In dieser Ausgabe
+ Ist Dialekt nochzeitgemäß?

+ Integration jungerRußlanddeutscher

+ Mittelalterliches Lüneburg:Weißes Gold, rote Klinker

+ Erholung zwischen Lahn, Sieg und Eder.

+ Flüchtlingskindergartenin Jordanien

+ Freihandelsabkommen USA - Europa

+ Das Schicksal des Windhuker Reiters

+ Europa im Jahrhundert der Kriege

+ Feuerwehr-Oldtimer in PEI

Kopfrechnen: Schwach

– Warum uns die Finanzkrise schwer fällt

Und warum wir Kurt Tucholsky brauchen

Liebe Leserinnen und Leser,

Geht es Ihnen ähnlich? – Wenn wir uns heutzutage überfordert fühlen, hilft manchmal eine plumpe Google-Suche im Internet. Kann aber auch sein, daß genau diese Suche nur das Unbehagen bei Alltagsfragen verschlimmert. Manchmal nämlich tauchen jetzt Begriffe auf, von deren Existenz wir vorher nichts wußten, die uns durchaus auch einschüchtern.

Hand aufs Herz: hatten Sie vor zwei Jahren eine Ahnung, was „Collateralized Debt Obligations“ sind? – Ich auch nicht. – Und genau genommen, ich weiß es bis heute nicht. Und ich weiß auch leider noch immer nicht wirklich, wie ein „Structured Investment Vehicle“ aussieht, wie ich es erkenne und ob es sinnvoll wäre, ich würde meine bescheidenen Ersparnisse in diese Dinger stecken.

Kurt Tucholsky in Paris, 1928
Kurt Tucholsky in Paris, 1928

Viel schlimmer aber ist, ich kann mir nicht wirklich vorstellen wovon die Rede ist, wenn im Londoner Economist zu lesen steht, der „imaginäre Umfang von Kreditausfallswaps verdoppelte sich 2007 auf US $62 Trillionen.“ – Wirklich? – Im Klartext scheint dies zu heißen, das weltumspannende Finanzwesen habe Rückversicherungsverträge der einen Bank mit der anderen und dieser zweiten Bank mit einer dritten usw. in einem Umfang von 62 tausend Milliarden Dollar abgeschlossen.

Dem relativ einfachen Normalbürger drängt sich spätestens hier die Frage auf, wie groß muß das Mißtrauen der Banken untereinander sein, wenn sie sich mit einem so unglaublich unbegrenzten „Sicherheitsnetz“ glauben, verteidigen zu können und zu müssen.

An anderer Stelle im Mediendickicht erfährt der unbedarfte und zwischenzeitlich längst verunsicherte Leser, die gegenwärtige Finanzkrise habe bislang Marktwertverluste an den Börsen der Welt in einer Größenordnung von elf Trillionen Dollar verursacht.

Hellhörig wird man zudem, wenn beim Internationalen Währungsfonds im letzten „Weltfinanzstabilitätsbericht“ im April fast beiläufig erwähnt wird, der Gesamtverlust der Banken, Versicherer und Anlagefonds im Zuge der jetzigen Krise könne 945 Milliarden US$ überschreiten. Das war im April, und wer im Sommerurlaub vielleicht eines erfrischenden Angstschauers bedarf, dem sei die Lektüre empfohlen (www.IMF.org/External/Pubs/ FT/GFSR).

Sicher, auch zu früheren Zeiten gab es immer wieder mal systembedrohende Mammutkrisen. Nur war die Weltwirtschaft nie vorher so eng verflochten. Vor jetzt fast genau 77 Jahren aber versuchte Kurt Tucholsky auf dem Höhepunkt der damaligen Weltwirtschaftskrise einige Wegweiser anzubieten, die uns heute erstaunlich aktuell erscheinen mögen.

In einem „Kurzen Abriß der Nationalökonomie“ und unter dem Pseudonym Peter Panter machte er sich auf die Suche.

„Die Grundlage der Nationalökonomie,“ so schrieb er, „ist das sog. ,Geld‘. Geld ist weder ein Zahlungsmittel noch ein Tauschmittel, auch ist es keine Fiktion, vor allem aber ist es kein Geld. Für Geld kann man Waren kaufen, weil es Geld ist, und es ist Geld, weil man dafür Waren kaufen kann. Doch ist diese Theorie inzwischen fallen gelassen worden. Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist eben da bzw. nicht da – meist nicht da.“

Erstaunlich direkt auf unsere momentane Realität zielt Tucholsky wenige Passagen später: „Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andre werde gepumptes Geld zurückzahlen. Tut er das nicht, so erfolgt eine sog. ,Stützungsaktion‘, bei der alle, bis auf den Staat, gut verdienen. Solche Pleiten erkennt man daran, daß die Bevölkerung aufgefordert wird, Vertrauen zu haben. Weiter hat sie dann auch meist nichts mehr.“

In der heutigen Situation, also mitten im schönsten Sommer 2008, darf man zuversichtlich davon ausgehen, daß die Lage zwar katastrophal und scheinbar auch hoffnungslos ist, man aber trotzdem den Gesundbetern unter den Notenbankchefs durchaus zutrauen darf, mit neuen billigen Taschenspielertricks neue Pseudolösungen auszutüfteln. – Die Alternative dazu, also der Zusammenbruch des globalen Zahlungssytems könnte zwar heilsam sein, nur halt nach heutigem menschlichen Ermessen unvorstellbar. Mit und ohne Tucholsky.

J. Joachim Moskau

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