In dieser Ausgabe
+ Ist Dialekt nochzeitgemäß?

+ Integration jungerRußlanddeutscher

+ Mittelalterliches Lüneburg:Weißes Gold, rote Klinker

+ Erholung zwischen Lahn, Sieg und Eder.

+ Flüchtlingskindergartenin Jordanien

+ Freihandelsabkommen USA - Europa

+ Das Schicksal des Windhuker Reiters

+ Europa im Jahrhundert der Kriege

+ Feuerwehr-Oldtimer in PEI

Liebe Leser,

was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie heute den Begriff “Mauer” hören? Vielleicht die Chinesische Mauer, auch Große Mauer genannt, die mit etwa 6.250 km Gesamtlänge als die größte Schutzanlage der Erde galt? Oder die Klagemauer im alten Jerusalem, deren unterste fünf Steinlagen zum herodianischen Tempel gehören? Nein, ich bin überzeugt, daß Ihnen zunächst die Berliner Mauer einfällt, wenn Sie ein Reporter auf der Straße nach “Mauergefühlen” befragt. Nur selten widmen Medien weltweit einem Ereignis so viel Raum, wie es aus Anlaß des Falles der Berliner Mauer am 09. November 1989 oder seines erst kürzlich begangenen 10. Jahrestags des Mauerfalls passierte. Staatsoberhäupter meldeten sich in den letzten Wochen ebenso zu Wort, wie “einfache” Menschen ihre Erinnerungen an diesen historischen Tag und damit verbundene Gefühle zum Ausdruck brachten. Was und wer letztendlich zum Fall der Berliner Mauer entscheidend beigetragen hat, wird wohl noch ein Weilchen im Verborgenen schlummern, bis der über den Tatsachen hängende feingewebte Schleier von Geschichtswissenschaftlern und Steckenpferd-Historikern behutsam oder mit einem Ruck weggezogen werden wird.

Erzwang eine “Revolution von unten”, die Massendemonstrationen in Leipzig, Dresden, Ost-Berlin und anderen DDR-Städten die Öffnung der Mauer? Oder war es eine “Revolution von oben”? Die Meinungen gehen darüber, je nach Standpunkt des Betrachters, auseinander. “Die kluge Politik Ungarns, der Realismus und die Besonnenheit Gorbatschows, die feste Unterstützung durch die USA und nicht zuletzt die ausgestreckte Hand vonseiten der Europäischen Gemeinschaft – das alles ist aus der Geschichte jener Monate nicht wegzudenken und bleibt unvergessen”, formulierte es der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland in seinem Leitartikel in der Oktober/November-Ausgabe der “Zeitschrift Deutschland”. Eine Aussage, der ich, was die “ausgestreckte Hand der EG” betrifft, so nicht zustimmen möchte! Erstens war und blieb die britische Premierministerin Margaret Thatcher gegen die Wiedervereinigung und zweitens mußte auch der französische Präsident Mitterand nach seinem Treffen mit Honecker von Helmut Kohl überzeugt werden, daß die Wiedervereinigung ein gute Sache sei. Doch bekanntlich hat der Erfolg viele Väter, die Niederlage immer nur einen. Wenn auch pure Spekulation, wäre es interessant zu wissen, wer sich zu seinem Engagement bekannt hätte, wenn der Versuch die Mauer zu öffnen gescheitert wäre? Wenn der Wille nach einem “einig Vaterland”, wie am 17. Juni beim Volksaufstand in der DDR, von russischen Panzern blutig niedergeschlagen worden wäre? Dann wohl wäre der “Ruhm der Märtyrer” doch nur auf die Bürgerrechtler und Demonstranten in der DDR gefallen. Zum Glück und zur Freude vieler Menschen in aller Welt verlief der Fall der Berliner Mauer über Nacht, ganz ohne Blutvergießen und “Gott-sei-Dank” ohne die militärische Konfrontation zwischen Warschauer Pakt und NATO. Stattdessen hat der Fall der Berliner Mauer nicht nur Deutschland zumindest geografisch geeint, sondern tatsächlich Europa politisch und wirtschaftlich tiefgreifend verändert.

Ich stimme dem Mitherausgeber der deutschen Wochenzeitung “Die Zeit”, Theo Sommer, zu, wenn er schreibt, daß “… die größer gewordene Bundesrepublik (noch) ein geschichtliches “Halbfabrikat”", sei. Das wurde mir in den vergangenen Wochen deutlich bewußt, als ich als Mitglied einer internationalen Journalistendelegation auf Einladung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung an einer Informationsreise zum 10. Jahrestag des Berliner Mauerfalls teilnehmen durfte. Bis zu meinem “Flug in die Freiheit”, nach Kanada, hatte ich fast 18 Jahre, bis 1988, im Ostteil Berlins gelebt, geliebt und gearbeitet. Diese Zeit hat mich ebenso geprägt wie meine Freunde, die damals im Westteil der Stadt lebten. Auch sie wurden vom Alltagsleben der “Frontstadt” beeinflußt. So, wie wir Auslandsdeutschen eine eigene Identität entwickelt haben, die sich von der Identität der in Deutschland lebenden Deutschen mehr oder weniger deutlich unterscheidet, haben sich auch in mehr als vier Jahrzehnten DDR und BRD zwei unterschiedliche Identitätsgefühle entwickelt. So fiel mir, dem bereits kanadisierten Auslandssachsen, im Gespräch mit Berlinern auf, aus welchem Teil der Stadt sie vor der Öffnung der Mauer stammten. Die anfängliche Reserviertheit, die mir auf Grund meines unverleugbaren sächsischen Dialekts zunächst entgegengebracht wurde (wobei Sachsen auch in Ostberliner Zeiten eher gelitten als geliebt waren), entspannte sich erst, wenn zur Sprache kam, daß ich seit einigen Jahren kanadischer Staatsbürger bin.

So brachten mir z.B. “Westberliner” unverhohlen zum Ausdruck, daß der asbestverseuchte “Palast der Republik” verschwinden müsse. Er sei schließlich die “Pißmarke der Ostberliner Machthaber”, meinte eine Charlottenburgerin drastisch. Dagegen sträubten sich die Haare von in der DDR aufgewachsenen Bekannten, die keine PDS-Anhänger sind, als ich ihnen die extreme Ansicht zu “Honeckers Lampenladen” übermittelte. “Man will im Osten alles platt machen, was nur mit einem Hauch an die guten Seiten der DDR erinnert”, war das Gegenargument der Befragten. Ja, Beispiele für die unterschiedlichen Wertmaßstäbe zwischen alten und neuen Bundesländern gäbe es viele zu nennen. Jeder, der das neue Deutschland besucht, wird sie finden. Doch muß man deshalb gleich immer von der noch vorhandenen “Mauer in den Köpfen” sprechen und schreiben? Warum spricht man nicht über die Gemeinsamkeiten, uns Vereinendes. Heute sind wir ein Volk! Wer untersucht, was Deutsche in Ost und West und was Deutsche in Deutschland und Deutschsprechende im Ausland verbindet? Wer stellt den Antrag, daß auch die verbliebenen Reste der Berliner Mauer als “Weltkulturerbe” anerkannt werden? Sie würde damit nicht nur nachfolgenden Generationen, sondern auch ausländischen Gästen als Mahnung dienen und vielleicht den Aufbau ähnlicher Mauern ein für alle Mal verhindern. Auf Ihre Zuschriften freut sich

Ihr Juri Klugmann

Kommentieren ist momentan nicht möglich.

Kalendersuche / Search by Date
Dezember 1999
M D M D F S S
« Nov   Feb »
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031  
Archiv
News