Editorial März 2008: Freunde, Freizeit, Faulenzen

Macht die Schule unsere Kinder kaputt? So lautete am 7. Februar 2008 die suggestive Themenfrage einer Gesprächsrunde bei Maybrit Illner im ZDF. Damit bündelte die Fernsehmoderatorin die einmal mehr in allen Medien heftig diskutierte Larmoyanz vieler Eltern in den alten Bundesländern, denen zufolge die bereits vor 10 Jahren beschlossenen Reformen in der Bildungspolitik, namentlich die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre, zuviel Druck auf ihre Sprösslinge mache.

Während der einstĂĽndigen Runde diskutierten u.a. der Präsident des Lehrerverbandes, der DIHK-HauptgeschäftsfĂĽhrer und ein Berliner Schulsenator von der SPD ĂĽber das FĂĽr und Wider dieses Schrittes. Dabei tönte ausgerechnet der Lehrerpräsident, dass das sogenannte G8 (8-jähriges Gymnasium) “eine Fehlkonstruktion” sei und “miserabel eingefädelt”.

Der Zuschauer, der selbst sein Abitur in 12 Schuljahren ohne nachhaltigen Schaden an Leib und Seele, und, wohlgemerkt, auch ohne die Möglichkeit der Abwahl von wichtigen, aber unliebsamen Fächern, durchgezogen hat, kann ĂĽber die Penetranz der Gegner des G8 eigentlich nur verständnislos den Kopf schĂĽtteln. Die fehlgeleitete, aber offenbar leider flächendeckende Einstellung vieler Eltern, dass die lieben Kleinen in der Schule möglichst nicht gefordert, sondern nur gefördert werden sollten, und zwar auch nur von 9 bis maximal 14 Uhr, ohne Hausaufgaben, aber dafĂĽr mit jeder Menge Freizeit, verkennt ja wohl eindeutig den Sinn und Zweck der Schule und der Schulzeit: Bildung zu vermitteln, sich Bildung anzueignen, und zwar eine solche, auf deren Grundlage man aufbauen kann, sei es im Studium oder in der Arbeit, zum eigenen wie zum Nutzen der gesamten Gesellschaft. Und etwas zu lernen passiert nun mal leider nicht auf Grundlage der Osmosis: du hängst ein paar Stunden lang in der Schule ‘rum und lässt die Umgebung auf dich einwirken – irgendwas wird schon durchdringen. Und nur das, was nach der Schule passiert, ist wirklich wichtig. Diese Haltung gipfelte in der Meinung eines Diskussionsteilnehmers, der das Ganze auf die Formel brachte: eine glĂĽckliche Kindheit bestehe aus den drei Fs von Freunde, Freizeit, Faulenzen, und diese drei Fs wĂĽrden durch das G8 vom Leben der Kinder eliminiert, weil sie sich doch jetzt durch den gestrafften Lehrplan mehr auf den Hosenboden setzen mĂĽssten. Welche Zumutung aber auch!

Warum diskutiert man nicht stärker die Methoden der Wissensvermittlung als die Tatsache, dass zum Lernen auch die gelegentliche Anstrengung und Einschränkung gehört? Denn eine wichtige Voraussetzung fĂĽr den erfolgreichen Wissenserwerb ist nicht die Länge der zur VerfĂĽgung stehenden Zeit (die sich durch eine bessere Organisation auch optimaler ausnutzen lieĂźe), sondern die Einstellung dazu, die Freude am Lernen. Diese zu vermitteln sollte bereits im Vorschulalter beginnen und sich in den weiteren Schuljahren ĂĽber kompetente Lehrer mit Freude an ihrem Beruf entwickeln. Mit kompetenten Lehrern, solchen, die nicht nur stur den jeweiligen Stoff abarbeiten, sondern fächerĂĽbergreifend unterrichten und die Kinder zum selbständigen Lernen anregen, stehen und fallen Qualität wie Attraktivität des Unterrichts sowieso, und an solchen scheint es zunehmend zu mangeln. Man vergegenwärtige sich nur einmal das jetzt vorliegende Ergebnis einer Langzeitstudie der Universität Frankfurt, wonach jeder zehnte Lehrer nach rund vier Berufsjahren ausgebrannt sei. Dies liege allerdings weniger an den schulischen Gegebenheiten, sondern schlicht daran, dass die meisten dieser niemals “gebrannt haben” - will heiĂźen, sie waren schon während des Studiums ĂĽberfordert und demotiviert. Dieses Phänomen wird allerdings so lange nicht aus der Welt geschafft, wie der Lehrerberuf verunglimpft, verächtlich gemacht und oftmals nur als Verlegenheitsoption gesehen wird, weil man nicht weiĂź, was man mit seinem Abitur denn nun anderes anfangen soll.

Dass man auch in 8 Jahren Gymnasium gut lernen UND dabei noch reichlich Zeit erĂĽbrigen kann fĂĽr Arbeitsgemeinschaften, Hobbys, Freunde und dergleichen mehr, zeigt nicht nur eigene Erfahrung, sondern auch ein Blick beispielsweise ins Bundesland Sachsen, wo das Abitur schon immer nach maximal 12 Schuljahren abgelegt wird, die Kinder im Bundesdurchschnitt sehr gut abschneiden und sich kaum je ein SchĂĽler ĂĽber mangelnde Freizeit beklagt. Sollte dies doch der Fall sein, und sich der einzelne SchĂĽler mit stundenlangem häuslichem Lernstress, womöglich noch täglichem Tutorium, ausgesetzt sehen, mĂĽssten sich die Eltern eigentlich fragen, ob besagtes Kind wirklich auf’s Gymnasium gehört.

Kaputt macht die Schule unsere Kinder ganz gewiss nicht dadurch, dass Leistung und Disziplin gefordert, benotet und eingeschätzt werden, sondern vielmehr dann, wenn das nicht geschieht.

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