Liebe Leser,
Reisen bildet”. Eine Aussage, die oft in bunten Reisemagazinen zu lesen ist. Deutsche reisen besonders gern: Aktuelle Umfragen sagen aus, daß sie sogar Spitzenreiter unter den reiselustigen Völkern sind. Immer fernere, exotische Ziele werden angesteuert. Keine Wüste und Insel, kein Hochgebirge und Dschungel sind zu heiß, zu fern, zu hoch oder zu undurchdringlich, um sich von den erlebnis- und abenteuerlustigen Touristen aus “Old Germany” abkapseln zu können. Und während sich Sachsen, Mecklenburger und Pommeranzen vielleicht noch mit Rom, Paris, Oslo und Tunis begnügen, treibt es Bayern, Schwaben und Hessen schon lange scharenweise nach Ägypten, Tibet, Indien, Südafrika oder in die USA. “Reisen bildet”.
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Da es fast keinen Winkel der Erde gibt, in dem deutsche Reisende noch nicht zu Gast waren, müßte man annehmen, daß Deutsche zu den überdurchschnittlich gebildeten und weltoffenen Völkern gehören. Sind Deutsche wirklich so fremdenfeindlich, wie man es ihnen von manchen Medien und Politikern gern nachsagt? Wenn ja, wo liegen die Ursachen für die zunehmende Fremdenangst im eigenen Land? Mit welchen Erfahrungen ist der deutsche Reisende von seiner alljährlichen Bildungs-, Öko- und Erholungsreise zu fernen Kulturen, in fremde Länder und extreme Klimazonen nach Hause zurückgekehrt, wenn er sich zunehmend Chinesen nur in China, Ghanesen nur in Ghana, Inder nur in Indien und Kurden möglichst nur, Karl May läßt grüßen, “Im wilden Kurdistan”, aber möglichst nicht vor der eigenen Haustür wünscht?
Als die rot-grüne Bundesregierung den Gesetzentwurf zur Doppelten Staatsbürgerschaft vorlegte, schlugen die Wogen der Empörung unter weiten Bevölkerungsteilen besonders hoch. “Sagen Sie ‘Nein’ zur Mogelpackung Doppelte Staatsbürgerschaft” forderte beispielsweise die national orientierte “Deutschland-Bewegung” und stieß damit offenbar nicht auf taube Ohren. Die CDU/CSU-Opposition strebt eine Volksbefragung an und setzte das Thema so geschickt im hessischen Wahlkampf ein, daß es der CDU mit zu einem Wahlsieg in diesem Bundesland verhalf.
Sind die Ängste vor einer Veränderung des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts wirklich unbegründet? Viele ausländische Bürger haben mit der Integration in den deutschen Alltag Probleme. Probleme, die Auslandsdeutschen nicht unbekannt sind: Erlernen der Landessprache, Anerkennung der in der Heimat erworbenen Schul-, Berufs- und akademischen Abschlüsse, Bewahrung der eigenen kulturellen Sitten und Gebräuche unter dem Einfluß der jeweiligen Landeskultur bis hin zu veränderten Ernährungsgewohnheiten gehören zum schwierigen Teil der Einwanderung in ein fremdes Land. Die große Mehrheit der in alle Welt ausgewanderten Deutschen hat diese Klippen bezwungen.
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Mir ist auch kein Fall bekannt, in dem sich deutsche Nachkriegsauswanderer in ihrer neuen Heimat die Gründung einer eigenen Partei gewünscht hätten. Vielleicht hinkt der Vergleich, doch im Gegensatz dazu wünschen sich, laut einer Umfrage des deutschen Nachrichtenmagazins “FOCUS”, aber 84% der rund 2 Millionen in Deutschland lebenden Türken eigene Parteien. Man stelle sich einmal vor, daß ein solcher Wunsch von Deutschamerikanern oder Deutschkanadiern öffentlich geäußert würde…
Dabei muß man den Türken bescheinigen, daß sie im Gegensatz zu den rund 500.000 Juden, die vom Zentralvorstand der Juden in Deutschland vertreten werden, bisher keinen wesentlichen Einfluß auf Regierungsentscheidungen hatten. Daß in türkischen Bevölkerungskreisen deshalb der Wunsch entsteht, diesen politischen Einflußmangel zu beseitigen, ist aus meiner Sicht verständlich. (Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin gegen Parteienbildung von jeglicher ethnischer Gruppe!)
Doch vielleicht sollten die Teile unter uns Deutschsprechenden im Ausland, die gern alle Schuld an ihren täglichen Daseinsproblemen immer dem “Weltjudentum”, wie es Geschichtsrevisionisten sagen würden, zuschieben, endlich aufwachen und beginnen darüber nachzudenken, was wir weltweit von jüdischen Mitbürgern in Sachen Organisation, gegenseitige Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt, Wissensaneignung und positive Einflußnahme auf Regierungsentscheidungen lernen können. Ein erster Schritt wäre: Deutschsprechende aller Länder einigt Euch. Auf Ihre Zuschriften freut sich wie immer
Ihr Juri Klugmann

