Editorial Februar / März 1999


Liebe Leser,

aus gutem Grund wird Justitia, die römische Göttin der Gerechtigkeit, meist mit verbundenen Augen dargestellt. Sie soll bei der Rechtsprechung nicht sehen, wer vor ihr steht. Unbeeinflußt von der äußeren Erscheinung, der Hautfarbe oder dem gesellschaftlichen Rang der Personen, ist sie so am besten in der Lage, ein gerechtes Urteil zu fällen. Mit der Waage in der einen und dem Schwert in der anderen Hand gilt sie seit Jahrhunderten bei vielen Völkern als Symbol ausgewogener Urteilsfindung. Manchmal frage ich mich, wie es kommt, daß man die nett anzuschauende Dame noch nicht durch andere Figuren der jüngeren Vergangenheit oder Gegenwart abgelöst hat. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der es doch von sich selbst als “Gerechte” bezeichnenden “Halbgöttern” nur so wimmelt.
Mit wachsender Verwunderung stelle ich fest, daß sich in unserem Alltag Fälle häufen, in denen bei der Untersuchung von Verfehlungen bis hin zur Rechtsprechung offensichtlich immer dann mit zweierlei Maß gemessen und abgewiegelt wird, wenn es sich um Fehltritte “der oberen Zehntausend” handelt. Niccoló Machiavelli würde sich gewiß diebisch freuen, zu sehen, daß seine vor mehr als 480 Jahren geäußerte Idee noch heute auf fruchtbaren Boden fällt. In seinem proabsolutistischen Werk “Der Fürst” äußerte der florentinische Staatsmann und Historiker die Auffassung, daß man einem zu erreichenden Ziele den Gebrauch jeglicher Mittel unterordnen kann. Im Volksmund als “Der Zweck heiligt die Mittel”- Aussage bekannt. Ich kann mich derzeit des Eindrucks nicht erwehren, daß vom Steuerzahler finanzierte Untersuchungskommissionen in Sachen Korruption immer dann zu keinem für die Öffentlichkeit befriedigenden Ergebnis gelangen, wenn es sich um Angehörige der sogenannten “oberen Gesellschaftsschichten” handelt.
Da scheint die olympische Idee nicht mehr das zu sein, was sie früher einmal war. Ein paar der “gerechten” Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees waren bei der Annahme von Gastgeschenken und besonderer Aufmerksamkeiten der sich bewerbenden Olympiade-Städte etwas zu großzügig. “Was erwartest Du denn von Leuten, die zum Teil aus Ländern kommen, wo Bestechung und Korruption an der Tagesordnung sind?”, wurde ich gefragt. Ein Argument, das für den einen oder anderen Bestochenen gelten mag. Doch waren die Bestecher nicht alle hochzivilisierte Menschen? Personen, die hohe Ämter bekleideten und in dieser Rolle Gesetze entwarfen und verabschiedeten, also selbst über Recht und Unrecht entschieden? Und vor allem war es nicht ihr Geld, was sie verpulverten. Eine Entschuldigung hört man nicht, die Bestechung erfolgte ja, weil man für die Stadt nur Gutes wollte. Die Bürgermeisterin von Salt Lake City trat wie eine beleidigte Leberwurst zurück. Wie wäre von den Behörden in der gleichen Stadt mit einem Parksünder verfahren worden, der sein Ticket nicht bezahlt?
Im Hauptquartier der Europäischen Union in Brüssel gab es Aufruhr. Nicht jeder der “hohen Kommissare” war so sattelfest, wie er oder sie von Amts wegen sein sollten. Von Leuten, die es wissen müssen, wird behauptet, daß bei einigen Abgeordneten Eigennutz sehr viel höher im Kurs stand als das Allgemeinwohl der europäischen Familie. Von Vetternwirtschaft war gar die Rede. Die versehentlich versickerten Millionenbeträge stammten größtenteils aus dem Steuersäckel von Otto Normalverbraucher. Was würde mit einer in diesem hohen Haus arbeitenden Sekretärin passieren, die dabei ertappt wird, wie sie ein paar Büromaterialien für ihre schulpflichtigen Kinder in der Handtasche verschwinden läßt? Wird sie ihre Vertrauensstellung behalten dürfen? Die beschuldigten “Kommissare” sind jedenfalls mit einem “blauen Auge” davongekommen. War Justitia hier die Binde von den Augen gerutscht? Korruptionsgefahr lauert überall. Auch im Mediengeschäft. Wer es sich heute als Politiker oder Unternehmer leisten kann, bietet Journalisten z.B. “Informationsreisen” an. Vom Fünf-Sterne-Hotel in New York bis zur Weinverkostung in Europas schönsten Châteaus, vom Freibier bis zur Bratwurst wird alles in die Waagschale geworfen, um die Objektivität der Beobachter zu schärfen. Stapelweise vorformulierte Pressemitteilungen sollen dabei die Arbeit der teilnehmenden Journalisten und Medienmacher erleichtern. Oft folgt ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl: “Natürlich müssen Sie nicht übernehmen, liebe Frau A. und geehrter Herr Z., was wir Ihnen im Interesse Ihrer Leser/Hörer/Internet User aufgeschrieben haben.” Und bei passender Gelegenheit hinzufügend: “Unser Werbebudget erlaubt uns leider nur, in sehr ausgewählten Medien Anzeigen zu plazieren…” Wer ist schon so gefestigt, daß er in solchen edlen Momenten nicht zu den “Ausgewählten” gehören möchte? Da Werbung heute oft über Sein und Nichtsein der Medien entscheidet, können Anzeigenaufträge Köder und Waffe in den Händen von unberechenbaren und skrupellosen Zeitgenossen sein. Verstehen Sie, wieso ich mich frage, ob Justitia als Göttin der Gerechtigkeit das Jahr 2000 überdauern wird?

Auf Ihre Zuschriften freut sich wie immer

Ihr Juri Klugmann


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