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Archiv für 1998

“Vergessene” Erfinder

Peter Henlein: Konstrukteur der ersten Taschenuhr – das Nürnberger Ei

Das hört sich so leicht an: Man nimmt eine Uhr und schon weiß man, “was die Zeit geschlagen hat”. Aber so einfach ist das nun auch wieder nicht, denn der Fluß der “Zeit” ist etwas ununterbrochen Andauerndes. Sie hat weder Anfang noch Ende wie andere Dinge, die man messen kann.

Die ersten Uhren waren die Menschen selbst. In grauer Vorzeit richtete man sich nach seiner “biologischen Uhr”, die z. B. anzeigte, wenn man hungrig war. Diese Uhr ging nach einem etwa 24stündigen Rhythmus, und es gab auch noch andere, die sich nach dem Mond oder dem Jahresablauf richteten. Richtig betrachtet, sind diese Uhren auch heute noch im Gange und jeder benutzt sie, ohne sich ihrer bewußt zu sein. Genau gehen sie nicht und sie werden oft durch äußere Einflüsse aus dem Takt gebracht und brauchen Tage, um wieder richtig in Gang zu kommen, z.B. nach einem mehrstündigen Flug.

Die erste von Menschen gemachte Uhr war wohl die Sonnenuhr, die nur aus einem Stock bestand, den man in die Erde steckte. Mit ihrer Hilfe konnte man schon die Tageszeit abschätzen. Es war daher eine technische Großtat, als der Mensch auf die Idee kam, den Lauf der Zeit sozusagen in gleiche, immer wiederkehrende Teile zu zerhacken, die er nun ohne große Schwierigkeiten wirklich messen konnte. Doch noch immer war es mit der Genauigkeit, an die wir heute gewohnt sind, nicht weit her. Schon die alten Ägypter hatten Wasseruhren, die nichts weiter waren als ein Gefäß, das auf der Seite unten ein Loch hatte, durch das das Wasser nach einer bestimmten Zeit ausgelaufen war. Die Chinesen hatten schon richtige Weckeruhren, bei denen eine Lunte langsam brannte und in bestimmten Zeitabständen Fäden, an denen kleine Kugeln hingen, abbrannte, die dann in eine Metallschale fielen. Die Zeit, die man benötigte, solche Uhren wieder in Gang zu bringen, konnte man aber nicht messen; nicht einmal mit Sanduhren, die jeder kennt.

Ein Uhrlein (mit Stackfreed) von Caspar Werner aus dem Jahr 1548
Ein Uhrlein (mit Stackfreed) von Caspar Werner aus dem Jahr 1548

Die ersten modernen Uhren wurden in Europa gebaut und sie liefen auch weiter, während man sie wieder aufziehen mußte. Das war ein gewaltiger Fortschritt. Zum Antrieb dieser Uhren benutzte man Gewichte oder gespannte Federn. Man nimmt an, daß die ersten Uhren mit Gewichtsantrieb zu Beginn des 14. Jahrhunderts und die ersten Uhren mit Federantrieb etwa 100 Jahre später erfunden wurden. Die Genauigkeit einer Uhr hängt u. a. auch von der Gleichmäßigkeit der Antriebskraft ab und das ist bei Gewichtsuhren keine Schwierigkeit. Anders bei einer Uhr, die durch Federkraft angetrieben wird: je länger sie gelaufen ist, umso schwächer wird die Kraft der Feder. Zum Ausgleich benutzte man eine “Schnecke”, die mit einer Darmsaite mit der Feder verbunden war. Je mehr sich die Feder entspannte, umso größer wurde der Durchmesser auf der Schnecke, auf dem die Darmsaite gerade war.
Eine andere Möglichkeit, die Kraft der Feder auszugleichen, wurde im 16. Jahrhundert in Süddeutschland gefunden und hiermit kommen wir zu unserem schon beinahe vergessenen deutschen Erfinder, nämlich Peter Henlein, der die erste
Taschenuhr baute. Und er baute gleich einen Stackfreed mit ein, die Erfindung, durch die er berühmt wurde.

Peter Henlein wurde 1480 in Nürnberg geboren und starb auch dort am 14. November 1542. Er war anscheinend ein Hitzkopf, der nicht viel Geduld mit seinen Mitmenschen hatte. Bei einer Gelegenheit war er für den Tod eines Mannes bei einer Rauferei verantwortlich und mußte zweiundzwanzigmal Zuflucht im Kloster der Barfüßigen Mönche suchen, bis die Sache mit den Verwandten des Toten geschlichtet war. Er war Schlosser von Beruf und schuf seine Uhr mit Unruh und Stahlfeder im Jahre 1510. Sie hatte eine Laufzeit von 40 Stunden und benötigte kein Pendel zur Regelung der Ganggenauigkeit und keine Gewichte als Antrieb.

Nürnberg war zu jener Zeit das führende Zentrum Europas in der Herstellung von Metallarbeiten und optischen Geräten. Es wurden Werkzeuge, Waffen, Draht, Geschirr und Instrumente wie Kompasse, Zirkel, Fernrohre, Mikroskope und Brillen hergestellt. Das Wort Brille kommt übrigens vom Namen des Bergkristalls “Beryll”, aus dem man die Linsen machte. Man konnte damals schon Nah- und Fernbrillen herstellen!

Die Erfahrungen, die in diesen Handwerkszweigen gewonnen wurden, haben es wohl Peter Henlein ermöglicht, kleine und zuverlässige Taschenuhren herzustellen. Sie wurden eifrig nachgemacht und sogar mit seinem verfälschten Namen (Peter Hele) versehen. Seine Uhren waren auch nicht eiförmig, sondern zylindrisch wie eine Dose, im Gegensatz zu den bekannten Nürnberger Eiern, der Form, die die Taschenuhren später bekamen. Der Stackfreed aber war nichts anderes als ein kleiner gebogener, federnder Draht mit einer kleinen Rolle am Ende, die auf eine Kurvenscheibe drückte und damit die Antriebskraft der Uhrfeder ausglich und so eine genaue Zeitmessung ermöglichte. Wie viele andere Erfindungen war der Stackfreed genial einfach. Man muß nur darauf kommen. Wo das Wort Stackfreed herrührt, ist nicht klar. Es scheint plattdeutscher oder holländischer Herkunft zu sein und ebenso unklar ist, wieso es ausgerechnet in Nürnberg seine Bedeutung erhielt.

Peter Henleins Taschenuhr ist nur ein kleiner Teil des spannenden Themas Uhren. Es ist wirklich staunenswert, was unsere Vorfahren auf diesem Gebiet alles geleistet haben. Sie hatten nicht unsere modernen Präzisionsmaschinen, für die ein Tausendstel eines Millimeters und Meßgeräte, die auch Millionstel Millimeter messen können, keine nennenswerten Schwierigkeiten bedeuten. Sie mußten alles von Hand herstellen, vom kleinsten Zahnrad bis zu den Zeigern und dem Gehäuse. Sie schufen wahre Wunderwerke der Handwerkskunst, von den kleinen Taschenuhren angefangen bis zu den Großuhren und astronomischen Uhren, die den Lauf der Gestirne anzeigen. Im Uhrenmuseum in Furtwangen im Schwarzwald und anderen Museen kann man sie heute besichtigen und man staunt über die Vielfalt der Ideen und die Qualität der Erzeugnisse unserer Vorfahren. Es ist zweifelhaft, ob wir heute, trotz unserer gediegenen Berufsausbildung in der Lage wären, unter den gleichen Bedingungen Gleichwertiges zu schaffen.

Walter Ruthard

Phallerie, Phallera

VIAGRA: eine Art multimedialer Orgasmus?

Die Tierschützer werden sich besonders freuen: Nashörner sehen nicht mehr länger wie vertrocknete Nilpferde aus, Tiger dürfen ihre Penisse behalten, Stiere ihre Hoden. Nur die Spanische Fliege stirbt urplötzlich aus. All dieses Zeugs, das der Mann jahrhundertelang aus der Männlichkeit der wildesten Tiere extrahiert hat, um animalische Wucht zwischen die Lenden zu bekommen, tut jetzt nicht mehr not. Nie wieder Sellerie und Potenzholzpuder! Fauna und Flora kommen ins Lot.Herrschaftszeiten. Fast zweitausend Jahre nach Christi Geburt geht alles wieder von vorne los, nur daß jetzt die Welt ein blaßblauer Rhombus ist: VIAGRA. Was für ein Zauberwort. Ein Machtwort wie “Globalisierung” oder “Atombombe”. Ein Stichwort im wahrsten Sinne. Viagra steht noch nicht einmal im Duden, da wird es schon in Kreuzworträtseln abgefragt. Komischerweise unter 23 Senkrecht – eine Sache des Blickwinkels, sicher. Kreuzworträtselautoren geht der Sinn für Feinheiten ab.
Nicht nur Bumsblätter machen mit dem Thema auf, auch Spiegel, Stern, Focus und alle, alle, alle. Eine Art multi- medialer Orgasmus ist im Gange, furioser noch als bei Lady Di’s Tod, dem Elchtest, der Rede Trapattonis oder Guildo Horn. Keiner kann mehr davon aufhören. Es wurde Zeit, daß die Fußball-Weltmeisterschaft anfing und sich danach ein Sommerloch auftut wie noch nie. Bis dahin geht es Phallerie, Phallera. Im Tagesspiegel beispielsweise hat Hellmuth Karasek die Pille in die Literaturgeschichte eingeführt, sie in Goethes Faust getan und gestanden: “Der Faust ist, wir geben es gerne zu, ein männliches Stück. Frauen sind Opfer, Potenz-Opfer auf dem Altar männlicher Selbstverwirklichung und Vermehrung.” Zeilen tiefer fragt er sich oder wen sonst: “Wird sich unser aller Leben total und radikal ändern? Darf sich neue Hoffnung, neue Furcht breitmachen, nach dem Motto: Der Wüste lebt?”

Fein. Da möchte ich fragen: Wird das Literarische Quartett verlottern zum flotten Vierer? Aus Furcht vor der Hoffnung? Wer macht den Altar, wer kriegt die Kinder? Fünf Tage zuvor hatte Karasek noch eine anständige Kritik zu Woody Allens neuestem Film geschrieben. Dann konnte selbst er nicht mehr an sich halten. Bei SAT. 1 war die Wüstenei fast schon live auf Sendung: Das Magazin Akte 98 hatte für drei Paare verschiedenen Alters und dementsprechender Konstitution Hotelbetten gebucht, je eine Viagra spendiert und die dann machen lassen. Die fröhlichen Probanden schilderten im Studio Einzelheiten. Es schien, als hätten sie alles auch nach einer Flasche Spumante schaffen können. Nichts zum Staunen.
RTL wird eine Viagra-Show basteln, in der man Jahresrationen gewinnen kann und Spranzbänder gegen Leistenbruch: “Steh mir bei!” Heikle Fälle (“Schwerenotruf”) werden zu Hans Meiser überwiesen, und die ganz Schlimmen treffen in der ersten TV-Selbsthilfegruppe zusammen und flehen: Bitte melde mich! Dort werden Plätze in der geschlossenen Anstalt verlost. Auch die Werbemittelbranche rüstet sich zum Merchandising-Kreuzzug. Der erste immerspitze Bleistift mit Viagra-Logo soll in den nächsten Tagen auf den Markt geworfen werden. Die Wissenschaft der Phallistik wird geboren. Akademische Viertelstunden dauern einen halben Tag. Forschen, forschen, nochmals forschen. In einer Zeit, in der sich die Libido des amerikanischen Präsidenten ursächlich auf die Börsenkurse an der Wall Street auswirkt, ist fest damit zu rechnen, daß mit Viagra auch der Organismus Weltwirtschaft und die daran hängende Politik völlig aus den Fugen geraten werden. Koitus globalis.

Beinahe zeitgleich zur Bundestagswahl im Herbst soll die Tablette in Deutschland auf den Markt kommen. Damit gehen die lauen Zeiten dahin, als im Bundestag noch die Toskana-Fraktion alle Genußsüchtigen versammelte. Eine Viagra-Fraktion indessen stünde sozusagen für den längsten gemeinsamen Nenner im Parlament. Eine Art immerwährende Stabilitätspolitik. Der Aufschwung kommt bis sonstwohin. Die Leute wären viel länger weg von der Straße. Roman Herzog sollte unter diesen speziellen Gegebenheiten ‘mal wieder eine schöne Rede zum Ruck halten.

Aber versteifen wir uns noch nicht so sehr auf lauter zauberhafte Vorstellungen von der Welt danach. Kritische Erektionen auf das “Blaue Wunder” kommen nicht von ungefähr, und sie bringen erstaunliche Dinge ans Licht. Die Päpstin Alice Schwarzer gibt in einem Interview bekannt: “Zwar sind sich die Körper von Männern und Frauen ja ganz ähnlich: Auch Frauen haben Schwellkörper und eine Art Penis, die Klitoris. “Aber es gelte dasselbe wie für Männer: “Sexualität ist viel mehr als ein Blutstau.” Das haut hin. Aber: Ein Damenfahrrad ist auch eine Art Fahrrad. Nur das es eben noch viel, viel später erfunden wurde. Allein bei Barbie und Ken war es ausnahmsweise andersrum. Darauf wird sie sich noch mal berufen, wenn sonst nichts mehr zu retten ist. Frau Schwarzer regt sich auf: “Viagra fördert lediglich den männlichen Narzißmus: Jedes Würstchen ein Tarzan.” Sie hat aber ein Einsehen, daß die Pille auch den Männern nicht guttäte, weil sie Stimmungen und Probleme verdecke, die sich körperlich niederschlagen. Ich nehme gar kein Viagra – und fühlte mich trotzdem flau, als ich das las. Blutstau im Kopf.

Nach den eigentlichen Spezialisten will ich dann doch noch die nüchternen Experten zu Wort kommen lassen. Einer meiner Onkel ist Apotheker, und hat mir das Fachblatt seiner Zunft zukommen lassen. Pröbchen gibt’s leider noch keine. Ich hatte darauf gehofft, in der Sprache der Kliniker verfaßte Artikel zu finden, die sich wie Gebrauchsanweisungen für Schlagbohrmaschinen lesen. So ähnlich soll’s ja angeblich gehen: Black und Decker… Aber ich las nur lustlosen Kram: “Der arterielle Einstrom wird gesteigert, gleichzeitig wird der venöse Abfluß gedrosselt…” Danach wurde durch V. erhöhte Fließgeschwindigkeit abgehandelt. Und daß es als eine der wenigen Nebenwirkungen “Effekte auf den Darm” geben könne. Etwa Durchphall? Ich hatte bis dahin nur von Sehstörungen und wenigen Toten gehört. Dann habe ich noch erfahren, daß Männer, die zusätzlich unter Zeitdruck leiden, bald auf “Viagra rapid” zurückgreifen können. Die wirkt in Minuten und ist was für die New Fast-Fuck-Generation. Es ist leider ein teurer Spaß. Pay of life.

Den besten Tip, viel Geld zu sparen, bekam man bei Talk im Turm: Ein Urologe erzählte, daß wesentliche Substanzen von Viagra auch in einigen stinknormalen Farbverdünnern vorkämen. Schnüffeln als Vorspiel. Alles in Obi. Wir warten ab und werden es kommen sehen. Übrigens müßte der Begriff Viagra in der nächsten Duden-Ausgabe kurz vor Vibrator, genau gesagt: zwischen Viadukt (Talbrücke, Überführung) und Viatikum (kath. Kirche; dem Sterbenden gereichte letzte Kommunion) auftauchen. Das wäre ein herausragender Platz in unserer Kulturgeschichte.

Christian Funke

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