In dieser Ausgabe / In this issue

Piraten voraus!? Freibeuter der Zukunft +++ Graffiti in Berlin: Eine Kunst, die keine ist +++ Minderheitenpolitik: Die Sorgen der Sorben +++ Frankreich: „Im Westen was Neues...“ +++ Lissabon – westlichste Hauptstadt Europas +++ Spanien: Touristenmekka Barcelona +++ Grauer Modeosten? Junge Mode in der DDR +++ Wernher von Braun Der Raketenmann +++ Neuseeland: Keas, Kiwis und Vulkane

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Archiv für 2007


Integration durch Bildung

Liebe Leserinnen und Leser!

Im Ausland ist jeder Ausländer. Um zu erfahren, was es heißt, fremd zu sein, muß man jedoch nicht unbedingt Ausländer sein. Als Kind im Nachkriegsdeutschland verboten mir meine Eltern, mit Flüchtlingskindern zu spielen. Wenn ich daran zurückdenke, fällt mir das Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ von Franz Josef Degenhart aus den 60er Jahren ein, in dem es weiter heißt „So sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor“. Fremd kann der Norddeutsche sein, der nach Bayern kommt, der Ostdeutsche, der in den Westen geht.

Im Jahr 2006 sind rund 662.000 Menschen nach Deutschland gezogen, gleichzeitig verlegten 639.000 ihren Wohnsitz ins Ausland. 155.300 sind offiziell ausgewandert, der höchste Auswanderungsstand seit 1954. Die Zahl der Einwanderer hingegen ging um 4% gegenüber dem Vorjahr zurück.

Rund 6,7 Millionen Ausländer leben heute in Deutschland, das sind etwa acht Prozent der Gesamtbevölkerung. Aus den Gastarbeitern, die in den 50er und 60er Jahren angeworben wurden, und von denen man glaubte, daß sie nur vorübergehend im Lande bleiben würden, sind Migranten geworden. 15 Millionen Menschen aus 200 Staaten haben das, was man Migrationshintergrund nennt, und stellen fast ein Fünftel der Bevölkerung der Bundesrepublik. Jede fünfte Ehe ist binational. Jedes vierte Neugeborene hat einen ausländischen Elternteil, doch in Deutschland geborene Kinder sind inzwischen deutsche Staatsbürger. In großen westdeutschen Städten kommen bis zu 40 Prozent der Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Etliche Grundschulklassen deutscher Großstädte haben bereits 50% oder mehr Ausländerkinder.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat die Situation von Einwandererkindern weltweit untersucht. Länder wie Kanada, die Niederlande und Schweden stuft sie als vorbildlich ein und lobt Australien und Neuseeland, die einen wesentlich höheren Migrantenanteil haben als Deutschland, weil sie den Kindern vor allem durch intensive Sprachförderung helfen, sich im neuen Land zu integrieren. Das deutsche Schulsystem jedoch versage wie kein anderes vergleichbarer Industrienationen bei der Förderung von Migrantenkindern, weil es zehnjährige Schüler auf verschiedene Schulformen aufteilt und Ausländer- und Problemkinder in den Hauptschulen konzentriert, heißt es in der jüngsten Studie.

Kinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse haben in Deutschland keine Chance auf Schulerfolg und damit auf einen Ausbildungsplatz, sagt Faruk Sen, Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien, und verweist darauf, daß die Arbeitslosenquote von türkischen Migranten bei über 25 Prozent liegt.

Bildungsfachleute und Politiker nahmen die OECD-Studie zum Anlaß, in Berlin über „Integration durch Bildung“ zu diskutieren. „Sprache erlernen, ein gegenseitiges Gefühl für unterschiedliche Kulturen bekommen und gemeinsames Miteinander üben, sind die wesentlichen Bestandteile von Integration, und diese sind eng an die Schule geknüpft“, weiß die ehemalige Schulleiterin und heutige Schulberaterin Enja Riegel. Doch weil „deutsche Schulen noch immer reine Lernkäfige sind“, versagen sie bei der Integration von Ausländerkindern.

Ausnahmen wie die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund, im letzten Jahr als beste Schule Deutschlands ausgezeichnet, beweisen, daß eine Schule trotz Ausländeranteil von 85% erfolgreiche Integration leisten kann. Es gehe nicht in erster Linie um Ausländerkinder, sondern um Kinder, sagt Enja Riegel, und diese Schule sei erfolgreich, weil sich die Lehrer auch um die Eltern kümmern und frühzeitig deren Vertrauen gewinnen. Inzwischen haben sowohl Politik als auch Wirtschaft gemerkt, daß es immer mehr kostet, wenn man diese Kinder vernachlässigt und erkannt, daß Integration nicht nur eine menschliche Verpflichtung ist, sondern sich auch wirtschaftlich auszahlt.

Wenn nun auch Bundeskanzlerin Merkel vor dem Hintergrund von Gewalttaten, Kriminalität und Krawallen zwischen ethnischen Gruppierungen bessere Chancen für Migrantenkinder „fordert“, dann kann man sich eigentlich nur wundern. Schließlich sitzt sie ja genau an der Stelle, an der sie Dinge bewegen könnte. Oder teilt auch sie bereits jene ernüchternde Erkenntnis der amerikanischen Altpräsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton, die feststellen, daß sie im Präsidentenamt niemals auch nur einen annähernd vergleichbaren Handlungsspielraum hatten, etwas zum Guten zu bewegen, wie heute in ihren Stiftungen? Das muß einem doch sehr zu denken geben und rückt den Traum von einer friedlichen Welt in weite Ferne.

Liebe Leserinnen und Leser, im Namen von Herausgeber Juri Klugmann und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Rundschau bedanke ich mich für Ihre Unterstützung in diesem zu Ende gehenden Jahr. Ihre zahlreichen Leserbriefe und Telefonanrufe, Vorschläge und Ideen und die vielen Beiträge unserer ehrenamtlichen Korrespondenten haben unsere Weltzeitung für Deutschsprechende entscheidend mitgeprägt. Der Dialog mit Ihnen ist das Herz unserer Zeitschrift, und wir schätzen jede Zuschrift hoch. Als „Ausländer im Ausland“ kennen wir Integration und ihre Probleme aus eigenem Erleben. Es wäre schön, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen.

Mit den besten Wünschen für ein gutes Neues Jahr 2008

Ihre Elisabeth von Ah


Liebe Leserinnen und Leser!

Alle drei Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind an vermeidbaren Krankheiten, an Erschöpfung, an Gewalttätigkeit, an Hunger und Durst. Jährlich werden etwa 246 Millionen Kinder als Bettler, Arbeitssklaven und Prostituierte verkauft, werden 250 000 Kinder unter 18 Jahren zum Kämpfen in kriegerischen Auseinandersetzungen gezwungen. Etwa eine Million Kinder arbeiten in Bergwerken und Steinbrüchen Lateinamerikas, Asiens und Afrikas.

Laut WHO leben 33 Millionen Kinder weltweit auf der Straße, werden in Verhältnisse hineingeboren, die für Bürger in Wohlstandsgesellschaften schlicht unvorstellbar sind, müssen darin leben und sterben daran. Ein Menschenleben ist in vielen Teilen der Erde nicht viel wert, ein Kinderleben oft nur dann, wenn das entsprechende Kind für ein paar jämmerliche Dollars verkauft werden kann, häufig von den eigenen Eltern, die so bitter arm sind, daß sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Skrupellose Händler nutzen solche Notsituationen aus. Inzwischen ist Kinderhandel zu einem lukrativen, weltweit florierenden Geschäft geworden, denn es gibt ja die ebenso skrupellosen Abnehmer der „Ware Kind“, also Menschen, die nichts Schlimmes daran finden, wehrlose Kinder körperlich und sexuell zu mißbrauchen, ihnen Lohn, Nahrung, Zuwendung und Bildung vorzuenthalten, sie bis aufs Blut zu peinigen und auszubeuten.

Klaus Cadsky Cartoon
Klaus Cadsky Cartoon

50 Millionen Knöpfe verarbeitet

(Karikatur: Klaus Cadsky – “Nico”)

Ob es sich dabei um ganz junge Mädchen aus Asien oder zunehmend aus osteuropäischen Staaten handelt, die in die Prostitution gezwungen werden, um vierjährige pakistanische Buben, die in Saudi-Arabien Kamele in Wettkämpfen reiten müssen, um unter 15-jährige aus Kolumbien oder Angola, denen zwecks optimalem Einsatz in bewaffneten Auseinandersetzungen durch Drogen und Gewalt systematisch jedwedes ethisch-moralische Bewußtsein ausgetrieben wird – an ihnen allen und an unzähligen Anderen werden jeden Tag Verbrechen begangen.

Erschreckend hierbei ist auch die Tatsache, daß anderweitig „unbescholtene“ Bürger sich maßgeblich an diesen Verbrechen beteiligen, indem sie etwa minderjährige Prostituierte entweder im eigenen Land kaufen oder eigens dafür weite Reisen unternehmen, beispielsweise nach Thailand oder Kenia. Sextouristen in den Küstenregionen des letztgenannten Landes, die auf Minderjährige zwischen 12 und 17 Jahren ausgehen, rekrutieren sich zu 18 Prozent aus Italien, zu 14 Prozent aus Deutschland und zu 12 Prozent aus der Schweiz(1).

Und was ist mit den Europäern oder Nordamerikanern, die Kinder vor allem aus Guatemala gegen Geld adoptieren, Kinder, die ihren Eltern laut Unicef entweder gestohlen oder abgeschwatzt wurden? Hier mag man einwenden, daß solchen Kindern womöglich eine Zukunft in Armut erspart wird. Dennoch bleibt es ein ethisch fragwürdiges Handeln an den Kindern, die aus ihrem Kulturkreis gerissen, von ihren Familien getrennt werden, um als gekaufte Ware ansonsten kinderlosen Paaren einen weiteren Konsumwunsch zu erfüllen.

Kinder sind wehrlos, manipulierbar, billigste Arbeitskräfte, können in jeder Art und Weise mißbraucht werden, und solange sie ungebildet bleiben, produzieren sie ihrerseits wieder manipulierbaren, ungebildeten und ausnutzbaren Nachwuchs. Mit dem stetigen weiteren Ansteigen der Weltbevölkerung wird sich die Situation der Kinder in den Ländern mit dem stärksten Bevölkerungswachstum noch sehr viel weiter verschlechtern, denn in den ärmsten Ländern gibt es die meisten Geburten. In diesen Ländern gibt es beispielsweise keine staatlichen Sozialversicherungssysteme, und so ist eine große Kinderschar oftmals die einzige Hoffnung der Familie, nicht Hungers zu sterben.

Wie also ist der Situation beizukommen? Individuelle Geldspenden gutherziger und wohlmeinender Einzelpersonen helfen sicherlich punktuell und vorübergehend, packen das vielschichtige Übel aber nicht bei der Wurzel. Kinderhandel, Kinderpornographie, Kinderprostitution und Kinderarbeit unter menschenunwürdigen Verhältnissen müssen ausgemerzt werden. In armen Regionen müßten mit Hilfe der entwickelten Nationen viel mehr Schulen gebaut werden, die unentgeltlich Bildung vermitteln. Nur wie überwindet man jahrhundertealte Überzeugungen in vielen Kulturen, wonach Kinder zu arbeiten haben, sobald sie laufen können, anstatt in die Schule zu gehen, selbst wenn diese nichts kostet? Oder wie rottet man das tiefsitzende, weitverbreitete Vorurteil aus, wonach speziell Mädchen keine Schulbildung brauchen?

Gut ausgebildete Kinder, die lernen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, sind besser in der Lage, sich selbst zu helfen und bringen damit auch die Gesellschaft voran. Um dieses Ideal langfristig zu erreichen, sollten wir bei unseren eigenen Kindern beginnen. Nämlich versuchen, ihnen die bestmögliche Ausbildung zugänglich zu machen, sie zu moralisch, sozial und politisch verantwortlichen Menschen zu erziehen. Vielleicht gelingt es dann eines Tages, elende Verhältnisse und damit die Situation der Kinder weltweit zu verbessern.

A. Liane Harmat
(1)Quelle: http://www.fairunterwegs.org


Reden wir über’s Wetter

Liebe Leserinnen und Leser!

Seitdem alle Welt über die globale Klimaerwärmung beunruhigt ist, ist selbst das Reden übers Wetter hochbrisant. Private Unterhaltungen spiegeln die überhitzte Klimadebatte wider, die öffentlich auf politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Seite geführt wird. Wie oft gibt es gegensätzliche Sichten der Dinge.

Die ökologisch Beunruhigten sprechen von nicht mehr aufzuhaltender Klimakatastrophe, verursacht vom Kohlendioxid, das durch Verbrennung fossiler Brennstoffe in zunehmender Konzentration in die Luft geblasen wird. Angesichts der Tatsachen, daß die Durchschnittstemperatur auf der Erde ansteigt, die Polkappen abschmelzen, Gletscher überall zurückgehen, Wüsten sich ausdehnen und der Meeresspiegel ansteigt, werden furchterregende Szenarien beschrieben: Millionen heimatloser Menschen auf der Flucht, geflutete Küstenstädte, untergehende Inseln, zunehmende Wirbelstürme.

Andererseits mahnen Klima- und Wetterforscher zu Besonnenheit und rationalem Umgang mit den Folgen der Klimaerwärmung. Auch sie sind überzeugt, daß es nicht mehr gelingen kann, den Klimawandel aufzuhalten, aber sie stützen ihre Beruhigungsversuche. Es werde schon nicht so schlimm kommen, auf neueste Computersimulationsmodelle, die einen weitaus geringeren Anstieg der Temperaturen und des Meeresspiegels voraussagen. Man habe noch Zeit genug, technologisch der Klimaerwärmung zu begegnen, wird argumentiert.

Eine dritte Seite gar verweist auf vermeintlich positive Begleiterscheinungen des Klimawandels wie Mittelmeerklima am Nordseestrand und geöffnete Straßencafés in Hamburg im Winter.

Bislang haben alle Versuche, die Zukunft vorherzusagen – ob mit oder ohne Computersimulation – versagt. Daß heute zunehmend wissenschaftliche Forschungen von der Privatwirtschaft in Auftrag gegeben und finanziert werden, fordert ein kritisches Hinterfragen der Ergebnisse geradezu heraus. Hat sich doch im Umweltbereich bisher für jede Meinung ein vermeintlicher Experte und Befürworter aus Wissenschaftskreisen gefunden.

Erinnern Sie sich noch an die Konfrontation mit Saurem Regen in den 70er Jahren in Deutschland, die Todesfälle von Babys durch Pseudo-Krupp und an den ersten Smogalarm im Ruhrgebiet am 17. Januar 1985, an dem die Schulkinder zu Hause bleiben durften? Damals wurden den Menschen schlagartig die Folgen hoher Schwefeldioxidkonzentrationen in der Luft vom Waldsterben bis zu chronischen Krankheiten bewußt; es war der Beginn der grünen Bewegung. Es entwickelte sich ein ökologisches Bewußtsein, die Menschen fingen an, über ihr Umweltverhalten nachzudenken. Zahlreiche, daraus hervorgehende Bürgerinitiativen zwangen Politik und Wirtschaft zum Handeln und heute, fast 30 Jahre später, darf Deutschland stolz darauf sein, die fortschrittlichste Umwelttechnologie der Welt zu besitzen.

Politiker jeder Richtung deklarieren inzwischen den Klimaschutz als eines ihrer obersten Ziele. In geradezu unglaublichem Aktivismus in Sachen Klima jetten sie fast pausenlos samt riesigem Begleittroß zu Umweltkonferenzen rund um den Globus – allein 2007 waren es über 80 – und verursachen dadurch eine nicht zu vertretende Umweltbelastung. Diese wiegt um so schwerer, als ihre Ziele nicht im entferntesten erreicht wurden und sich als bloße Lippenbekenntnisse erwiesen haben.

Im rasant aufstrebenden China ist Umwelt- und Klimaschutz bislang ein Fremdwort. Aber wenn das Image als Ausrichter der Olympischen Spiele 2008 gefährdet ist, schreckt die Regierung nicht vor diktatorischen Maßnahmen zurück, um den Autoverkehr zu stoppen und den Besuchern ein Trugbild von heiler, sauberer Luft in Peking vorzugaukeln.

Im Dezember 2007 soll auf Bali das Nachfolgeabkommen nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls 2012 verabschiedet werden. Es scheint absehbar, daß die Ergebnisse wieder hinter den Erfordernissen zurückbleiben. Die USA als größter CO2-Ausstoßer verweigern sich nach wie vor; Präsident Bush: „It just didn’t make sense for the United States.“ Stattdessen ruft er im Verbund mit anderen konservativen Regierungschefs sein eigenes Umweltprogramm aus. Also weiter wie gehabt.

Doch immer mehr Menschen wollen das nicht mehr zulassen. Über das Internet hat sich ein globales Umweltbewußtsein wie ein Lauffeuer um die Erde verbreitet. Innerhalb weniger Tage haben Hunderttausende die Umweltpetitionen der Organisation Avaaz online unterzeichnet und damit gezeigt, wo sie stehen.

Anlaß zu Hoffnung gibt auch die Existenz einer freien Presse. Während Politik und Wirtschaft den Medien oftmals vorwerfen, Nachrichten aus purer Sensationsgier zu dramatisieren, fühlen wir uns verpflichtet, Sie unabhängig und ohne Vorbehalte zu informieren. Während Politiker die Meinung ihrer Wähler nur zu Wahlkampfzeiten zu interessieren scheint, führen wir mit Ihnen, unserer Leserschaft, einen ständigen und offenen Dialog. Wir befinden uns oft genauso wie Sie zwischen gegensätzlichen Seiten, müssen uns als Nichtfachleute eine Meinung bilden und daraus unser persönliches und journalistisches Handeln ableiten.

Die Geschichte hat bewiesen, daß nur in Ausnahmefällen Politiker und Wirtschaftsbosse in der Lage sind, Entscheidungen für die Zukunft der Erde verantwortungsvoll und weitblickend zu treffen. Nur wenn sich weltweit ein neues, ethisches Bewußtsein entwickelt, ist Wandel zum Besseren möglich.

Wir freuen uns ganz besonders auf Ihre Zuschriften zu diesem Thema.

Elisabeth von Ah


Kein Platz für wilde Tiere

Liebe Leserinnen und Leser!

sicher kennen viele von Ihnen Al Gores preisgekrönten Dokumentarfilm über die Zukunft der Erde „An Inconvenient Truth – eine unbequeme Wahrheit“. Am meisten berührt mich die Szene, in der ein Eisbär auf der Suche nach den immer seltener werdenden Eisschollen ertrinkt. Sind Sie ebenso wie ich darüber entsetzt, daß die kanadische Regierung trotz massiver weltweiter Proteste auch im Jahr 2007 wieder 270.000 Seehundbabys zum Töten freigegeben hat? Vielleicht haben Sie schon gehört, daß die letzten 2000 Bergkaribus in den Regenurwäldern des Landesinneren von British Columbia kaum noch eine Chance haben, das nächste Jahrzehnt zu überleben, weil ihr Lebensraum zunehmend abgeholzt wird. Und daß Grizzlybär Bruno, der nach 150 Jahren als erster seiner Art wieder deutschen Boden betrat, letztes Jahr erschossen wurde, ist Ihnen sicher noch in Erinnerung.

Wir, die privilegierten Einwohner der westlichen Industrieländer, zeigen mit Fingern auf Dritte-Welt-Länder, die Elefanten, Tiger, Menschenaffen nicht nachhaltig schützen – das Java-Nashorn zum Beispiel, mit einem Bestand von weniger als 60 Tieren das seltenste Großsäugetier der Welt – obwohl wir mit unseren eigenen heimischen Tieren ebenso verfahren. Für den Artenschwund, den „Todeskampf der Tiere“, wie ihn der SPIEGEL nannte, sind die mehr als sechs Milliarden Menschen verantwortlich, die inzwischen die Erde bevölkern. Sie benötigen immer mehr Lebensraum und verändern ihn radikal nach ihren Vorstellungen. So wurde in den vergangenen hundert Jahren die Hälfte aller Tropenwälder abgeholzt und die Hälfte der Sümpfe trocken gelegt.

Asiatische Nashörner sind in großer Gefahr

Überall auf der Erde töten Bauern große Raubtiere, weil sie ihre Farmtiere reißen. Der Handel mit seltenen Tieren und Pflanzen, Umsatz 30 Milliarden Dollar pro Jahr, davon ein Drittel illegal und kriminell,


Indian_Rhinoceros
Indian_Rhinoceros
(Foto: colint / Wikipedia Creative Commons Attribution
ShareAlike License v. 2.0)

hat schon viele Arten vernichtet. Selbst das 1973 verabschiedete Washingtoner Artenschutzabkommen Cites, dem bis heute 172 Länder beigetreten sind, schafft es nicht, das internationale Geschäft mit den seltenen Arten zu deren Schutz zu regeln. Schon 2001 sprach Roland Melisch, Artenschutzexperte beim World Wide Fund For Nature (WWF) aus, daß man nur erfolgreich gegen das Aussterben von Arten vorgehen könne, wenn man der Wilderei und dem Raubbau an Wäldern und Meeren ökonomische Alternativen entgegensetzt.
Diese Alternativen sind bis heute nicht in Sicht in der paradoxen Situation, daß die Weltbevölkerung in den Entwicklungs- und Schwellenländern wie China und Indien stetig wächst, während die Industrieländer die katastrophalen Folgen ihres Geburtenrückgangs und ihrer Überalterung beklagen und diese Entwicklung durch finanzielle Anreize zum Kinderkriegen aufzuhalten versuchen.

Shark plus Poem
Shark plus Poem

(Foto: Michael Mardner / Text: Elisabeth von Ah)


Der Mensch hat bis heute nicht erkannt, daß er Teil der Natur ist und die Vielfalt der Natur braucht. Offensichtlich hat er den Befehl „Macht euch die Erde untertan“ aus dem ersten Buch Moses nicht als Verpflichtung verstanden, den Lebensraum Erde und die Wesen, die ihn bevölkern, verantwortungsvoll zu schützen, sondern er mißbraucht ihn, sein Machtstreben und seine Gier gnadenlos zu befriedigen.
Rücksichtnahme, Einschränkung und Verzicht auf liebgewordenen Komfort sind keine menschlichen Eigenschaften. Machtstreben und Gier hingegen ziehen sich wie ein Roter Faden durch die Geschichte des Homo Sapiens und hinterlassen bis heute grausame Spuren. Doch kann man von einer Art, die vor Gewalt gegen die eigene Rasse und vor Kriegen und Völkermord wie zur Zeit Darfurs nicht zurückschreckt, Mitleid für Tiere in Not erwarten?
Immer mehr Menschen auf der Erde haben sich von natürlicher Lebensweise entfernt und verschanzen sich und ihren Besitz hinter Zäunen und Alarmanlagen. Muß es nicht zu denken geben, daß sich heutige Spitzenpolitiker zu ihren Treffen wie jüngst beim G8-Gipfel in Heiligendamm durch einen 13km langen Zaun von den Menschen abschotten, für deren Wohl sie Politik machen sollten, in einer künstlichen Scheinwelt konferieren, für Fotografen bei strahlendem Sonnenschein posieren und von ihren Mitarbeitern lediglich durch SMS über das Weltgeschehen auf dem Laufenden gehalten werden?
Die Geschichte zeigt, daß von Menschen, die einem politischen Kalkül folgen, keine Veränderungen und Entscheidungen zu erwarten sind, die langfristig angelegt sind und auf Vernunft, Einsicht und Verantwortungsgefühl fußen. Um den Traum von einer besseren Welt nicht sterben zu lassen, in der Menschen-, Eisbär- und Bergkaribukinder gleichermaßen eine Zukunftschance haben, bedarf es des Engagements von uns allen. Alle vier Jahre einmal wählen, ist kein Alibi, uns aus der Verantwortung zu stehlen. Der Einsatz von jedem von uns, ob allein oder in einer Organisation, ob als Aktivist oder zahlender Förderer oder als Unterstützer einer freien und engagierten Presse, ist erforderlich. Nur wenn wir selbst unsere Bedürfnisse einschränken und die Regierenden und wirtschaftlich Mächtigen zu einer verantwortungsvollen Politik zwingen, deren Entscheidungen wie bei den indianischen Ureinwohnern Nordamerikas auf das Wohlergehen von vier Generationen im Voraus angelegt sind, besteht die Hoffnung, daß die mahnende Vision, die Bernhard Grzimeks 1956 in seinem legendären Film „Kein Platz für wilde Tiere“ aussprach, nicht noch mehr Realität wird.
„Was wäre der Mensch ohne die Tiere?“, fragte Indianerhäuptling Seattle 1854 im Brief an den „großen weißen Vater“. Er selbst gab die Antwort: „Wären alle Tiere fort, dann stürbe der Mensch an großer Einsamkeit des Herzens.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Wie immer freuen wir uns auf den Dialog mit Ihnen und auf Ihre Zuschrift

Elisabeth von Ah


 Liebe Leserinnen und Leser!

Erinnern Sie sich noch an Peter Hartz? Das war der Mann, der als VW-Personal-Vorstand den Arbeitsmarktreformen in Deutschland seine Ideen und seinen Namen gab. Mit dem deutschen Arbeitsmarkt geht es jetzt langsam bergauf, mit dem Hartz steil bergab. Ich wollte ihn ja seinerzeit für Sie befragen, wie er das bloß aushält, das mit seinem Namen für die anfangs völlig verkorksten Reformen. Zwischenzeitlich wurde aus dem Hartz ein rechtskräftig Verurteilter – schuldig gesprochen wegen Untreue in 44 Fällen sowie wegen unrechtmäßiger Begünstigung – auf Bewährung. Besonders sauber war auch dieser Deal nicht: Vor dem Prozeß hatten die Verantwortlichen bereits die Strafe ausgehandelt…

Ein Gespenst geht um in Deutschland – man könnte denken, Peter Hartz sei zur GEZ gewechselt, zur Gebühreneinzugszentrale, in die brave deutsche Radiohörer, 1.-Reihe-Sitzer und neuerdings Computernutzer überhöhte Rundfunk- und TV-Gebühren einzahlen müssen. Ist er aber nicht. Denn: Die Wuppertaler Staatsanwaltschaft hat nun die GEZ in Köln wegen des Verdachts der Bestechung durchsucht. Der Chefeinkäufer der GEZ und andere Leute „von Rang und Namen“ ließen sich offenbar mit Besuchen in Bordellen, Edelrestaurants und zu Sportevents (Fußball, Formel 1) bestechen: Bedient wird das immer gleiche Lustprinzip – Fressen, Ficken, Fußball. Dafür wird geschmiert, was das Zeug hält. Apropos Fußball: Läuft da nicht auch der Hartz als Schiedsrichter Hoyzer auf, der mit am ganz großen Rad im Wettgeschäft drehte und frech Wett- und Fußballfans betrog? Hartz geistert in diesen Tagen aber auch als millionenschwerer SIEMENS Krokodil-Fond-Wärter oder Schwarze-Kassen-Wart von Politikern durch die hiesige Finanz- und Presselandschaft, die unlängst auch die schlimmen Korruptionsaffären bei DaimlerChrysler und Infinion ausweidete. Und schließlich – geben wir es zu – steckt ein „kleiner“ Hartz in vielen Menschen, die alltäglich völlig unspektakulär ihre Macht mißbrauchen, um private Vorteile zu erringen, ein kleines Stück vom großen Kuchen sich abschneiden wollen – auf Kosten anderer, dem schnöden Mammon kleine und große Gefälligkeiten erweisen und damit ihre Moral auf dem Altar des Anstands opfern.

Ist Deutschland auf dem Weg von der Hartz-Reform zum Hartz-Syndrom? Gehen wir massenweise der Korruption auf die Schleimspur, diesem Hartzer Käse? Korruption – Deutschlands blühende Landschaften? Der moralische Schaden, den die Hartzer anrichten, ist verheerend und bleibt zu oft ungesühnt, gar ungenannt. Die Fakten sprechen jedoch eine harte Sprache.

Besorgte Bürger nicht nur in Deutschland fragen sich: Sind nur Vereinzelte korrumpiert, oder hat die Korruption längst die Gesellschaft zerfressen? Kleben wir alle schon am Fliegenfänger, wie der Volksmund behauptet? Eins ist uns doch wohl klar: Korruption schädigt die mit ehrlichen Mitteln lebende Gemeinschaft, die mit Fairness und Wettbewerb arbeitende Wirtschaft. Sie zerstört das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in das menschliche Miteinander, in die Integrität und Funktionsfähigkeit von Unternehmen und Politik. Kein Wunder, wenn fast die Hälfte der Wähler mit den Füssen abstimmt – und gar nicht erst zur Wahlurne geht. Ja, die Korruption hat sich leider auch in Deutschland etabliert. Es verbietet sich, mit spitzem Finger auf scheinbar noch korruptere Länder zu zeigen. Ist Korruption überhaupt steigerungsfähig? Etwa wie Freund – Feind –Parteifreund. Sogar schon Witze erzählt man sich über die Korruption. Beispiel: Was haben Riesenkraken und deutsche Berufspolitiker gemeinsam? Die Antwort gibt es auf 3sat.de: Der Schlund des Kraken geht direkt durch sein Hirn. Das Gehirn ist sehr klein und hat die Form eines Ringes, durch den das Essen hindurch muß. Auch bei deutschen Berufspolitikern geht der (Gier-) Schlund direkt durch das Hirn oder ist unmittelbar mit diesem verbunden…

Doch Spaß beiseite: Die durch Korruption, Preisabsprachen und Schattenwirtschaft jährlich verursachten materiellen Schäden werden vom Bundeskriminalamt für Deutschland auf über 200 Mrd. EUR geschätzt. In einer Korruptions-Liste der Organisation Transparency International wird die Bundesrepublik für das Jahr 2005 nur noch auf Platz 16 von 159 Staaten geführt.

Wegschauen? Weghören? Einfach ignorieren? Nein, das können wir uns nicht leisten. Nirgendwo. In keinem Land, in keiner Behördenstube, in keiner Firma.

Es gibt bereits engagiertes Bemühen, die Korruption in deutschen Amtszimmern und Firmenbüros zu bekämpfen, aktiv zurückzudrängen. Öffentliche Verwaltungen in vielen Kommunen versuchen seit einigen Jahren durch die Bestellung von behördeninternen Ansprechpartnern Korruptionsvorsorge zu betreiben. Doch bislang will sich im Zuge entsprechender Initiativen selten Erfolg einstellen. Denn: Die Hartzer sind zähe und geschickt. Der Grund liegt auf der Hand: Mitarbeiter, die entsprechende Informationen weiterleiten, befürchten, daß sie selbst in den möglichen Korruptionssog hineingezogen und ihr Ansehen beschädigt, ihre Karriere beeinträchtigt wird. Zudem sind behördeninterne Ansprechpartner grundsätzlich zur Preisgabe aller – auch vertraulich übermittelter – Hinweise verpflichtet. Es besteht die Verpflichtung zur Offenlegung aller Informationen insbesondere gegenüber dem Dienststellen- und Personalleiter. Behördeninterne Ansprechpartner senken nicht die Hemmschwelle für Mitarbeiter, aber auch nicht für Kunden, Lieferanten, Konkurrenten und andere Betroffene, die Problemlage offen anzusprechen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, daß die Bestellung eines zusätzlichen unabhängigen externen Ansprechpartners diese Hemmschwelle senkt. In diesem Zusammenhang habe ich eine Bitte: Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen, wie Sie und Ihre Partner der Korruption vorbeugen und sie zurückdrängen – im Interesse unserer ganzen Leserschaft – vielen Dank.

Als „Bürger“ Hartz den Gerichtssaal mit versteinerter Miene als Verurteilter verließ – ein guter Tag für alle, die an Recht und Anstand interessiert sind. So etwa äußerten sich die deutschen Medien. So ähnlich sprach allerdings auch schon Marcus Tullius Cicero vor über 2000 Jahren. Als Ankläger wies er nach, daß sich ein gewisser Verres als Proprätor Siziliens mit Schützenhilfe einflußreicher Freunde große Mengen Gold und Kunst unrechtmäßig angeeignet hatte. Beutekunst, würden wir heute sagen. Cicero machte sodann Karriere, begeisterte Rom als jüngster Konsul in der Geschichte, überzeugte als Senator, deckte die Verschwörung des Catalina auf – und wurde liquidiert. Die Korruption hatte sich gerächt. Wenn wir die Korrupten nicht zurückdrängen und entlarven – gnade uns Gott.

Ihr Gerd Michels


Liebe Leserinnen und Leser!


Politische Korrektheit führt zum Übel –
Was der Rücktritt des Warschauer Erzbischofs auch lehrt

Kennen Sie den? Warum durften in Polen nach 1945 neue Kirchen nur als Rundbau entstehen? – Damit sich Kommunisten nicht in der Ecke vestecken konnten.

Heuchelei, Verlogenheit, bequeme Anpassung, all dies sind leider recht oft Merkmale des alltäglichen Daseins. Im Regelfall versucht man potentielle Fallen durch geschickte Tarnung zu umgehen. Lippenbekenntnisse sind nicht die Ausnahme, eher die Regel. Und warum auch nicht, geht es doch durchweg um kleine Nebensächlichkeiten, um läßliche Sünden also.

Manchmal aber, dies zeigt der kürzlich erzwungene Rücktritt des erst im Dezember ernannten neuen Erzbischofs von Warschau, Stanislaw Wielgus, erwachsen aus vermeintlich kleinen Fehltritten unabsehbare Folgen, die die Urheber erst nach langen Jahren einholen.

Erzbischof Stanislaw Wielgus
(Foto: Courtesy of Instytut Swiêtej Rodziny)

Weil Wielgus vor guten dreißig Jahren in der damaligen Bundesrepublik Deutschland studieren wollte, unterschrieb er ein Formular der polnischen Geheimpolizei, der zu recht gefürchteten Sluzba Bespieczentswa (SB). Dies, so der Vorwurf, sei seine Bereitschaftserklärung gewesen, der Geheimpolizei, die im Volksmund als Esbecja einen üblen Ruf hatte, zu Diensten zu sein. Ob Wielgus je schuldhaft gehandelt hat, bleibt offen. Gegenbeweise liegen nicht vor.

Fest steht dies: am 2. Dezember 2006 unterschrieb Wielgus eine zweite Erklärung, nämlich einen schriftlichen Eid. In diesem Eid, den der Vatikan forderte, bevor Wielgus zum Erzbischof ernannt wurde, liest man „daß ich mich während der Begegnungen und Gespräche, die ich vor meinen Auslandsreisen in den 70er Jahren mit Vertretern der Miliz und der Spionage hatte, niemals gegen die Kirche ausgesprochen habe. Und daß ich nie etwas Schlechtes gegen Priester oder Laien gesagt habe.“

Als Persilschein in quasi eigener Sache ist dieser Text nicht eben überzeugend. Aber kommt es darauf entscheidend an? Steht nicht vielmehr nach dem Rücktritt des Erzbischofs die peinliche Frage im Vordergrund, wem aus der Affaire letztlich der größte Schaden erwächst? Wielgus, der polnischen Kirche, dem Vatikan?In Polen überschlagen sich die Skandalmeldungen. Plötzlich ist die Rede von insgesamt zwölf Bischöfen, die möglicherweise zu SB-Spitzeln wurden. Kardinal Glemp, der aushilfsweise nach dem Wielgus-Rücktritt in sein altes Amt als Warschauer Erzbischof zurückgekehrt ist, sprach zeitweise von bis zu 15% der polnischen Geistlichen, die als „kompromittiert“ galten.


Die Johanneskathedrale (Archikatedra sw. Jana Chrzciciela) in der Altstadt der polnischen Hauptstadt Warschau ist seit 1798 Domkirche des Erzbistums Warschau und zugleich die älteste Warschauer Kirche.
(Foto: Artur Stopyra)

Ähnliche Probleme gab es ja auch in den ersten Jahren nach der Wende in den damals noch so jungen Neuen Bundesländern. Nach Stasiunterlagen waren etwa 4,7% der insgesamt 5741 DDR-Geistlichen in Diensten des Ministers Mielke.

Was unter dem Strich tatsächlich bleibt, ist ein widerwärtiger Nachgeschmack, der diesen zeitgeschichtlichen Episoden anhaftet. Das moderne Polen könnte unter diesen Umständen – bevor es jetzt ans hausinterne Großreinemachen geht – eine Lernanleihe in Südafrika aufnehmen. Dort nämlich vollzog sich der Wandel von einer rein weissen Unterdrückerminderheit zur heutigen Republik unter ausdrücklicher Ausklammerung der entsetzlichen Vergehen des Apartheid-Regimes.

Und in genau diesem Sinne haben sich ja glücklicherweise die polnischen Bischöfe auch an ihr Kirchenvolk gewandt. Jene Kräfte aber, die jetzt die Stunde für gekommen halten, eine Abrechnung um jeden Preis zu vollziehen, die ihre Political Correctness beweisen wollen, verhalten sich ähnlich wie ethnische Säuberer in Serbien, Kroatien, Kosovo, Ruanda und im Irak. Ihnen geht es um gespenstische Aburteilungen, wie man sie aus der französischen Revolution kennt oder auch aus der großen sowjetischen Säuberungswelle der Jahre 1936 bis 1938. Damals, so weiß man heute, wurden von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des 1934er 17. Parteitages der KpdSU nicht weniger als 98, umgerechnet 70%, verhaftet und liquidiert.

Derlei schädliche Ausuferungen bleiben Polen und dem polnischen Kirchenvolk hoffentlich erspart. Viel hätte man auf diesem Wege schon schaffen können, hätte sich etwa Papst Benedikt XVI. schützend vor seinen Mitbruder Wielgus gestellt.

J. Joachim Moskau

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