Editorial Mai 2000

Liebe Leser,

“Keine Politik ist besser als die Ziele, die sie sich setzt”, meint Henry Kissinger. Wenn diese Aussage stimmt, gehört Helmut Schmidt für mich in die vorderste Reihe der Männer, die das, was moralisch falsch war, nie politisch richtig fanden. Denn Eines muß man Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt lassen: Er weiß noch immer den Finger auf offene Wunden zu legen. Trotz seines hohen Alters hat der Mitherausgeber von Deutschlands renommierter Wochenzeitung “Die Zeit” seine Scharfsinnigkeit, Exaktheit und vor allem seine scharfe Zunge in der politischen Analyse und Debatte nicht eingebüßt. Letzteres macht ihn mir besonders sympathisch.

“Das 21. Jahrhundert beginnt im Zeichen einer erdrückenden Präponderanz der USA – von Internet bis Electronic Commerce, von Bosnien bis Timor. Washington bemüht sich, die NATO zu einem globalen Instrument amerikanischer Machtpolitik umzuprägen”, schreibt er in seinem erst kürzlich in der renomierten Publikation “Die Zeit” veröffentlichten, mich sehr nachdenklich stimmenden Beitrag.

Helmut Schmidt, der mit den Großen dieser Welt verhandelte, ein fließendes Englisch spricht und über tiefere Kenntnisse amerikanischer Verhältnisse verfügt, als manch noch in Amt und Würden weilende europäische Staatsmann, weiß, wovon er spricht, wenn er das erdrückende Übergewicht der USA problematisiert. Zweifellos hat er recht, wenn er meint, daß aus amerikanischer Sicht die Europäische Union – das, vom Potential her gesehen, einzig ernstzunehmende Gegengewicht gegenüber den USA, – möglichst schwach bleiben sollte.

Präziser wäre es vielleicht gewesen, wenn er von der gegenwärtigen amerikanischen Regierung, den industriellen “Global Players” und der Hochfinanz gesprochen hätte. Denn sie sind es, die die “Amerika First!” – Politik noch immer ganz in Ordnung finden und ihren Freunden in Übersee nur so weit freundschaftlich begegnen, wie deren Politik amerikanischen Interessen nicht zuwiderläuft. Und der Zusammenbruch des Ostblocks mit der Weltmacht UdSSR hat diese internationale Dominanz der USA, die nun weltweit kein wirkliches Gegenüber mehr zu fürchten haben, befördert. Bleibt zu hoffen, daß die “Gefahr eines sozial rücksichtslosen Raubtier-Kapitalismus”, von der der Alt-Bundeskanzler spricht, noch rechtzeitig gebannt wird.

Wenn es um unsere heutige Welt so bestellt ist, wie es Helmut Schmidt darlegt und wie ein Blick in die internationale Politik belegt – man denke nur an die Düpierung der EU durch Präsident Clinton bei der Wahl des Präsidenten des IWF –, fragt man sich, welche Antworten darauf die Europäische Union parat hat. Was gedenken die Hochkommissare der EU zu tun, um dem übermäßigen Machthunger der USA gleichwertig zu begegnen? Was gedenkt insbesondere Deutschland zu tun? Als wirtschaftlicher Motor der Europäischen Union ist es wie kein anderes europäisches Land ins Visier der Mächtigen in Übersee geraten. Nicht nur führende Unternehmen der deutschen Großindustrie haben in jüngster Zeit in den USA, nicht zuletzt durch Anzeigenkampagnen im Zusammenhang mit der Zwangsarbeiter-Debatte, an Ansehen eingebüßt. Auch anderweitig scheinen die Beziehungen zwischen den USA und dem NATO-Partner Deutschland belastet. So steht plötzlich wieder die von Stuart Eizenstat, dem US-Unterhändler über die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern, aufgeworfene Frage im Raum: Wie es eigentlich um Reparationszahlungen für den Zweiten Weltkrieg bestellt sei? Wird Deutschland seinen finanziellen Verpflichtungen gegenüber der EU überhaupt noch zukünftig gerecht werden können, wenn Reparations-Milliarden über den großen Teich fließen müssen? Sicherlich ist diese von Eizenstat aufgeworfene Frage letzten Endes auch in den USA weder konsens- noch politikfähig, doch allein der Umstand, daß sie überhaupt in einem offiziellen Kontext gestellt werden konnte, bewirkte eine beträchtliche Irritation.

Von der amerikanisch-europäischen Beziehungskrise betroffen sind nicht zuletzt auch die deutschsprachigen Minderheiten. Wenn sich das politische Klima zwischen Ländern verschlechtert, sind ethnische Minderheiten immer mit belastet, wenigstens mittelbar. Manch Auslandsösterreicher wird nach den jüngsten Wahlen in Österreich sein Lied davon zu singen wissen. All das gesagt, scheint mir jedoch die große Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung weder anti-europäisch, noch anti-deutsch oder anti-österreichisch eingestellt zu sein. Da sich bei der letzten Volkszählung in den USA erneut große Teile der amerikanischen Bevölkerung, in einzelnen Bundesstaaten sogar über 50%, zu ihrer deutschsprachigen Abstammung bekannten, bleibt zu wünschen, daß sich diese Bevölkerungsgruppe nicht nur bei statistischen Erhebungen ihrer Wurzeln besinnt.

Viel wünschenswerter wäre, wenn sich der Austausch von Schülern, Studenten, und Facharbeitern zwischen der Alten und Neuen Welt unbürokratischer in einem breiteren Rahmen entwickeln könnte. Wenn junge Menschen beider Kontinente sich öfter begegnen, heilen auch noch offene Wunden schneller. Für diesen Heilungsprozeß setzt sich auch die “Deutsche Rundschau” weiterhin ein. Dem Brückenbauen haben wir uns seit der Erstausgabe verschrieben. In diesem Sinne möchte ich auch Sie, unsere Leser, zur Gestaltung von Geschichte ermutigen. Denn um mehr Bürger- und globalen Gemeinschaftssinn zu entwickeln, benötigt man keines der hochdotierten Ämter, sondern vor allem Zivilcourage. Auf Ihre Zuschriften freut sich

Ihr Juri Klugmann

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