Editorial Juli 2004

               
 
Öl als Kriegsgrund -- Öl als Waffe

Liebe Leserinnen und Leser,

Fahren Sie angesichts der steigenden Benzinpreise weniger Auto? Verzichten Sie auf überflüssige Fahrten und versagen sich den Luxus, Freunde zu besuchen, Restaurants, Kinos? Erwägen Sie gar, auf ein sparsameres Fahrzeug umzusteigen? Oder sind Sie optimistisch, diese Erdölkrise werde ebenso vorübergehen wie die vorhergehenden?

Wir sind Zeitzeugen, wie sehr seit der Besetzung des Iraks durch die USA und durch die Eskalation der Gewalt zwischen Israel und Palästina die politische Lage im Mittleren Osten instabiler geworden ist, der Region, in der 65,4% der heute bekannten Erdölreserven liegen. Die Rechnung der Bush-Administration, sich die drittgrößten Ölvorräte der Welt anzueignen, scheint nicht aufzugehen.

In Saudi-Arabien, bislang verläßlicher Partner der westlichen Industriewelt im Ölgeschäft, sind seit dem 11.September 2001 zunehmende antiamerikanische Tendenzen und Sympathien mit Osama Bin Laden unübersehbar. Die jüngsten Anschläge haben Signalwirkung; in Zukunft könnten Ölförderanlagen und Pipelines Ziele für Attentate werden.

Statistiken belegen einen jährlich steigenden Bedarf an Erdölenergie, allen voran in den USA, die ein Viertel des gesamten Weltöls für sich beanspruchen. China und Indien vollziehen gerade in rasantem Tempo den Sprung zur Industrienation. Bereits heute liegt China an zweiter Stelle und verbraucht mehr Öl als Deutschland und Rußland zusammen. Wissenschaftler sind sich über die unausweichliche Verknappung des "Schwarzen Goldes" durch Versiegen der Erdölquellen einig, nur die Zeit ist Spekulation. Erinnern Sie sich noch an die erste Erdölkrise 1973, als die OPEC das Öl als Waffe im Yom-Kippur-Krieg zwischen Israel und Ägypten einsetzte und die Ölförderung um 25% drosselte? An das Sonntagsfahrverbot auf deutschen Autobahnen? Damals wurden die Raumtemperaturen in öffentlichen Gebäuden heruntergestellt und die Weihnachtsferien der Schulen verlängert, um Energie zu sparen.

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      (Karikatur:  Pohlenz)

Im Chemieunterricht habe ich gelehrt, daß Erdöl als der wertvollste Rohstoff der Erde, aus dem unersetzliche Medikamente, Werk- und Kunststoffe hergestellt werden, zu schade zum Verbrennen ist. Bis heute wird immer noch über 70% des gesamten Öls verbrannt. Dennoch, die damalige Krise und die ihr 1979 und 1990 folgenden haben zumindest in Europa ein energiepolitisches Umdenken ausgelöst. Industrieanlagen arbeiten heute energiesparender als damals, Autos verbrauchen weniger Benzin, Isolierbauweise spart Heizöl. Doch die Chance, die Forschung und Entwicklung bereits vor 30 Jahren intensiv auf erneuerbare Energien wie Sonnen-, Wind-, Wasser-, Gezeitenenergie und Erdwärme zu konzentrieren, die Bundeskanzler Schröder schon fast nostalgisch heute wieder neu proklamiert, wurde vertan, und es ist zu befürchten, daß das Kyoto-Protokoll auch nur ein Lippenbekenntnis bleibt.

In Amerika ist Energieeinschränkung bislang kein Thema. Veraltete Industrieanlagen und Automotoren mit dem Durst eines Dinosauriers verschlingen das Öl. Das Land der globalen Ökonomie hat gezeigt, daß es seine Militär- und Wirtschaftsmacht rücksichtslos zur Erfüllung seiner Hegemonieansprüche einsetzt.

Ist Ihnen die Aussage des ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger aus den siebziger Jahren noch in Erinnerung, Erdöl sei zu wichtig, als daß man es den Arabern überlassen könne? Diese Geisteshaltung bestimmt amerikanisches Handeln nach wie vor, nur daß man heute von Schurkenstaaten und Terroristen spricht. Solange diese Gesinnung nicht der besseren Erkenntnis weicht, friedlich Probleme zu lösen, ist der nächste Krieg ums Öl nur eine Frage der Zeit.

Ihre Elisabeth von Ah

P.S.: Wir freuen uns über Ihre Zuschriften.


       
     
       

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