In dieser Ausgabe
+ Ist Dialekt nochzeitgemäß?

+ Integration jungerRußlanddeutscher

+ Mittelalterliches Lüneburg:Weißes Gold, rote Klinker

+ Erholung zwischen Lahn, Sieg und Eder.

+ Flüchtlingskindergartenin Jordanien

+ Freihandelsabkommen USA - Europa

+ Das Schicksal des Windhuker Reiters

+ Europa im Jahrhundert der Kriege

+ Feuerwehr-Oldtimer in PEI

Liebe Leserinnen und Leser!

Rein zufällig saß Papst Benedikt am 15. April in einer Alitalia Maschine auf dem Flug nach Washington als in Schwerin ein Strafverfahren gegen die Eltern von Lea-Sophie eröffnet wurde.

Lea-Sophie ist tot. Sie starb am 20. November 2007. Als Notärzte ihr Leben zu retten versuchten, wog die Fünfjährige noch 7,4 kg. Es hätten altersgemäß gute zwanzig Kilo sein sollen. Man hatte sie verhungern und verdursten lassen und deshalb läuft gegen ihre Eltern in Schwerin ein Strafverfahren mit Mordanklage.

Grundsätzlich hat dies mit Papst Benedikt und seinem Washington Flug nichts zu tun. Aber der Heilige Vater nutzte die Stunden an Bord auch zur Beantwortung von Journalistenfragen und eine dieser Fragen betraf die lange Kette der Strafverfahren gegen geweihte Priester, die des Missbrauchs an Kindern in den letzten Jahren angeklagt wurden. Rund fünftausend Priester sind allein in den USA beschuldigt worden, sich vergangen zu haben und bis heute hat die Kirche des Heiligen Vaters deshalb über zwei Milliarden Dollar in Form von Schmerzensgeld gezahlt.

Aber was hat das mit Lea-Sophie in Schwerin zu tun? Und mit dem Tod der kleinen Jessica in Hamburg, die im Alter von sieben Jahren starb. Zuletzt nur noch 9,5 kg wog und vom Verzehr der Teppichfasern ihres verschlossenenen Zimmers und der eigenen Haare vergeblich zu überleben versuchte? Oder auch mit dem Tod des kleinen zweijährigen Kevin in Bremen, dessen Leiche man im Oktober 2006 im Kühlschrank der Familie verborgen fand?

In fast all diesen Fällen vollzog sich das Grauen über kürzere oder längere Zeiträume nicht irgendwo, sondern im Regelfall bei uns allen vor der Tür, quasi nebenan. Überall hören wir schon mal etwas Merkwürdiges. Beobachten einen Vorgang, der Fragen aufwirft, ob wir hier nicht doch eingreifen sollten. Aber wenn ja, wie dann? Zumeist wissen wir es einfach nicht!

Die moderne Gesellschaft, die die früheren Modelle des eng verzahnten Zusammenlebens auf Großfamilien- oder Dorfebene als Folge rascher Sprünge in den heutigen Wohlstand überwunden hat und das Prinzip der Nichteinmischung als eine hehre Errungenschaft unseres Zeitalters feiert, meidet den Eingriff in das vermeintliche Privatleben des Nachbarn.

Nur sind es zwischenzeitlich nicht nur die schlagzeilenträchtigen Fälle, wie der der kleinen Lea-Sophie oder jener der priesterlichen Vergehen an zumeist Minderjährigen. Da gibt es die erschrek-kende Schätzung des deutschen Bundesfamilienministeriums aus dem Jahre 2001, wonach jährlich etwa 600 000 Senioren Opfer von familiärer Drangsal werden, wobei zumeist keinerlei Ahndung folgt.

Und wer sich häufiger in Seniorenheimen oder Krankenhäusern für Langzeitpflegefälle aufhält, der erlebt schon mal Grenzsituationen im Umgang der Betreuer mit den ihnen anvertrauten Empfängern von Hilfeleistungen. Manchmal ist es nur ein fahrlässig gesprochenes grobes Wort. Oder eine gelähmte Patientin wird schlecht gefüttert. Und was geschieht, wenn ein bewegungsunfähiger älterer Kranker stundenlang in den verkoteten Windeln liegen bleibt?

In Bonn hat der Altenforscher Rolf Hirsch daher den Verein „Handeln statt Mißhandeln“ gegründet, der sich darum bemüht, im aktuellen Notfall für die sofortige Betätigung einer sozialen Notbremse zu sorgen. In Kanada hat die Schriftstellerin June Callwood in ganz ähnlicher Weise den solidarischen Mut ihrer Mitbürger eingefordert, nämlich im Zweifelsfall laut „Hilfe“ zu rufen, statt wegzusehen.

Derlei Zivilcourage muß eingeübt werden und wer das Wagnis auf sich nimmt zu intervenieren, darf nicht unbedingt damit rechnen, in der engeren und weiteren Nachbarschaft auf sofortigen und lauten Beifall zu hoffen. Soziale Hilfe ist aber dringend geboten. Besonders auch im Hinblick auf die sich weiter in Richtung einer alternden Gesellschaft verschiebenden Strukturen.

Die heute 65-jährigen können, dürfen oder müssen sich in Europa und Nordamerika darauf einrichten, im statistischen Normalfall noch rund neunzehn Jahre zu leben.

J. Joachim Moskau

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