Editorial Januar / Februar 2004

               
  Große Geschenke erkaufen die Freundschaft

Liebe Leserinnen und Leser,

sicher ist Ihnen auch in der Kindheit eingetrichtert worden, daß man nicht lügen darf und sich strafbar macht, wenn man stiehlt und betrügt. Begründet wurden diese Gebote mit der Bibel und dem plausiblen, vom Philosophen Kant formulierten Sittengesetz, nachdem das gesellschaftliche Zusammenleben nur funktionieren kann, wenn wir so handeln, wie wir es auch von anderen uns gegenüber erwarten. In diesem Sinne versuchen auch wir, unsere Kinder zu anständigen Menschen zu erziehen.

In krassem Gegensatz dazu steht, was wir jeden Tag in den Medien über den moralischen Verfall im Umgang mit dem Großen Geld erfahren. Demnach scheinen Bilanzfälschungen, Steuerhinterziehungen, Geldwäschen, Schwarzkonten, Schmiergelder, Vetternwirtschaft und Wahlbetrug, Verfilzung und Patenschaften in Logen und Geheimbünden, Kartellabsprachen, Bestechung und Bestechlichkeit und die Verflechtung mit Verbrechersyndikaten gängige Gepflogenheiten in nationaler und internationaler Wirtschaft und Politik zu sein. Geht es Ihnen auch so, daß Sie das zwar kriminell finden, aber sich oft genug gar nicht mehr darüber wundern, sondern diese Vorgehensweisen schon fast für selbstverständlich halten?

Transparency International (TI) mit Hauptsitz Berlin ist die einzige internationale und unabhängige Organisation, die über das globale Korruptionsverhalten aufklärt. TI will das öffentliche Bewußtsein für die verheerenden Folgen der Korruption schärfen und Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Staat zu einer Koalition gegen sie zusammenführen. Seit 1995 erstellt die Gesellschaft mit dem “Corruptions Perceptions Index” eine Rangliste der Länder im Hinblick auf ihre Korruptionsanfälligkeit. Dazu werden von 17 namhaften Instituten wie u.a. Gallup, Havard University, dem World Economic Forum weltweit Fachleute befragt, die das Wirtschaftsgeschehen beobachten und analysieren.

Karikatur


















(Karikatur:  Pohlenz)

Im jüngsten Vergleich von 133 Ländern wird Finnland die geringste Korruptionsanfälligkeit bescheinigt vor Island. Dänemark und Neuseeland folgen gemeinsam auf Platz drei vor Singapur, Schweden und den Niederlanden. Dann kommen Australien, Norwegen und die Schweiz gemeinsam auf Rang 8, gefolgt von Kanada, Luxemburg und England auf Platz 11. Österreich und Hong Kong stehen vor Deutschland, das Platz 16 besetzt. Die USA folgen gemeinsam mit Irland auf Rang 18. Japan kommt an 21.Stelle, Frankreich mit Spanien an 23., Italien an 35., Griechenland an 50. Mexiko und Polen besetzen gemeinsam Platz 64, gefolgt von China. Die Plätze 70 ~ 133 machen die Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner unter sich aus im Verbund mit Staaten der ehemaligen Sowjetrepublik, wobei Rußland Platz 86 zusammen mit Mosambique besetzt. Schlußlichter sind Bangladesch, Nigeria und Haiti, die Länder, die am wenigsten gegen Korruption unternehmen.

Wieder bestätigt sich die Kluft zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern. Laut Transparency International spiegelt der Index das wirtschaftliche Image wider, das der jeweilige Staat besitzt und dient daher vielen potentiellen Investoren und Handelspartnern als wichtige Entscheidungshilfe. Daß der Korruptionspegel weltweit nicht zurück geht, beruht laut Hansjörg Elshorst, Vorsitzender von TI Deutschland, auf der Tatsache, daß die Gesamtentwicklung von Wirtschaft und Wirtschaftsethik zunehmend von aggressivem Standortwettbewerb und der Globalisierung geprägt werde. In Deutschland habe sich die Korruption zwar in den letzten Jahren wesentlich verteuert und sei risikoreicher geworden, und auch die Behörden seien nach zahlreichen Prozessen vorsichtiger geworden. Der verstärkte Konkurrenzdruck der Unternehmen aufgrund der wirtschaftlichen Situation jedoch fördere korruptes Verhalten. TI will keine Einzelfälle anprangern; diese Arbeit überläßt man Journalisten. Der freie Zugang zu Informationen ist das wichtigste Mittel der Organisation, und ihm dient auch ihre Internetseite:

www.transparency.org.

Frei zu informieren, ist auch Ziel der Deutschen Rundschau. Wir bedanken uns bei Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern, daß Sie uns darin unterstützen. Wie immer freuen wir uns auf den spannenden Dialog mit Ihnen.

Herzlichst Ihre
Elisabeth von Ah

 
               
       
     
       

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