Editorial September 2006


Krieg und (kein) Frieden im Nahen Osten

Liebe Leserinnen und Leser!

„Ich kann’s nicht mehr hören“, winkt einer meiner Freunde regelmäßig dann ab, wenn die Rede auf den Nahen Osten kommt, und er klinkt sich aus. Ein anderer hingegen, international renommierter Gastprofessor an der Amerikanischen Universität in Beirut, berichtet von traumatischen Erlebnissen. Die hatte er, nachdem der Uni-Betrieb wegen des israelischen Bombardements geschlossen werden mußte, bis zu seiner dramatischen Evakuierung durch US-Marines über Zypern und Italien in die USA. Und ein dritter ergeht sich beständig in den abenteuerlichsten Vorschlägen, wie der Brandherd zu löschen sei, wobei weder die eine noch die andere Seite gut wegkommt.

(Karikatur:  Pohlenz)

Das Theoretisieren, besonders in objektiver und informierter Weise, über den seit 1948 bestehenden Brandherd in Palästina gestaltet sich angesichts fundamendalistisch gesteuerter, verheerender Attentate auf ahnungslose Menschen überall in der Welt und von israelischen Bomben zerfetzten libanesischen Kindern zunehmend schwieriger. Die Debatten in den Medien werden hitziger. Gleichzeitig läßt sich eine deutlichere Polarisierung der Meinungen feststellen, Schuldzuweisungen werden vehementer, Rechtfertigungsversuche unnachgiebiger und die Rufe nach diplomatischen Lösungen werden schwächer. Die Polarisierung dehnt sich, mehr noch als bisher, auf die geopolitische Ebene aus und verändert neutrale Positionen in unzweideutige diplomatische Unterstützung der einen oder anderen Partei. Beispiel Kanada: Dieses Land hat jetzt mit seiner neutralen internationalen Vermittlerrolle gebrochen und sich parteiisch auf die Seite Israels im gegenwärtigen Konflikt geschlagen. Währenddessen rufen konservative Kreise in den USA und anderswo nach einer Beendigung der diplomatischen Vermittlungsversuche und dem Einsatz eines „aggresiven Programms“, sprich Krieg, gegen die der Schürung der gegenwärtigen heißen Phase verdächtigten Länder Iran und Syrien.

 Das ist eine höchst bedauerliche Wendung, denn kriegerische Auseinandersetzungen, zumal im Nahen Osten, haben der Zivilbevölkerung niemals etwas gebracht außer unsäglichem Leid: zu Tode gekommene Menschen, zerstörte Städte und Landschaften, vernichtete Lebensgrundlagen, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus spürbare wirtschaftliche, politische und soziale Nachwirkungen. Einzig spezielle Interessenvertreter und die Hersteller der im Kampf gebrauchten Waffensysteme, Bomben und Munition sowie deren Zulieferer reiben sich jedesmal freudestrahlend die Haut von den Händen. Was hat denn der vorerst letzte Krieg in Palästina konkret gebracht? Vorgeblich von der Hisbollah provoziert, marschiert die israelische Armee im Libanon ein, um einen vorbeugenden Vernichtungsschlag gegen die Bedrohung aus dem Norden auszuführen, übrigens bereits zum fünften Mal seit 1978, und bombardiert gleichzeitig das Land samt seiner Hauptstadt 20 Jahre zurück in die Vergangenheit. Am Ende sind tausende Unbeteiligte gestorben, aber das Ziel ist nicht erreicht, sondern das Gegenteil: die Hisbollah wurde nicht entwaffnet, die Bürger des Libanon, ansonsten eher in religiöse und politische, sich gegenseitig bekämpfende Fraktionen gespalten, schliessen sich enger zusammen in Opposition zu Israel. Das kann weder in israelischem noch in US-amerikanischem Interesse sein.

Aber vielleicht im Interesse vieler Millionen Menschen im Iran? Glaubt man nämlich den neuesten Enthüllungen des Starjournalisten des „New Yorker“, Seymour Hersh („Watching Lebanon, by Seymour M. Hersh, Washington’s interests in Israel’s war.“ Issue of 2006-08-21; posted 2006-08-14), so war der mißglückte Feldzug gegen die Hisbollah nicht nur mit der Bush-Regierung abgesprochen, sondern gar eine „Trockenübung“ für einen tatsächlich geplanten, nicht nur in bestimmten Kreisen geforderten, präventiven Krieg gegen Iran.

Eine weitere Folge der Invasion im Libanon ist die neuerliche Entsendung von Friedenstruppen als Puffer zwischen die kriegerischen Parteien – ebenfalls nicht zum erstenmal. Wieder muß die internationale Gemeinschaft ihren Hals hinhalten zur Stabilisierung der ewig wackeligen Situation im Libanon. Wird es etwas nützen oder wird es wieder zu Blutvergießen kommen, wie beispielsweise 1983 in Beirut, als 241 US-Marinesodaten und 58 französische Fallschirmjäger, alles Mitglieder einer UN-Friedenstruppe, arabischen Selbstmordattentätern zum Opfer fielen?

Für uns hier ist es dankenswerterweise nur die theoretische Erörterung eines schier unlösbaren Konflikts. Was aber, wenn unsere Söhne im wehrpflichtigen Alter demnächst zur Friedenserhaltung nach Palästina abkommandiert werden? Seit dem neuesten Beschluß der deutschen Bundesregierung ist dies durchaus denkbar. Abwinken und ausklinken funktioniert dann nicht mehr.

Eines allerdings kann man in jedem Falle tun: sich umfassend und aus vielerlei Quellen informieren und sich weder von der einen, noch von der anderen Seite einschüchtern oder vereinnahmen lassen, schon gar nicht im Namen sogenannter „political correctness“. Das Diskutieren über die Verhältnisse hilft ebenfalls beim Denken.

Was meinen Sie?

Heidi Liane Harmat


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