Archiv für 2000
Liebe Leser,
“Go East – Deutschlands starker Osten”. Unter diesem Motto haben wir für Sie erst kürzlich die jungen Bundesländer 10 Jahre nach der Wiedervereinigung besucht. Wir stellten Ihnen in einer Beitragsserie interessante Menschen, Persönlichkeiten, Städte und Regionen vor. Ein besonderes Lob möchte ich an dieser Stelle dem Presse- und Informationsamt der deutschen Bundesregierung und dem Besucherdienst von Inter Nationes aussprechen, deren Mitarbeiter uns mit Rat und Tat zur Seite standen. Ohne diese Förderung wäre unseren Redakteuren, Korrespondenten und mir bestimmt manch wichtige Tür verschlossen und wertvolle Erfahrung versagt geblieben.
Da Ihnen, geschätzte Leser, die westelbischen Bundesgebiete gewiß vielfach vertrauter als der Osten Deutschlands sind, haben wir uns bewußt für Sie in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen umgeschaut. Was lag näher, als mit dem ersten Mann des jeweiligen Bundeslandes ins Gespräch zu kommen? Was lag näher, als die Oberbürgermeister und bekannte Persönlichkeiten danach zu befragen, warum sie gerade ihren Heimatort und ihre Heimatregion im Ausland lebenden Deutschsprechenden als interessanten Unternehmensstandort und sehenswertes Reiseziel empfehlen? Was lag näher, als sich vor Ort davon zu überzeugen, ob das vielfach vermittelte Negativ-Bild von Deutschland insgesamt und den “ausländerfeindlichen Ostdeutschen” nicht einer dringenden Korrektur bedarf?
Um das zu ergründen, habe ich gerne die Kritik von Lesern in Kauf genommen, die sich darüber beklagten, daß wir uns in unserer jüngsten Berichterstattung zu sehr auf die neuen deutschen Bundesländer konzentrierten, statt ein gesamtdeutsches Bild zu vermitteln.
Die für mich persönlich wohl wichtigste Erfahrung unserer jüngsten Journalistenreisen war diese: Alle Spitzen- und Lokalpolitiker, mit denen wir ins persönliche Gespräch kamen, wollten nicht nur die gebotene Chance zur Selbstdarstellung nutzen, sondern sie erkundigten sich sehr genau danach, was Deutschsprechende im Ausland bewegt. Vielfach tauchte die Frage auf, wie Deutschstämmige über heutige politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen in ihrer ehemaligen Heimat denken. In besonders einprägsamer Erinnerung sind mir unsere (wiederholten) Begegnungen mit den Ministerpräsidenten von Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt, aber auch unsere sehr offenen, konstruktiven Gespräche mit Staatssekretär Heye in Berlin und Staatsminister Huber in München geblieben.
Es scheint mir, daß im Gegensatz zu manchem Industrieboß, deutsche Politiker und mittelständische Firmenchefs eher bereit sind, das Verhältnis zu Deutschsprechenden im Ausland als Segment deutscher auswärtiger Kulturpolitik, weg vom vorurteilsbehafteten“Schwarz-Weiß-Denken”, neu zu bewerten.
Sie wissen, die “Deutsche Rundschau” kritisiert im Interesse ihrer weltweiten Leserschaft oft und sehr heftig die Rotstiftpolitik der ehemaligen und der jetzigen Bundesregierung. Aber als wichtige internationale Stimme der im Ausland lebenden und arbeitenden Deutschsprechenden beklagen wir uns nicht nur. Wir wollen z.B. mithelfen, das Verhältnis zwischen Politikern der deutschsprachigen Vaterländer und Mitgliedern von Organisationen der im Ausland lebenden Deutschsprechenden zu verbessern. Deshalb suchen wir bewußt den konstruktiven Dialog mit deutschen Spitzenpolitikern. Wie Sie auch in dieser Ausgabe sehen und lesen können, wurde unsere Initiative angenommen.
Nicht nur der Regierungssprecher der Bundesrepublik Deutschland und die Ministerpräsidenten und Minister verschiedener Bundesländer hörten uns an. Nein, auch Parlamentarier der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien fanden Zeit für uns. Oberbürgermeister und Einwohner von mittel- und norddeutschen Städten kamen mit uns ins Gespäch, gaben uns Gelegenheit zum Umschauen.
Meinungsverschiedenheiten gab es auch. Beispielsweise in der Frage, wie deutsche auswärtige Kulturpolitik am Besten ihre Adressaten erreichen kann. Das ist bei diesem brisanten Thema nicht ungewöhnlich. Unterm Strich zeigten sich jedoch alle Gesprächspartner interessiert und versprachen, unsere Vorschläge sorgfältig zu prüfen.
Regelrecht begeistert wurde unser Angebot aufgenommen, gemeinsam mit örtlichen Handwerkskammern einen Austausch von Lehrlingen und jungen Handwerksgesellen zwischen deutschen und nordamerikanischen Familienunternehmen über unsere internationale Monatszeitung ins Leben zu rufen. Mit dieser Aktion möchte die “Deutsche Rundschau” erneut ihre völkerverbindende Mission unter Beweis stellen. Wir setzen uns dafür ein, daß junge Leute die Gelegenheit erhalten, ihre Traumländer und andere Unternehmenskulturen zu besuchen und kennenzulernen.
Es ist an der Zeit, daß wir uns auf die Lösung der wichtigen Fragen der Gegenwart und Zukunft konzentrieren. Vielfältige Begegnungen zwischen Deutschen und Deutschsprechenden, über Ozeane und Ländergrenzen hinweg, gehören dazu. Persönliche Kontakte können von websites im Internet angeregt, aber nicht ersetzt werden.
Ihre Ideen und die Bereitschaft zur Mitarbeit sind gefragt. Bitte teilen Sie uns mit, wie die Zusammenarbeit zwischen in Europa lebenden und außerhalb Europas wohnenden Deutschsprechenden noch verbessert werden kann. Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
Sie werden es selbst bemerkt haben: Auch im neuen Jahrtausend berichten seriöse Tagesmedien weltweit mehr über unerfreuliche, statt gute Neuigkeiten. Wer Massenarbeitslosigkeit, Massenarmut, Massenkrawalle und Massenhoffnungslosigkeit zum Thema macht, will nicht nur Einschaltquoten und Leserzahlen erhöhen, sondern berichtet über tatsächliche Probleme unserer Welt. Diese Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Wie Shakespeares zögernder Hamlet, der konstatierte “The time is out of joint”, scheinen wir hilflos mit diesem Zustand. Denn mit Besorgnis verfolgen Millionen von Menschen an flimmernden Bildschirmen, wie große Teile dieser Welt von einer Welle von Protesten und Gewaltakten erschüttert werden, die in vergangenen Jahrzehnten ihresgleichen suchte. Wehret den Anfängen!
Im Zusammenhang mit den in vielen Ländern gestiegenen Preisen für Rohöl, Benzin- und Dieselkraftstoff wird die schwankende Balance der Gesellschaft im scheinbar so stabilen Westeuropa besonders deutlich. Es war abzusehen, daß sich die in den letzten Monaten rasch gewachsene Unzufriedenheit der Bürger vieler Länder Luft machen und versuchen wird, ihren rat- und kraftlos wirkenden Regierungen Einhalt zu gebieten. Otto Normalverbraucher hat endgültig die Nase voll. Er nimmt die Knebelung durch die Steuerschraube, ganz gleich mit welchem Namen man ihm das Kind in die Wiege zu legen versucht, nicht länger hin. Wehret den Anfängen!
Ich frage mich, ob die Regierungen x-beliebiger Länder, ganz gleich von welcher Partei sie gestellt werden, überhaupt noch die Handlungs- und Entscheidungsfreiheiten besitzen, die sie für sich reklamieren? Macht nicht die jüngste, von der OPEC erneut inszenierte “Ölkrise” in erschreckender Weise deutlich, daß die Karten an ganz anderen Tischen gemischt werden? Nein, es sind nicht die Schröders, Blairs, Putins oder Chiracs oder all die anderen europäischen Staatsoberhäupter, die die ökonomischen Trümpfe dieses Spelunkenspiels in ihren Händen halten, sondern die OPEC-Fürsten und internationalen Öl-Multis. Aber Mitspieler sind die Herren Politiker schon. Ob sie jedoch das Spiel im Interesse ihrer Wähler und Bürger spielen, wird die Zukunft erweisen. Nur zur Kasse gebeten wird, wie immer, der kleine Mann. Alles schon mal da gewesen? Wehret den Anfängen!
Der Ruf nach einer neuen Weltordnung, “The Call for a New Global Order”, wird lauter. Und er verhallt nicht ungehört. Ich sehe durchaus, daß viele Probleme, keineswegs nur Umwelt-, Ernährungs-. Gesundheits- oder Energieprobleme, nur global und gemeinsam gelöst werden können. Jedoch, alleine der Gedanke daran, wer alles und mit welchen Mitteln die beschworene neue Weltordnung herbeizuführen und Schlüsselstellungen der Macht zu besetzen versucht, macht mich gruseln. Werden die humanistischen Kräfte in der Welt die Oberhand behalten? Oder wird die neue Weltordnung von eiskalt rechnenden Ökonomisten, wahnwitzigen Militärs oder gar militanten politischen Außenseitern herbeigeführt werden? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: Beten allein hilft nicht! Wehret den Anfängen!
Wer sich nur am Stammtisch ereifert und vorm Fernseher empört, ändert nichts. Jeder von uns, der in einer Demokratie lebt, hat noch die Möglichkeit Einfluß auf politische, wirtschaftliche und kulturelle Entscheidungen zu nehmen. Als Wähler und im Alltag. Sie wissen doch: “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.” Wehret den Anfängen! Sie auch?
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
der Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e.V. (VDA) wird im kommenden Jahr 120 Jahre alt. Vielen von Ihnen wird diese traditionsreiche Organisation noch unter dem ehemaligen Namen “Verein für das Deutschtum im Ausland” ein Begriff sein. Der neue Name wurde dem Zeitgeist angepaßt, das große Engagement seiner Mitglieder zum Wohle der deutschen Landsleute in aller Welt blieb unverändert. Der VDA sieht sich als Brücke zu den zwischen 14 und 15 Millionen Deutschen in aller Welt, die sich der alten Heimat bzw. der Heimat ihrer Vorfahren emotional verbunden fühlen und die deutsche Sprache und Kultur pflegen. Seine besondere Solidarität gilt, wie es in dem Aufruf an die Mitglieder und Freunde des VDA heißt, jenen Deutschen, die sich in Mittel- und Osteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion nach jahrzehntelanger Unterdrückung um die Wiederbelebung der deutschen Sprache und Kultur bemühen. Es besteht kein Zweifel darüber, daß es in der Geschichte des VDA eine Reihe von Versuchen verschiedener deutscher Regierungen gab, diese Organisation zu mißbrauchen. Sie als Ochsen vor den Karren ihrer politischen Interessen zu spannen. Bei einem Verein, der sich um die Aufrechterhaltung der Verbindungen zu seinen Landsleuten im Ausland bemüht, überrascht das nicht sonderlich. Das mag für manche Funktionäre und verschiedene Mitglieder des VDA belastend — für andere gar verlockend gewesen sein. Ich weiß nicht, was z.B. die demokratisch gewählte VDA-Führung in der NS-Zeit dem Diktat der braunen Machthaber entgegensetzte? Gleichschaltung stand im “Tausendjährigen Reich” auf der Tagesordnung. Wie Kritiker behaupten, ordnete sich der VDA der “Führer befiehl, wir folgen!”-Aufforderung unter. Leider! Und doch: Mir fehlt, wie vielen Angehörigen meiner Generation, die genaue Sachkenntnis und somit auch das Recht, um über Gut und Böse, Recht und Unrecht in den einzelnen geschichtlichen Entwicklungsphasen des VDA zu befinden.
Korrekt ist, daß den Weg von der Gründung am 15. August 1881 in Berlin als “Allgemeiner Deutscher Schulverein” zum heutigen VDA Persönlichkeiten aus allen Parteien sowie gesellschaftlichen Klassen und Schichten geprägt haben. Der Reichspräsident Paul von Hindenburg, der zu Zeiten der Weimarer Republik an der Spitze der Organisation stand, gehörte ebenso dazu wie die prominenten Sozialdemokraten Wilhelm Hoegner und Wenzel Jaksch. Wer seine Emotionen beiseite schiebt und für Gerechtigkeit eintritt, muß zugeben, daß es der VDA einfach nicht verdient hat, allein an seinen Taten in dunklen Jahren gemessen zu werden.
Jede Kritik ist schmerzhaft. Den Anschuldigungen von Nachkriegskritikern, daß es sich beim VDA um einen “rechtslastigen” Verein handele, wehrte vielleicht deshalb der ehemalige Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Dr. Hans Klein (CDU/CSU), einst in einem Vortrag mit den Worten ab: “Entgegen nachträglicher Unterstellungen von parteipolitisch voreingenommenen heutigen Kritikern hat sich der VDA — seit 1908 trugen die zusammengeführten Schulvereine den Namen ‘Verein für das Deutschtum im Ausland’ — stets klar abgegrenzt gegen den in Zielsetzung und
Handlungsweise anders ausgerichteten Alldeutschen Verband und gegen antisemitische Einflüsse.” (Wer von Ihnen, liebe Leser, diese Aussage von Dr. Hans Klein durch Fakten be- oder widerlegen kann, sollte uns bald schreiben, weil “Deutsche Rundschau” in den nächsten Ausgaben Artikel veröffentlichen wird, die sich der Geschichte des VDA widmen.)
Und heute? Im jüngsten Aufruf an seine Mitglieder und Freunde läßt der VDA eine Zweifel an seiner Zielstellung: “Der VDA möchte auch im beginnenden neuen Jahrtausend eine Brücke zu seinen Landsleuten in aller Welt sein und den Dialog mit ihnen pflegen. Ein kleiner Teil der Deutschen im Ausland trägt durch seine Mitgliedschaft im VDA dazu bei, daß der Verein seine weltweite Arbeit zur Erhaltung und Förderung des Deutschtums leisten kann. Der VDA erhält dafür keine staatlichen Mittel und ist ausschließlich auf Spenden und Beiträge seiner Mitglieder angewiesen.”
Zweifellos ein Anliegen, das unsere ganze Unterstützung und die Solidarität aller im Ausland lebenden Deutschsprechenden verdient! Denn Hand aufs Herz: Nicht nur für den VDA, sondern für die Mehrheit der im Ausland um die Erhaltung der deutschen Sprache und Kultur ringenden Organisationen stellt der anhaltende Mitgliederverlust das größte aller Probleme dar. Dem dürfen wir nicht länger tatenlos zusehen! Es müssen Konzepte gefunden werden, die insbesondere die jüngere Generation anziehen. Ein erster Schritt wäre, daß wir unsere eigenen Kinder ermutigen, ihr Mitspracherecht durch Mitgliedschaft wahrzunehmen. Mitgliedschaft im VDA? JA! Die Entscheidung über die Existenzberechtigung von Organisationen und Vereinen wie dem VDA darf nicht den innen- oder außenpolitischen Interessen und Zielen von Politikern überlassen werden. Doch was ist Ihre Meinung?
Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
mit der deutschen Sprache nimmt man es in Deutschland sehr genau. Die Rechtschreibreform scheint es zu belegen. Sie wurde trotz allem Für und Wider und trotz heftigen Widerstandes vieler Bürger durchgeboxt. Die für den Kurswechsel zuständigen Schriftgelehrten und vor allem die Kultusminister von Deutschland, Österreich und der Schweiz waren sich einig wie sonst selten. Die Mehrheit der im deutschsprachigen Raum publizierten Medien hat sich damit abgefunden und sich auf die neuen Regelungen eingestellt. “Deutsche Rundschau” folgt der neuen Sprachregelung noch nicht. Eine Entscheidung, die uns schon von einigen Redakteuren und Lesern geharnischte Kritik einbrachte. Wer mit dem Anspruch “Weltzeitung für Deutschsprechende” antrete, solle doch beispielgebend bei der Verbreitung der neuen Rechtschreibregeln vorangehen, wurde mir mündlich und schriftlich (in neuer Schreibweise!) mehrfach nahegelegt. Zunächst muß ich eingestehen, daß ich ein Gegner der neuen Rechtschreibreform bin. Nicht etwa aus Bequemlichkeit oder weil mir das Geld für die Installation des neuen Rechtschreibprogramm zu schade ist. Nein, weil für Deutschsprechende im Ausland das Umsetzen der Rechtschreibreform und Erlernen der neuen Regelungen viel schwieriger ist als in deutschsprachigen Mutter- und Vaterländern. Die Kinder deutschsprachiger Auswanderer erlernen meist die Mutter-, wenn nicht gar die Großmuttersprache zuerst. Erst danach oder gleichzeitig wird die Landessprache erlernt und erst dann, wenn überhaupt, werden sie in deutschen Samstagsschulen mit der neuen Regelung vertraut gemacht. Ich habe mir sagen lassen, daß viele deutsche Sprachschulen im Ausland noch nicht die entsprechenden Lehrmaterialien erworben haben. Nicht zuletzt, weil finanzielle und materielle Fördermittel aus der alten Heimat spärlicher als früher fließen.
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Wird sich die “Deutsche Rundschau” der Rechtschreibreform anschliessen? Gewiß, denn viele unserer Redakteure und Korrespondenten arbeiten schon jetzt nach den neuen Regeln. Wir redigieren und editieren oft die nach der neuen Sprachreglung verfaßten Texte um. Ein zeitaufwendiges, nervenraubendes Unterfangen. Sie, liebe Leser, werden jedoch erst ab der Januar-Ausgabe im Jahr 2001 die “Deutsche Rundschau”, geschrieben in der neuen Rechtschreibung, lesen können. Bis dahin schreiten und schreiben wir im alten Stiefel weiter.
Die neue deutsche Rechtschreibreform hat auch noch andere Konsequenzen. Deutschstämmige Rußlanddeutsche, die ins “gelobte Deutschland” einwandern wollen, müssen in einem Sprachtest den Nachweis erbringen, daß sie die deutsche Sprache gut beherrschen. Wer den Test nicht mit Erfolg absolviert, kann seinen Traum vom Leben im Land seiner Ahnen nicht verwirklichen. Ich frage mich, was passiert wäre, wenn Kanada oder die anderen gefragten Auswandererländer in der Nachkriegszeit von ihren vielen deutschsprachigen Neueinwanderern einen ähnlichen Sprachtest in Englisch als Eintrittskarte gefordert hätten. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin der Meinung, daß jede/r Auswanderungswillige die Sprache der Wahlheimat schnellstmöglich erlernen und sprechen sollte. Man sollte aber an Deutschstämmige keine unnötig höheren Anforderungen stellen, als man sie an Antragsteller aus anderen Ländern stellt. Und was ist Ihre Meinung zu diesem Thema? Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
was verstehen Sie unter einer “unabhängigen Zeitung”? Ich verstehe darunter eine Zeitung, die ihre Autoren nicht einer Gesinnungsschnüffelei aussetzt, bevor sie sie zu Wort kommen läßt. Eine Zeitung, die sich an die Spielregeln der Demokratie hält. Eine Zeitung, die nicht bestimmte Meinungen bevorzugt oder gar indoktriniert. Eine Zeitung, die sachlich, wenn auch nicht ohne Leidenschaft berichtet und es ihren Lesern überläßt, welches Urteil sie sich aus dem Gelesenem bilden.
“Deutsche Rundschau” ist keine Parteizeitung. Als “kleinste globale Zeitung” bedienen wir die Leserinteressen von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Religion, weltanschaulicher Überzeugung, Lebenserfahrung und unterschiedlichen Alters. Daß dies eine schwierige Aufgabe ist, wird jedem einleuchten.
Man bewegt Menschen leichter zum Nachdenken, wenn man Dinge bewußt zuspitzt, Widerspruch herausfordert. Auf die Gefahr hin, daß man sich bei dem einen oder anderen Mitbürger unbeliebt macht. Deshalb schreibe ich Ihnen ungeschminkt meine Gedanken und Gefühle auf. Daß ich bei meinen Kommentaren oft kein Blatt vor dem Mund nehme, aus meinem Herzen keine Mördergrube mache und, das streite ich nicht ab, gelegentlich über’s Ziel hinausschieße, birgt das Risiko des “Anekkens” in sich. Berufsrisiko eines Journalisten. Ich nehme es, wenn auch gelegentlich mit Zähneknirschen, in Kauf. Jede auch kritische Leserzuschrift, die unsere Redaktion aus aller Herren Länder erreicht, werten wir zu allererst als Zeichen Ihrer Verbundenheit zu unserer “Weltzeitung für Deutschsprechende”.
Gewiß: Der Herausgeber und die Chefredaktion einer Zeitung sind Lesermeinungen und -befindlichkeiten sowie freundlichen oder weniger gut gemeinten Kommentaren regelrecht ausgeliefert. Es allen recht zu machen, ist eine Kunst, die keiner kann. “Entlassen Sie sofort Ihre linken Schreiberlinge!”, fordern die einen. “Noch so ein rechtslastiger Artikel und Sie brauchen uns in Sachen Anzeigen nie wieder anzusprechen, Herr Klugmann!”, drohen andere. “Ändern Sie bloß Ihren Zeitungsnamen! “Deutsche Rundschau” klingt ja als Zeitungstitel ziemlich angestaubt. Sie sind doch nicht etwa deutschnational?”, fragen Dritte besorgt. Manche wollen es ganz genau wissen: “Wer bezahlt Sie eigentlich? Der Jüdische Weltkongreß?” Sensible meinen: “Warum haben Sie mein Gedicht nicht abgedruckt? Mein Ihnen zugesandtes Buch ist bis heute nicht rezensiert worden. Haben Sie etwas gegen junge Künstler oder mich persönlich?” Und dann kommt der erhobene Zeigefinger: “Warum lassen Sie in Ihrer Zeitung das “F-Wort” zu? Lassen Sie die “Deutsche Rundschau” nicht so verkommen!“ Wie angenehm ist dagegen die Aufforderung: “Drucken Sie bitte die Artikel in Ihrer Zeitung in größeren Buchstaben, diese kleine Schrift kann ja kein Mensch lesen und im übrigen sollten Sie sich zumindest am Telefon das Sächseln abgewöhnen.” Und abschließend die ganz Modebewußten: “Was tragen Sie denn für einen Mantel? Hatten Sie den schon bei Ihrer Ausreise aus Ostdeutschland an?” Ich möchte es bei diesem Meinungsspektrum unserer Leser belassen. Es ließe sich ausweiten.
Weiten Sie es mit aus! Halten Sie nicht mit Ihrer Meinung hinter dem Berg! Denn auch zukünftig werden unsere Korrespondenten/ Innen und Gastautoren/Innen ihre Meinung ungefiltert kundtun. Schreiben Sie uns, wenn Sie anderer Meinung sind oder es besser wissen. Schreiben Sie uns, wie wir unsere Zeitung noch interessanter, noch augenfälliger gestalten sollen. Schlagen Sie uns Ihre Themen vor, damit wir sie auf die Tagesordnung setzen können.
Teilen Sie uns mit, welche unserer Beiträge Sie gut fanden und welche nicht. Debattieren Sie energisch mit unseren Autoren, Redakteuren und Mitarbeitern, aber fordern Sie nicht gleich deren Entlassung! Denn wenn ich diesen Forderungen folgen würde, dann wären wir wieder auf der Stufe der gleichgeschalteten Medien angelangt. Auf Ihre Zuschriften freut sich Ihr
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
“Keine Politik ist besser als die Ziele, die sie sich setzt”, meint Henry Kissinger. Wenn diese Aussage stimmt, gehört Helmut Schmidt für mich in die vorderste Reihe der Männer, die das, was moralisch falsch war, nie politisch richtig fanden. Denn Eines muß man Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt lassen: Er weiß noch immer den Finger auf offene Wunden zu legen. Trotz seines hohen Alters hat der Mitherausgeber von Deutschlands renommierter Wochenzeitung “Die Zeit” seine Scharfsinnigkeit, Exaktheit und vor allem seine scharfe Zunge in der politischen Analyse und Debatte nicht eingebüßt. Letzteres macht ihn mir besonders sympathisch. “Das 21. Jahrhundert beginnt im Zeichen einer erdrückenden Präponderanz der USA – von Internet bis Electronic Commerce, von Bosnien bis Timor. Washington bemüht sich, die NATO zu einem globalen Instrument amerikanischer Machtpolitik umzuprägen”, schreibt er in seinem erst kürzlich in der renomierten Publikation “Die Zeit” veröffentlichten, mich sehr nachdenklich stimmenden Beitrag.
Helmut Schmidt, der mit den Großen dieser Welt verhandelte, ein fließendes Englisch spricht und über tiefere Kenntnisse amerikanischer Verhältnisse verfügt, als manch noch in Amt und Würden weilende europäische Staatsmann, weiß, wovon er spricht, wenn er das erdrückende Übergewicht der USA problematisiert. Zweifellos hat er recht, wenn er meint, daß aus amerikanischer Sicht die Europäische Union – das, vom Potential her gesehen, einzig ernstzunehmende Gegengewicht gegenüber den USA, – möglichst schwach bleiben sollte.
Präziser wäre es vielleicht gewesen, wenn er von der gegenwärtigen amerikanischen Regierung, den industriellen “Global Players” und der Hochfinanz gesprochen hätte. Denn sie sind es, die die “Amerika First!” – Politik noch immer ganz in Ordnung finden und ihren Freunden in Übersee nur so weit freundschaftlich begegnen, wie deren Politik amerikanischen Interessen nicht zuwiderläuft. Und der Zusammenbruch des Ostblocks mit der Weltmacht UdSSR hat diese internationale Dominanz der USA, die nun weltweit kein wirkliches Gegenüber mehr zu fürchten haben, befördert. Bleibt zu hoffen, daß die “Gefahr eines sozial rücksichtslosen Raubtier-Kapitalismus”, von der der Alt-Bundeskanzler spricht, noch rechtzeitig gebannt wird.
Wenn es um unsere heutige Welt so bestellt ist, wie es Helmut Schmidt darlegt und wie ein Blick in die internationale Politik belegt – man denke nur an die Düpierung der EU durch Präsident Clinton bei der Wahl des Präsidenten des IWF –, fragt man sich, welche Antworten darauf die Europäische Union parat hat. Was gedenken die Hochkommissare der EU zu tun, um dem übermäßigen Machthunger der USA gleichwertig zu begegnen? Was gedenkt insbesondere Deutschland zu tun? Als wirtschaftlicher Motor der Europäischen Union ist es wie kein anderes europäisches Land ins Visier der Mächtigen in Übersee geraten. Nicht nur führende Unternehmen der deutschen Großindustrie haben in jüngster Zeit in den USA, nicht zuletzt durch Anzeigenkampagnen im Zusammenhang mit der Zwangsarbeiter-Debatte, an Ansehen eingebüßt. Auch anderweitig scheinen die Beziehungen zwischen den USA und dem NATO-Partner Deutschland belastet. So steht plötzlich wieder die von Stuart Eizenstat, dem US-Unterhändler über die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern, aufgeworfene Frage im Raum: Wie es eigentlich um Reparationszahlungen für den Zweiten Weltkrieg bestellt sei? Wird Deutschland seinen finanziellen Verpflichtungen gegenüber der EU überhaupt noch zukünftig gerecht werden können, wenn Reparations-Milliarden über den großen Teich fließen müssen? Sicherlich ist diese von Eizenstat aufgeworfene Frage letzten Endes auch in den USA weder konsens- noch politikfähig, doch allein der Umstand, daß sie überhaupt in einem offiziellen Kontext gestellt werden konnte, bewirkte eine beträchtliche Irritation.
Von der amerikanisch-europäischen Beziehungskrise betroffen sind nicht zuletzt auch die deutschsprachigen Minderheiten. Wenn sich das politische Klima zwischen Ländern verschlechtert, sind ethnische Minderheiten immer mit belastet, wenigstens mittelbar. Manch Auslandsösterreicher wird nach den jüngsten Wahlen in Österreich sein Lied davon zu singen wissen. All das gesagt, scheint mir jedoch die große Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung weder anti-europäisch, noch anti-deutsch oder anti-österreichisch eingestellt zu sein. Da sich bei der letzten Volkszählung in den USA erneut große Teile der amerikanischen Bevölkerung, in einzelnen Bundesstaaten sogar über 50%, zu ihrer deutschsprachigen Abstammung bekannten, bleibt zu wünschen, daß sich diese Bevölkerungsgruppe nicht nur bei statistischen Erhebungen ihrer Wurzeln besinnt.
Viel wünschenswerter wäre, wenn sich der Austausch von Schülern, Studenten, und Facharbeitern zwischen der Alten und Neuen Welt unbürokratischer in einem breiteren Rahmen entwickeln könnte. Wenn junge Menschen beider Kontinente sich öfter begegnen, heilen auch noch offene Wunden schneller. Für diesen Heilungsprozeß setzt sich auch die “Deutsche Rundschau” weiterhin ein. Dem Brückenbauen haben wir uns seit der Erstausgabe verschrieben. In diesem Sinne möchte ich auch Sie, unsere Leser, zur Gestaltung von Geschichte ermutigen. Denn um mehr Bürger- und globalen Gemeinschaftssinn zu entwickeln, benötigt man keines der hochdotierten Ämter, sondern vor allem Zivilcourage. Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
im Ausland lebende Deutschsprechende tauchen als Konsumenten höchst selten in Statistiken auf. Bei der Mehrheit versierter Wirtschaftswissenschaftler und bei Weichenstellern in den Chefetagen der deutschen, österreichischen und Schweizer Industrie findet man nur selten ein offenes Ohr, wenn man eine Lanze für diese wichtige Verbrauchergruppe brechen will.
Als Argument wird dabei oft ins Feld geführt, daß man den jeweiligen Markt als Ganzes oder sich gar als “global player” betrachte. Den Hinweis, daß man ein “Weltspieler” sei, finde ich gar nicht einleuchtend, denn weltweit sprechen über 100 Millionen Menschen täglich Deutsch. Gemessen am asiatischen Markt ist diese Konsumentengruppe zwar klein, doch dafür mit (ehemals) deutschen Marken besonders vertraut. Erfahrungsgemäß stehen unsere ausgewanderten Landsleute und Freunde der deutschen Sprache nicht nur der deutschen Kultur nahe. Viele deutsche, österreichische und Schweizer Waren würden sich gewiß schneller und leichter in ausländischen Märkten absetzen lassen, wenn man das Kaufverhalten der dort lebenden deutschsprechenden Bürger öfter zum Gegenstand der Marktforschung und wissenschaftlicher Untersuchungen machen würde.
Mir fiel auf, daß beispielsweise Deutschamerikaner und Deutschkanadier der zweiten und dritten Generation gern Waren kaufen, von deren Qualität schon ihre Vorfahren begeistert waren. Auch dann, wenn sie nicht mehr fließend oder gar nicht Deutsch sprachen. Mit diesem Kaufverhalten unterscheiden sie sich oft von anderen Konsumenten in Nordamerika. Verwunderlich ist deshalb, daß Unternehmer aus dem deutschsprachigen Teil Europas ihre Marktstrategien nicht stärker auf diese Verbrauchergruppe ausrichten. Denn während in Deutschland jedes Kind Coca Cola und McDonald’s kennt, ist es leider um den Bekanntheitsgrad deutscher Markenartikel, Luxusautomarken ausgenommen, in den USA und Kanada nicht so gut bestellt. Zum einen liegt es wohl daran, daß sich nur wenige Tochterfirmen zu ihrer deutschen Mutter bekennen wollen und im extremen Fall sogar einen anderen Markennamen als im Mutterland führen (müssen?). Andererseits obliegt die Unternehmensleitung vieler Niederlassungen, anders als in den 50er und 60er Jahren, Amerikanern oder Kanadiern. Darf von diesen Entscheidungsträgern erwartet werden, daß sie den Kaufstimulatoren “Erinnerung” und “Heimatliebe” besondere Bedeutung beimessen? Immer häufiger produzieren auch deutsche “Firmen von Welt” ihre Markenerzeugnisse in verschiedenen Billiglohnländern. Natürlich mit der Begründung wettbewerbsfähig bleiben zu wollen, was wohl ein vornehmer Ausdruck für Profitmaximierung ist. Aber andererseits wird der Bezug auf eine profitabel erscheinende Zielgruppe nicht gesucht und zum Teil gar bewußt vermieden. Ist die zunehmende Identitätslosigkeit bei Erzeugnissen eine Schatten- oder Sonnenseite der Globalisierung?
Letztendlich entscheidet die Qualität der Erzeugnisse über den Absatz. Das Herkunftsland scheint dabei unwesentlich. Doch ist es das wirklich? Stellt man nicht noch immer bei Wortverbindungen wie russischer Wodka und Kaviar, argentinisches Rindfleisch, kolumbianischer Kaffee, deutsche Autos usw. gedankliche Verbindungen her? Besitzen diese Verbindungen noch einen Verkaufswert? Ich meine JA!
Zurecht wird nicht nur in Deutschland über die Amerikanisierung des Alltags geklagt. Doch wer so klagt, unternimmt oft selbst nicht viel, um seine Produkte jenseits des Ozeans ideenreich im Markt anzubieten. Wer Gleiches mit Gleichem zu vergelten versucht, sollte sich nicht als U-Boot im nordamerikanischen Markt bewegen, sondern Flagge zeigen, wie das Nordamerika in Deutschland auch tut. Als ich mich bei meinem jüngsten Berlinbesuch bemühte, für meine kanadischen Kinder den von ihnen gewünschten Pulli mit Kennedys berühmter Aussage: “Ich bin ein Berliner” zu erwerben, erntete ich nur Kopfschütteln. “Wat denn, Ihre Kids sind Kanadier und denn koofen Se nich “I like Berlin?”, wurde ich halb ungläubig und halb vorwurfsvoll gefragt. Pullis mit englischen, zum Teil sinnlosen Sprüchen waren dagegen in Hülle und Fülle vorhanden. Ein anderes Beispiel: Als ich im Wartezimmer meines Augenarztes auf eine Werbebroschüre von Zeiss stieß, wollte ich diese erfreut meiner Frau zeigen. Um so ärgerlicher war ich, als ich feststellte, daß man nirgendwo ersehen konnte, daß es sich bei Zeiss-Brillengläsern um ein deutsches Markenprodukt handelt. Mir ist das unverständlich. Zumal das “Made in Germany” nicht nur bei deutschstämmigen Konsumenten noch immer den Ruf deutscher Wertarbeit in sich trägt.
Wer lange Zeit im Ausland gelebt und gearbeitet hat, weiß um den Einfluß, den Einwandererfamilien aus der Alten Welt auf das Kaufverhalten ihrer Freunde und Bekannten in der Neuen Welt haben. Sie sind es, die oft entscheidend zum guten oder auch schlechten Ruf eines Produktes beitragen und zum Kauf oder Nichtkauf eines Erzeugnisses “Made in Germany, in Austria oder in Switzerland” ermuntern. Man weiß aber auch um die “Nostalgie” der Auswanderer, die Sehnsucht nach heimischen Produkten. Und warum sollte das, was bei Osterhasen aus Schweizer Schokolade und Weihnachtsbaumkugeln aus Deutschland funktioniert, bei technischen Erzeugnissen weniger wirken?
Zumindest Panzer scheinen sich immer noch besser zu verkaufen, wenn der deutsche Firmenname fällt. Aber brauchen Sie einen Panzer? Auf Ihre Zuschriften freut sich Ihr
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
in Österreich war ich bisher noch nicht. Eine Bildungslücke? Zu DDR-Zeiten ließ man mich nur in Richtung Osten. Um als “Reisekader”, wie es damals im DDR-Deutsch hieß, für die fast sozialistisch regierte Alpenrepublik nominiert zu werden, war ich wohl zu unbedeutend oder nicht zuverlässig genug. Meinen Traum, mit österreichischen Freunden in einem Wiener Caféhaus zu sitzen und Sachertorte mit Schlagobers zu schlemmen, wollte man mir jedenfalls nicht erfüllen. Obwohl es hieß, daß die Beziehungen zwischen Österreich und der DDR besser als die zur (damals sozialdemokratisch regierten) Bundesrepublik seien, ließ es die Intoleranz der DDR-Mächtigen nicht zu, ihren Bürgern die Anschauung der Welt zu erlauben, wo sie doch so gern von Weltanschauung sprachen. Mittlerweile habe ich die erträumten österreichischen Spezialitäten probiert. Zu meinem gewachsenen Bekanntenkreis zählen heute auch Auslandsösterreicher. Ob darunter Linke oder Rechte sind, vermag ich nicht zu sagen. Es ist mir auch, schlicht gesagt, egal. Und doch: Wer mir einreden will, Menschen nur nach ihrer Parteizugehörigkeit, religiösen Überzeugung, Hautfarbe oder sozialen Herkunft zu beurteilen, kann zwar zur Not ein Gesprächspartner, aber nicht mein Freund sein. Wie würden Sie sich verhalten, wenn heute jemand leise warnend zu Ihnen sagt: “Du willst Dich doch nicht etwa zu diesen Farbigen an den Tisch setzen?” Sicherlich werden Sie empört sein. Und wie reagieren Sie, wenn man flüstert: “Setz Dich nicht zu Herrn X. an den Tisch. Der ist ein verkappter Roter. Womöglich ist er sogar einer dieser gefährlichen Ost-Juden”? Mit Bestürzung? Können Sie sich vorstellen, daß es heute noch Leute gibt, die derartige Ratschläge erteilen? Würden Sie schweigend Toleranz üben?
Goethes Gretchen-Frage wird heute in vielen Schattierungen gestellt. “Und wie hältst Du es mit Herrn Haider?” scheint dabei die aktuellste Variante zu sein. Wobei ich wieder bei Österreich wäre. Folge ich blind dem Mahlstrom internationaler Meinungsmacher, muß ich schlußfolgern, daß sich die mündigen Österreicher Wähler in ihrer Mehrheit verwählt haben. Sie haben sich jedoch nicht urplötzlich anders entschieden oder gar vom Paulus zum Saulus zurückentwickelt. Sie hatten einfach die Nase vom rot-schwarzen Regierungsklüngel voll. Ich weiß nur eins, Jörg Haider hat es geschafft: Er ist zum medialen Weltereignis geworden. “Lieber einen schlechten Ruf als gar nicht bekannt”, wird er sich vielleicht sagen. Und wir? Sollen wir uns dem Trommelfeuer der Tagesmedien gegen das Rechtsbündnis in Wien anschließen? Nein, ich bin für Mäßigung und mehr Sensibilität, wenn auch unter dem Aspekt kritischer Distanz.
Für Mäßigung, weil ich die Ansicht von Theo Sommer, Mitherausgeber von “Die Zeit”, teile, wenn er in der Ausgabe Nr. 7 vom 10. Februar 2000 schreibt: “Zum Dritten verstößt der EU-Bann gegen das fundamentale Recht einer jeden Demokratie, frei zu entscheiden, welche Partei die Bürger wählen und welche dieser Parteien die Regierung bilden soll. Soll so ein europäisches Wertebewußtsein entstehen? Eher wächst nun wohl die Furcht, daß in Europa künftig eine Art umgekehrter Breschnew-Doktrin gelten soll. Ein unerhörter Vorgang: Eine Kabale von EU-Regierungschefs befindet darüber, ob demokratische Entscheidungen der Völker gültig sind.” Nein, ich kann die Überreaktion der EU-Regierungschefs auch nicht billigen. Sie hat nicht nur den Stolz vieler Österreicher verletzt, sondern wird der Wiener Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ womöglich noch mehr “Trotzwähler” zutreiben. Ich verstehe nicht, wie gebildete, angeblich demokratisch gesinnte Menschen zum wirtschaftlichen Boykott, zur politischen Isolation bis hin zum Verzicht auf den Urlaub in der Alpenrepublik auffordern können.
Hat nicht gerade die von der deutschen SPD-Führung in den 70er Jahren klug erdachte, neue Ost-Politik, “Wandel durch Annäherung”, zum Erfolg und Ende des kalten Krieges geführt? Sich somit bewährt? Ich bin für mehr Sensibilität, weil ich meine, wer sich besucht, miteinander spricht und Waren handelt, schießt nicht aufeinander. Intoleranz ist die Vorstufe zum Krieg. Ich hasse militärische Konflikte.
In Österreich bin ich bisher noch nicht gewesen. In diesem Jahr besuche ich es. Trotz alledem! Und Sie? Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
Liebe Leser,
was im deutschsprachigen Teil Europas, insbesondere in Deutschland, vor sich geht, läßt im Ausland lebende Deutschsprechende mehrheitlich nicht kalt. Ganz gleich, ob man die ehemalige Heimat unter Zwang verlassen mußte oder “nur” der Liebe wegen auswanderte, vielleicht in der Hoffnung auf eine glücklichere und sozial sicherere Zukunft unter fremden Sternen – die Bindung an das Zurückgelassene bleibt. Häufig wächst das Interesse an politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sportlichen Ereignissen mit zunehmendem Abstand. So war und ist es gerade das von den jeweiligen Landesmedien nur mangelhaft und “einäugig” befriedigte Informationsbedürfnis der im Ausland lebenden Deutschsprachigen, welches im letzten Jahrhundert zur Neugründung oder Wiederbelebung deutschsprachiger Auslandsmedien, darunter auch der “Deutschen Rundschau”, führte.
Und obwohl den Bundesregierungen in Deutschland und Österreich gewiß bekannt ist, daß das Deutschland- und Österreichbild der außerhalb des deutschsprachigen Europas lebenden Deutschsprechenden wesentlich von den Meldungen nationaler, nicht unbedingt immer deutsch-und österreichfreundlicher Nachrichtenmagazine und Fernsehsender geprägt wird, scheinen die Mittel für den Ausbau eigener deutschsprachiger Nachrichtensendungen und die Förderung deutschsprachiger Medien im Ausland immer spärlicher zu fließen. So hat z.B. der dem bekanntesten deutschen Auslandssender, der Deutschen Welle, von der SPD-Regierung verordnete Aderlaß vor allem uns im Ausland lebenden Deutschsprechenden eine wichtige Informations- und Unterhaltungsquelle entzogen. Die Schließung weiterer Goethe-Institute, der Entzug wichtiger finanzieller Mittel für den VDA und die Ablehnung von offiziellen Fördermitteln für Medien wie unseres setzt offenbar die Serie des (planmäßigen?) Beziehungsabbruchs zwischen im Ausland lebenden Deutschsprechenden und Deutschland weiter fort. Dabei spreche ich noch gar nicht von den vielen, die deutsche Bundesregierung händeringend um finanzielle Unterstützung bittenden deutschen Sprachschulen, Organisationen und Klubs.
Gesagt werden muß, daß die “Rotstiftpolitik” der Bundesregierung Deutschlands keineswegs erst mit der rot-grünen Berliner Regierung begonnen hat. Vielmehr sei an dieser Stelle an die von uns im Herbst 1997 veröffentlichten kühlen Absagen der Kohl/Kinkel-Regierung erinnert, als sich die “Deutsche Rundschau” mit einem Bittgesuch nach Bonn gewandt hatte. Gerade auch unter diesem spezifisch “auslandsdeutschen” Blickwinkel wiegen die “schwarzen Konten” Helmut Kohls und der Skandal um CDU-Parteispenden auch für Deutschsprechende im Ausland schwer. Während für hilfesuchende auslandsdeutsche Organisationen und Einrichtungen keine müde Mark vorhanden war, ließen deutsche Spitzenpolitiker mit Geldern aus dunklen Quellen ihre heimlichen Parteikassen klingeln. Mit dem Sprichwort: “Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken” bewahrheitet sich auch in diesem Fall der Volksmund.
Der Schröder/Fischer-Regierung ist deshalb geraten, die von auslandsdeutschen Vereinen, Klubs, Organisationen und Medien ausgestreckte Hand zu ergreifen und die “Rotstiftpolitik” zu stoppen. Letztendlich haben im Ausland lebende Deutschsprechende nicht nur einen wesentlichen Einfluß darauf, ob und welche deutsche Erzeugnisse gekauft und welche deutschen Serviceleistungen in Anspruch genommen werden, sondern auch darauf, wie sich das Ansehen Deutschlands im Ausland verbessert. Oder? Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann

