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Liebe Leser,
Vom "Großen Lauschangriff" war in
bundesdeutschen Medien in den letzten Monaten sehr oft die Rede. Sogar vom "Angriff aus dem All" war
in "Der Spiegel" 13/1999 zu lesen. Ungeniert würden vor allem Amerikaner die deutsche Wirtschaft
ausschnüffeln, die mit großem Aufwand und High-Tech Telefonleitungen und Computernetze durchforsten
würden. Viel Lärm um Nichts? Der deutsche Bundesgerichtshof hat es vor kurzem als rechtens erklärt,
daß alle Auslandsgespräche aus Sicherheitsgründen abgehört werden dürfen.
Insidern wird diese Nachricht nur ein müdes Lächeln abgerungen haben. Durften doch die Schutzengel dieseits
und jenseits der Elbe schon seit Jahrzehnten ihre Wanzen auslegen. Denn was dem Stasi recht war, konnte ja dem
Bundesnachrichtendienst nur billig sein. Das innerdeutsche Lauschen hatte zwar System, dürfte jedoch auf den
Verlauf der Weltgeschichte keinen wesentlichen Einfluß genommen haben. Auch den Fall der Berliner Mauer,
der sich im November diesen Jahres zum 10. Male jährt, konnten weder die kleinen noch großen Meister
der Abhörkunst seinerzeit vorhersagen.
"Der Lauscher an der Wand hört seine eigne Schand", pflegte schon meine Oma zu sagen, wenn ich als
Kind versuchte, den oft langweiligen Gesprächen der Erwachsen zu folgen. Ob nun die professionellen Lauscher
in aller Welt auch ihre "eigne Schand" (an)hören müssen, sei dahingestellt. Fraglich ist, ob
das neuerdings gesetzlich sanktionierte, behördliche Lauschen auch den vorgegebenen Zweck erfüllt.
Dem hohen Anspruch, die Bürger des Landes besser vor Terroristen schützen zu wollen, wird es voraussichtlich
nur mangelhaft Rechnung tragen. Schlimmer ist, daß die Mehrheit der Politiker, statt laut aufzuschreien,
scheinbar unbeteiligt zur Tagesordnung übergingen, als dieses Abhör-Gesetz in Deutschland zur Diskussion
stand. Vielleicht empfand man, daß man gegenüber seinem "Big Brother" dringenden Nachholbedarf
hatte.? Wie dem renomierten deutschen Nachrichtenmagazin zu entnehmen war, "haben die amerikanischen Geheimdienste
den Auftrag, zum Wohle der US-Wirtschaft Informationen zu sammeln und an die eigenen Unternehmen weiterzugeben."
Ganz offiziell habe der US-Präsident Bill Clinton die Wirtschaftsspionage zu einer der Hauptaufgaben des CIA
erklärt. Clinton wird mit den Worten "Was gut ist für Boeing, das ist gut für die USA"
zitiert. Dieser Gedanke ist nicht neu. Schon Charles Wilson, ehemaliger Chairman von General Motors und späterer
Wirtschaftsminister von Präsident Dwight Eisenhower, war der festen Überzeugung: "What is good for
GM is good for the United States". Mit dieser Aussage schmetterte er einst vorwurfsvolle Fragen von Journalisten
ab, denen Eisenhowers die Großindustrie fördernde Politik ein gewaltiger Dorn im Auge war. Die Ansicht:
"America first", koste es was es wolle, scheint heute noch die Zustimmung vieler Amerikaner zu finden.
Dabei nimmt Mancher gern in Kauf, wenn seine Freunde und Bündnispartner ausgehorcht werden. Vertrauen ist
gut - Kontrolle ist besser! Zumal, wenn etwas dabei herausspringt…
Zwar ist Wirtschaftsspionage den deutschen Nachrichtendiensten noch ausdrücklich untersagt, doch ob das so
bleiben wird, ist stark anzuzweifeln. Dabei geht es bei der ganzen Abhörerei ja nicht nur um Wirtschaftsspionage!
Finden Sie nicht auch, daß es ein unerhörter Eingriff in die Privatsphäre einer Person oder eines
Unternehmens ist, wenn man sich an der vielzitierten Schwelle zum Jahr 2000 nicht mehr sicher sein kann, sein internationales
Telefonat unbelauscht zu führen? Dominieren "Alles sehende Augen" und "Alles hörende Ohren"
zukünftig noch mehr unseren Alltag?
Technisch kein Problem, sagen Fachleute. Ganze Industriezweige haben sich mittlerweile auf das profitable Abhörgewerbe
eingestellt. So kann beispielsweise das vom amerikanischen Nachrichtendienst NSA entwickelte Abhörsystem "Echelon"
nicht nur weltweit jede E-Mail, sondern auch herkömmliche Telefongespräche und den Fax- und Telexverkehr
ungefiltert abhören und zur Auswertung weiterleiten.
Otto-Normal-Verbraucher wird nun wieder die Suppe auslöffeln dürfen, die ihm von den Kalten Kriegern
der Neuzeit eingebrockt wird. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", pflegte der Rundfunk im
amerikanischen Sektor (RIAS) den Landsleuten im anderen Teil Deutschlands mitzuteilen. "Die Worte hört
ich wohl, allein mir fehlt der Glaube" würde sich hierauf gut erwidern lassen. Vielleicht ist es nur
zu lange her, daß diese Werte galten? Lauschangriffe jeglicher Art scheinen nicht unter die Kategorie "Würde
des Menschen" zu fallen. Dessen sollten Sie sich bewußt sein, wenn Sie das nächste Mal zum Telefonhörer
greifen oder sich an den Computer setzen, um die Lieben in weiter Ferne zu grüßen. Freund hört
und liest mit!
Zeitungsmacher haben sich auf das neue Phänomen einzustellen. Wichtige Neuigkeiten und brisante Daten übermittelt
man, wie zu Pegasus' Zeiten, neuerdings wieder per Bote. Macht man das nicht, kann es passieren, daß die
eigne, mühevoll recherchierte Meldung von einer "vorbeifliegenden Schwalbe" ergriffen und anderen
Medien zugezwitschert wird. Gut finde ich das nicht. Und Sie? Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
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