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Liebe Leser,
was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie heute den Begriff
"Mauer" hören? Vielleicht die Chinesische Mauer, auch Große Mauer genannt, die mit etwa 6.250
km Gesamtlänge als die größte Schutzanlage der Erde galt? Oder die Klagemauer im alten Jerusalem,
deren unterste fünf Steinlagen zum herodianischen Tempel gehören? Nein, ich bin überzeugt, daß
Ihnen zunächst die Berliner Mauer einfällt, wenn Sie ein Reporter auf der Straße nach "Mauergefühlen"
befragt. Nur selten widmen Medien weltweit einem Ereignis so viel Raum, wie es aus Anlaß des Falles der Berliner
Mauer am 09. November 1989 oder seines erst kürzlich begangenen 10. Jahrestags des Mauerfalls passierte. Staatsoberhäupter
meldeten sich in den letzten Wochen ebenso zu Wort, wie "einfache" Menschen ihre Erinnerungen an diesen
historischen Tag und damit verbundene Gefühle zum Ausdruck brachten. Was und wer letztendlich zum Fall der
Berliner Mauer entscheidend beigetragen hat, wird wohl noch ein Weilchen im Verborgenen schlummern, bis der über
den Tatsachen hängende feingewebte Schleier von Geschichtswissenschaftlern und Steckenpferd-Historikern behutsam
oder mit einem Ruck weggezogen werden wird.
Erzwang eine "Revolution von unten", die Massendemonstrationen in Leipzig, Dresden, Ost-Berlin und anderen
DDR-Städten die Öffnung der Mauer? Oder war es eine "Revolution von oben"? Die Meinungen gehen
darüber, je nach Standpunkt des Betrachters, auseinander. "Die kluge Politik Ungarns, der Realismus und
die Besonnenheit Gorbatschows, die feste Unterstützung durch die USA und nicht zuletzt die ausgestreckte Hand
vonseiten der Europäischen Gemeinschaft - das alles ist aus der Geschichte jener Monate nicht wegzudenken
und bleibt unvergessen", formulierte es der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland in seinem
Leitartikel in der Oktober/November-Ausgabe der "Zeitschrift Deutschland". Eine Aussage, der ich, was
die "ausgestreckte Hand der EG" betrifft, so nicht zustimmen möchte! Erstens war und blieb die britische
Premierministerin Margaret Thatcher gegen die Wiedervereinigung und zweitens mußte auch der französische
Präsident Mitterand nach seinem Treffen mit Honecker von Helmut Kohl überzeugt werden, daß die
Wiedervereinigung ein gute Sache sei. Doch bekanntlich hat der Erfolg viele Väter, die Niederlage immer nur
einen. Wenn auch pure Spekulation, wäre es interessant zu wissen, wer sich zu seinem Engagement bekannt hätte,
wenn der Versuch die Mauer zu öffnen gescheitert wäre? Wenn der Wille nach einem "einig Vaterland",
wie am 17. Juni beim Volksaufstand in der DDR, von russischen Panzern blutig niedergeschlagen worden wäre?
Dann wohl wäre der "Ruhm der Märtyrer" doch nur auf die Bürgerrechtler und Demonstranten
in der DDR gefallen. Zum Glück und zur Freude vieler Menschen in aller Welt verlief der Fall der Berliner
Mauer über Nacht, ganz ohne Blutvergießen und "Gott-sei-Dank" ohne die militärische Konfrontation
zwischen Warschauer Pakt und NATO. Stattdessen hat der Fall der Berliner Mauer nicht nur Deutschland zumindest
geografisch geeint, sondern tatsächlich Europa politisch und wirtschaftlich tiefgreifend verändert.
Ich stimme dem Mitherausgeber der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit", Theo Sommer, zu, wenn er schreibt,
daß "… die größer gewordene Bundesrepublik (noch) ein geschichtliches "Halbfabrikat"",
sei. Das wurde mir in den vergangenen Wochen deutlich bewußt, als ich als Mitglied einer internationalen
Journalistendelegation auf Einladung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung an einer Informationsreise
zum 10. Jahrestag des Berliner Mauerfalls teilnehmen durfte. Bis zu meinem "Flug in die Freiheit", nach
Kanada, hatte ich fast 18 Jahre, bis 1988, im Ostteil Berlins gelebt, geliebt und gearbeitet. Diese Zeit hat mich
ebenso geprägt wie meine Freunde, die damals im Westteil der Stadt lebten. Auch sie wurden vom Alltagsleben
der "Frontstadt" beeinflußt. So, wie wir Auslandsdeutschen eine eigene Identität entwickelt
haben, die sich von der Identität der in Deutschland lebenden Deutschen mehr oder weniger deutlich unterscheidet,
haben sich auch in mehr als vier Jahrzehnten DDR und BRD zwei unterschiedliche Identitätsgefühle entwickelt.
So fiel mir, dem bereits kanadisierten Auslandssachsen, im Gespräch mit Berlinern auf, aus welchem Teil der
Stadt sie vor der Öffnung der Mauer stammten. Die anfängliche Reserviertheit, die mir auf Grund meines
unverleugbaren sächsischen Dialekts zunächst entgegengebracht wurde (wobei Sachsen auch in Ostberliner
Zeiten eher gelitten als geliebt waren), entspannte sich erst, wenn zur Sprache kam, daß ich seit einigen
Jahren kanadischer Staatsbürger bin.
So brachten mir z.B. "Westberliner" unverhohlen zum Ausdruck, daß der asbestverseuchte "Palast
der Republik" verschwinden müsse. Er sei schließlich die "Pißmarke der Ostberliner Machthaber",
meinte eine Charlottenburgerin drastisch. Dagegen sträubten sich die Haare von in der DDR aufgewachsenen Bekannten,
die keine PDS-Anhänger sind, als ich ihnen die extreme Ansicht zu "Honeckers Lampenladen" übermittelte.
"Man will im Osten alles platt machen, was nur mit einem Hauch an die guten Seiten der DDR erinnert",
war das Gegenargument der Befragten. Ja, Beispiele für die unterschiedlichen Wertmaßstäbe zwischen
alten und neuen Bundesländern gäbe es viele zu nennen. Jeder, der das neue Deutschland besucht, wird
sie finden. Doch muß man deshalb gleich immer von der noch vorhandenen "Mauer in den Köpfen"
sprechen und schreiben? Warum spricht man nicht über die Gemeinsamkeiten, uns Vereinendes. Heute sind wir
ein Volk! Wer untersucht, was Deutsche in Ost und West und was Deutsche in Deutschland und Deutschsprechende im
Ausland verbindet? Wer stellt den Antrag, daß auch die verbliebenen Reste der Berliner Mauer als "Weltkulturerbe"
anerkannt werden? Sie würde damit nicht nur nachfolgenden Generationen, sondern auch ausländischen Gästen
als Mahnung dienen und vielleicht den Aufbau ähnlicher Mauern ein für alle Mal verhindern. Auf Ihre Zuschriften
freut sich
Ihr Juri Klugmann
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