Editorial Dezember 2006 / Januar 2007


Liebe Leserinnen und Leser!


Zum Jahreswechsel


Meine privaten Rückblicke zum Jahreswechsel sind immer eine Bestandsaufnahme. Auch wenn ich keine neuen Vorsätze habe – denn warum sollte ich mir ausgerechnet zum Jahreswechsel etwas vornehmen und nicht für jeden kommenden Tag – staune ich jedes Mal, wieviel unerwartet Neues in einem Jahr passiert ist. Begegnungen, Aufgaben, Herausforderungen, Erfahrungen, Erkenntnisse. Alles, nur kein Stillstand. Das in einer Rückschau mit sich allein, im Gespräch mit dem Partner oder guten Freuden in einer besinnlichen Stunde bei einem Glas Wein noch einmal Revue passieren zu lassen, gehört für mich zu jedem Jahreswechsel und Geburtstag.

Auch die Jahresrückblicke im Fernsehen sehe ich mit großem Interesse. Meist staune ich dann mehr darüber, wie viele Ereignisse ich schon fast vergessen habe, als darüber, wie viel passiert ist. Offensichtlich selektiert mein Gedächtnis die tagtägliche Flut von Nachrichten, in der die Zahl der schlimmen und tragischen Ereignisse die der positiven Meldungen um ein Vielfaches übersteigt, unbewußt in die zwei Schubladen Merken und Nichtmerken.Weihnachts- und Neujahrsansprachen von Politikern hingegen öden mich schon seit Jahren an.


(Foto: Archiv Elisabeth von Ah)

In den Nachrichten habe ich gerade noch von den schlimmen Ereignissen auf der Erde gehört, daß tagtäglich Kriege an vielen Orten stattfinden, Gewalt, Mord und Folter für unzählige Menschen zum Lebensalltag gehören. daß die Welt weiter aufrüstet und Unsummen in Waffenarsenale investiert, obwohl Millionen Menschen hungern, daß allein 1,8 Millionen Kinder im Jahr sterben, weil sie kein sauberes Trinkwasser haben, daß. „AIDS“ in Afrika 50 Millionen Kinder zu Waisen gemacht hat, daß die Zahl der Tuberkulose-Erkrankungen wieder ansteigt, daß zehntausend Tier- und Pflanzenarten jedes Jahr verschwinden, daß die großen Säugetiere vom Aussterben bedroht sind, weil für sie kein Platz mehr auf der Erde bleib, daß durch die Klimaerwärmung eine riesige Tier- und Pflanzenwanderung nach Norden eingesetzt hat, die eingesessene Arten aus ihrem Lebensraum verdrängt, daß mit Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren, Waldbränden, Vulkanausbrüchen zunehmend zu rechnen ist.

Und dann treten unsere Politiker und Staatoberhäupter vor die Fernsehkameras und versuchen uns weiszumachen, daß der Kampf gegen den Terrorismus oberste Priorität hat.Sie reden vom Frieden, aber sie entwickeln Vernichtungswaffen und schicken junge Menschen in Kriege. Sie erzählen von sozialer Gerechtigkeit und grenzen ganze Gesellschaftsgruppen aus. Sie reden vom Umweltschutz und holzen ganze Urwälder ab. Sie schicken Soldaten in Länder, deren Rohstoffe sie interessieren, doch sie schauen tatenlos zu, wenn Frauen und Kinder in Darfur abgeschlachtet werden. Sie geben dem Großkapital freie Hand, die Ressourcen der Erde nach Belieben auszuplündern. Den Ausverkauf der Erde nennen sie Politik, doch für die wirklich großen, von Menschen gemachten Probleme Armut, Hunger und Naturzerstörung haben sie keine Lösungen.

Für globale Gerechtigkeit – Frieden – Naturbewahrung

Am liebsten möchte ich bei jedem zweiten Satz „Einspruch!“ rufen und auf die verweisen, die wirklich etwas tun. Wie Muhammad Yunus und die Grameen Bank in Bangladesh, die den Friedensnobelpreis 2006 erhielten. Als „Bank für die Armen“ geben sie den Ärmsten Kredite zum Aufbau einer eigenen Existenz. Armut ist für Ökonomieprofessor Yunus eine „schreiende globale Ungerechtigkeit“ und ihre Überwindung eine unabdingbare Voraussetzung für den Frieden in der Welt.

Der Verein Aachener Friedenspreis, 1988 von Einzelpersonen aus Parteien, Gewerkschaften und Bürgergruppen ins Leben gerufen, würdigt Engagement und Zivilcourage von Menschen, die ohne öffentliche Ämter für den Frieden arbeiten. In diesem Jahr wurde der Verein „Hilfe für Menschen in Abschiebehaft Büren“ ausgezeichnet.

Desolaten politischen Entscheidungen kann man nur durch persönliches Engagement etwas Positives entgegensetzen. Es sind die vielen Menschen überall auf der Erde, die sich in Initiativen und Projekten für globale Gerechtigkeit, Frieden und Naturbewahrung einsetzen, die Anlaß geben, guten Mutes auf dieses neue Jahr anzustoßen.

Im Namen von Herausgeber Juri Klugmann und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Rundschau wünsche ich Ihnen ein gutes Neues Jahr. Wir bedanken uns für Ihr Interesse im abgelaufenen Jahr und hoffen, daß Sie uns im neuen treu bleiben.

Elisabeth von Ah


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