In dieser Ausgabe / In this issue

Piraten voraus!? Freibeuter der Zukunft +++ Graffiti in Berlin: Eine Kunst, die keine ist +++ Minderheitenpolitik: Die Sorgen der Sorben +++ Frankreich: „Im Westen was Neues...“ +++ Lissabon – westlichste Hauptstadt Europas +++ Spanien: Touristenmekka Barcelona +++ Grauer Modeosten? Junge Mode in der DDR +++ Wernher von Braun Der Raketenmann +++ Neuseeland: Keas, Kiwis und Vulkane

Kommentare / Commentaries
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Archiv für 2008

Liebe Leserinnen und Leser,

“Die Freunde zählen”, zog unsere Redakteurin Elisabeth von Ah in der 50. “Deutsche Rundschau”-Ausgabe Bilanz. Ich teile Elisabeths Ansicht, denn ohne Sie, unsere geschätzte Leserschaft, Freunde und die zahlreichen Förderer unserer Monatszeitung hätten wir im Juni dieses Jahres nicht unseren 11. Geburtstag feiern und diese, die unsere 100. Ausgabe ist, nicht produzieren können. Für Ihre treue Leser-Blatt-Bindung, wie es im Journalistendeutsch genannt wird, Ihre Verbundenheit zu unserer Zeitung danke ich Ihnen sehr herzlich. Ich danke unseren Autorinnen und Autoren für ihre unentgeltliche journalistische Arbeit.

Ich danke unseren Anzeigenkunden und all denen, die mit Ideen, Vorschlägen, Kapitaleinlagen und Spenden seit mehr als einem Jahrzehnt das Überleben und Wachsen unserer Zeitung sichern.

Die “Deutsche Rundschau” hat in den vergangenen 11 Jahren an Ansehen gewonnen. Wer meine am Anfang zugegeben etwas vollmundige Ankündigung “Weltzeitung für Deutschsprechende in Kanada aus der Taufe gehoben!” noch 1997 belächelte, wird in Anbetracht der rund 80.000 ständigen Leserinnen und Leser, die wir heute in mehr als 140 Ländern erreichen, eines Besseren belehrt. Unsere Zeitung beweist, daß Deutsch sprechende und lernende Menschen, die im Ausland leben, arbeiten, studieren, gern bereit sind, 45 amerikanische Dollar für ein Jahresabonnement auszugeben, wenn sie der Inhalt und die Gestaltung einer Zeitung anspricht.

Ich weiß, daß unser Bemühen, mit unseren Beiträgen, Kommentaren und Meldungen den Nerv der Zeit zu treffen, nicht immer den Lesegeschmack aller Leserinnen und Leser treffen kann. Einmütigkeit in allen Ansichten, und das erleben wir auch intern unter allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, würde sogar eher gegen als für die Publikation sprechen. Das Wort “unabhängig” auf unserer Titelseite bedeutet für uns in der Redaktion und für unsere Autorinnen und Autoren, daß wir Ihnen unsere Meinung, gebildet auf der Grundlage sorgfältiger Recherche und unserer Erfahrungen und Überzeugungen, anbieten und es Ihnen überlassen, sie zu teilen oder nicht zu teilen. Auf den Abdruck von veralteten Agenturmeldungen werden wir, wie schon von Anbeginn an, auch zukünftig verzichten.

Ihre Hinweise zu Inhalt, Form und Gestaltung unserer Zeitung waren für uns immer Anlaß unsere Arbeit zu hinterfragen. Die “Deutsche Rundschau” ist nicht perfekt. Sie ist, wie unser Kollege Alexander Koensler aus Rom schrieb, “ein bunter Flickenteppich”. Doch gerade dieser grob gewebte Flickenteppich scheint bei Ihnen, wie wir aus Ihren Leserbriefen erfahren, gut anzukommen.

“Haben Sie Dank für Deutsche Rundschau. Lesen bei uns ganzes Dorf”, schrieb uns 1998 ein Rußlanddeutscher aus dem Altaigebirge. Die “Freunde der deutschen Sprache in Nepal” baten wie eine deutsche Sprachschule in Brasilien um weitere Freiexemplare. Anerkennende Worte schrieben uns auch amerikanische Gouverneure, kanadische und europäische Spitzenpolitiker und Unternehmer. Doch besonders freut es uns, wenn unser idealistisches Engagement von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, gelobt wird.

Chinesische Zeitungen druckten Beiträge von uns nach. “Deutsche Rundschau” fand, wie unser Leser Atze Schmidt aus Peking schrieb, sogar Eingang in ein chinesisches Schulbuch. Ein Prinz aus Togo legte seinem Dankschreiben sein Foto bei. Dies brachte uns auf die Idee, Sie aufzufordern, uns zu zeigen, wo Sie die “Deutsche Rundschau” lesen. Einer Bitte, der gern entsprochen wurde. Und so zeigten die eingesandten Fotos amerikanische Germanistikstudenten und polnische Sprachschüler mit unserer Zeitung. Besonders bewegten mich die Bilder, die eine deutschsprachige lutherische Gemeinde mit unserer Zeitung in der Hand vor ihrer Kirche in Serbien, eine vietnamesische Reiseführerin in Hanoi, eine Deutsch sprechende Afrikanerin in Namibia zeigten. Wer will beim Anblick dieser Fotos noch bezweifeln, daß die “Deutsche Rundschau” eine “Weltzeitung” ist?

Daher ist es für uns unverständlich, daß die deutsche und die österreichische Regierung im Schnellgang zwar Milliarden für von der Pleite bedrohte Banken locker machen können, aber für deutsche Auslandsmedien und Vereine nur Almosen und selten ein anerkennendes Wort übrig haben. Deutschland und Österreich sind die einzigen Länder, die seit Jahren “aus Sparsamkeitsgründen” nicht in den zumeist finanziell klammen deutschsprachigen Auslandsmedien für die Bundeswahlen und Europawahl werben.

Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, daß nach 11 Jahren vergeblichen Wartens doch noch ein deutscher oder österreichischer Botschafter oder die zuständigen Pressereferenten der Botschaften in Ottawa den Weg in die Redaktionsstuben unserer Zeitung finden.

Ich berichte dies nicht um zu jammern, sondern um auf einen änderungswürdigen Zustand hinzuweisen. Lassen Sie uns, liebe Leserinnen und Leser, gemeinsam gegen den bedauerlichen Wahrnehmungsverlust der deutschen und österreichischen Regierungen anschreiben. Lassen Sie uns gemeinsam aus der kleinen globalen Zeitung “Deutsche Rundschau” eine anspruchsvolle Massenzeitung entwickeln, die auch “Global Players” nicht mehr übersehen können.

Die Freunde zählen. Danke, daß Sie, wo immer Sie leben und arbeiten, die “Deutsche Rundschau” fördern. Danke, daß Sie uns auch in schweren Zeiten zur Seite standen und stehen. Danke, daß Sie den Traum von einer internationalen Monatszeitung für Deutschsprechende im Ausland erfüllen helfen. Auf Freunde wie Sie werden wir uns auch in Zukunft mit Freude, Stolz und Zuversicht verlassen.

Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Mit herzlichen Grüßen
Ihr Juri Klugmann

Wahlen, Wahlen, überall…
Nur ist niemand recht am Ball!

Leserinnen und Leser,

es gilt die eherne Faustregel: „Ratlosigkeit verführt Politiker fast immer zur vollmundigen Überschätzung eigener Fähigkeiten.“
Journalisten hingegen flüchten in derartigen Situation oft in die traute Welt der Märchenerzählung.

Konkret: in diesen Herbstwochen haben Wähler beider nordamerikanischer Staaten die Chance, in den Gang der Geschichte einzugreifen. Nur bieten sich ihnen keinerlei verlockende Perspektiven, von der Qualität der angetretenen KandidatenInnen ganz zu schweigen. Da bleibt den Aspiranten auf Wählerweihen keine andere Wahl, als mittels zweifelhafter Versicherungen der eigenen Kompetenz um Vertrauen zu werben. Wir kennen diese Bilder: mildes Lächeln vor laufenden Kameras und die fast herablassende Zusicherung, man dürfe dem Kandidaten schon trauen, er/sie würden das Ruder recht zu wenden wissen. Genau so sieht es in diesen Wochen vor dem Urnengang aus.

Später, wenn dann die Rechnung eben doch nicht genau so aufgeht wie vom geneigten Wähler erwartet und von ambitiösen Kandidaten versprochen, wird dann die Rede sein vom berühmten „Wählerbetrug.“

Da haben es Journalisten wesentlich leichter. Sie nämlich dürfen fast ungestraft schwadronieren, spekulieren, räsonieren. Werden sie im nachhinein aufgrund fälschlicher Darstellung erwischt, gilt stets der kopfschüttelnde Nachsatz, ja, bitteschön, wer traut denn schon einem Journalisten?

Um erst gar nicht in derlei Verlegenheit zu kommen, retten sich versiertere Vertreter der schreibenden Zunft in die Auffrischung alter Geschichten, um aktuelle Probleme neu zu beleuchten.

In diesen Herbstwochen versuchen Politiker, Journalisten und Leser den unglaublich vielen Rätseln der unbestritten größten Finanzkrise der Weltgeschichte auf die Schliche zu kommen, um vielleicht doch noch per obskurer Kunstgriffe den Kopf aus der fortschreitend engeren Schlinge zu ziehen. Wem dies letztlich gelingt, gebührt schon heute der ungeschmälerte Beifall der „Deutschen Rundschau.“

Noch gibt es tagtäglich fast nur tiefschwarze Negativschlagzeilen. Was unter diesen deprimierenden Umständen helfen dürfte, ist ein kleiner Verweis auf vergleichbare Situationen in der Vergangenheit.

Auch nach dem Zusammenbruch von 1929 fanden sich Mittel, die eine Stabilisierung der Finanzwelt ermöglichten. Ähnlich die Situation 1873, als die Wiener Kreditanstalt versagte und damit den sogenannten „Großen Gründerkrach“ auslöste.

Und sogar 1637 ging die Welt nicht unter. Wenn sich nämlich Politiker, Notenbankchefs, Journalisten und Leser heute Gedanken machen, wie man Wege findet, um das globale Finanzvolumen von angeblichen 454 000 000 000 000 000 (das sind 454 Billionen Dollar) fester in den Griff  bekommt, sei an den frühen Februar 1637 erinnert. Während damals fast ganz Deutschland in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges unterging, florierte in den benachbarten Niederlanden das sogenannte Tulpenfieber. Die erst seit 1593 aufblühende niederländische Tulpenzucht hatte in wenigen Jahren einen unglaublichen Wirtschaftszweig zur Folge, nämlich einen Handel mit Tulpenzwiebeln, der dem heute so katastrophal ausufernden Handel mit Finanzderivatinstrumenten verblüffend ähnelt.

So wurden am 5. Februar 1637 im vergleichsweise kleinen Alkmaar insgesamt 99 Posten an Zwiebeln für nicht weniger als 90 000 Gulden gehandelt, umgerechnet wären das heute gute 1,4 Millionen Dollar. Auf dem Höhepunkt einer nie zuvor so verbreiteten Spekulationswelle verkaufte ein braver Bürger sein Haus, um in den Besitz von drei begehrten Zwiebeln zu kommen.

Eine einzige Zwiebel der heute nicht mehr nachweisbaren Tulpe „Semper Augustus“ erbrachte dem Eigentümer einen Erlös von 10 000 Hfl. Vergleichsweise verdiente ein biederer Zimmermann damals jährliche 250 Hfl.

Jene Tulpenkatastrophe führte zu einer straffen Neuordnung des Handelssystems, ähnlich der gegenwärtigen Versuche aufsichtsführender staatlicher Organe, ein Finanzsystem zu retten, das scheinbar jeglicher Steuerung entglitten ist.  Dies sind die Fragen, denen sich heutige Politiker in diesen Wochen stellen sollten.

J. Joachim Moskau

Liebe Leserinnen und Leser,

Kennen Sie den Roland? Nein, nicht Ihren unleidlichen Banknachbarn aus der vierten Klasse, auch nicht die Titelfigur vom mittelalterlichen Heldenepos. Sollten Sie allerdings auf den steinernen Riesen am Bremer Rathaus getippt haben, liegen Sie schon mal dicht dran: denn der Roland, um den es hier geht, ist die regionale Währung von Bremen. Wie, bitte? Ist die freie und Hansestadt klammheimlich aus der europäischen Währungsunion ausgestiegen und hat den Euro eingestampft? Mitnichten. Aber die Bremer haben schon 2001 parallel zum Euro ein eigenes, regional begrenztes Warengutscheinsystem eingeführt, das seither im gesamten Bundesgebiet zahlreiche Nachfolger gefunden hat, beispielsweise den Elbtaler in Dresden, den Urstromtaler in Magdeburg, die Schwarzwälder Blüte, den Lechtaler in Augsburg. Insgesamt gibt es in Deutschland bereits 33 solcher regionaler Währungen, und mindestens 40 weitere sind in Planung.Und was soll das?

Das ist eine, wie ich meine, recht geniale und vor allem anscheinend sehr wirkungsvolle Gegensteuerung zu den Verheerungen der Globalisierung auf wirtschaftlichem, sozialem und vor allem ökologischem Gebiet. Denn im Zuge eben dieser so oft glorifizierten Globalisierung konzentriert sich das Geld bei immer weniger Menschen oder bei immer weniger immer größer werdenden transnationalen Konzernen, während die große Mehrheit für diese Minderheit immer mehr arbeitet und doch nicht wirklich reicher wird. Oder haben Sie etwa den Eindruck, daß Ihr durch Arbeit geschaffenes Vermögen genauso schnell und exponentiell wächst wie etwa das von Exxon oder Nestlé? Eben. Und woran liegt das? Am Zins und Zinseszins. Das jedenfalls glauben die Verfechter und Benutzer von Regionalwährungen, und sie wissen dies auch sehr plausibel zu erklären. In aller Kürze: Die Geldvermögen sind durch Zins und Zinseszins explosionsartig gewachsen, gleichzeitig natürlich die Schuldenberge auf der anderen Seite. Denn ohne Schuldner gibt es keine Zinsen. Geld schafft sich auch nicht selber, sondern muß von irgendwem erarbeitet werden. Weil Kredit-Schulden immer auch Zins-Schulden bedeuten, wachsen diese ebenfalls. Der Einzelne muß immer mehr für immer weniger bezahlen, denn die Unternehmen rechnen ihre Kapitalkosten, also ihre Zinskosten, in die Preise und Mieten, etc. ein, und der Staat in die Steuern. So zahlen wir Zinsen, auch wenn wir gar keine Schulden haben. Und dem Staat wird das Geld immer knapper, denn über die Steuern allein kann er seine Zinsen nicht mehr tilgen. Also wird auf Teufel-komm-raus in allen sozialen Bereichen gekürzt. Diese Spirale kann auch vom vielgepriesenen Wirtschaftswachstum auf Dauer nicht aufgehalten werden, und so wird es irgendwann hauptsächlich durch die Umlaufblockierung von angehäuftem Kapital, denn nur dieses bringt richtig gute Zinserträge, zur totalen wirtschaftlichen Krise kommen. Vorher allerdings könnte durch genau diesen unaufhaltsamen Zwang zum wirtschaftlichen Wachstum erst regional, dann global die Umwelt bereits derartig zerstört sein, daß der ökologische dem ökonomischen Kollaps vorangeht.

Roland-Gutschein (Vorderseite)
Roland-Gutschein (Vorderseite)

Roland-Gutschein (Rückseite)
Roland-Gutschein (Rückseite)

Wie, dann, bricht man aus diesem Teufelskreis aus? Kein Zins und Zinseszins mehr? Global gesehen ist das wohl nicht möglich, von der Liquiditätsfalle mal abgesehen, aber regional funktioniert das offenbar ganz gut. Fragen Sie beispielsweise die Bremer, die als eine der ersten deutschen Regionen – zumindest seit den 30er Jahren – mit ihrem Roland Silvio Gesells Freigeldutopie verwirklicht haben. Der Roland, wie auch alle anderen Regionalwährungen, bringt keine Zinsen, ist in seinem Ausbreitungsgebiet räumlich begrenzt, mit einem Verfallsdatum versehen und unterliegt nicht den Geboten globaler Finanzmärkte. Er gestattet nachhaltiges Wirtschaften mit einem regionalen Gutschein auf der Grundlage des ökologischen Landbaus, und das heißt konkret: „die Ressourcen dieser Region so zu nutzen, daß die nachfolgenden Generationen wieder gesund leben können. Die Menschen dürfen die Tragfähigkeit der Region nicht überschreiten, das heißt, die Wirtschaftenden können nicht mit stetigem Wachstum rechnen. Wir sollten wieder lernen, uns zu begrenzen, um unsere Umwelt nicht völlig auszubeuten und mit immer mehr Schadstoffen zu belasten und letztlich zu zerstören. Die Erde sollte naturgemäß bearbeitet, die Tiere artgerecht gehalten werden. Den Bauern gilt unsere ganze Aufmerksamkeit und Unterstützung, da sie es sind, die für unsere gesunde Lebensgrundlage sorgen. Ihnen wollen wir zinslose Darlehen gewähren. Das käme dann allen zugute!”

Wie lange wohl wird es dauern, bis dieser schöne Gedanke Allgemeingut geworden ist? Das fragt sich und Sie

Ihre

A. Liane Harmat

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Bildkredit: Contraste / Roland Regional

Kopfrechnen: Schwach

– Warum uns die Finanzkrise schwer fällt

Und warum wir Kurt Tucholsky brauchen

Liebe Leserinnen und Leser,

Geht es Ihnen ähnlich? – Wenn wir uns heutzutage überfordert fühlen, hilft manchmal eine plumpe Google-Suche im Internet. Kann aber auch sein, daß genau diese Suche nur das Unbehagen bei Alltagsfragen verschlimmert. Manchmal nämlich tauchen jetzt Begriffe auf, von deren Existenz wir vorher nichts wußten, die uns durchaus auch einschüchtern.

Hand aufs Herz: hatten Sie vor zwei Jahren eine Ahnung, was „Collateralized Debt Obligations“ sind? – Ich auch nicht. – Und genau genommen, ich weiß es bis heute nicht. Und ich weiß auch leider noch immer nicht wirklich, wie ein „Structured Investment Vehicle“ aussieht, wie ich es erkenne und ob es sinnvoll wäre, ich würde meine bescheidenen Ersparnisse in diese Dinger stecken.

Kurt Tucholsky in Paris, 1928
Kurt Tucholsky in Paris, 1928

Viel schlimmer aber ist, ich kann mir nicht wirklich vorstellen wovon die Rede ist, wenn im Londoner Economist zu lesen steht, der „imaginäre Umfang von Kreditausfallswaps verdoppelte sich 2007 auf US $62 Trillionen.“ – Wirklich? – Im Klartext scheint dies zu heißen, das weltumspannende Finanzwesen habe Rückversicherungsverträge der einen Bank mit der anderen und dieser zweiten Bank mit einer dritten usw. in einem Umfang von 62 tausend Milliarden Dollar abgeschlossen.

Dem relativ einfachen Normalbürger drängt sich spätestens hier die Frage auf, wie groß muß das Mißtrauen der Banken untereinander sein, wenn sie sich mit einem so unglaublich unbegrenzten „Sicherheitsnetz“ glauben, verteidigen zu können und zu müssen.

An anderer Stelle im Mediendickicht erfährt der unbedarfte und zwischenzeitlich längst verunsicherte Leser, die gegenwärtige Finanzkrise habe bislang Marktwertverluste an den Börsen der Welt in einer Größenordnung von elf Trillionen Dollar verursacht.

Hellhörig wird man zudem, wenn beim Internationalen Währungsfonds im letzten „Weltfinanzstabilitätsbericht“ im April fast beiläufig erwähnt wird, der Gesamtverlust der Banken, Versicherer und Anlagefonds im Zuge der jetzigen Krise könne 945 Milliarden US$ überschreiten. Das war im April, und wer im Sommerurlaub vielleicht eines erfrischenden Angstschauers bedarf, dem sei die Lektüre empfohlen (www.IMF.org/External/Pubs/ FT/GFSR).

Sicher, auch zu früheren Zeiten gab es immer wieder mal systembedrohende Mammutkrisen. Nur war die Weltwirtschaft nie vorher so eng verflochten. Vor jetzt fast genau 77 Jahren aber versuchte Kurt Tucholsky auf dem Höhepunkt der damaligen Weltwirtschaftskrise einige Wegweiser anzubieten, die uns heute erstaunlich aktuell erscheinen mögen.

In einem „Kurzen Abriß der Nationalökonomie“ und unter dem Pseudonym Peter Panter machte er sich auf die Suche.

„Die Grundlage der Nationalökonomie,“ so schrieb er, „ist das sog. ,Geld‘. Geld ist weder ein Zahlungsmittel noch ein Tauschmittel, auch ist es keine Fiktion, vor allem aber ist es kein Geld. Für Geld kann man Waren kaufen, weil es Geld ist, und es ist Geld, weil man dafür Waren kaufen kann. Doch ist diese Theorie inzwischen fallen gelassen worden. Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist eben da bzw. nicht da – meist nicht da.“

Erstaunlich direkt auf unsere momentane Realität zielt Tucholsky wenige Passagen später: „Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andre werde gepumptes Geld zurückzahlen. Tut er das nicht, so erfolgt eine sog. ,Stützungsaktion‘, bei der alle, bis auf den Staat, gut verdienen. Solche Pleiten erkennt man daran, daß die Bevölkerung aufgefordert wird, Vertrauen zu haben. Weiter hat sie dann auch meist nichts mehr.“

In der heutigen Situation, also mitten im schönsten Sommer 2008, darf man zuversichtlich davon ausgehen, daß die Lage zwar katastrophal und scheinbar auch hoffnungslos ist, man aber trotzdem den Gesundbetern unter den Notenbankchefs durchaus zutrauen darf, mit neuen billigen Taschenspielertricks neue Pseudolösungen auszutüfteln. – Die Alternative dazu, also der Zusammenbruch des globalen Zahlungssytems könnte zwar heilsam sein, nur halt nach heutigem menschlichen Ermessen unvorstellbar. Mit und ohne Tucholsky.

J. Joachim Moskau

Berlins Spitzenrestaurant “Facil” verwöhnt nicht nur den Gaumen, sondern alle Sinne

Ein Spaziergang zu Berlins Sehenswürdigkeiten macht nicht nur Touristen schnell hungrig. Vom Fernsehturm zum Reichstag, vom Brandenburger Tor über den Potsdamer Platz… Hier lockt ein üppiges Angebot von Sushi-Bar bis Bagel-Shop. Kenner lassen all dies zurück, um sich in einen wahren Himmel des feinen Geschmacks zu begeben.

Hoch über der belebten Straße gelegen befindet sich im exklusiven Mandala Hotel das Facil. Längst sind es nicht nur Eingeweihte, die sich vom charmanten Personal den Weg zu kulinarischen Genüssen in einem von Berlins niveauvollsten Restaurants weisen lassen.

Außergewöhnliches bietet sich dem Gast bereits vor dem Dinner: Ein Augenschmaus die klar strukturierte Architektur! Eine Oase der Ruhe betritt man durch die Glastüren. Klares, offenes Design überzeugt in stilvoller Moderne, ohne abgehoben zu wirken. Bei erlesensten Zutaten verstehen sich Preise der oberen Kategorie von selbst. Das vorzügliche Business Lunch ist jedoch auch für kleinere Budgets erschwinglich. Eine junge Klientel lockt auch dies in den von Gault Milleau zum Aufsteiger 2008 gewählten Feinschmeckertempel. Ob in der unverkrampften Eleganz des Saals oder Dinner im Separée: Im Facil fühlt sich ein jeder willkommen!

Das Restaurant „Facil“ im Mandala Hotel, Berlin

(Hotel Mandala / Restaurant Facil)

Aufgeschlossen und entspannt ist auch Michael Kempf, der persönlich zum Interview empfängt. Mit seinen 32 Jahren ist er nicht nur einer der jüngsten Küchenchefs Deutschlands, sondern auch ausgezeichnet mit einem Michelin-Stern. “Innovativ, puristisch, individuell – das ist für mich das Besondere an der Küche des Facil. Wir wollen eine Atmosphäre schaffen, in die der Gast gerne wiederkehrt.” Ein Ansinnen, das sowohl in Ambiente wie im zuvorkommenden, jedoch unaufdringlichen Service perfekt aufgeht. Trotz der Lage im fünften Stock dieses wahrhaft “gehobenen” Ortes verleiht die begrünte Dachterrasse dem lichtdurchfluteten Speisesaal die entspannte Harmonie eines Gartens. Marmor, Mahagoni und Alabaster vereinen sich rund um die Tische zu klassischer Eleganz. Das Glasdach zaubert des Abends romantischen Sternenschein zum Dinner. Während die Speisekarte mit Kreationen gekrönt von Gourmet- Sternen verführt…

Schon das Amuse Bouche vom Schweinebauch zergeht auf der Zunge. Ein Gläschen Champagner zum Aperitif beschwingt ohne zu beschweren. Am meisten begeistert das Entrée von Seeteufelbäckchen mit knackigen Kichererbsen. Zart und dennoch mit Biß, wie auch die anderen Gänge perfekt gewürzt. Ein leichter Riesling unterstreicht dies optimal. Als Hauptspeise erhält der Rücken vom Müritzlamm durch Anchovis-Emulsion eine besondere Note. Dazu harmoniert ein süffiger Rotwein mit angenehmsten Bukett. Eine Symphonie von Erdbeeren und Pistazie zum Dessert krönt die Gaumenfreuden. Ein letzter Gruß vom Koch darf nicht fehlen: Klassischer Aprikosenkuchen angerichtet mit einem “Venusbrüstchen” von Moccacreme. All dies kein Menü, sondern ein Gedicht!

Die Inspiration dieses Magiers der Kulinaristik? “Klassische, bodenständige Gerichte aus Süddeutschland. Das ist das Essen meiner Kindheit. International die junge Küche Portugals.” Eine Reise nach Barcelona ist noch dieses Jahr geplant. Da liegt die Frage nahe, ob ihn eine Metropole wie Paris oder Mailand von hier weglocken könnte. “Berlin ist für mich die ideale Stadt. Aufgeschlossen, experimentierfreudig – dies spiegelt das Konzept des Facil wider. Hier kann ich mich perfekt entfalten.” Untrennbar mit der Weltstadt verbunden ist auch Michael Kempfs “kulinarische Sünde”, die er lachend verrät: “Currywurst!”

Und das persönliche Ziels des Meisterkochs? Die Kreation eines berühmten Gerichts, wie Escoffier für Nellie Melba? Oder ein eigenes Restaurant? “Ein zweiter Michelin- Stern”, heißt es. Daß Michael Kempf dies erreicht, bezweifelt man nicht. Beschwingt durch ein Menü der Spitzenklasse entschwebt der Gast. Begehrlich sich bald erneut verführen zulassen von den Gourmetkreationen des Facil!

Lida Bach

(Matthias Claudius in seinem Gedicht „Urians Reise um die Welt“)

Liebe Leserinnen und Leser,

wann waren diejenigen von Ihnen, die im Ausland leben, das letzte Mal in ihrer alten Heimat? Erinnerungstourismus nennen es die einen, Pflichtbesuche die anderen.

Ich habe meinen Geburtsort Freital in Sachsen das letzte Mal vor 30 Jahren besucht. Mit Heimweh – und das verwundert mich selbst manches Mal – verbinde ich eher die Namen der Dörfer Saalhausen, Braunsdorf und Grumbach, in denen ich als „Halbstarker“, wie man uns damals nannte, glückliche Stunden und Tage verbrachte, und wo ich mir durch Arbeit auf dem Lande ein paar Mark hinzuverdiente.

Heimweh hingegen nach meiner Geburtsstadt Freital, dieser einst staub- und rußgeschwängerten Industriestadt in Sachsen, verspüre ich nicht. Viel mehr zieht es mich nach Hinterhermsdorf in der Sächsischen Schweiz, kein Wunder, da ich dort bei einer Bootsfahrt auf den Oberen Schleusen die Hand meiner ersten Liebe hielt. Oder nach Berlin, wo ich 18 Jahre gelebt, geliebt, studiert und gearbeitet habe und wo meine fünf Kinder geboren wurden. Oder es zieht mich in meinen Gedanken an Orte wie Erfurt, Wechmar, Ilmenau, Tambach-Dietharz und Sömmerda in Thüringen, wo enge Freunde leben.

Heimweh ist für mich so etwas wie eine ständige stille Sehnsucht in mir nach den Orten, in denen ich richtig glücklich war und nach den Stunden, deren besonders schöne Gefühle, die sie in mir hinterlassen haben, auch über die Jahre und die Entfernung nicht verblaßt sind. Dazu gehören kurioserweise auch die Erinnerungen an Wandertage auf dem Rennsteig, an meine Junggesellenbude in Berlin-Marzahn, an die einzigartige Currywurst, die es so nur bei Konnopke an der Eberswalder Straße gab, und deren Geruch sich mir fast noch mehr als ihr Geschmack eingebrannt hat.

Alte Ausspanne auf dem Rennsteig bei Tambach-Dietharz

(Falko Göthel www.quermania.de / Lizenz: „cc-by-sa“ Ver. 2)

Manch einer mag mich als vaterlandslosen Gesellen einstufen, weil es mich im Gegensatz zu vielen Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, nicht zurück an meinen Geburtsort zieht. Vielleicht liegt es daran, daß mein Geburtshaus und auch das Haus, in dem ich meine Kindheit verlebte, vor Jahren der Abrißkugel zum Opfer fielen. Und doch, und jetzt staunen Sie vielleicht: Hinter unserem Haus in Udora, in Ontario, in dem ich mit meiner kanadischen Familie viele Jahre lebte, wehte lange Zeit die sächsische Flagge am Flaggenmast und nicht die deutsche. Dennoch zieht es mich als Besucher zurück nach Deutschland, und das gewiß nicht nur wegen der dort lebenden Kinder, Geschwister und Verwandten.

In Kanada und in den USA bin ich vielen Menschen begegnet, die regelmäßig oder hin und wieder die Orte ihrer Kindheit und Jugend aufsuchen. Auf diesen Besuchen sehen sie sich nicht als Heimkehrer, sondern als entdeckungsfreudige Reisende in die eigene Vergangenheit. Ich traf Ukrainer, die von Kiew und Poltawa schwärmten; Giorgio, der Besitzer des Familienrestaurants in Cannington, hat ein großes Foto von seinem Heimatort in Griechenland an der Wand hängen; mein italienischer Friseur Mario wollte unbedingt mal wieder nach Palermo, und ein chilenischer Bekannter wollte mich nach Valparaiso mitnehmen. Irgendwie hat offensichtlich jeder Auswanderer, jeder, der „ausreist“ oder „Reißaus“ nimmt, ein Stück der alten Heimat im Einwanderungsgepäck in das neue Land. Und auch wenn das neue Land zur neuen Heimat geworden ist und eine Rückkehr nicht mehr in Betracht gezogen wird, das Stück alte Heimat bleibt lebenslang im Erinnerungsgepäck, sorgsam gehütet als Schatz, der nur einem persönlich gehört.

Daher ist für mich eine Reise in die alte Heimat und an Orte, die mit Gefühlen, Gedanken, Gerüchen und vor allem in Form von Bildern in mir lebendig sind, weit mehr als bloßer Erinnerungstourismus. Für mich spiegelt sich darin vor allem die Suche nach dem eigenen ICH wider. Wenn der eine nach Jahren Palermo wieder besucht, der andere Bremen oder Oldenburg, Ulm oder Stralsund, Kolberg, Breslau, Hermannstadt oder die unzähligen Orte, die Heimat für jemanden sind, dann spricht das eigene Ich zu uns in einer Sprache, die nur wir selbst verstehen. Und dann wird uns, mehr als dies an anderen Orten möglich ist, deutlich, was von dem Kind und jungen Menschen von damals in uns noch übriggeblieben ist.

„Er ist so weit gereist, daß er immer noch gerochen, ob seine Mutter Kuchen buk“, sagt ein deutsches Sprichwort.  Wir laden Sie, liebe Leserinnen und Leser der Deutschen Rundschau, ein, uns an Ihren Reisen an die Orte Ihrer Kindheit und Jugend teilhaben zu lassen. Uns interessiert, was Sie unter Heimweh verstehen.

Bitte schreiben Sie uns in kurzen Leserzuschriften, was Sie bei Ihren Reisen in die eigene Vergangenheit und die Ihrer Vorfahren an Sehenswertem und Erfreulichem, aber auch an Nachdenkenswertem und Kuriosem entdeckten. Wir sind sicher, daß sich andere Leserinnen und Leser von Ihren Berichten und Kommentaren ermuntert fühlen, Ihren Pfaden zu folgen und Ihre Beschreibungen nachzuerleben. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.

Mit besten Grüßen aus Kanada

Ihr Juri Klugmann


Liebe Leserinnen und Leser!

Rein zufällig saß Papst Benedikt am 15. April in einer Alitalia Maschine auf dem Flug nach Washington als in Schwerin ein Strafverfahren gegen die Eltern von Lea-Sophie eröffnet wurde.

Lea-Sophie ist tot. Sie starb am 20. November 2007. Als Notärzte ihr Leben zu retten versuchten, wog die Fünfjährige noch 7,4 kg. Es hätten altersgemäß gute zwanzig Kilo sein sollen. Man hatte sie verhungern und verdursten lassen und deshalb läuft gegen ihre Eltern in Schwerin ein Strafverfahren mit Mordanklage.

Grundsätzlich hat dies mit Papst Benedikt und seinem Washington Flug nichts zu tun. Aber der Heilige Vater nutzte die Stunden an Bord auch zur Beantwortung von Journalistenfragen und eine dieser Fragen betraf die lange Kette der Strafverfahren gegen geweihte Priester, die des Missbrauchs an Kindern in den letzten Jahren angeklagt wurden. Rund fünftausend Priester sind allein in den USA beschuldigt worden, sich vergangen zu haben und bis heute hat die Kirche des Heiligen Vaters deshalb über zwei Milliarden Dollar in Form von Schmerzensgeld gezahlt.

Aber was hat das mit Lea-Sophie in Schwerin zu tun? Und mit dem Tod der kleinen Jessica in Hamburg, die im Alter von sieben Jahren starb. Zuletzt nur noch 9,5 kg wog und vom Verzehr der Teppichfasern ihres verschlossenenen Zimmers und der eigenen Haare vergeblich zu überleben versuchte? Oder auch mit dem Tod des kleinen zweijährigen Kevin in Bremen, dessen Leiche man im Oktober 2006 im Kühlschrank der Familie verborgen fand?

In fast all diesen Fällen vollzog sich das Grauen über kürzere oder längere Zeiträume nicht irgendwo, sondern im Regelfall bei uns allen vor der Tür, quasi nebenan. Überall hören wir schon mal etwas Merkwürdiges. Beobachten einen Vorgang, der Fragen aufwirft, ob wir hier nicht doch eingreifen sollten. Aber wenn ja, wie dann? Zumeist wissen wir es einfach nicht!

Die moderne Gesellschaft, die die früheren Modelle des eng verzahnten Zusammenlebens auf Großfamilien- oder Dorfebene als Folge rascher Sprünge in den heutigen Wohlstand überwunden hat und das Prinzip der Nichteinmischung als eine hehre Errungenschaft unseres Zeitalters feiert, meidet den Eingriff in das vermeintliche Privatleben des Nachbarn.

Nur sind es zwischenzeitlich nicht nur die schlagzeilenträchtigen Fälle, wie der der kleinen Lea-Sophie oder jener der priesterlichen Vergehen an zumeist Minderjährigen. Da gibt es die erschrek-kende Schätzung des deutschen Bundesfamilienministeriums aus dem Jahre 2001, wonach jährlich etwa 600 000 Senioren Opfer von familiärer Drangsal werden, wobei zumeist keinerlei Ahndung folgt.

Und wer sich häufiger in Seniorenheimen oder Krankenhäusern für Langzeitpflegefälle aufhält, der erlebt schon mal Grenzsituationen im Umgang der Betreuer mit den ihnen anvertrauten Empfängern von Hilfeleistungen. Manchmal ist es nur ein fahrlässig gesprochenes grobes Wort. Oder eine gelähmte Patientin wird schlecht gefüttert. Und was geschieht, wenn ein bewegungsunfähiger älterer Kranker stundenlang in den verkoteten Windeln liegen bleibt?

In Bonn hat der Altenforscher Rolf Hirsch daher den Verein „Handeln statt Mißhandeln“ gegründet, der sich darum bemüht, im aktuellen Notfall für die sofortige Betätigung einer sozialen Notbremse zu sorgen. In Kanada hat die Schriftstellerin June Callwood in ganz ähnlicher Weise den solidarischen Mut ihrer Mitbürger eingefordert, nämlich im Zweifelsfall laut „Hilfe“ zu rufen, statt wegzusehen.

Derlei Zivilcourage muß eingeübt werden und wer das Wagnis auf sich nimmt zu intervenieren, darf nicht unbedingt damit rechnen, in der engeren und weiteren Nachbarschaft auf sofortigen und lauten Beifall zu hoffen. Soziale Hilfe ist aber dringend geboten. Besonders auch im Hinblick auf die sich weiter in Richtung einer alternden Gesellschaft verschiebenden Strukturen.

Die heute 65-jährigen können, dürfen oder müssen sich in Europa und Nordamerika darauf einrichten, im statistischen Normalfall noch rund neunzehn Jahre zu leben.

J. Joachim Moskau

Macht die Schule unsere Kinder kaputt? So lautete am 7. Februar 2008 die suggestive Themenfrage einer Gesprächsrunde bei Maybrit Illner im ZDF. Damit bündelte die Fernsehmoderatorin die einmal mehr in allen Medien heftig diskutierte Larmoyanz vieler Eltern in den alten Bundesländern, denen zufolge die bereits vor 10 Jahren beschlossenen Reformen in der Bildungspolitik, namentlich die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre, zuviel Druck auf ihre Sprösslinge mache.

Während der einstündigen Runde diskutierten u.a. der Präsident des Lehrerverbandes, der DIHK-Hauptgeschäftsführer und ein Berliner Schulsenator von der SPD über das Für und Wider dieses Schrittes. Dabei tönte ausgerechnet der Lehrerpräsident, dass das sogenannte G8 (8-jähriges Gymnasium) “eine Fehlkonstruktion” sei und “miserabel eingefädelt”.

Der Zuschauer, der selbst sein Abitur in 12 Schuljahren ohne nachhaltigen Schaden an Leib und Seele, und, wohlgemerkt, auch ohne die Möglichkeit der Abwahl von wichtigen, aber unliebsamen Fächern, durchgezogen hat, kann über die Penetranz der Gegner des G8 eigentlich nur verständnislos den Kopf schütteln. Die fehlgeleitete, aber offenbar leider flächendeckende Einstellung vieler Eltern, dass die lieben Kleinen in der Schule möglichst nicht gefordert, sondern nur gefördert werden sollten, und zwar auch nur von 9 bis maximal 14 Uhr, ohne Hausaufgaben, aber dafür mit jeder Menge Freizeit, verkennt ja wohl eindeutig den Sinn und Zweck der Schule und der Schulzeit: Bildung zu vermitteln, sich Bildung anzueignen, und zwar eine solche, auf deren Grundlage man aufbauen kann, sei es im Studium oder in der Arbeit, zum eigenen wie zum Nutzen der gesamten Gesellschaft. Und etwas zu lernen passiert nun mal leider nicht auf Grundlage der Osmosis: du hängst ein paar Stunden lang in der Schule ‘rum und lässt die Umgebung auf dich einwirken – irgendwas wird schon durchdringen. Und nur das, was nach der Schule passiert, ist wirklich wichtig. Diese Haltung gipfelte in der Meinung eines Diskussionsteilnehmers, der das Ganze auf die Formel brachte: eine glückliche Kindheit bestehe aus den drei Fs von Freunde, Freizeit, Faulenzen, und diese drei Fs würden durch das G8 vom Leben der Kinder eliminiert, weil sie sich doch jetzt durch den gestrafften Lehrplan mehr auf den Hosenboden setzen müssten. Welche Zumutung aber auch!

Warum diskutiert man nicht stärker die Methoden der Wissensvermittlung als die Tatsache, dass zum Lernen auch die gelegentliche Anstrengung und Einschränkung gehört? Denn eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Wissenserwerb ist nicht die Länge der zur Verfügung stehenden Zeit (die sich durch eine bessere Organisation auch optimaler ausnutzen ließe), sondern die Einstellung dazu, die Freude am Lernen. Diese zu vermitteln sollte bereits im Vorschulalter beginnen und sich in den weiteren Schuljahren über kompetente Lehrer mit Freude an ihrem Beruf entwickeln. Mit kompetenten Lehrern, solchen, die nicht nur stur den jeweiligen Stoff abarbeiten, sondern fächerübergreifend unterrichten und die Kinder zum selbständigen Lernen anregen, stehen und fallen Qualität wie Attraktivität des Unterrichts sowieso, und an solchen scheint es zunehmend zu mangeln. Man vergegenwärtige sich nur einmal das jetzt vorliegende Ergebnis einer Langzeitstudie der Universität Frankfurt, wonach jeder zehnte Lehrer nach rund vier Berufsjahren ausgebrannt sei. Dies liege allerdings weniger an den schulischen Gegebenheiten, sondern schlicht daran, dass die meisten dieser niemals “gebrannt haben” – will heißen, sie waren schon während des Studiums überfordert und demotiviert. Dieses Phänomen wird allerdings so lange nicht aus der Welt geschafft, wie der Lehrerberuf verunglimpft, verächtlich gemacht und oftmals nur als Verlegenheitsoption gesehen wird, weil man nicht weiß, was man mit seinem Abitur denn nun anderes anfangen soll.

Dass man auch in 8 Jahren Gymnasium gut lernen UND dabei noch reichlich Zeit erübrigen kann für Arbeitsgemeinschaften, Hobbys, Freunde und dergleichen mehr, zeigt nicht nur eigene Erfahrung, sondern auch ein Blick beispielsweise ins Bundesland Sachsen, wo das Abitur schon immer nach maximal 12 Schuljahren abgelegt wird, die Kinder im Bundesdurchschnitt sehr gut abschneiden und sich kaum je ein Schüler über mangelnde Freizeit beklagt. Sollte dies doch der Fall sein, und sich der einzelne Schüler mit stundenlangem häuslichem Lernstress, womöglich noch täglichem Tutorium, ausgesetzt sehen, müssten sich die Eltern eigentlich fragen, ob besagtes Kind wirklich auf’s Gymnasium gehört.

Kaputt macht die Schule unsere Kinder ganz gewiss nicht dadurch, dass Leistung und Disziplin gefordert, benotet und eingeschätzt werden, sondern vielmehr dann, wenn das nicht geschieht.

Oder was meinen Sie?


Unabhängiges Kosovo – wem nützt es?

Seit dem 17. Februar 2008 ist die Zahl der souveränen Staaten auf der Welt um eins gewachsen: das Kosovo. Auf den ersten Blick eine positive Entwicklung, nicht wahr, und maßgebliche Länder allerorten, allen voran die USA, beeilten sich sogleich, dieses neue Gebilde als Staat zu akzeptieren. Denn geglückten Unabhängigkeitsbestrebungen eines bislang unterdrückten Volkes gilt es, moralische und tätige Unterstützung angedeihen zu lassen. Soweit, so richtig. Allerdings sollte man grundsätzlich die Beweggründe hinterfragen, und im Falle des Kosovo sogar ganz besonders.

Das Kosovo war seit der historischen Schlacht 1389 auf dem Amselfeld, in der die Serben in ihrem zentralen Mutterland dem osmanischen Eroberungsbestreben auf dem Balkan unterlagen, bis 1913 ganz der Türkei zugehörig, wurde dann an Serbien und Montenegro aufgeteilt und gehörte erst seit nach dem 2. Weltkrieg ganz zu Serbien, seit 1963 als autonome Provinz. Die Bevölkerung rekrutiert sich zu etwa 75% aus muslimischen Albanern, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts recht friedlich mit den christlich-orthodoxen Serben zusammenlebten. Seit etwa dieser Zeit begannen die Konflikte zwischen beiden Völkerschaften aufgrund schärfer gewordenen nationalstaatlichen Denkens in Europa und aufgrund zunehmender serbischer Unterdrückung der muslimischen Albaner seit 1913. Schon unter Tito erfuhren diese Konflikte eine ständige Eskalation, die dann im Krieg von 1999 kulminierte und sich in der nachfolgenden systematischen Zerstörung christlich-historischen Kulturguts in der Region und Terrorakten der Albaner gegen die Serben einerseits und dem sich ständig steigernden Hass der Serben auf die ihrem historischen Anspruch auf jenes Gebiet im Wege stehenden Kosovaren andererseits fortsetzte. In den folgenden Jahren spitzte sich der Konflikt auf dramatische Weise zulasten der Kosovo-Albaner auf dramatische Weise zu, und so ist die Ausrufung einer unabhängigen Republik Kosovo, wo die muslimische Mehrheit endlich ihr Schicksal selbst bestimmen kann, oberflächlich betrachtet nur die einzig logische Konsequenz. Nur geht es in der Region um weit mehr, als um die Beilegung dieser ethnischen Konflikte. Denn das Kosovo ist ein in vieler Hinsicht strategisch wichtiges Gebiet, überreich an Bodenschätzen, vor allem Braunkohle, deren Vorkommen dort als das größte in Europa gilt, Gold und Kupfer. Bislang wurden diese Bodenschätze vor allem von den Serben und mit serbischen Geldern erschlossen, die Serben hingegen sind eng mit den Russen verbunden und im Falle eines Verbleibens des Kosovo in Serbien behielten letztere die Entscheidungsgewalt über die Verteilung und den Verkauf dieser Bodenschätze samt der dort inzwischen entstandenen Infrastruktur an ausländische Investoren. Ein unabhängiges Kosovo hingegen kann von anderen Interessenten, unter anderen den schon fest dort etablierten Briten und Deutschen, wesentlich besser beeinflusst werden, die sich durch Privatisierung des Flughafens in Prstina, des Postwesens, der Kohlegruben, Stromerzeuger und der Eisenbahn die Filetstücke bereits untereinander aufgeteilt haben.

Warum aber sind die Amerikaner so erfreut über das jetzt formell unabhängige Kosovo? Ist es allein die Genugtuung darüber, dass das humanistische Prinzip der Selbstbestimmung wieder einmal triumphierte? Diese Frage beantwortet sich eigentlich von selbst, richtet man seine Aufmerksamkeit zunächst auf Camp Bondsteel, den KFOR Hauptstützpunk der USA südlich von Prstina, ausgebaut von der Firma Kellogg, Brown & Root, einer Tochter von Halliburton, die im Irak heute Umsätze in Milliardenhöhe macht. Dieses Militärgelände will die USA auf 99 Jahre pachten, um so eine ständige militärische Präsenz in diesem Gebiet zu erhalten. Die Serben sind den USA seit dem Balkankrieg aus verschiedenen Gründen keine Verbündeten mehr und neigen sich mehr den Russen zu, eine ständige militärische Präsenz auf dem Balkan ist aber für die USA von hoher Bedeutung, und so deckt sich die Abspaltung des Kosovo gut mit diesen Interessen.

Die Unternehmung Bondsteel wird u.a. auch von Aserbaidschan unterstützt, und hier eröffnet sich ein weiterer interessanter Blickwinkel auf die Interessenlage im Kosovo: Aserbaidschan am Kaspischen Meer herrscht über gewaltige Rohölvorkommen, und die USA, wie auch europäische Konsumenten, betrachten diese Quelle als willkommene Alternative zur Abhängigkeit von arabischem Erdöl. Wichtig dabei ist natürlich der Transport der wertvollen Fracht, und es existieren bereits mehrere Rohrleitungen, die die Lieferung vom Kaspischen zum Schwarzen Meer sicherstellen, von wo aus dann der Weitertransport in Tankern erfolgt. Leider verläuft der Haupttransportweg vom Schwarzen Meer zu den Raffinerien im Mittelmeer und weiter durch die Meerenge des Bosporus, und mit zunehmender Ölproduktion wird der Schiffsverkehr dort zu sehr belastet und stellt außerdem ein sich ständig erhöhendes Sicherheitsrisiko hinsichtlich potentieller Umweltkatastrophen dar. Also müssen Umgehungsprojekte geschaffen werden, die sich auch unabhängig von Russland realisieren lassen. Eines davon ist die AMBO-Pipeline, die sich vom bulgarischen Schwarzmeerhafen Burgas über 894 km quer durch den Balkan nach Vlore an der albanischen Adria-Küste erstrecken, 1,5 Milliarden US Dollar kosten und täglich 750,000 Barrels Öl transportieren soll. Das AMBO (Albanian-Macedonian-Bulgarian-Oil) -Konsortium ist in den USA registriert und hat enge Verbindung wiederum zu Halliburton. Es geht nun den USA darum, dieses Projekt vom Eis zu bekommen, bevor die russische Gazprom oder die französische Total den Wettbewerb gewinnen.

Die Rohrleitung soll in Albanien enden, und die Wichtigkeit, das Wohlwollen der Albaner gegenüber den USA durch amerikanische Unterstützung der kosovarischen Unabhängigkeit gegen Serbien zu sichern, muss wohl nicht weiter erklärt werden. Dabei sollen natürlich der Einfluss der USA in Europa gefestigt und die Einflussnahme seitens der Europäer gemindert werden.

Somit hat wieder einmal ein Kaiser, dem die Welt hinterherläuft, keine Kleider an.


Liebe Leserinnen und Leser!

Ein Videofilm hat Deutschland aufgewühlt: Man sieht, wie in der Münchner U-Bahn zwei Gestalten einen Mann schlagen, zu Boden reißen und dem Hilflosen mit unfaßbarer Gewalt vor den Kopf treten. Die Täter: 17 und 20 Jahre alt. Der Mann am Boden: ein 76jähriger Rentner. Er hatte die beiden in der U-Bahn aufgefordert, ihre Zigaretten auszumachen.

Deutschland diskutiert nun über „Jugendgewalt“. Und natürlich wieder über „Ausländer raus“. Denn die beiden Männer haben „Migrationshintergrund“: Aus der Türkei ist die Familie des einen, aus Griechenland die des anderen. „Abschieben“, tönt es – und darin zeigt sich wieder die ganze Misere deutscher Immigrationspolitik: Erst holt man die Leute ins Land. Dann weigert man sich, sie und ihre Kinder als Einwanderer zu integrieren. Dann wundert man sich, wenn die deklassierten jungen Männer sich mit Gewalt gegen die „Scheißdeutschen“ groß tun. Und schließlich will man sie einfach rauswerfen, „nach Hause“, auch wenn sie ihre angebliche Heimat nie gesehen haben.

In Wahrheit ist alles komplizierter. Richtig ist wohl, wie der „Spiegel“ schrieb, daß unbeschäftigte, frustrierte junge Männer seit jeher und überall ihren Hormonstau gern in Gewaltorgien abbauen und sich so selbst definieren. Richtig ist auch, daß „ausländische“ Jugendliche in Deutschland einen überproportional hohen Anteil an solchen Gewalttaten haben. Und das mag auch mit ihrem kulturellen Hintergrund zu tun haben, der Gewalt und Machogehabe anders wertet als wir. Vor allem aber ist Jugendgewalt ein Phänomen der Zukurzgekommenen, unter denen sich nun mal besonders viele Migrantenkinder befinden. Insofern hat Deutschland ein Problem mit schlecht integrierten Migranten, wie etwa Frankreich auch.

Jenes neue, keineswegs nur deutsche Phänomen wiederum, daß jugendliche Gewalt überhaupt keine Grenzen mehr zu kennen scheint, daß zu Tode getrampelt wird, wer längst am Boden liegt, daß junge Versager als waffenstarrende Terminators mit einem finalen Blutbad abtreten – woran sonst soll es liegen als an der widerwärtigen Gewaltverherrlichung in einschlägigen Filmen und Computerspielen, vor denen wir unsere Kinder sitzen lassen, bis sie die Realität nicht mehr von der kunstbluttriefenden Bilderwelt trennen können?

Im übrigen bietet der Münchner Vorfall wenig Grund, mit dem Finger bloß auf Jugendliche zu zeigen. Denn was war noch der Anlaß? Die jungen Männer wollten rauchen, wo es verboten war und wo sie es aus Rücksicht auf andere ohnehin nicht hätten tun sollen. Jemand hat sie darauf hingewiesen und fast mit dem Leben dafür bezahlt. Aber – so sind wir doch fast alle! Jedenfalls in Deutschland: Ich, ich, ich – wir tun, was uns gefällt. Ob’s jemanden stört, das kümmert uns nicht. Ob’s verboten ist, auch nicht. Und wenn uns jemand darauf hinweist, ist er ein blöder Spießer und kriegt dumme Antwort – wenn er Glück hat. Deswegen haben auch alle in der U-Bahn weggeguckt, als die unverschämten Raucher ihr späteres Opfer anpöbelten. Gemeinsinn? Zivilcourage? Bringt nix.

Die Brutalität ist es, mit denen sich die jugendlichen Schläger noch abheben. Aber nicht mal das stimmt eigentlich: Wenn, nur ein Beispiel, in deutschen Städten immer häufiger mit hoher Geschwindigkeit und mit voller Absicht bei Rot über Ampeln gefahren wird, gern auch mit überschweren Geländewagen, gegen die Kinder kaum eine Chance haben, womöglich mit vormontierten „Kuhfängern“ als Fußgängerkillern – was anders ist das als ego-gesteuerte, sinnlose, illegale, brutale und potentiell tödliche Gewalt?

„Erziehungscamps“ heißt nun, neben „Ausländer raus“, das populistische Patentrezept. Mal abgesehen von der höchst trüben deutschen Lager-Tradition: Wenn man die Sache ernst nehmen wollte, würden die „Camps“ schnell voll werden. Mit ungezogenen Erwachsenen.

Martin Kuhna

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