Liebe Leser,
Niemand hört einem mehr richtig zu”, beklagte sich neulich ein guter Freund bei mir. Erst war ich verdattert,
doch dann mußte ich ihm beipflichten. Im informationsüberfluteten Alltag scheint uns gelegentlich selbst
das Gefühl zum richtigen Zu- und genauen Hinhören abhanden gekommen zu sein.
Untersuchungen sprechen davon, daß Otto-Normal-Verbraucher nicht sonderlich daran interessiert ist, täglich
mehr als 45 Minuten Nachrichten in sich aufzunehmen. Ob auch eine geistige Verarbeitung des Gelesenen, Gehörten
oder Gesehenen erfolgt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Da Medien- und Nachrichtenmacher wissen, daß
bei einem Überangebot an Informationen entweder die Nachrichtenquelle oder das Gehirn abgeschaltet wird, hat
der Kampf um die Hirne und Herzen der Nachrichtenkonsumenten an Schärfe zugenommen.
Politiker, Medienfachleute und Technikwissenschaftler zerbrechen sich deshalb täglich den Kopf darüber,
mit welcher noch ausgeklügelteren Übertragungstechnik, -form und -methode sich ihre Nachrichten am besten,
schnellsten und überzeugendsten an die Frau oder den Mann bringen lassen. Gefährlich an diesem Wettlauf
ist, daß im Ringen um die täglichen 45 Minuten Aufnahmebereitschaft nicht immer nur gute, erfreuliche
und vor allem der Wahrheit entsprechende, also gut recherchierte Nachrichten die Nase vorn haben.
 |
|
“Ich sehe soeben, daß sich der Herr Kollege vorne rechts
zum Wort meldet...”
|
Nachrichten als Waffe? Heißen Kriegen gehen in der Regel “Kalte Kriege” voraus oder folgen einer kriegerischen
Auseinandersetzung nach. Seit Kriege um Macht, Boden und Weltanschauungen geführt werden, werden sie von psychologischer
Kriegsführung begleitet.
Bei gegenwärtig mindestens 40 größeren und kleineren Krisenherden kann man deshalb davon ausgehen,
daß jede der rivalisierenden Konfliktparteien ihr eigenes Nachrichten - Süppchen zu kochen versucht. Die
Wahrheit ist nicht nur das erste Opfer eines Krieges, oft bleibt sie auch in Nachkriegs- zeiten “kriegsversehrt”.
Keine Vermutung, sondern bittere Erfahrung von Millionen und Aber-Millionen Kriegs- und Bürgerkriegsopfern.
Ich bin zwar bestürzt, doch nicht verwundert, wenn das Mißtrauen gegenüber allem, was man hört,
liest und sieht, immer mehr wächst. Ich ertappe mich dabei, selbst Medienmacher, nicht nur nicht mehr richtig,
sondern gar nicht mehr dem zuhören zu wollen, was einem von manchen Medien und Politikern als schwer verdauliche
Nachrichtenkost und politische Ansicht täglich vorgesetzt wird. Ob die Bereitschaft der Bürger, Nachrichten
in sich aufzunehmen, gar auf 30 Minuten pro Tag oder weniger absinken wird? Immer häufiger höre ich Zweifel
an der Glaubwürdigkeit von geschriebenen und gesprochenen Worten oder gezeigten Bildern. Ob sich bereits mehrheitlich
Politiker und Medienmacher über den Vertrauensverlust Gedanken machen, ist fraglich.
Leider gibt es auch heute noch Staaten, in denen Politiker an der Macht sind, die ihrem (Fuß-)Volk nicht
zuhören wollen. Wo die Volksmeinung im allgemeinen und die von Minderheiten nichts zählt. Werden sich
diese Politiker nach der Jahrtausendwende gegebenenfalls ein neues Volk auswählen, wenn ihnen das eigene nicht
mehr in den politischen Kram paßt?
Ich weiß nicht, wie Sie empfinden, aber ich werde das Gefühl nicht los, daß man sich weltweit
heute mehr um Meinungsbildung sorgt, statt um (Volks-)Meinungserforschung bemüht.
Und wie stehe ich als Herausgeber der Deutschen Rundschau zu meiner Verantwortung? Ich wurde in den letzten Monaten
wiederholt gefragt, warum wir in unserer internationalen Monatszeitung den Leserforen und -briefen solch einen
breiten Raum einräumen. Zumal doch einige der veröffentlichten Beiträge, Kommentare und Meinungen
sehr provokativ und deshalb nicht unbedingt (anzeigen-)geschäftsfördernd seien. Leute, die so fragen,
mögen es gut mit uns meinen. Aber offensichtlich interpretieren sie die Worte Demokratie und Pressefreiheit
anders als wir. Die Mitarbeiter der Deutschen Rundschau wünschen sich, auch wenn sie sich nicht mit jeder
veröffentlichten Meinung identifizieren, auch zukünftig reges und offenes Mitdenken unserer Leser. Die
von Martin Luther geäußerte Meinung, man solle “dem Volk aufs Maul schauen”, ist in unserer Redaktion
ein Maßstab für gute journalistische Arbeit.
Es ist nicht möglich, daß ich jeden von Mitarbeitern der Deutschen Rundschau verfaßten Artikel
persönlich nachrecherchiere, bevor ich ihn publiziere. Doch Ihr eventueller Widerspruch, wenn Sie es besser
wissen, ist mir immer willkommen. Auf Ihre Zuschriften freut sich