Editorial August / September 2007
Kein Platz für wilde Tiere
Liebe Leserinnen und Leser!
sicher kennen viele von Ihnen Al Gores preisgekrönten Dokumentarfilm über die Zukunft der Erde „An Inconvenient Truth – eine unbequeme Wahrheit“. Am meisten berührt mich die Szene, in der ein Eisbär auf der Suche nach den immer seltener werdenden Eisschollen ertrinkt. Sind Sie ebenso wie ich darüber entsetzt, daß die kanadische Regierung trotz massiver weltweiter Proteste auch im Jahr 2007 wieder 270.000 Seehundbabys zum Töten freigegeben hat? Vielleicht haben Sie schon gehört, daß die letzten 2000 Bergkaribus in den Regenurwäldern des Landesinneren von British Columbia kaum noch eine Chance haben, das nächste Jahrzehnt zu überleben, weil ihr Lebensraum zunehmend abgeholzt wird. Und daß Grizzlybär Bruno, der nach 150 Jahren als erster seiner Art wieder deutschen Boden betrat, letztes Jahr erschossen wurde, ist Ihnen sicher noch in Erinnerung.
Wir, die privilegierten Einwohner der westlichen Industrieländer, zeigen mit Fingern auf Dritte-Welt-Länder, die Elefanten, Tiger, Menschenaffen nicht nachhaltig schützen – das Java-Nashorn zum Beispiel, mit einem Bestand von weniger als 60 Tieren das seltenste Großsäugetier der Welt – obwohl wir mit unseren eigenen heimischen Tieren ebenso verfahren. Für den Artenschwund, den „Todeskampf der Tiere“, wie ihn der SPIEGEL nannte, sind die mehr als sechs Milliarden Menschen verantwortlich, die inzwischen die Erde bevölkern. Sie benötigen immer mehr Lebensraum und verändern ihn radikal nach ihren Vorstellungen. So wurde in den vergangenen hundert Jahren die Hälfte aller Tropenwälder abgeholzt und die Hälfte der Sümpfe trocken gelegt.
Asiatische Nashörner sind in großer Gefahr
Überall auf der Erde töten Bauern große Raubtiere, weil sie ihre Farmtiere reißen. Der Handel mit seltenen Tieren und Pflanzen, Umsatz 30 Milliarden Dollar pro Jahr, davon ein Drittel illegal und kriminell,
![]() Indian_Rhinoceros |
(Foto: colint / Wikipedia Creative Commons Attribution
|
Diese Alternativen sind bis heute nicht in Sicht in der paradoxen Situation, daß die Weltbevölkerung in den Entwicklungs- und Schwellenländern wie China und Indien stetig wächst, während die Industrieländer die katastrophalen Folgen ihres Geburtenrückgangs und ihrer Überalterung beklagen und diese Entwicklung durch finanzielle Anreize zum Kinderkriegen aufzuhalten versuchen.
![]() Shark plus Poem |
(Foto: Michael Mardner / Text: Elisabeth von Ah) |
Der Mensch hat bis heute nicht erkannt, daß er Teil der Natur ist und die Vielfalt der Natur braucht. Offensichtlich hat er den Befehl „Macht euch die Erde untertan“ aus dem ersten Buch Moses nicht als Verpflichtung verstanden, den Lebensraum Erde und die Wesen, die ihn bevölkern, verantwortungsvoll zu schützen, sondern er mißbraucht ihn, sein Machtstreben und seine Gier gnadenlos zu befriedigen.
Rücksichtnahme, Einschränkung und Verzicht auf liebgewordenen Komfort sind keine menschlichen Eigenschaften. Machtstreben und Gier hingegen ziehen sich wie ein Roter Faden durch die Geschichte des Homo Sapiens und hinterlassen bis heute grausame Spuren. Doch kann man von einer Art, die vor Gewalt gegen die eigene Rasse und vor Kriegen und Völkermord wie zur Zeit Darfurs nicht zurückschreckt, Mitleid für Tiere in Not erwarten?
Immer mehr Menschen auf der Erde haben sich von natürlicher Lebensweise entfernt und verschanzen sich und ihren Besitz hinter Zäunen und Alarmanlagen. Muß es nicht zu denken geben, daß sich heutige Spitzenpolitiker zu ihren Treffen wie jüngst beim G8-Gipfel in Heiligendamm durch einen 13km langen Zaun von den Menschen abschotten, für deren Wohl sie Politik machen sollten, in einer künstlichen Scheinwelt konferieren, für Fotografen bei strahlendem Sonnenschein posieren und von ihren Mitarbeitern lediglich durch SMS über das Weltgeschehen auf dem Laufenden gehalten werden?
Die Geschichte zeigt, daß von Menschen, die einem politischen Kalkül folgen, keine Veränderungen und Entscheidungen zu erwarten sind, die langfristig angelegt sind und auf Vernunft, Einsicht und Verantwortungsgefühl fußen. Um den Traum von einer besseren Welt nicht sterben zu lassen, in der Menschen-, Eisbär- und Bergkaribukinder gleichermaßen eine Zukunftschance haben, bedarf es des Engagements von uns allen. Alle vier Jahre einmal wählen, ist kein Alibi, uns aus der Verantwortung zu stehlen. Der Einsatz von jedem von uns, ob allein oder in einer Organisation, ob als Aktivist oder zahlender Förderer oder als Unterstützer einer freien und engagierten Presse, ist erforderlich. Nur wenn wir selbst unsere Bedürfnisse einschränken und die Regierenden und wirtschaftlich Mächtigen zu einer verantwortungsvollen Politik zwingen, deren Entscheidungen wie bei den indianischen Ureinwohnern Nordamerikas auf das Wohlergehen von vier Generationen im Voraus angelegt sind, besteht die Hoffnung, daß die mahnende Vision, die Bernhard Grzimeks 1956 in seinem legendären Film „Kein Platz für wilde Tiere“ aussprach, nicht noch mehr Realität wird.
„Was wäre der Mensch ohne die Tiere?“, fragte Indianerhäuptling Seattle 1854 im Brief an den „großen weißen Vater“. Er selbst gab die Antwort: „Wären alle Tiere fort, dann stürbe der Mensch an großer Einsamkeit des Herzens.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Wie immer freuen wir uns auf den Dialog mit Ihnen und auf Ihre Zuschrift
Elisabeth von Ah
Sie können alle Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 Feeds verfolgen.
Sie können am Ende des Beitrages einen Kommentar hinterlassen. Pings sind im Moment nicht erlaubt.


Schreiben Sie einen Kommentar