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Verehrte Leserin, verehrter Leser, "Endlich reiten Sie wieder! Die Rächer der Entharzten, die Kämpfer für soziale Gerechtigkeit..." Über die "Entharzten" stolperte eine Moskauer Kollegin bei der Lektüre originaler deutscher Presseprodukte. Sie rief bei mir in Berlin an. Und ich war im Erklärungsnotstand. Ein Student aus Ghana e-mailt gestern neugierig: "Wer ist Hartz der IV.? Wer waren Hartz der I. bis III.? Um welche Dynastie handelt es sich?" Ja, die Informationsdefizite über "Hartz" sind in ferneren Regionen beträchtlich. Doch auch hierzulande weiß längst noch nicht jeder Bescheid: "Hartz" hat sich zwar herumgesprochen. Doch so richtig durch die Köpfe ist dieses Reformwerk noch lange nicht. "Hartz" steht denn auch für Kommunikationspannen und Informationschaos der Regierung. Manche, die immer alles besser wissen (wollen), sprechen sogar von "Kommunikationskatastrophe" im Zusammenhang mit der politischen Vermittlung der Hartz-IV-Gesetzesinhalte. Die zumeist negative Belegung der Hartz-Wort-Blüten resultiert aus der sich langsam entfaltenden Wirkung dieses so genannten Gesetzes zur Arbeitsmarktreform im Vorfeld seines In-Kraft-Tretens zum 1. Januar 2005. Denn mit Hartz IV werden Millionen Menschen wie Vorbestrafte behandelt. Sie müssen, wenn sie staatliche Hilfe beanspruchen — die Hosen runter lassen, ihre Vermögensverhältnisse komplett offenlegen. Von der Datsche, Omas Erbschmuck, Kindersparbuch, alles gerät ins Visier des Staates. Der stellt dafür extra 80.000 Schnüffelkraten ein. Übrigens die erste greifbare, nachweisbare Arbeitsbeschaffungsmaßnahme dieses Gesetzes. Fakt ist: Diese Bundesregierung beherrscht nicht die Kunst, Fehler zu machen, die kein Mensch bemerkt. Das kann ihr zum Verhängnis werden. Warum? Die Deutschen marschieren wieder. Montags. Ja, es gibt sie wieder, die Montagsdemo. Sie erinnern sich? Es waren die Montagsdemonstrierer, die 1989 die DDR-Regierung aus ihren Sesseln, die DDR aus den Angeln hob, die Berliner Mauer zum Einsturz brachte. Klar, heute sind die Winkelemente und Gesinnungstextilien anders beschriftet. Und noch ein gravierender Unterschied ist zu registrieren: Schon seit Wochen laufen die Montagsdemonstrierer gegen "Hartz" auch auf westdeutschen Straßen. Das ist eine echte Premiere.
(Karikatur: Pohlenz)Apropos Premiere. Das deutsche Regierungslager erweist sich sogar selbst irgendwie als reformfähig: Das Hartz-IV-Gesetz wird noch vor seinem Inkrafttreten novelliert. Tja, in Deutschland läuten die Glocken. Der vertriefte deutsche Michel reibt sich die Augen, wird langsam wach. Sein Sozialstaat wird zu Grabe getragen. Derweil treibt der Wortstamm "Hartz" weiter reiche Blüten: "Das ist ja hartzend!" ist unter Jugendlichen ähnlich gebräuchlich wie "Is’ ja ätzend!" "Hat es Dir die Stimmung verharzt?", fragte mich letztens meine Tochter. "Total verhartz!" stöhnt mich ein arbeitsloser Kollege an — auf mein ahnungsloses "Wie geht’s?" Ein Vorschlag an die Sprachjäger und Sammler vom Duden: Nehmt das Wort "hartzen", ("verhartzen", "hartzig") in euren Wortschatz auf. Auch "Hartzianer" war schon zu lesen — im Zusammenhang mit Golfen. Haben Sie dich schon "geharzt" heißt so viel wie: Bist Du schon von der Arbeitsagentur durchleuchtet? Kein Wunder also, "Hartz" hat das Zeug, zum Unwort des Jahres zu avancieren. Mensch, ist deutsche Sprachentwicklung aufregend! Und wir sind mittendrin, so richtig dabei, in Echtzeit. Übrigens: Noch hatte ich keine Gelegenheit, Herrn Peter Hartz, Volkswagen-Personal-Vorstand in Wolfsburg, persönlich zu fragen, wie er das aushält, das mit seinem Namen. Immerhin steuerte Herr Hartz Schlüssel-Ideen zu diesem Gesetz bei. Jedenfalls wird es ein heißer Protest-Herbst in Deutschland. Das verspricht zumindest Pedram Shahyar von Attac. "Wir werden mit Blockaden und kollektivem Ungehorsam Sand ins Getriebe streuen." Mit einem Marsch auf Berlin soll am 3. Oktober gegen die Hartz-Gesetze demonstriert werden. Wir halten Sie auf dem Laufenden. Vorher jedoch, Anfang September, treffen sich die Korrespondenten der Deutschen Rundschau aus ganz Europa in Berlin. Bestimmt werden wir auch über die spannenden Ereignisse rund um "Hartz" debattieren. Ich werde Ihnen ausführlich von unserem Treffen berichten. Versprochen. Schon in Vorfreude auf unser Treffen in Berlin Ihr Gerd Michels | |||||||
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