Editorial November 2007
Liebe Leserinnen und Leser!
Alle drei Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind an vermeidbaren Krankheiten, an Erschöpfung, an Gewalttätigkeit, an Hunger und Durst. Jährlich werden etwa 246 Millionen Kinder als Bettler, Arbeitssklaven und Prostituierte verkauft, werden 250 000 Kinder unter 18 Jahren zum Kämpfen in kriegerischen Auseinandersetzungen gezwungen. Etwa eine Million Kinder arbeiten in Bergwerken und Steinbrüchen Lateinamerikas, Asiens und Afrikas.
Laut WHO leben 33 Millionen Kinder weltweit auf der Straße, werden in Verhältnisse hineingeboren, die für Bürger in Wohlstandsgesellschaften schlicht unvorstellbar sind, müssen darin leben und sterben daran. Ein Menschenleben ist in vielen Teilen der Erde nicht viel wert, ein Kinderleben oft nur dann, wenn das entsprechende Kind für ein paar jämmerliche Dollars verkauft werden kann, häufig von den eigenen Eltern, die so bitter arm sind, daß sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Skrupellose Händler nutzen solche Notsituationen aus. Inzwischen ist Kinderhandel zu einem lukrativen, weltweit florierenden Geschäft geworden, denn es gibt ja die ebenso skrupellosen Abnehmer der „Ware Kind“, also Menschen, die nichts Schlimmes daran finden, wehrlose Kinder körperlich und sexuell zu mißbrauchen, ihnen Lohn, Nahrung, Zuwendung und Bildung vorzuenthalten, sie bis aufs Blut zu peinigen und auszubeuten.
![]() Klaus Cadsky Cartoon |
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50 Millionen Knöpfe verarbeitet |
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(Karikatur: Klaus Cadsky – “Nico”) |
Ob es sich dabei um ganz junge Mädchen aus Asien oder zunehmend aus osteuropäischen Staaten handelt, die in die Prostitution gezwungen werden, um vierjährige pakistanische Buben, die in Saudi-Arabien Kamele in Wettkämpfen reiten müssen, um unter 15-jährige aus Kolumbien oder Angola, denen zwecks optimalem Einsatz in bewaffneten Auseinandersetzungen durch Drogen und Gewalt systematisch jedwedes ethisch-moralische Bewußtsein ausgetrieben wird – an ihnen allen und an unzähligen Anderen werden jeden Tag Verbrechen begangen.
Erschreckend hierbei ist auch die Tatsache, daß anderweitig „unbescholtene“ Bürger sich maßgeblich an diesen Verbrechen beteiligen, indem sie etwa minderjährige Prostituierte entweder im eigenen Land kaufen oder eigens dafür weite Reisen unternehmen, beispielsweise nach Thailand oder Kenia. Sextouristen in den Küstenregionen des letztgenannten Landes, die auf Minderjährige zwischen 12 und 17 Jahren ausgehen, rekrutieren sich zu 18 Prozent aus Italien, zu 14 Prozent aus Deutschland und zu 12 Prozent aus der Schweiz(1).
Und was ist mit den Europäern oder Nordamerikanern, die Kinder vor allem aus Guatemala gegen Geld adoptieren, Kinder, die ihren Eltern laut Unicef entweder gestohlen oder abgeschwatzt wurden? Hier mag man einwenden, daß solchen Kindern womöglich eine Zukunft in Armut erspart wird. Dennoch bleibt es ein ethisch fragwürdiges Handeln an den Kindern, die aus ihrem Kulturkreis gerissen, von ihren Familien getrennt werden, um als gekaufte Ware ansonsten kinderlosen Paaren einen weiteren Konsumwunsch zu erfüllen.
Kinder sind wehrlos, manipulierbar, billigste Arbeitskräfte, können in jeder Art und Weise mißbraucht werden, und solange sie ungebildet bleiben, produzieren sie ihrerseits wieder manipulierbaren, ungebildeten und ausnutzbaren Nachwuchs. Mit dem stetigen weiteren Ansteigen der Weltbevölkerung wird sich die Situation der Kinder in den Ländern mit dem stärksten Bevölkerungswachstum noch sehr viel weiter verschlechtern, denn in den ärmsten Ländern gibt es die meisten Geburten. In diesen Ländern gibt es beispielsweise keine staatlichen Sozialversicherungssysteme, und so ist eine große Kinderschar oftmals die einzige Hoffnung der Familie, nicht Hungers zu sterben.
Wie also ist der Situation beizukommen? Individuelle Geldspenden gutherziger und wohlmeinender Einzelpersonen helfen sicherlich punktuell und vorübergehend, packen das vielschichtige Übel aber nicht bei der Wurzel. Kinderhandel, Kinderpornographie, Kinderprostitution und Kinderarbeit unter menschenunwürdigen Verhältnissen müssen ausgemerzt werden. In armen Regionen müßten mit Hilfe der entwickelten Nationen viel mehr Schulen gebaut werden, die unentgeltlich Bildung vermitteln. Nur wie überwindet man jahrhundertealte Überzeugungen in vielen Kulturen, wonach Kinder zu arbeiten haben, sobald sie laufen können, anstatt in die Schule zu gehen, selbst wenn diese nichts kostet? Oder wie rottet man das tiefsitzende, weitverbreitete Vorurteil aus, wonach speziell Mädchen keine Schulbildung brauchen?
Gut ausgebildete Kinder, die lernen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, sind besser in der Lage, sich selbst zu helfen und bringen damit auch die Gesellschaft voran. Um dieses Ideal langfristig zu erreichen, sollten wir bei unseren eigenen Kindern beginnen. Nämlich versuchen, ihnen die bestmögliche Ausbildung zugänglich zu machen, sie zu moralisch, sozial und politisch verantwortlichen Menschen zu erziehen. Vielleicht gelingt es dann eines Tages, elende Verhältnisse und damit die Situation der Kinder weltweit zu verbessern.
A. Liane Harmat
(1)Quelle: http://www.fairunterwegs.org
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