Exklusiv-Interview

               
                         “Deutsch-israelische Beziehungen
                             sind durchaus positiv zu bewerten”


             Deutsche Rundschau im Gespräch mit Shimon Stein,
             Botschafter des Staates Israel in Berlin, Deutschland

Deutsche Rundschau: Sehr geehrter Herr Botschafter, von der deutschen Bundesregierung werden die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel als “eng und freundschaftlich” bezeichnet. Stimmen Sie dieser Aussage zu? Sind die Beziehungen unter der von Gerhard Schröder geführten rot-grünen Bundesregierung tiefer und die Bande enger als unter Helmut Kohl geworden?

Shimon Stein: Ja, ich stimme dieser Aussage zu. Im kommenden Jahr werden wir den 40sten Jahrestag der deutsch-israelischen diplomatischen Beziehungen begehen und die Gesamtbilanz dieser Zeit ist durchaus positiv zu bewerten; nicht nur auf der offiziellen, sondern auch auf der zwischenmenschlichen Ebene. Die Aufgabe, die nun vor uns liegt, ist, im Hinblick auf den Generationswechsel sowohl in Deutschland als auch in Israel, die Beziehungen weiter aufzubauen und sie zu vertiefen. Das wird erst dann möglich sein, wenn sich über die Vergangenheit hinaus, die ein Bestandteil der Beziehungen bleiben wird, Bereiche herauskristallisieren, die von gemeinsamem Interesse sind. Ich bin diesbezüglich sehr zuversichtlich, weil es in unserem gemeinsamen Interesse liegt, daß die Beziehungen auch in weiteren 40 Jahren so gut sein werden, wie sie heute sind.

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   (Shimon Stein [l.] im Gespräch mit Gerhard Schröder)

      (Photo:  Gebhardt, Jürgen / Presse- und Informationsamt der Bundesregierung / Bundesbildstelle)

Deutsche Rundschau: Der Jahrzehnte andauernde Nahost-Konflikt hemmt die wirtschaftliche Entwicklung Israels. Wie wettbewerbsfähig sind israelische Unternehmen? Mit welchen Argumenten versuchen Sie Anleger und Geschäftsleute zu überzeugen, heute in Israel zu investieren?

Shimon Stein: Man kann generell sagen, daß Konflikte wirtschaftliche Entwicklungen hemmen. Insofern stellt Israel in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar. Trotzdem kann man auf die israelischen wirtschaftlichen Errungenschaften stolz sein, denn im wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und Forschungsbereich hat Israel seit Gründung des Staates beispiellose Erfolge erzielt. Dies wird dadurch untermauert, daß Firmen wie IBM, Motorola, Intel, Siemens und Volkswagen in Israel investieren und manche Konzerne ihre größten Forschungszentren in Israel gründen. Die gegenwärtige schwierige wirtschaftliche Lage ist unter anderem auf die Weltrezession im HighTech-Bereich zurückzuführen. Sobald diese Lage sich ändert, wird sich auch die israelische Wirtschaft regenerieren. Gleichzeitig werden derzeit Anstrengungen unternommen, die dazu dienen sollen, die Wettbewerbsfähigkeit der israelischen Wirtschaft zu erhöhen. Die Reformen, die die Regierung momentan dabei ist durchzusetzen, sollen auch dazu dienen, weitere Anreize für Investoren zu schaffen. Der einzige Bereich, der durch die gegenwärtige sicherheitspolitische Lage gelitten hat, ist der Tourismus. Wir hoffen, daß uns die sicherheitspolitischen Maßnahmen, die die Regierung beschlossen hat und die derzeit in die Tat umgesetzt werden (der Terror-Abwehr-Zaun und der bevorstehende einseitige Rückzug aus dem Gazastreifen), dabei helfen werden, den Tourismus wieder zu beleben, so daß man insgesamt sagen kann, daß Israel sowohl für Investoren als auch für Touristen attraktiv war und bleibt.

Deutsche Rundschau: Außenminister Fischer kritisierte kürzlich den Verlauf der von Israel errichteten Grenzmauer. In Den Haag beschäftigt sich der internationale Gerichtshof mit diesem heiklen Thema. Wird Ihre Regierung eine auf der Grundlage des Völkerrechts getroffene Entscheidung auch dann akzeptieren, wenn sie Israels gegenwärtigen innen- und außenpolitischen Interessen widerspricht?

Shimon Stein: Die Errichtung des Terror-Abwehr-Zaunes ist notwendig, legitim und provisorisch. Notwendig als Beitrag zur Reduktion des Terrors, da wir bereits heute einen Rückgang der Anschlagsversuche in den Abschnitten, in denen der Zaun bereits steht, feststellen. Wenn der gesamte Zaun vollständig erbaut ist, werden – so hoffen wir – die Terrorversuche dramatisch zurückgehen. Aus dem Gazastreifen hatten wir beispielsweise dank eines Zaunes keinen einzigen Selbstmordattentäter. Der Zaun ist legitim, weil jede Regierung das Recht hat, alle Maßnahmen zur Verteidigung zu ergreifen. Provisorisch ist er schließlich, da er wieder abgebaut werden wird, sobald die Ursachen, die zur Errichtung des Terror-Abwehr-Zaunes geführt haben, beseitigt sind, was unsere Hoffnung ist. Die Entscheidung, den Zaun zu errichten, muß schließlich im Zusammenhang mit dem Scheitern der Gespräche aus dem Jahr 2000 in Camp David gesehen werden. Infolge dieses Scheiterns ergab sich die Notwendigkeit, die beiden Völker zu trennen mit der Hoffnung, daß die Trennung die Verringerung der Reibungsflächen zur Folge haben wird.

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   (Ein Teil des Terror-Abwehr-Zaunes in Israel)

      (Photo:  Botschaft des Staates Israel, Berlin)

Deutsche Rundschau: Renommierte jüdische Organisationen beklagen die Zunahme von offenen und versteckten antisemitistischen und antiisraelischen Haltungen in Europa. Der Vorwurf wird lauter, daß in den Medien über den israelisch-palästinensischen Konflikt zu einseitig berichtet und vor allem Israels Abwehrmaßnahmen und nicht genügend die palästinensichen Terrorakte angeprangert würden. Stimmen Sie dieser Kritik zu? Was unternimmt Ihre Regierung, um ausländischen Journalisten ungehinderten Zugang zu Informationen und Recherchen in Konfliktzonen zu ermöglichen, damit Medien der Objektivität und Wahrheitsfindung im Nahost-Konflikt ein Stück näher kommen können?

Shimon Stein: Wir vermissen seit geraumer Zeit die ausgewogene Berichterstattung über die Lage zwischen Israel und den Palästinensern. Diese Unausgewogenheit verursacht in der europäischen Wahrnehmung eine anti-israelische-Stimmung und führt in der Tat in zahlreichen Fällen zu Kritik, die manchmal als antisemitisch interpretiert werden kann. Im Gegensatz zu häufig laut werdenden Behauptungen ist Kritik auch legitim, sofern sie Israel nicht dämonisiert, delegitimiert und Israel gegenüber keine anderen Maßstäbe angesetzt werden. Um diese Einstellung zu verändern, laden wir ausländische Journalisten ein, das Land zu besuchen, um sich an Ort und Stelle über die Lage zu informieren. Manchmal haben wir damit Erfolg, manchmal jedoch auch nicht, da es auch Journalisten gibt, die voreingenommen sind und nach dem Motto agieren: “Ich habe meine Meinung festgelegt und möchte von Einzelheiten nicht verwirrt werden.”

Deutsche Rundschau: Selbstmordattentate und die Angst vor Terroranschlägen fördern weder bei Geschäftsleuten noch bei Touristen und Pilgern das Bedürfnis nach Israel zu reisen. Wie ermuntern Sie deutsche und ausländische Geschäftsleute und Touristen, das Heilige Land zu besuchen? Wie sicher ist Israel?

Shimon Stein: Durch das von den Medien entworfene, verzerrte Bild über die Lage in Israel entsteht zuweilen der Eindruck, daß das ganze Land unter unmittelbarer Bedrohung durch den Terror steht. Wir bemühen uns darum, dieses Bild zu korrigieren und bei Geschäftsleuten und Touristen das Interesse an Israel wieder zu wecken. Tatsächlich konnten wir in den letzten Monaten feststellen, daß die Zahl der Touristen und Geschäftsleute, die nach Israel fahren, wieder zunimmt und in der Tat berichten die, die Israel besuchten, daß die Realität, die sie vor Ort erlebt haben, nicht in Einklang mit dem zu bringen ist, was sie vor ihrer Reise gehört und gesehen haben. Israel bleibt sowohl touristisch als auch wirtschaftlich ein spannendes Land!

Deutsche Rundschau: Sehr geehrter Herr Botschafter, wir bedanken uns herzlich für Ihre Auskunftsbereitschaft und wünschen Ihnen und allen Einwohnern Ihres Landes eine friedliche Zukunft.

Juri Klugmann


       
     
       

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