Archiv für 2003
DIE QUAL DER WAHL
Liebe Leserinnen und Leser,
in Kanada prägt seit Wochen der Wahlkampf die Medienlandschaft. Ontario wählte einen neuen Ministerpräsidenten, die Metropole Toronto einen neuen Bürgermeister, nun wird über die Nachfolge des kanadischen Premiers Jean Chrétien entschieden.
“Menschen zwischen den Stühlen”, die mit deutschem Paß in Kanada leben, beobachten das politische Geschehen mit Interesse, aber distanziert. “Permanent Residents” dürfen ihre Stimme in Kanada nicht abgeben, dazu muß ist die kanadische Staatsbürgschaft erforderlich. Weltweit wird zwar seit Jahren ein kommunales Wahlrecht für Ausländer heiß diskutiert, läßt sich aber nicht durchsetzen. Obgleich ein Stimmrecht auf lokaler Ebene andersstaatliche Mitbürger stärker in ihre Gemeinden einbinden würde, stehen den dazu erforderlichen Gesetzesänderungen viele bürokratische Hürden im Wege. So bleiben Einwanderer, die ihren Heimatpaß behalten, auf beiden Seiten des Atlantiks bei politischen Entscheidungen vor Ort außen vor, selbst, wenn sie dort Steuerzahler sind. Kein Wunder also, daß wir als Auswanderer mit deutschem Paß politische Machtkämpfe in unserer Wahlheimat etwas reserviert mitverfolgen.
Wie ist es aber mit den politischen Entscheidungen in unserer alten Heimat? Betreffen uns diese noch im gleichen Ausmaß wie vor unserer Auswanderung? Um als deutscher Staatsbürger im Ausland an Bundestagswahlen teilnehmen zu können, bedarf es einiger Anstrengungen: Bei einem deutschen Konsulat muß ein förmlicher Antrag auf Eintragung in ein Wählerverzeichnis gestellt und gleichzeitig eine Versicherung an Eides Statt abgegeben werden, daß der Antragsteller noch Deutscher im Sinne des Grundgesetzes ist. Das ist aufwendiger als der einfache Gang an die Wahlurne, und Politikverdrossene werden den Extra-Verwaltungsaufwand nicht ohne weiteres auf sich nehmen. Den deutschen Bundestag mitwählen kann jeder volljährige Deutsche, der sich nicht länger als 25 Jahre im Ausland aufgehalten hat.

Nach einem Vierteljahrhundert befinden sich Auswanderer mit deutschem Paß dann in einem politischen Niemandsland – nicht länger wahlberechtigt in Deutschland und schon gar nicht in der Wahlheimat. Aber 25 Jahre sind eine lange Zeit. Schon nach nur einem Jahrzehnt im Ausland wird der Abstand zu dem, worüber sich in Deutschland tagtäglich die politischen Gemüter erregen, groß. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man die deutschen Spitzenpolitiker und ihre Vorhaben jeden Tag im Fernsehen und in den Printmedien vor Augen hat, oder ob man mit tausenden Kilometern Distanz auf das Internet und sporadische TV-Programme zurückgreifen muß. Andererseits schaffen die Erfahrungen im ausländischen Alltag einen positiven Abstand und internationale Vergleichsmöglichkeiten, durch die die inländischen Zustände besser zu beurteilen sind.
Die Informationsbeschaffung ist dabei auch im 21. Jahrhundert noch ein Problem. Auch die beste internationale High-Tech-Internet-Verbindung kann das politische Geplänkel am Gartenzaun und in der Stammkneipe nicht ersetzen, das in der Auslands-Diaspora eben nur sporadisch stattfinden kann. Wer als Computer-Muffel im Ausland lebt und keinen Zugang zu deutschsprachigen Fernsehsatellitenprogrammen hat, muß sich mit älteren Ausgaben deutscher Zeitungen zufriedengeben, sofern diese überhaupt zu erhalten sind.
Hand auf’s Herz: Können Sie aus dem Stegreif die wichtigsten deutschen Bundesminister noch mit Namen nennen? Wie leicht fällt Ihnen das für Ihre Wahlheimat? Wie versuchen Sie, über politische Entwicklungen im deutschsprachigen Raum auf dem laufenden zu bleiben? Fühlen Sie sich vom politischen Geschehen an Ihrem Wohnort ausgeschlossen? Engagieren Sie sich persönlich? Ist es vom Standpunkt des Auswanderers aus überhaupt noch wichtig, welche politischen Entscheidungen in der alten Heimat getroffen werden? Welche politischen Köpfe haben in Ihren Augen in Deutschland oder in Ihrer neuen Heimat wirklich Geschichte geschrieben? Wir möchten Sie anregen, Ihre Erfahrungen zu diesem Themenkreis mit anderen Lesern zu teilen. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.
Dr. Manya Brunzema
Liebe Leserinnen und Leser,
beklagen Sie auch, zu wenig Zeit zum Lesen zu haben, gar nicht alles lesen können, was Sie reizt und neugierig macht und faszinierenden Lesestoff oft unterbrechen zu müssen?
Sicher kennen Sie die hypothetische, aber psychologisch interessante Fragestellung, welche drei Bücher Sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Meine Buchwahl wäre je nach Lebensalter eine andere gewesen. Denn erstaunlich oft hat mir das Leben im jeweiligen Moment DAS richtige Buch in die Hände gespielt.
Geht es Ihnen auch so, daß ein Buch für die Lesezeit und darüber hinaus Begleiter Ihrer Gedanken- und Gefühlswelt wird? Daß Sie sich darüber mit anderen Menschen austauschen möchten und versuchen, sie zum Lesen zu motivieren? Und daß Sie dann oft hören: Keine Zeit!
Umfragen zufolge lesen die Deutschen heute seltener und oberflächlicher als früher und brechen eine Lektüre schneller ab, wenn sie ihnen nicht zusagt. Nahmen 1992 noch 16% der Menschen täglich ein Buch in die Hand, so sind es heute nur noch 6%. Die Zahl derjenigen, die nie ein Buch lesen, stieg im gleichen Zeitraum von 20% auf 28%. Als Gründe gaben 62% an, keine Zeit zu haben, 55% lieber fernzusehen, 28% Lesen sei ihnen zu anstrengend und 15% Lesen sei etwas für Leute, die nichts Besseres zu tun hätten.
Dennoch zeigen die Verkaufszahlen des deutschen Buchhandels, daß das Buch noch nicht aus der Mode gekommen ist. Allerdings lesen 2/3 aller Männer und 1/3 der Frauen,
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| Nach 20 Uhr: Jedes 5 .Kind allein vor dem Bildschirm! (Karikatur: Klaus Cadsky) |
um sich zu informieren und nicht zur Entspannung und Unterhaltung. Die Umfragen zeigen allerdings auch, daß Computer und Internet nicht für das veränderte Leseverhalten verantwortlich sind, denn jugendliche Computernutzer lesen deutlich mehr als Gleichaltrige ohne Computerzugang. Tatsache ist, daß die Erfahrung in der Kindheit vorrangig das Leseverhalten prägt und mit dem Vorlesen beginnt. Ich erinnere mich immer noch gerne an meine fernsehlose Nachkriegskinderzeit mit Geschichten vor dem Einschlafen, Grimms Märchen, Sagen des klassischen Altertums, den Sanella-Sammelalben mit ihren bunten Bildern, an meine Bilderbibel und an “das Kino im Kopf”, das sie ausgelöst haben. Später an meine wöchentlichen Besuche in der Bücherei, an den Stapel Bücher unter dem Weihnachtsbaum. Und in meiner Jugend an wahllose Leseorgien von klassischer Literatur bis zum Groschenroman.
Ich frage mich, ob Kinder, die in Haushalten ohne Bücher groß werden, deren Eltern kaum oder gar nicht mehr lesen und vorlesen, Literatur wertschätzen lernen. Werden Texte in Zukunft auf Comic-Sprechblasen-Niveau verflachen müssen, um die Menschen noch zu erreichen? Stellen die anspruchslosen Bestseller, die Rekorde auf dem Buchmarkt verzeichnen, weil man sie wie geistige Fast-Food-Nahrung konsumieren kann, die Mehrheit der Menschen auf Dauer zufrieden? Oder behält das in der Sprache der Zeit gut geschriebene Wort nicht doch seinen Stellenwert, eben weil es das Denken und Fühlen der Gegenwart widerspiegelt? So wie die klassische Literatur bis heute überlebt hat, weil sie Ausdruck des Zeitgeistes ihrer Epoche ist.
Die Deutsche Rundschau freut sich wie immer auf Ihre Meinung.
Ihre Elisabeth von Ah
