Editorial Dezember 2007 / Januar 2008


Integration durch Bildung

Liebe Leserinnen und Leser!

Im Ausland ist jeder Ausländer. Um zu erfahren, was es heißt, fremd zu sein, muß man jedoch nicht unbedingt Ausländer sein. Als Kind im Nachkriegsdeutschland verboten mir meine Eltern, mit Flüchtlingskindern zu spielen. Wenn ich daran zurückdenke, fällt mir das Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ von Franz Josef Degenhart aus den 60er Jahren ein, in dem es weiter heißt „So sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor“. Fremd kann der Norddeutsche sein, der nach Bayern kommt, der Ostdeutsche, der in den Westen geht.

Im Jahr 2006 sind rund 662.000 Menschen nach Deutschland gezogen, gleichzeitig verlegten 639.000 ihren Wohnsitz ins Ausland. 155.300 sind offiziell ausgewandert, der höchste Auswanderungsstand seit 1954. Die Zahl der Einwanderer hingegen ging um 4% gegenüber dem Vorjahr zurück.

Rund 6,7 Millionen Ausländer leben heute in Deutschland, das sind etwa acht Prozent der Gesamtbevölkerung. Aus den Gastarbeitern, die in den 50er und 60er Jahren angeworben wurden, und von denen man glaubte, daß sie nur vorübergehend im Lande bleiben würden, sind Migranten geworden. 15 Millionen Menschen aus 200 Staaten haben das, was man Migrationshintergrund nennt, und stellen fast ein Fünftel der Bevölkerung der Bundesrepublik. Jede fünfte Ehe ist binational. Jedes vierte Neugeborene hat einen ausländischen Elternteil, doch in Deutschland geborene Kinder sind inzwischen deutsche Staatsbürger. In großen westdeutschen Städten kommen bis zu 40 Prozent der Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Etliche Grundschulklassen deutscher Großstädte haben bereits 50% oder mehr Ausländerkinder.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat die Situation von Einwandererkindern weltweit untersucht. Länder wie Kanada, die Niederlande und Schweden stuft sie als vorbildlich ein und lobt Australien und Neuseeland, die einen wesentlich höheren Migrantenanteil haben als Deutschland, weil sie den Kindern vor allem durch intensive Sprachförderung helfen, sich im neuen Land zu integrieren. Das deutsche Schulsystem jedoch versage wie kein anderes vergleichbarer Industrienationen bei der Förderung von Migrantenkindern, weil es zehnjährige Schüler auf verschiedene Schulformen aufteilt und Ausländer- und Problemkinder in den Hauptschulen konzentriert, heißt es in der jüngsten Studie.

Kinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse haben in Deutschland keine Chance auf Schulerfolg und damit auf einen Ausbildungsplatz, sagt Faruk Sen, Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien, und verweist darauf, daß die Arbeitslosenquote von türkischen Migranten bei über 25 Prozent liegt.

Bildungsfachleute und Politiker nahmen die OECD-Studie zum Anlaß, in Berlin über „Integration durch Bildung“ zu diskutieren. „Sprache erlernen, ein gegenseitiges Gefühl für unterschiedliche Kulturen bekommen und gemeinsames Miteinander üben, sind die wesentlichen Bestandteile von Integration, und diese sind eng an die Schule geknüpft“, weiß die ehemalige Schulleiterin und heutige Schulberaterin Enja Riegel. Doch weil „deutsche Schulen noch immer reine Lernkäfige sind“, versagen sie bei der Integration von Ausländerkindern.

Ausnahmen wie die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund, im letzten Jahr als beste Schule Deutschlands ausgezeichnet, beweisen, daß eine Schule trotz Ausländeranteil von 85% erfolgreiche Integration leisten kann. Es gehe nicht in erster Linie um Ausländerkinder, sondern um Kinder, sagt Enja Riegel, und diese Schule sei erfolgreich, weil sich die Lehrer auch um die Eltern kümmern und frühzeitig deren Vertrauen gewinnen. Inzwischen haben sowohl Politik als auch Wirtschaft gemerkt, daß es immer mehr kostet, wenn man diese Kinder vernachlässigt und erkannt, daß Integration nicht nur eine menschliche Verpflichtung ist, sondern sich auch wirtschaftlich auszahlt.

Wenn nun auch Bundeskanzlerin Merkel vor dem Hintergrund von Gewalttaten, Kriminalität und Krawallen zwischen ethnischen Gruppierungen bessere Chancen für Migrantenkinder „fordert“, dann kann man sich eigentlich nur wundern. Schließlich sitzt sie ja genau an der Stelle, an der sie Dinge bewegen könnte. Oder teilt auch sie bereits jene ernüchternde Erkenntnis der amerikanischen Altpräsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton, die feststellen, daß sie im Präsidentenamt niemals auch nur einen annähernd vergleichbaren Handlungsspielraum hatten, etwas zum Guten zu bewegen, wie heute in ihren Stiftungen? Das muß einem doch sehr zu denken geben und rückt den Traum von einer friedlichen Welt in weite Ferne.

Liebe Leserinnen und Leser, im Namen von Herausgeber Juri Klugmann und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Rundschau bedanke ich mich für Ihre Unterstützung in diesem zu Ende gehenden Jahr. Ihre zahlreichen Leserbriefe und Telefonanrufe, Vorschläge und Ideen und die vielen Beiträge unserer ehrenamtlichen Korrespondenten haben unsere Weltzeitung für Deutschsprechende entscheidend mitgeprägt. Der Dialog mit Ihnen ist das Herz unserer Zeitschrift, und wir schätzen jede Zuschrift hoch. Als „Ausländer im Ausland“ kennen wir Integration und ihre Probleme aus eigenem Erleben. Es wäre schön, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen.

Mit den besten Wünschen für ein gutes Neues Jahr 2008

Ihre Elisabeth von Ah


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2 Kommentare zu “Editorial Dezember 2007 / Januar 2008”
  1. Achim Wolf schreibt hierzu:

    Härtere Strafen für kriminelle Jugendliche?

    Strafbar zu nennen wäre jedenfalls die Dummheit, Hilflosigkeit, Unwissenheit und Inkompetenz der meisten Politiker und Verantwortlichen bezüglich des Entstehens von Gewalt und bezüglich der Mittel und Wege zur Vermeidung von Gewalt und Aggression.

    Härtere Strafen bekämpfen nur die Wirkungen, nicht die wahren Ursachen der Jugendkriminalität. Die Erziehungsverantwortlichen müssen den Kindern von klein auf menschliche Werte und Tugenden vermitteln und vorleben, wie Ehrfurcht und Ehrwürdigkeit, das Wissen um die Gleichheit und Gleichwertigkeit allen Lebens, Respekt, Toleranz, Mitgefühl und Harmonie im Umgang miteinander. Durch das tägliche Üben einer zweckdienlichen, neutralen Meditation kann der Mensch Liebe, Frieden, Freiheit, Ruhe, Freude und Ausgeglichenheit in seinem Inneren schaffen, wodurch er ein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt und aus eigener Kraft zu einem wahren Menschen wird, der seine Mitmenschen und alles Leben achtet.

  2. Wolfgang Reith schreibt hierzu:

    Völlig richtig weist Elisabeth von Ah auf die Tatsache hin, daß 2006 so viele Menschen Deutschland verlassen haben wie seit 1954 nicht mehr. Und 2007 sind es übrigens noch einmal mehr gewesen, selbst wenn die offiziellen Zahlen noch nicht vorliegen. Die Auswanderer waren vor allem gut ausgebildete junge Menschen, die keine Zukunftsperspektive in Deutschland sahen, was Frau von Ah leider nicht erwähnte.

    Ebenso richtig ist die Feststellung, daß klassische Einwandererländer wie Kanada, Australien und Neuseeland bei der Integration von Ausländern einen wesentlich größeren Erfolg vorweisen können als Deutschland. Das gilt aber auch, wie gleichfalls korrekt erwähnt, für Schweden oder die Niederlande. Für das letztgenannte Land allerdings erst seit einigen Jahren, nachdem seine vormals liberale Ausländerpolitik gescheitert war und radikale Änderungen vollzogen wurden. Warum ist das nun in Deutschland anders?

    Vor allem die genannten klassischen Einwandererstaaten haben es stets verstanden, gut ausgebildeten Menschen aus anderen Ländern der Welt attraktive Angebote zu machen und damit Perspektiven zu verschaffen. Wer keine Ausbildung vorweisen konnte, wurde gar nicht erst hereingelassen. Die Neuankömmlinge bauten sich dann eine Existenz auf, schafften zum Teil selbst Arbeitsplätze, zahlten Steuern, erlernten die Sprache und integrierten sich so schnell. In Deutschland war es seit Jahren umgekehrt: Man ließ vor allem ungelernte Kräfte samt deren Großfamilien in Scharen herein, die dann oft sofort oder aber nach kurzer Zeit in die Sozialsysteme Eingang fanden, also dem neuen Staat, den sie auch nie als eine neue Heimat betrachteten, auf der Tasche lagen.

    Wenn Frau von Ah aus der OECD-Studien zitiert, die Deutschland vorwirft, den ausländischen Schülern keine intensive Sprachförderung zukommen zu lassen, dann ist das bis zu einem bestimmten Punkt sicherlich korrekt. Jahrelang wurden Ausländer in Deutschland damit vertröstet, sie brauchten die deutsche Sprache nicht zu erlernen, denn alle wichtigen Formulare seien auch in den verschiedenen Muttersprachen der Einwanderer vorhanden. Wer daran Kritik übte und von den eingewanderten Ausländern das Erlernen der deutschen Sprache einforderte, geriet in den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit und wurde oft sogar in die rechtsradikale Ecke gedrängt. Erst seit wenigen Jahren hat man nun auch in Deutschland begriffen, daß Einwanderer ohne das Erlernen der Sprache keine Zukunft hier haben und bietet verstärkte Sprachförderung an. Leider wird diese aber oft nicht angenommen, weil der ersten und zum Teil auch der zweiten Generation von Ausländern keine Deutschkenntnisse abverlangt wurden und sie nun nicht einsehen wollen, warum ihre Kinder und Enkel - also die dritte hier lebende Generation - plötzlich genötigt werden sollen, Deutsch zu lernen.

    Hinzu kommt folgendes: Wie oben schon betont, handelt es sich bei der großen Masse derjenigen, die nach Deutschland strömen, um Menschen aus einem bildungsfernen, ja auch bildungsrenitenten Milieu. Der primitive anatolische Bauer, der zudem noch mittelalterliche Anschauungen mit nach Deutschland transferiert hat und diese hier selbstverständlich ausleben möchte - ohne Rücksicht auf die ihn umgebende moderne Industriegesellschaft - freut sich zunächst, wenn er hier Arbeit findet, er freut sich dann aber nach dem Verlust der Arbeit genauso darüber, daß er mühelos von den Leistungen des Arbeits- und/oder des Sozialamtes leben kann, was in der Türkei undenkbar wäre. Also bleibt er gerne in Deutschland und holt auch noch den Rest der Familie nach, die ebenfalls in die Sozialsysteme einwandert.

    Die archaische Lebensweise der Einwanderer insbesondere aus islamischen Staaten ist denn auch das Hauptproblem bei der Nicht-Integration. Oder um es deutlich zu sagen: Mit den zuerst eingewanderten Italienern, Spaniern, Griechen oder Portugiesen hat es in Deutschland von jeher kaum Probleme gegeben. Diese kamen vielmehr erst mit den eingewanderten Türken, den Libanesen und den Zuwanderern aus anderen islamischen Staaten (einschließlich Bosnien und dem Kosovo). Diese Realität hat sich entweder bis zu unseren Politikern noch nicht herumgesprochen, oder aber diese wagen sie nicht offen auszusprechen aus Angst vor dem Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit oder gar der “Deutschtümelei”. Deshalb bleibt auch die von der OECD angesprochene “Integration durch Bildung” zumeist Makulatur, denn wer nicht lernen, sich nicht bilden will, wer die Sprache seines Gastlandes nicht erlernen will und es ja sogar auch schafft, ohne Deutschkenntnisse hier relativ gut durchzukommen, der bleibt nicht integrierbar und bildet für alle Zeit einen explosiven gesellschaftlichen Sprengstoff. Ich möchte in diesem Zusammenhang anmerken, daß ich seit vielen Jahren als Schulleiter an einer Schule mit einem Ausländeranteil von inzwischen über 70 Prozent im Duisburger Norden tätig bin, einem sozialen Brennpunkt mit einer Gesamtarbeitslosigkeit von nahezu 30 Prozent und wo fast jeder zweite ausländische Jugendliche ohne Arbeit ist. Ich weiß deshalb nur allzu gut, wovon ich rede…

    Wolfgang Reith, Neuss/Deutschland

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