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Editorial Juni 1999

Liebe Leser,

Niemand hört einem mehr richtig zu”, beklagte sich neulich ein guter Freund bei mir. Erst war ich verdattert, doch dann mußte ich ihm beipflichten. Im informationsüberfluteten Alltag scheint uns gelegentlich selbst das Gefühl zum richtigen Zu- und genauen Hinhören abhanden gekommen zu sein.

Untersuchungen sprechen davon, daß Otto-Normal-Verbraucher nicht sonderlich daran interessiert ist, täglich mehr als 45 Minuten Nachrichten in sich aufzunehmen. Ob auch eine geistige Verarbeitung des Gelesenen, Gehörten oder Gesehenen erfolgt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Da Medien- und Nachrichtenmacher wissen, daß bei einem Überangebot an Informationen entweder die Nachrichtenquelle oder das Gehirn abgeschaltet wird, hat der Kampf um die Hirne und Herzen der Nachrichtenkonsumenten an Schärfe zugenommen.

Politiker, Medienfachleute und Technikwissenschaftler zerbrechen sich deshalb täglich den Kopf darüber, mit welcher noch ausgeklügelteren Übertragungstechnik, -form und -methode sich ihre Nachrichten am besten, schnellsten und überzeugendsten an die Frau oder den Mann bringen lassen. Gefährlich an diesem Wettlauf ist, daß im Ringen um die täglichen 45 Minuten Aufnahmebereitschaft nicht immer nur gute, erfreuliche und vor allem der Wahrheit entsprechende, also gut recherchierte Nachrichten die Nase vorn haben.

“Ich sehe soeben, daß sich der Herr Kollege vorne rechts zum Wort meldet...”

“Ich sehe soeben, daß sich der Herr Kollege vorne rechts zum Wort meldet...”



Nachrichten als Waffe? Heißen Kriegen gehen in der Regel “Kalte Kriege” voraus oder folgen einer kriegerischen Auseinandersetzung nach. Seit Kriege um Macht, Boden und Weltanschauungen geführt werden, werden sie von psychologischer Kriegsführung begleitet.

Bei gegenwärtig mindestens 40 größeren und kleineren Krisenherden kann man deshalb davon ausgehen, daß jede der rivalisierenden Konfliktparteien ihr eigenes Nachrichten - Süppchen zu kochen versucht. Die Wahrheit ist nicht nur das erste Opfer eines Krieges, oft bleibt sie auch in Nachkriegs- zeiten “kriegsversehrt”. Keine Vermutung, sondern bittere Erfahrung von Millionen und Aber-Millionen Kriegs- und Bürgerkriegsopfern.
Ich bin zwar bestürzt, doch nicht verwundert, wenn das Mißtrauen gegenüber allem, was man hört, liest und sieht, immer mehr wächst. Ich ertappe mich dabei, selbst Medienmacher, nicht nur nicht mehr richtig, sondern gar nicht mehr dem zuhören zu wollen, was einem von manchen Medien und Politikern als schwer verdauliche Nachrichtenkost und politische Ansicht täglich vorgesetzt wird. Ob die Bereitschaft der Bürger, Nachrichten in sich aufzunehmen, gar auf 30 Minuten pro Tag oder weniger absinken wird? Immer häufiger höre ich Zweifel an der Glaubwürdigkeit von geschriebenen und gesprochenen Worten oder gezeigten Bildern. Ob sich bereits mehrheitlich Politiker und Medienmacher über den Vertrauensverlust Gedanken machen, ist fraglich.

Leider gibt es auch heute noch Staaten, in denen Politiker an der Macht sind, die ihrem (Fuß-)Volk nicht zuhören wollen. Wo die Volksmeinung im allgemeinen und die von Minderheiten nichts zählt. Werden sich diese Politiker nach der Jahrtausendwende gegebenenfalls ein neues Volk auswählen, wenn ihnen das eigene nicht mehr in den politischen Kram paßt?

Ich weiß nicht, wie Sie empfinden, aber ich werde das Gefühl nicht los, daß man sich weltweit heute mehr um Meinungsbildung sorgt, statt um (Volks-)Meinungserforschung bemüht.

Und wie stehe ich als Herausgeber der Deutschen Rundschau zu meiner Verantwortung? Ich wurde in den letzten Monaten wiederholt gefragt, warum wir in unserer internationalen Monatszeitung den Leserforen und -briefen solch einen breiten Raum einräumen. Zumal doch einige der veröffentlichten Beiträge, Kommentare und Meinungen sehr provokativ und deshalb nicht unbedingt (anzeigen-)geschäftsfördernd seien. Leute, die so fragen, mögen es gut mit uns meinen. Aber offensichtlich interpretieren sie die Worte Demokratie und Pressefreiheit anders als wir. Die Mitarbeiter der Deutschen Rundschau wünschen sich, auch wenn sie sich nicht mit jeder veröffentlichten Meinung identifizieren, auch zukünftig reges und offenes Mitdenken unserer Leser. Die von Martin Luther geäußerte Meinung, man solle “dem Volk aufs Maul schauen”, ist in unserer Redaktion ein Maßstab für gute journalistische Arbeit.

Es ist nicht möglich, daß ich jeden von Mitarbeitern der Deutschen Rundschau verfaßten Artikel persönlich nachrecherchiere, bevor ich ihn publiziere. Doch Ihr eventueller Widerspruch, wenn Sie es besser wissen, ist mir immer willkommen. Auf Ihre Zuschriften freut sich

Ihr Juri Klugmann


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