„Der Mann, den ich gern als Opa hätte“
Zum Besuch beim Dalai Lama in Dharamsala, Indien
“Gott-König zum Knuddeln” oder “der Mann, den ich gern als Opa hätte” resp. “ozeangleicher Lehrer” (ursprüngliche Übersetzung, heute “Ozean der Weisheit”) nannten sie ihn auf seinem jüngsten Deutschland-Besuch: Der Dalai Lama wurde wieder einmal und wie immer gefeiert.
Auf langer Reise durch Indien besuchte ich Seine Heiligkeit vor dessen Abflug nach Frankfurt. Um zu sehen, wie der auch bei uns von vielen abgöttisch verehrte 72jährige in seinem indischen Exil lebt.
Dharamsala, 1900 Meter hoch gelegen im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh. Hier wohnt der Dalai Lama - von seinen Landsleuten Kundun genannt - seit seiner Flucht im Jahre 1959. Völlig abgeschottet. Scharfschützen, Maschinenpistolen-bewehrte indische Soldaten, tibetische Bodyguards mit unheilverkünden Blicken. Dazu Stacheldraht, Alarmanlagen, dicke Stahl-Tore. Über 100 000 Anträge für eine Audienz trudeln pro Jahr per E-mail oder persönlich vorgetragen ein. Wenige kommen durch.
![]() |
|
Tenzin Gyatso, der 14.Dalai Lama, in Dharamsala mit |
|
(Hoffotograf des Dalai Lamas) |
Es ist besonders voll im Himalaya-Städtchen, in dem die weit über 10 000 tibetischen Asylanten alles beherrschen. Die Shops mit Tibet-Fahnen, Mini-Gebetsmühlen und Mützen aus Yak-Wolle. Fast alle Restaurants. Viele tun auch nichts, besonders Jugendliche. Sponsoren-Gelder aus dem Westen (gedacht für ein Uni-Studium) werden schon mal gern in ein Motorrad oder ein sorgenfreies Luftikus-Dasein “umgerubelt”. Dann treffen sich die Jungs, die ihre Heimat Tibet ja nie gesehen haben, mit den Ausländern in den Kneipen zum Bier oder auf Zimt-Rollen in den diversen “german bakeries”. Wunderlich gekleidet sind viele der Sinnsucher aus New York oder Neu-Anspach. Zwischen Bier und Schoko-Torte ist ja meist auch noch ein Plätzchen für den Haschisch-Keks - man raucht den Stoff auch öffentlich. Mit knall-rotem Turban, barfüssig trotz unsäglichen Schmutzes, die Tibet-Flagge in gigantischen Ausmaßen ans Motorrad gefesselt oder auf dem Kopf ein Yak-Stirnband mit der Aufschrift “Free Tibet”. Was immer das heißen mag.
Daneben leben im Himalaya-Städtchen aber auch hunderte Tiefgläubige aus dem Westen, viele studieren jahrelang an der tibetischen Universität, für SIE ist die tibetisch-buddhistische Religion nicht Teil von “new age”…
![]() |
|
Geschäftiges Treiben in Dharamsala |
|
(Claudius Simon) |
Über all dem sehr bunten Treiben prangt ein Plakat mit der (englischen) Aufforderung: “Verhindert die Olympischen Spiele in China!” Wer immer das tun soll… Schon witzig das Gemisch: Tibeter, teils grotesk-grell verkleidete Deutsche, Israelis, Italiener und Amerikaner - immer auf der Spur des Dalai Lama. Und dazu neureiche indische Touristen, die sich mit ihren Jeeps hupend ihren Weg durch das wunderliche Multi-Kulti im Himalaya bahnen. Daneben der schlichte Tempel des 14. Dalai Lama.
Das Hupen ist - wie überall in Indien - allgegenwärtig. Inder hupen immer. Literatur-Nobelpreisträger V. S. Naipaul über seinen ersten Indien-Besuch: “Ich rettete mich dadurch, indem ich mir vorstellte, sie fahren alle zu Hochzeiten. Und sie hupen deshalb aus Freude vor sich hin. Der Gedanke hat mich beruhigt.”
Sechs Tage vor seiner Abreise nach Deutschland beginnt der 73jährige mit seinen “teachings”: Belehrungen und Meditations-Anleitungen zum tibetischen Buddhismus. 2500 Zuhörer im und um den kleinen Tempel. Aberwitzig: Zwischen den Gläubigen (ein Viertel etwa Ausländer): ein halbes Dutzend indische Zivil-Schützer mit Maschinenpistolen im Anschlag! Ein im religiösen Wahn auf den Dalai Lama zurennender “Wessie” würde unweigerlich zum Blutbad führen. Nach seinem Vortrag wird Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, im gold-metallic-farbenen Jeep zu seiner Residenz gefahren. Leibwächter drumrum - wie bei George Bush. Alle Ausländer wollen rein, EINMAL den Dalai Lama aus der Nähe sehen, EIN Wort nur. Doch das große Tor schließt sich schnell!
Am zweiten Tag der teachings dann der Anruf von einem, von dem keiner weiß, daß er der Neffe des Dalai Lama ist: “Um 12 am Tor!” Ich hole meinen weißen Schal als Geschenk für His Holiness, dazu einige Miniatur-Buddhas - damit der Dalai Lama sie segnen möge. Freunde in Deutschland baten mich darum. Der Neffe des Dalai Lama wartet schon um 11.45 Uhr. Er hat den gleichen Vornamen wie sein Onkel und nur ER entscheidet, wer den privaten Bereich des Gott-Königs betreten darf: “Schnell, schnell. Seine Heiligkeit hat wegen der Aufstände in Tibet eine Konferenz nach der anderen, dazu fängt gleich das nächste teaching wieder an!”, sagt der immer freundliche und gelassene Mann, der in den USA studiert hat. Und bugsiert uns durch die Sicherheits-Korridore. Wie am Flughafen, nur sind es gleich ZWEI Metall-Detektoren-Pforten. Die Wächter lächeln. Einmal. Außer mir ist nur noch ein asiatischer Herr namens “Honda” mit Familie dabei. Seine Firma heißt wie er… Der Wirtschaftsboss schmuggelt seine Kamera mit rein.
|
|
|
Thupten Ngodup, das geheimnisumwobene Staats-Orakel |
|
(Claudius Simon) |
Das Reich des Dalai Lama: Ein Ozean der Ruhe. Es geht 30 Meter bergauf, durch einen Wald aus Zedern, Zypressen, Rhododendren. Zum ersten mal seit Wochen kein Hupen. Dann die schlichte Residenz. Ein hellbraunes Gebäude mit grünem Dach. Im Wohnzimmer TV und Recorder, sein Lieblingsfilm: “The Lion of the Desert” mit Anthony Quinn. Daneben eine Art “Lauf-Fahrrad” auf dem sich der Dalai Lama fit hält. Früher hatte Seine Heiligkeit sogar einen grünen Papagei, den man mit verletztem Flügel fand und den er persönlich wieder aufpäppelte. Ein Mitarbeiter auf meine Nachfrage: “Der Papagei ist inzwischen tot, hat aber noch ein bißchen tibetisch gelernt!”
Aufstehen ist 3 Uhr früh, danach gibt es Gersten-Grütze, dazu seine Lieblings-Mahlzeit: Honig. (Tenzin Gyatso: “Vielleicht werde ich im nächsten Leben eine Biene?”) Danach Gebet, Meditationen, Politik. Das dauert alles: Wir müssen weiter auf ihn warten, sein Chef-Sekretär-Neffe: “Die Delegation aus China kam zurück!” Dann kommt seine Heiligkeit die roten Stufen herunter und lacht erst mal, als er sieht, wie wir nervös versuchen, die weißen Schals zu entwirren. Ein beruhigendes, tiefes und lautes Lachen. Man sieht ihm jetzt sein Alter an, die Augen sind munter, der Körper müde. Die Sorgen um seine Landsleute in Tibet, um die tibetischen Exil-Jugendlichen, das Wissen um die chinesischen Spione, die sich als Mönche in Dharamsala eingeschlichen haben, Morddrohungen einer Moslem-Bruderschaft sowie einer tibetischen Sekte und die vielen Reisen - auch ein Gott-König muß dem Tribut zollen! Aber er winkt uns munter zu sich. Erst darf Herr Honda zu ihm. Wird vorgestellt. Dann kommt der Hof-Fotograf. Zweimal “klick” - und Schluß. Mir geht’s nicht viel besser. Ich hatte mir vier Fragen zurechtgelegt, als man mich zu dem Mann in der orange-roten Kutte führt. Eigenartigerweise habe ich die Fragen fast vergessen, als ich kurz vorgestellt werde: “Ein Journalist aus Deutschland!” Der Dalai Lama auf deutsch: “Guten Tag!” Das muß von den vielen Besuchen in Deutschland herrühren…
Die vier Fragen sind ganz weg, als mich Tenzin Gyatso an beiden Hände faßt und zu sich zieht. Bevor ich drum bitten kann, segnet er schon mich, meine Familie, meine Freunde und Deutschland: “Wo ich ja bald hinfahre!” Gut, daß ich noch schnell den Schal überreichen konnte, Seine Heiligkeit läßt meine Hände nicht mehr los: “Nicht so nervös, jetzt kommt das Foto!” Während er mich segnet, hängt er mir den ihm überreichten Schal gleich wieder um: “Bringt Glück!” Dann stehen wir da, er schaut mich lange an. Ich bin nicht zum Esoteriker geboren und schon gar kein tibetischer Buddhist. Doch die Ausstrahlung des älteren Herrn und dazu der merkwürdig feste, nicht nachlassende Griff ziehen mich doch in seinen Bann. Der andere Tenzin tritt hinzu und verweist auf die 2500 Wartenden im Tempel. Der 14. Dalai Lama und womöglich auch der letzte schaut mir immer noch in die Augen. Dann läßt er los, wünscht mir viel Glück. Während ich noch was von “I highly appreciated the audience” und “Thank you for your holy blessings” murmele… Wo blieben nur meine Fragen? Egal, man hätte die Antworten alle im internet gefunden!
|
|
|
Ein tibetischer Mönch und Passanten in Dharamsala, Indien, wo der Dalai Lama im Exil lebt |
|
(Claudius Simon) |
Seine Heiligkeit ist nun wieder ganz munter und winkt den Jeep herbei. Ich drehe mich noch einmal um - da steht Er immer noch da und lächelt hinterher. Faszinierend für mich irgendwie - für einen “Ungläubigen”… Zehn Minuten später sitzt Tenzin Gyatso schon wieder auf seinem Thron und belehrt seine Anhänger 3 Stunden lang. Hier und da ein Witzchen. Und nach 90 Minuten kommen die Teekessel-Träger mit dem Gebräu für alle im Tempel. Der Dalai Lama: “Genau rechtzeitig, ich kann ja nicht dauernd reden!” Er bekommt auch sein Täßchen Tee ab. Wie alle andern. Und sogar der indische Mann mit der Kalaschnikov lächelt und vergißt die Waffe: Der Tee ist umsonst…
Draußen auf der Straße erwartet mich ein Hup-Konzert. Eine schlafende Kuh blockiert den Verkehr. Fünf Tage später beobachte ich die Abreise des Dalai Lama. Ein Konvoi aus Jeeps und Limousinen, dazwischen ein Vehikel mit Maschinen-Gewehr! Per Charter geht’s nach Delhi und mit Lufthansa nach Frankfurt. Dort wartet Ministerpräsident Roland Koch - und den Rest kennen Sie ja aus der Zeitung…
Claus Nomis
P.S.: Den Spick-Zettel mit den 4 Fragen habe ich noch immer im Geldgurt. Es ging auch ohne sie!
Sie können alle Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 Feeds verfolgen. Kommentare und Pings sind für diesen Beitrag nicht erlaubt.



