In dieser Ausgabe
+ Ist Dialekt nochzeitgemäß?

+ Integration jungerRußlanddeutscher

+ Mittelalterliches Lüneburg:Weißes Gold, rote Klinker

+ Erholung zwischen Lahn, Sieg und Eder.

+ Flüchtlingskindergartenin Jordanien

+ Freihandelsabkommen USA - Europa

+ Das Schicksal des Windhuker Reiters

+ Europa im Jahrhundert der Kriege

+ Feuerwehr-Oldtimer in PEI

Archiv für November 2003

DIE QUAL DER WAHL

Liebe Leserinnen und Leser,

in Kanada prägt seit Wochen der Wahlkampf die Medienlandschaft. Ontario wählte einen neuen Ministerpräsidenten, die Metropole Toronto einen neuen Bürgermeister, nun wird über die Nachfolge des kanadischen Premiers Jean Chrétien entschieden.

“Menschen zwischen den Stühlen”, die mit deutschem Paß in Kanada leben, beobachten das politische Geschehen mit Interesse, aber distanziert. “Permanent Residents” dürfen ihre Stimme in Kanada nicht abgeben, dazu muß ist die kanadische Staatsbürgschaft erforderlich. Weltweit wird zwar seit Jahren ein kommunales Wahlrecht für Ausländer heiß diskutiert, läßt sich aber nicht durchsetzen. Obgleich ein Stimmrecht auf lokaler Ebene andersstaatliche Mitbürger stärker in ihre Gemeinden einbinden würde, stehen den dazu erforderlichen Gesetzesänderungen viele bürokratische Hürden im Wege. So bleiben Einwanderer, die ihren Heimatpaß behalten, auf beiden Seiten des Atlantiks bei politischen Entscheidungen vor Ort außen vor, selbst, wenn sie dort Steuerzahler sind. Kein Wunder also, daß wir als Auswanderer mit deutschem Paß politische Machtkämpfe in unserer Wahlheimat etwas reserviert mitverfolgen.

Wie ist es aber mit den politischen Entscheidungen in unserer alten Heimat? Betreffen uns diese noch im gleichen Ausmaß wie vor unserer Auswanderung? Um als deutscher Staatsbürger im Ausland an Bundestagswahlen teilnehmen zu können, bedarf es einiger Anstrengungen: Bei einem deutschen Konsulat muß ein förmlicher Antrag auf Eintragung in ein Wählerverzeichnis gestellt und gleichzeitig eine Versicherung an Eides Statt abgegeben werden, daß der Antragsteller noch Deutscher im Sinne des Grundgesetzes ist. Das ist aufwendiger als der einfache Gang an die Wahlurne, und Politikverdrossene werden den Extra-Verwaltungsaufwand nicht ohne weiteres auf sich nehmen. Den deutschen Bundestag mitwählen kann jeder volljährige Deutsche, der sich nicht länger als 25 Jahre im Ausland aufgehalten hat.

(Karikatur:  aus dem Handelsblatt [1987])

Nach einem Vierteljahrhundert befinden sich Auswanderer mit deutschem Paß dann in einem politischen Niemandsland – nicht länger wahlberechtigt in Deutschland und schon gar nicht in der Wahlheimat. Aber 25 Jahre sind eine lange Zeit. Schon nach nur einem Jahrzehnt im Ausland wird der Abstand zu dem, worüber sich in Deutschland tagtäglich die politischen Gemüter erregen, groß. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man die deutschen Spitzenpolitiker und ihre Vorhaben jeden Tag im Fernsehen und in den Printmedien vor Augen hat, oder ob man mit tausenden Kilometern Distanz auf das Internet und sporadische TV-Programme zurückgreifen muß. Andererseits schaffen die Erfahrungen im ausländischen Alltag einen positiven Abstand und internationale Vergleichsmöglichkeiten, durch die die inländischen Zustände besser zu beurteilen sind.

Die Informationsbeschaffung ist dabei auch im 21. Jahrhundert noch ein Problem. Auch die beste internationale High-Tech-Internet-Verbindung kann das politische Geplänkel am Gartenzaun und in der Stammkneipe nicht ersetzen, das in der Auslands-Diaspora eben nur sporadisch stattfinden kann. Wer als Computer-Muffel im Ausland lebt und keinen Zugang zu deutschsprachigen Fernsehsatellitenprogrammen hat, muß sich mit älteren Ausgaben deutscher Zeitungen zufriedengeben, sofern diese überhaupt zu erhalten sind.

Hand auf’s Herz: Können Sie aus dem Stegreif die wichtigsten deutschen Bundesminister noch mit Namen nennen? Wie leicht fällt Ihnen das für Ihre Wahlheimat? Wie versuchen Sie, über politische Entwicklungen im deutschsprachigen Raum auf dem laufenden zu bleiben? Fühlen Sie sich vom politischen Geschehen an Ihrem Wohnort ausgeschlossen? Engagieren Sie sich persönlich? Ist es vom Standpunkt des Auswanderers aus überhaupt noch wichtig, welche politischen Entscheidungen in der alten Heimat getroffen werden? Welche politischen Köpfe haben in Ihren Augen in Deutschland oder in Ihrer neuen Heimat wirklich Geschichte geschrieben? Wir möchten Sie anregen, Ihre Erfahrungen zu diesem Themenkreis mit anderen Lesern zu teilen. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.

Dr. Manya Brunzema

Kalendersuche / Search by Date
November 2003
M D M D F S S
« Jul   Jan »
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
Archiv
News