Kultur September 1998


Phallerie, Phallera

VIAGRA: eine Art multimedialer Orgasmus?

Die TierschĂŒtzer werden sich besonders freuen: Nashörner sehen nicht mehr lĂ€nger wie vertrocknete Nilpferde aus, Tiger dĂŒrfen ihre Penisse behalten, Stiere ihre Hoden. Nur die Spanische Fliege stirbt urplötzlich aus. All dieses Zeugs, das der Mann jahrhundertelang aus der MĂ€nnlichkeit der wildesten Tiere extrahiert hat, um animalische Wucht zwischen die Lenden zu bekommen, tut jetzt nicht mehr not. Nie wieder Sellerie und Potenzholzpuder! Fauna und Flora kommen ins Lot.Herrschaftszeiten. Fast zweitausend Jahre nach Christi Geburt geht alles wieder von vorne los, nur daß jetzt die Welt ein blaßblauer Rhombus ist: VIAGRA. Was fĂŒr ein Zauberwort. Ein Machtwort wie “Globalisierung” oder “Atombombe”. Ein Stichwort im wahrsten Sinne. Viagra steht noch nicht einmal im Duden, da wird es schon in KreuzwortrĂ€tseln abgefragt. Komischerweise unter 23 Senkrecht – eine Sache des Blickwinkels, sicher. KreuzwortrĂ€tselautoren geht der Sinn fĂŒr Feinheiten ab.
Nicht nur BumsblĂ€tter machen mit dem Thema auf, auch Spiegel, Stern, Focus und alle, alle, alle. Eine Art multi- medialer Orgasmus ist im Gange, furioser noch als bei Lady Di’s Tod, dem Elchtest, der Rede Trapattonis oder Guildo Horn. Keiner kann mehr davon aufhören. Es wurde Zeit, daß die Fußball-Weltmeisterschaft anfing und sich danach ein Sommerloch auftut wie noch nie. Bis dahin geht es Phallerie, Phallera. Im Tagesspiegel beispielsweise hat Hellmuth Karasek die Pille in die Literaturgeschichte eingefĂŒhrt, sie in Goethes Faust getan und gestanden: “Der Faust ist, wir geben es gerne zu, ein mĂ€nnliches StĂŒck. Frauen sind Opfer, Potenz-Opfer auf dem Altar mĂ€nnlicher Selbstverwirklichung und Vermehrung.” Zeilen tiefer fragt er sich oder wen sonst: “Wird sich unser aller Leben total und radikal Ă€ndern? Darf sich neue Hoffnung, neue Furcht breitmachen, nach dem Motto: Der WĂŒste lebt?”

Fein. Da möchte ich fragen: Wird das Literarische Quartett verlottern zum flotten Vierer? Aus Furcht vor der Hoffnung? Wer macht den Altar, wer kriegt die Kinder? FĂŒnf Tage zuvor hatte Karasek noch eine anstĂ€ndige Kritik zu Woody Allens neuestem Film geschrieben. Dann konnte selbst er nicht mehr an sich halten. Bei SAT. 1 war die WĂŒstenei fast schon live auf Sendung: Das Magazin Akte 98 hatte fĂŒr drei Paare verschiedenen Alters und dementsprechender Konstitution Hotelbetten gebucht, je eine Viagra spendiert und die dann machen lassen. Die fröhlichen Probanden schilderten im Studio Einzelheiten. Es schien, als hĂ€tten sie alles auch nach einer Flasche Spumante schaffen können. Nichts zum Staunen.
RTL wird eine Viagra-Show basteln, in der man Jahresrationen gewinnen kann und SpranzbĂ€nder gegen Leistenbruch: “Steh mir bei!” Heikle FĂ€lle (“Schwerenotruf”) werden zu Hans Meiser ĂŒberwiesen, und die ganz Schlimmen treffen in der ersten TV-Selbsthilfegruppe zusammen und flehen: Bitte melde mich! Dort werden PlĂ€tze in der geschlossenen Anstalt verlost. Auch die Werbemittelbranche rĂŒstet sich zum Merchandising-Kreuzzug. Der erste immerspitze Bleistift mit Viagra-Logo soll in den nĂ€chsten Tagen auf den Markt geworfen werden. Die Wissenschaft der Phallistik wird geboren. Akademische Viertelstunden dauern einen halben Tag. Forschen, forschen, nochmals forschen. In einer Zeit, in der sich die Libido des amerikanischen PrĂ€sidenten ursĂ€chlich auf die Börsenkurse an der Wall Street auswirkt, ist fest damit zu rechnen, daß mit Viagra auch der Organismus Weltwirtschaft und die daran hĂ€ngende Politik völlig aus den Fugen geraten werden. Koitus globalis.

Beinahe zeitgleich zur Bundestagswahl im Herbst soll die Tablette in Deutschland auf den Markt kommen. Damit gehen die lauen Zeiten dahin, als im Bundestag noch die Toskana-Fraktion alle GenußsĂŒchtigen versammelte. Eine Viagra-Fraktion indessen stĂŒnde sozusagen fĂŒr den lĂ€ngsten gemeinsamen Nenner im Parlament. Eine Art immerwĂ€hrende StabilitĂ€tspolitik. Der Aufschwung kommt bis sonstwohin. Die Leute wĂ€ren viel lĂ€nger weg von der Straße. Roman Herzog sollte unter diesen speziellen Gegebenheiten ‘mal wieder eine schöne Rede zum Ruck halten.

Aber versteifen wir uns noch nicht so sehr auf lauter zauberhafte Vorstellungen von der Welt danach. Kritische Erektionen auf das “Blaue Wunder” kommen nicht von ungefĂ€hr, und sie bringen erstaunliche Dinge ans Licht. Die PĂ€pstin Alice Schwarzer gibt in einem Interview bekannt: “Zwar sind sich die Körper von MĂ€nnern und Frauen ja ganz Ă€hnlich: Auch Frauen haben Schwellkörper und eine Art Penis, die Klitoris. “Aber es gelte dasselbe wie fĂŒr MĂ€nner: “SexualitĂ€t ist viel mehr als ein Blutstau.” Das haut hin. Aber: Ein Damenfahrrad ist auch eine Art Fahrrad. Nur das es eben noch viel, viel spĂ€ter erfunden wurde. Allein bei Barbie und Ken war es ausnahmsweise andersrum. Darauf wird sie sich noch mal berufen, wenn sonst nichts mehr zu retten ist. Frau Schwarzer regt sich auf: “Viagra fördert lediglich den mĂ€nnlichen Narzißmus: Jedes WĂŒrstchen ein Tarzan.” Sie hat aber ein Einsehen, daß die Pille auch den MĂ€nnern nicht guttĂ€te, weil sie Stimmungen und Probleme verdecke, die sich körperlich niederschlagen. Ich nehme gar kein Viagra – und fĂŒhlte mich trotzdem flau, als ich das las. Blutstau im Kopf.

Nach den eigentlichen Spezialisten will ich dann doch noch die nĂŒchternen Experten zu Wort kommen lassen. Einer meiner Onkel ist Apotheker, und hat mir das Fachblatt seiner Zunft zukommen lassen. Pröbchen gibt’s leider noch keine. Ich hatte darauf gehofft, in der Sprache der Kliniker verfaßte Artikel zu finden, die sich wie Gebrauchsanweisungen fĂŒr Schlagbohrmaschinen lesen. So Ă€hnlich soll’s ja angeblich gehen: Black und Decker
 Aber ich las nur lustlosen Kram: “Der arterielle Einstrom wird gesteigert, gleichzeitig wird der venöse Abfluß gedrosselt
” Danach wurde durch V. erhöhte Fließgeschwindigkeit abgehandelt. Und daß es als eine der wenigen Nebenwirkungen “Effekte auf den Darm” geben könne. Etwa Durchphall? Ich hatte bis dahin nur von Sehstörungen und wenigen Toten gehört. Dann habe ich noch erfahren, daß MĂ€nner, die zusĂ€tzlich unter Zeitdruck leiden, bald auf “Viagra rapid” zurĂŒckgreifen können. Die wirkt in Minuten und ist was fĂŒr die New Fast-Fuck-Generation. Es ist leider ein teurer Spaß. Pay of life.

Den besten Tip, viel Geld zu sparen, bekam man bei Talk im Turm: Ein Urologe erzĂ€hlte, daß wesentliche Substanzen von Viagra auch in einigen stinknormalen FarbverdĂŒnnern vorkĂ€men. SchnĂŒffeln als Vorspiel. Alles in Obi. Wir warten ab und werden es kommen sehen. Übrigens mĂŒĂŸte der Begriff Viagra in der nĂ€chsten Duden-Ausgabe kurz vor Vibrator, genau gesagt: zwischen Viadukt (TalbrĂŒcke, ÜberfĂŒhrung) und Viatikum (kath. Kirche; dem Sterbenden gereichte letzte Kommunion) auftauchen. Das wĂ€re ein herausragender Platz in unserer Kulturgeschichte.

Christian Funke


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