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Liebe Leser,
in Österreich war ich bisher noch nicht. Eine Bildungslücke? Zu DDR-Zeiten ließ man mich nur in
Richtung Osten. Um als "Reisekader", wie es damals im DDR-Deutsch hieß, für die fast sozialistisch
regierte Alpenrepublik nominiert zu werden, war ich wohl zu unbedeutend oder nicht zuverlässig genug. Meinen
Traum, mit österreichischen Freunden in einem Wiener Caféhaus zu sitzen und Sachertorte mit Schlagobers
zu schlemmen, wollte man mir jedenfalls nicht erfüllen. Obwohl es hieß, daß die Beziehungen zwischen
Österreich und der DDR besser als die zur (damals sozialdemokratisch regierten) Bundesrepublik seien, ließ
es die Intoleranz der DDR-Mächtigen nicht zu, ihren Bürgern die Anschauung der Welt zu erlauben, wo sie
doch so gern von Weltanschauung sprachen. Mittlerweile habe ich die erträumten österreichischen Spezialitäten
probiert. Zu meinem gewachsenen Bekanntenkreis zählen heute auch Auslandsösterreicher. Ob darunter Linke
oder Rechte sind, vermag ich nicht zu sagen. Es ist mir auch, schlicht gesagt, egal. Und doch: Wer mir einreden
will, Menschen nur nach ihrer Parteizugehörigkeit, religiösen Überzeugung, Hautfarbe oder sozialen
Herkunft zu beurteilen, kann zwar zur Not ein Gesprächspartner, aber nicht mein Freund sein. Wie würden
Sie sich verhalten, wenn heute jemand leise warnend zu Ihnen sagt: "Du willst Dich doch nicht etwa zu diesen
Farbigen an den Tisch setzen?" Sicherlich werden Sie empört sein. Und wie reagieren Sie, wenn man flüstert:
"Setz Dich nicht zu Herrn X. an den Tisch. Der ist ein verkappter Roter. Womöglich ist er sogar einer
dieser gefährlichen Ost-Juden"? Mit Bestürzung? Können Sie sich vorstellen, daß es heute
noch Leute gibt, die derartige Ratschläge erteilen? Würden Sie schweigend Toleranz üben?
Goethes Gretchen-Frage wird heute in vielen Schattierungen gestellt. "Und wie hältst Du es mit Herrn
Haider?" scheint dabei die aktuellste Variante zu sein. Wobei ich wieder bei Österreich wäre. Folge
ich blind dem Mahlstrom internationaler Meinungsmacher, muß ich schlußfolgern, daß sich die mündigen
Österreicher Wähler in ihrer Mehrheit verwählt haben. Sie haben sich jedoch nicht urplötzlich
anders entschieden oder gar vom Paulus zum Saulus zurückentwickelt. Sie hatten einfach die Nase vom rot-schwarzen
Regierungsklüngel voll. Ich weiß nur eins, Jörg Haider hat es geschafft: Er ist zum medialen Weltereignis
geworden. "Lieber einen schlechten Ruf als gar nicht bekannt", wird er sich vielleicht sagen. Und wir?
Sollen wir uns dem Trommelfeuer der Tagesmedien gegen das Rechtsbündnis in Wien anschließen? Nein, ich
bin für Mäßigung und mehr Sensibilität, wenn auch unter dem Aspekt kritischer Distanz.
Für Mäßigung, weil ich die Ansicht von Theo Sommer, Mitherausgeber von "Die Zeit", teile,
wenn er in der Ausgabe Nr. 7 vom 10. Februar 2000 schreibt: "Zum Dritten verstößt der EU-Bann gegen
das fundamentale Recht einer jeden Demokratie, frei zu entscheiden, welche Partei die Bürger wählen und
welche dieser Parteien die Regierung bilden soll. Soll so ein europäisches Wertebewußtsein entstehen?
Eher wächst nun wohl die Furcht, daß in Europa künftig eine Art umgekehrter Breschnew-Doktrin gelten
soll. Ein unerhörter Vorgang: Eine Kabale von EU-Regierungschefs befindet darüber, ob demokratische Entscheidungen
der Völker gültig sind." Nein, ich kann die Überreaktion der EU-Regierungschefs auch nicht
billigen. Sie hat nicht nur den Stolz vieler Österreicher verletzt, sondern wird der Wiener Regierungskoalition
aus ÖVP und FPÖ womöglich noch mehr "Trotzwähler" zutreiben. Ich verstehe nicht,
wie gebildete, angeblich demokratisch gesinnte Menschen zum wirtschaftlichen Boykott, zur politischen Isolation
bis hin zum Verzicht auf den Urlaub in der Alpenrepublik auffordern können.
Hat nicht gerade die von der deutschen SPD-Führung in den 70er Jahren klug erdachte, neue Ost-Politik, "Wandel
durch Annäherung", zum Erfolg und Ende des kalten Krieges geführt? Sich somit bewährt? Ich
bin für mehr Sensibilität, weil ich meine, wer sich besucht, miteinander spricht und Waren handelt, schießt
nicht aufeinander. Intoleranz ist die Vorstufe zum Krieg. Ich hasse militärische Konflikte.
In Österreich bin ich bisher noch nicht gewesen. In diesem Jahr besuche ich es. Trotz alledem! Und Sie? Auf
Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
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