Editorial Juni 2000
   
 

Liebe Leser,

was verstehen Sie unter einer “unabhängigen Zeitung”? Ich verstehe darunter eine Zeitung, die ihre Autoren nicht einer Gesinnungsschnüffelei aussetzt, bevor sie sie zu Wort kommen läßt. Eine Zeitung, die sich an die Spielregeln der Demokratie hält. Eine Zeitung, die nicht bestimmte Meinungen bevorzugt oder gar indoktriniert. Eine Zeitung, die sachlich, wenn auch nicht ohne Leidenschaft berichtet und es ihren Lesern überläßt, welches Urteil sie sich aus dem Gelesenem bilden.

“Deutsche Rundschau” ist keine Parteizeitung. Als “kleinste globale Zeitung” bedienen wir die Leserinteressen von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Religion, weltanschaulicher Überzeugung, Lebenserfahrung und unterschiedlichen Alters. Daß dies eine schwierige Aufgabe ist, wird jedem einleuchten.

Man bewegt Menschen leichter zum Nachdenken, wenn man Dinge bewußt zuspitzt, Widerspruch herausfordert. Auf die Gefahr hin, daß man sich bei dem einen oder anderen Mitbürger unbeliebt macht. Deshalb schreibe ich Ihnen ungeschminkt meine Gedanken und Gefühle auf. Daß ich bei meinen Kommentaren oft kein Blatt vor dem Mund nehme, aus meinem Herzen keine Mördergrube mache und, das streite ich nicht ab, gelegentlich über’s Ziel hinausschieße, birgt das Risiko des “Anekkens” in sich. Berufsrisiko eines Journalisten. Ich nehme es, wenn auch gelegentlich mit Zähneknirschen, in Kauf. Jede auch kritische Leserzuschrift, die unsere Redaktion aus aller Herren Länder erreicht, werten wir zu allererst als Zeichen Ihrer Verbundenheit zu unserer “Weltzeitung für Deutschsprechende”.

Gewiß: Der Herausgeber und die Chefredaktion einer Zeitung sind Lesermeinungen und -befindlichkeiten sowie freundlichen oder weniger gut gemeinten Kommentaren regelrecht ausgeliefert. Es allen recht zu machen, ist eine Kunst, die keiner kann. “Entlassen Sie sofort Ihre linken Schreiberlinge!”, fordern die einen. “Noch so ein rechtslastiger Artikel und Sie brauchen uns in Sachen Anzeigen nie wieder anzusprechen, Herr Klugmann!”, drohen andere. “Ändern Sie bloß Ihren Zeitungsnamen! “Deutsche Rundschau” klingt ja als Zeitungstitel ziemlich angestaubt. Sie sind doch nicht etwa deutschnational?”, fragen Dritte besorgt. Manche wollen es ganz genau wissen: “Wer bezahlt Sie eigentlich? Der Jüdische Weltkongreß?” Sensible meinen: “Warum haben Sie mein Gedicht nicht abgedruckt? Mein Ihnen zugesandtes Buch ist bis heute nicht rezensiert worden. Haben Sie etwas gegen junge Künstler oder mich persönlich?” Und dann kommt der erhobene Zeigefinger: “Warum lassen Sie in Ihrer Zeitung das “F-Wort” zu? Lassen Sie die “Deutsche Rundschau” nicht so verkommen!“ Wie angenehm ist dagegen die Aufforderung: “Drucken Sie bitte die Artikel in Ihrer Zeitung in größeren Buchstaben, diese kleine Schrift kann ja kein Mensch lesen und im übrigen sollten Sie sich zumindest am Telefon das Sächseln abgewöhnen.”

Und abschließend die ganz Modebewußten: “Was tragen Sie denn für einen Mantel? Hatten Sie den schon bei Ihrer Ausreise aus Ostdeutschland an?” Ich möchte es bei diesem Meinungsspektrum unserer Leser belassen. Es ließe sich ausweiten.

Weiten Sie es mit aus! Halten Sie nicht mit Ihrer Meinung hinter dem Berg! Denn auch zukünftig werden unsere Korrespondenten/ Innen und Gastautoren/Innen ihre Meinung ungefiltert kundtun. Schreiben Sie uns, wenn Sie anderer Meinung sind oder es besser wissen. Schreiben Sie uns, wie wir unsere Zeitung noch interessanter, noch augenfälliger gestalten sollen. Schlagen Sie uns Ihre Themen vor, damit wir sie auf die Tagesordnung setzen können.

Teilen Sie uns mit, welche unserer Beiträge Sie gut fanden und welche nicht. Debattieren Sie energisch mit unseren Autoren, Redakteuren und Mitarbeitern, aber fordern Sie nicht gleich deren Entlassung! Denn wenn ich diesen Forderungen folgen würde, dann wären wir wieder auf der Stufe der gleichgeschalteten Medien angelangt. Auf Ihre Zuschriften freut sich Ihr

Ihr Juri Klugmann

 

 


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