Editorial Februar 2007


Liebe Leserinnen und Leser!


Politische Korrektheit führt zum Übel –
Was der Rücktritt des Warschauer Erzbischofs auch lehrt


Kennen Sie den? Warum durften in Polen nach 1945 neue Kirchen nur als Rundbau entstehen? – Damit sich Kommunisten nicht in der Ecke vestecken konnten.

Heuchelei, Verlogenheit, bequeme Anpassung, all dies sind leider recht oft Merkmale des alltäglichen Daseins. Im Regelfall versucht man potentielle Fallen durch geschickte Tarnung zu umgehen. Lippenbekenntnisse sind nicht die Ausnahme, eher die Regel. Und warum auch nicht, geht es doch durchweg um kleine Nebensächlichkeiten, um läßliche Sünden also.

Manchmal aber, dies zeigt der kürzlich erzwungene Rücktritt des erst im Dezember ernannten neuen Erzbischofs von Warschau, Stanislaw Wielgus, erwachsen aus vermeintlich kleinen Fehltritten unabsehbare Folgen, die die Urheber erst nach langen Jahren einholen.

Erzbischof Stanislaw Wielgus
(Foto: Courtesy of Instytut Swiêtej Rodziny)

Weil Wielgus vor guten dreißig Jahren in der damaligen Bundesrepublik Deutschland studieren wollte, unterschrieb er ein Formular der polnischen Geheimpolizei, der zu recht gefürchteten Sluzba Bespieczentswa (SB). Dies, so der Vorwurf, sei seine Bereitschaftserklärung gewesen, der Geheimpolizei, die im Volksmund als Esbecja einen üblen Ruf hatte, zu Diensten zu sein. Ob Wielgus je schuldhaft gehandelt hat, bleibt offen. Gegenbeweise liegen nicht vor.

Fest steht dies: am 2. Dezember 2006 unterschrieb Wielgus eine zweite Erklärung, nämlich einen schriftlichen Eid. In diesem Eid, den der Vatikan forderte, bevor Wielgus zum Erzbischof ernannt wurde, liest man „daß ich mich während der Begegnungen und Gespräche, die ich vor meinen Auslandsreisen in den 70er Jahren mit Vertretern der Miliz und der Spionage hatte, niemals gegen die Kirche ausgesprochen habe. Und daß ich nie etwas Schlechtes gegen Priester oder Laien gesagt habe.“

Als Persilschein in quasi eigener Sache ist dieser Text nicht eben überzeugend. Aber kommt es darauf entscheidend an? Steht nicht vielmehr nach dem Rücktritt des Erzbischofs die peinliche Frage im Vordergrund, wem aus der Affaire letztlich der größte Schaden erwächst? Wielgus, der polnischen Kirche, dem Vatikan?In Polen überschlagen sich die Skandalmeldungen. Plötzlich ist die Rede von insgesamt zwölf Bischöfen, die möglicherweise zu SB-Spitzeln wurden. Kardinal Glemp, der aushilfsweise nach dem Wielgus-Rücktritt in sein altes Amt als Warschauer Erzbischof zurückgekehrt ist, sprach zeitweise von bis zu 15% der polnischen Geistlichen, die als „kompromittiert“ galten.


Die Johanneskathedrale (Archikatedra sw. Jana Chrzciciela) in der Altstadt der polnischen Hauptstadt Warschau ist seit 1798 Domkirche des Erzbistums Warschau und zugleich die älteste Warschauer Kirche.
(Foto: Artur Stopyra)

Ähnliche Probleme gab es ja auch in den ersten Jahren nach der Wende in den damals noch so jungen Neuen Bundesländern. Nach Stasiunterlagen waren etwa 4,7% der insgesamt 5741 DDR-Geistlichen in Diensten des Ministers Mielke.

Was unter dem Strich tatsächlich bleibt, ist ein widerwärtiger Nachgeschmack, der diesen zeitgeschichtlichen Episoden anhaftet. Das moderne Polen könnte unter diesen Umständen – bevor es jetzt ans hausinterne Großreinemachen geht – eine Lernanleihe in Südafrika aufnehmen. Dort nämlich vollzog sich der Wandel von einer rein weissen Unterdrückerminderheit zur heutigen Republik unter ausdrücklicher Ausklammerung der entsetzlichen Vergehen des Apartheid-Regimes.

Und in genau diesem Sinne haben sich ja glücklicherweise die polnischen Bischöfe auch an ihr Kirchenvolk gewandt. Jene Kräfte aber, die jetzt die Stunde für gekommen halten, eine Abrechnung um jeden Preis zu vollziehen, die ihre Political Correctness beweisen wollen, verhalten sich ähnlich wie ethnische Säuberer in Serbien, Kroatien, Kosovo, Ruanda und im Irak. Ihnen geht es um gespenstische Aburteilungen, wie man sie aus der französischen Revolution kennt oder auch aus der großen sowjetischen Säuberungswelle der Jahre 1936 bis 1938. Damals, so weiß man heute, wurden von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des 1934er 17. Parteitages der KpdSU nicht weniger als 98, umgerechnet 70%, verhaftet und liquidiert.

Derlei schädliche Ausuferungen bleiben Polen und dem polnischen Kirchenvolk hoffentlich erspart. Viel hätte man auf diesem Wege schon schaffen können, hätte sich etwa Papst Benedikt XVI. schützend vor seinen Mitbruder Wielgus gestellt.

J. Joachim Moskau


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