In dieser Ausgabe
+ Ist Dialekt nochzeitgemäß?

+ Integration jungerRußlanddeutscher

+ Mittelalterliches Lüneburg:Weißes Gold, rote Klinker

+ Erholung zwischen Lahn, Sieg und Eder.

+ Flüchtlingskindergartenin Jordanien

+ Freihandelsabkommen USA - Europa

+ Das Schicksal des Windhuker Reiters

+ Europa im Jahrhundert der Kriege

+ Feuerwehr-Oldtimer in PEI

Liebe Leser,

in Österreich war ich bisher noch nicht. Eine Bildungslücke? Zu DDR-Zeiten ließ man mich nur in Richtung Osten. Um als “Reisekader”, wie es damals im DDR-Deutsch hieß, für die fast sozialistisch regierte Alpenrepublik nominiert zu werden, war ich wohl zu unbedeutend oder nicht zuverlässig genug. Meinen Traum, mit österreichischen Freunden in einem Wiener Caféhaus zu sitzen und Sachertorte mit Schlagobers zu schlemmen, wollte man mir jedenfalls nicht erfüllen. Obwohl es hieß, daß die Beziehungen zwischen Österreich und der DDR besser als die zur (damals sozialdemokratisch regierten) Bundesrepublik seien, ließ es die Intoleranz der DDR-Mächtigen nicht zu, ihren Bürgern die Anschauung der Welt zu erlauben, wo sie doch so gern von Weltanschauung sprachen. Mittlerweile habe ich die erträumten österreichischen Spezialitäten probiert. Zu meinem gewachsenen Bekanntenkreis zählen heute auch Auslandsösterreicher. Ob darunter Linke oder Rechte sind, vermag ich nicht zu sagen. Es ist mir auch, schlicht gesagt, egal. Und doch: Wer mir einreden will, Menschen nur nach ihrer Parteizugehörigkeit, religiösen Überzeugung, Hautfarbe oder sozialen Herkunft zu beurteilen, kann zwar zur Not ein Gesprächspartner, aber nicht mein Freund sein. Wie würden Sie sich verhalten, wenn heute jemand leise warnend zu Ihnen sagt: “Du willst Dich doch nicht etwa zu diesen Farbigen an den Tisch setzen?” Sicherlich werden Sie empört sein. Und wie reagieren Sie, wenn man flüstert: “Setz Dich nicht zu Herrn X. an den Tisch. Der ist ein verkappter Roter. Womöglich ist er sogar einer dieser gefährlichen Ost-Juden”? Mit Bestürzung? Können Sie sich vorstellen, daß es heute noch Leute gibt, die derartige Ratschläge erteilen? Würden Sie schweigend Toleranz üben?

Goethes Gretchen-Frage wird heute in vielen Schattierungen gestellt. “Und wie hältst Du es mit Herrn Haider?” scheint dabei die aktuellste Variante zu sein. Wobei ich wieder bei Österreich wäre. Folge ich blind dem Mahlstrom internationaler Meinungsmacher, muß ich schlußfolgern, daß sich die mündigen Österreicher Wähler in ihrer Mehrheit verwählt haben. Sie haben sich jedoch nicht urplötzlich anders entschieden oder gar vom Paulus zum Saulus zurückentwickelt. Sie hatten einfach die Nase vom rot-schwarzen Regierungsklüngel voll. Ich weiß nur eins, Jörg Haider hat es geschafft: Er ist zum medialen Weltereignis geworden. “Lieber einen schlechten Ruf als gar nicht bekannt”, wird er sich vielleicht sagen. Und wir? Sollen wir uns dem Trommelfeuer der Tagesmedien gegen das Rechtsbündnis in Wien anschließen? Nein, ich bin für Mäßigung und mehr Sensibilität, wenn auch unter dem Aspekt kritischer Distanz.

Für Mäßigung, weil ich die Ansicht von Theo Sommer, Mitherausgeber von “Die Zeit”, teile, wenn er in der Ausgabe Nr. 7 vom 10. Februar 2000 schreibt: “Zum Dritten verstößt der EU-Bann gegen das fundamentale Recht einer jeden Demokratie, frei zu entscheiden, welche Partei die Bürger wählen und welche dieser Parteien die Regierung bilden soll. Soll so ein europäisches Wertebewußtsein entstehen? Eher wächst nun wohl die Furcht, daß in Europa künftig eine Art umgekehrter Breschnew-Doktrin gelten soll. Ein unerhörter Vorgang: Eine Kabale von EU-Regierungschefs befindet darüber, ob demokratische Entscheidungen der Völker gültig sind.” Nein, ich kann die Überreaktion der EU-Regierungschefs auch nicht billigen. Sie hat nicht nur den Stolz vieler Österreicher verletzt, sondern wird der Wiener Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ womöglich noch mehr “Trotzwähler” zutreiben. Ich verstehe nicht, wie gebildete, angeblich demokratisch gesinnte Menschen zum wirtschaftlichen Boykott, zur politischen Isolation bis hin zum Verzicht auf den Urlaub in der Alpenrepublik auffordern können.

Hat nicht gerade die von der deutschen SPD-Führung in den 70er Jahren klug erdachte, neue Ost-Politik, “Wandel durch Annäherung”, zum Erfolg und Ende des kalten Krieges geführt? Sich somit bewährt? Ich bin für mehr Sensibilität, weil ich meine, wer sich besucht, miteinander spricht und Waren handelt, schießt nicht aufeinander. Intoleranz ist die Vorstufe zum Krieg. Ich hasse militärische Konflikte.

In Österreich bin ich bisher noch nicht gewesen. In diesem Jahr besuche ich es. Trotz alledem! Und Sie? Auf Ihre Zuschriften freut sich

Ihr Juri Klugmann

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