Editorial Februar 2008


Liebe Leserinnen und Leser!

Ein Videofilm hat Deutschland aufgewühlt: Man sieht, wie in der Münchner U-Bahn zwei Gestalten einen Mann schlagen, zu Boden reißen und dem Hilflosen mit unfaßbarer Gewalt vor den Kopf treten. Die Täter: 17 und 20 Jahre alt. Der Mann am Boden: ein 76jähriger Rentner. Er hatte die beiden in der U-Bahn aufgefordert, ihre Zigaretten auszumachen.

Deutschland diskutiert nun über „Jugendgewalt“. Und natürlich wieder über „Ausländer raus“. Denn die beiden Männer haben „Migrationshintergrund“: Aus der Türkei ist die Familie des einen, aus Griechenland die des anderen. „Abschieben“, tönt es – und darin zeigt sich wieder die ganze Misere deutscher Immigrationspolitik: Erst holt man die Leute ins Land. Dann weigert man sich, sie und ihre Kinder als Einwanderer zu integrieren. Dann wundert man sich, wenn die deklassierten jungen Männer sich mit Gewalt gegen die „Scheißdeutschen“ groß tun. Und schließlich will man sie einfach rauswerfen, „nach Hause“, auch wenn sie ihre angebliche Heimat nie gesehen haben.

In Wahrheit ist alles komplizierter. Richtig ist wohl, wie der „Spiegel“ schrieb, daß unbeschäftigte, frustrierte junge Männer seit jeher und überall ihren Hormonstau gern in Gewaltorgien abbauen und sich so selbst definieren. Richtig ist auch, daß „ausländische“ Jugendliche in Deutschland einen überproportional hohen Anteil an solchen Gewalttaten haben. Und das mag auch mit ihrem kulturellen Hintergrund zu tun haben, der Gewalt und Machogehabe anders wertet als wir. Vor allem aber ist Jugendgewalt ein Phänomen der Zukurzgekommenen, unter denen sich nun mal besonders viele Migrantenkinder befinden. Insofern hat Deutschland ein Problem mit schlecht integrierten Migranten, wie etwa Frankreich auch.

Jenes neue, keineswegs nur deutsche Phänomen wiederum, daß jugendliche Gewalt überhaupt keine Grenzen mehr zu kennen scheint, daß zu Tode getrampelt wird, wer längst am Boden liegt, daß junge Versager als waffenstarrende Terminators mit einem finalen Blutbad abtreten – woran sonst soll es liegen als an der widerwärtigen Gewaltverherrlichung in einschlägigen Filmen und Computerspielen, vor denen wir unsere Kinder sitzen lassen, bis sie die Realität nicht mehr von der kunstbluttriefenden Bilderwelt trennen können?

Im übrigen bietet der Münchner Vorfall wenig Grund, mit dem Finger bloß auf Jugendliche zu zeigen. Denn was war noch der Anlaß? Die jungen Männer wollten rauchen, wo es verboten war und wo sie es aus Rücksicht auf andere ohnehin nicht hätten tun sollen. Jemand hat sie darauf hingewiesen und fast mit dem Leben dafür bezahlt. Aber – so sind wir doch fast alle! Jedenfalls in Deutschland: Ich, ich, ich – wir tun, was uns gefällt. Ob’s jemanden stört, das kümmert uns nicht. Ob’s verboten ist, auch nicht. Und wenn uns jemand darauf hinweist, ist er ein blöder Spießer und kriegt dumme Antwort – wenn er Glück hat. Deswegen haben auch alle in der U-Bahn weggeguckt, als die unverschämten Raucher ihr späteres Opfer anpöbelten. Gemeinsinn? Zivilcourage? Bringt nix.

Die Brutalität ist es, mit denen sich die jugendlichen Schläger noch abheben. Aber nicht mal das stimmt eigentlich: Wenn, nur ein Beispiel, in deutschen Städten immer häufiger mit hoher Geschwindigkeit und mit voller Absicht bei Rot über Ampeln gefahren wird, gern auch mit überschweren Geländewagen, gegen die Kinder kaum eine Chance haben, womöglich mit vormontierten „Kuhfängern“ als Fußgängerkillern – was anders ist das als ego-gesteuerte, sinnlose, illegale, brutale und potentiell tödliche Gewalt?

„Erziehungscamps“ heißt nun, neben „Ausländer raus“, das populistische Patentrezept. Mal abgesehen von der höchst trüben deutschen Lager-Tradition: Wenn man die Sache ernst nehmen wollte, würden die „Camps“ schnell voll werden. Mit ungezogenen Erwachsenen.

Martin Kuhna


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