Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen…

(Matthias Claudius in seinem Gedicht „Urians Reise um die Welt“)

Liebe Leserinnen und Leser,

wann waren diejenigen von Ihnen, die im Ausland leben, das letzte Mal in ihrer alten Heimat? Erinnerungstourismus nennen es die einen, Pflichtbesuche die anderen.

Ich habe meinen Geburtsort Freital in Sachsen das letzte Mal vor 30 Jahren besucht. Mit Heimweh – und das verwundert mich selbst manches Mal – verbinde ich eher die Namen der Dörfer Saalhausen, Braunsdorf und Grumbach, in denen ich als „Halbstarker“, wie man uns damals nannte, glückliche Stunden und Tage verbrachte, und wo ich mir durch Arbeit auf dem Lande ein paar Mark hinzuverdiente.

Heimweh hingegen nach meiner Geburtsstadt Freital, dieser einst staub- und rußgeschwängerten Industriestadt in Sachsen, verspüre ich nicht. Viel mehr zieht es mich nach Hinterhermsdorf in der Sächsischen Schweiz, kein Wunder, da ich dort bei einer Bootsfahrt auf den Oberen Schleusen die Hand meiner ersten Liebe hielt. Oder nach Berlin, wo ich 18 Jahre gelebt, geliebt, studiert und gearbeitet habe und wo meine fünf Kinder geboren wurden. Oder es zieht mich in meinen Gedanken an Orte wie Erfurt, Wechmar, Ilmenau, Tambach-Dietharz und Sömmerda in Thüringen, wo enge Freunde leben.

Heimweh ist für mich so etwas wie eine ständige stille Sehnsucht in mir nach den Orten, in denen ich richtig glücklich war und nach den Stunden, deren besonders schöne Gefühle, die sie in mir hinterlassen haben, auch über die Jahre und die Entfernung nicht verblaßt sind. Dazu gehören kurioserweise auch die Erinnerungen an Wandertage auf dem Rennsteig, an meine Junggesellenbude in Berlin-Marzahn, an die einzigartige Currywurst, die es so nur bei Konnopke an der Eberswalder Straße gab, und deren Geruch sich mir fast noch mehr als ihr Geschmack eingebrannt hat.

Alte Ausspanne auf dem Rennsteig bei Tambach-Dietharz

(Falko Göthel www.quermania.de / Lizenz: „cc-by-sa“ Ver. 2)

Manch einer mag mich als vaterlandslosen Gesellen einstufen, weil es mich im Gegensatz zu vielen Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, nicht zurück an meinen Geburtsort zieht. Vielleicht liegt es daran, daß mein Geburtshaus und auch das Haus, in dem ich meine Kindheit verlebte, vor Jahren der Abrißkugel zum Opfer fielen. Und doch, und jetzt staunen Sie vielleicht: Hinter unserem Haus in Udora, in Ontario, in dem ich mit meiner kanadischen Familie viele Jahre lebte, wehte lange Zeit die sächsische Flagge am Flaggenmast und nicht die deutsche. Dennoch zieht es mich als Besucher zurück nach Deutschland, und das gewiß nicht nur wegen der dort lebenden Kinder, Geschwister und Verwandten.

In Kanada und in den USA bin ich vielen Menschen begegnet, die regelmäßig oder hin und wieder die Orte ihrer Kindheit und Jugend aufsuchen. Auf diesen Besuchen sehen sie sich nicht als Heimkehrer, sondern als entdeckungsfreudige Reisende in die eigene Vergangenheit. Ich traf Ukrainer, die von Kiew und Poltawa schwärmten; Giorgio, der Besitzer des Familienrestaurants in Cannington, hat ein großes Foto von seinem Heimatort in Griechenland an der Wand hängen; mein italienischer Friseur Mario wollte unbedingt mal wieder nach Palermo, und ein chilenischer Bekannter wollte mich nach Valparaiso mitnehmen. Irgendwie hat offensichtlich jeder Auswanderer, jeder, der „ausreist“ oder „Reißaus“ nimmt, ein Stück der alten Heimat im Einwanderungsgepäck in das neue Land. Und auch wenn das neue Land zur neuen Heimat geworden ist und eine Rückkehr nicht mehr in Betracht gezogen wird, das Stück alte Heimat bleibt lebenslang im Erinnerungsgepäck, sorgsam gehütet als Schatz, der nur einem persönlich gehört.

Daher ist für mich eine Reise in die alte Heimat und an Orte, die mit Gefühlen, Gedanken, Gerüchen und vor allem in Form von Bildern in mir lebendig sind, weit mehr als bloßer Erinnerungstourismus. Für mich spiegelt sich darin vor allem die Suche nach dem eigenen ICH wider. Wenn der eine nach Jahren Palermo wieder besucht, der andere Bremen oder Oldenburg, Ulm oder Stralsund, Kolberg, Breslau, Hermannstadt oder die unzähligen Orte, die Heimat für jemanden sind, dann spricht das eigene Ich zu uns in einer Sprache, die nur wir selbst verstehen. Und dann wird uns, mehr als dies an anderen Orten möglich ist, deutlich, was von dem Kind und jungen Menschen von damals in uns noch übriggeblieben ist.

„Er ist so weit gereist, daß er immer noch gerochen, ob seine Mutter Kuchen buk“, sagt ein deutsches Sprichwort.  Wir laden Sie, liebe Leserinnen und Leser der Deutschen Rundschau, ein, uns an Ihren Reisen an die Orte Ihrer Kindheit und Jugend teilhaben zu lassen. Uns interessiert, was Sie unter Heimweh verstehen.

Bitte schreiben Sie uns in kurzen Leserzuschriften, was Sie bei Ihren Reisen in die eigene Vergangenheit und die Ihrer Vorfahren an Sehenswertem und Erfreulichem, aber auch an Nachdenkenswertem und Kuriosem entdeckten. Wir sind sicher, daß sich andere Leserinnen und Leser von Ihren Berichten und Kommentaren ermuntert fühlen, Ihren Pfaden zu folgen und Ihre Beschreibungen nachzuerleben. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.

Mit besten Grüßen aus Kanada

Ihr Juri Klugmann


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