Kommentar Mai / Juni 2004


Armes Deutschland!

Wie deutschsprachige Medien in Kanada brüskiert werden

Aus der Bibel wissen wir, daß auf sieben fette Jahre sieben magere folgen. Die Zeichen sind unübersehbar, Deutschland befindet sich in den mageren.

Der Pleite- und Konkursgeier kreist übers Land, Industriebetriebe flüchten wie Ratten vom sinkenden Schiff in Billiglohnländer und Multimillionäre in Steuerparadiese, über 4 Millionen Arbeitslose vertreiben sich die Zeit mit den Simpsons. Kein Wunder, daß angesichts von Steuerausfällen Ebbe in der Kasse und Leere im Portemonnaie der öffentlichen Haushalte herrscht.

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(Karikatur:  Pohlenz)

Nun steht eine Europawahl an. Eine teure Sache. Zu Zeiten, in denen gespart werden muß. Wo also anfangen? Am leichtesten bei den kleinen Leuten. Die können sich am wenigsten wehren. Für Probleme dieser Art hat man schließlich clevere Finanzköpfe zu Beraterverträgen in Millionenhöhe engagiert. Sie finden den Trick, wie die Bundesregierung ihrer Pflicht nachkommen und deutsche Bürger in Kanada über ihr Wahlrecht informieren und die Kosten dafür auf private Finanziers abwälzen kann. Man stellt den deutschsprachigen Auslandszeitungen Inserate in Aussicht, weckt Erwartungen, versendet ein sog. Press Release bereits als fertige Anzeige gestaltet, kleidet die Freude, die man beim Abdruck empfinden würde, in so reizende Worte, weist so eindringlich auf Finanznot hin, daß es wirklich anrührend ist. Einfach genial. Wer mag ehrenwerten Politikern und Diplomaten dieses Ansinnen verweigern, “wo doch” - laut Generalkonsulat Toronto - “schon die Erfahrung gezeigt hat, daß das Interesse an der Bundestagswahl bei in Kanada lebenden Auslandsdeutschen gering ist”. Na also! Warum Perlen vor die Säue schmeißen!

Die Herausgeber der Zeitungen haben eben Pech gehabt. Und wer die Anzeige doch gedruckt hat, der ist halt Idealist oder blöd. Irgendeiner muß die Zeche ja zahlen. Und mal ehrlich, in Zeiten, wo es um ganz große Dinge geht, ist es da nicht kleinlich, um Anzeigen zu feilschen? Zumal der deutsche Verteidigungsminister Struck klargestellt hat, wo die eigentlichen Prioritäten liegen. “Die Freiheit Deutschlands wird nicht zuletzt am Hindukusch verteidigt”, hat er gesagt. Schließlich kann man es Bush & Co. nicht alleine überlassen, ihre Vorstellung von Freiheit Ländern aufzuzwingen, die sie so gar nicht haben wollen. Und das kostet Geld. Viel Geld! Da bleibt kein Geld mehr für Anzeigen, die die Wahlfreiheit in Europa verteidigen, für Zeitungen, die die Pressefreiheit um JEDEN Preis verteidigen, für Idealismus und ehrenamtliches Engagement. Danke, daß Sie uns aufgeklärt haben, Herr Struck!

Elisabeth von Ah


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