder: mildes Lächeln vor laufenden Kameras und die fast herablassende Zusicherung, man dürfe dem Kandidaten schon trauen, er/sie würden das Ruder recht zu wenden wissen. Genau so sieht es in diesen Wochen vor dem Urnengang aus.

Später, wenn dann die Rechnung eben doch nicht genau so aufgeht wie vom geneigten Wähler erwartet und von ambitiösen Kandidaten versprochen, wird dann die Rede sein vom berühmten „Wählerbetrug.“

Da haben es Journalisten wesentlich leichter. Sie nämlich dürfen fast ungestraft schwadronieren, spekulieren, räsonieren. Werden sie im nachhinein aufgrund fälschlicher Darstellung erwischt, gilt stets der kopfschüttelnde Nachsatz, ja, bitteschön, wer traut denn schon einem Journalisten?

Um erst gar nicht in derlei Verlegenheit zu kommen, retten sich versiertere Vertreter der schreibenden Zunft in die Auffrischung alter Geschichten, um aktuelle Probleme neu zu beleuchten.

In diesen Herbstwochen versuchen Politiker, Journalisten und Leser den unglaublich vielen Rätseln der unbestritten größten Finanzkrise der Weltgeschichte auf die Schliche zu kommen, um vielleicht doch noch per obskurer Kunstgriffe den Kopf aus der fortschreitend engeren Schlinge zu ziehen. Wem dies letztlich gelingt, gebührt schon heute der ungeschmälerte Beifall der „Deutschen Rundschau.“

Noch gibt es tagtäglich fast nur tiefschwarze Negativschlagzeilen. Was unter diesen deprimierenden Umständen helfen dürfte, ist ein kleiner Verweis auf vergleichbare Situationen in der Vergangenheit.

Auch nach dem Zusammenbruch von 1929 fanden sich Mittel, die eine Stabilisierung der Finanzwelt ermöglichten. Ähnlich die Situation 1873, als die Wiener Kreditanstalt versagte und damit den sogenannten „Großen Gründerkrach“ auslöste.

Und sogar 1637 ging die Welt nicht unter. Wenn sich nämlich Politiker, Notenbankchefs, Journalisten und Leser heute Gedanken machen, wie man Wege findet, um das globale Finanzvolumen von angeblichen 454 000 000 000 000 000 (das sind 454 Billionen Dollar) fester in den Griff  bekommt, sei an den frühen Februar 1637 erinnert. Während damals fast ganz Deutschland in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges unterging, florierte in den benachbarten Niederlanden das sogenannte Tulpenfieber. Die erst seit 1593 aufblühende niederländische Tulpenzucht hatte in wenigen Jahren einen unglaublichen Wirtschaftszweig zur Folge, nämlich einen Handel mit Tulpenzwiebeln, der dem heute so katastrophal ausufernden Handel mit Finanzderivatinstrumenten verblüffend ähnelt.

So wurden am 5. Februar 1637 im vergleichsweise kleinen Alkmaar insgesamt 99 Posten an Zwiebeln für nicht weniger als 90 000 Gulden gehandelt, umgerechnet wären das heute gute 1,4 Millionen Dollar. Auf dem Höhepunkt einer nie zuvor so verbreiteten Spekulationswelle verkaufte ein braver Bürger sein Haus, um in den Besitz von drei begehrten Zwiebeln zu kommen.

Eine einzige Zwiebel der heute nicht mehr nachweisbaren Tulpe „Semper Augustus“ erbrachte dem Eigentümer einen Erlös von 10 000 Hfl. Vergleichsweise verdiente ein biederer Zimmermann damals jährliche 250 Hfl.

Jene Tulpenkatastrophe führte zu einer straffen Neuordnung des Handelssystems, ähnlich der gegenwärtigen Versuche aufsichtsführender staatlicher Organe, ein Finanzsystem zu retten, das scheinbar jeglicher Steuerung entglitten ist.  Dies sind die Fragen, denen sich heutige Politiker in diesen Wochen stellen sollten.

J. Joachim Moskau

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