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DIE QUAL DER WAHL Liebe Leserinnen und Leser, in Kanada prägt seit Wochen der Wahlkampf die Medienlandschaft. Ontario wählte einen neuen Ministerpräsidenten, die Metropole Toronto einen neuen Bürgermeister, nun wird über die Nachfolge des kanadischen Premiers Jean Chrétien entschieden. "Menschen zwischen den Stühlen", die mit deutschem Paß in Kanada leben, beobachten das politische Geschehen mit Interesse, aber distanziert. “Permanent Residents” dürfen ihre Stimme in Kanada nicht abgeben, dazu muß ist die kanadische Staatsbürgschaft erforderlich. Weltweit wird zwar seit Jahren ein kommunales Wahlrecht für Ausländer heiß diskutiert, läßt sich aber nicht durchsetzen. Obgleich ein Stimmrecht auf lokaler Ebene andersstaatliche Mitbürger stärker in ihre Gemeinden einbinden würde, stehen den dazu erforderlichen Gesetzesänderungen viele bürokratische Hürden im Wege. So bleiben Einwanderer, die ihren Heimatpaß behalten, auf beiden Seiten des Atlantiks bei politischen Entscheidungen vor Ort außen vor, selbst, wenn sie dort Steuerzahler sind. Kein Wunder also, daß wir als Auswanderer mit deutschem Paß politische Machtkämpfe in unserer Wahlheimat etwas reserviert mitverfolgen. Wie ist es aber mit den politischen Entscheidungen in unserer alten Heimat? Betreffen uns diese noch im gleichen Ausmaß wie vor unserer Auswanderung? Um als deutscher Staatsbürger im Ausland an Bundestagswahlen teilnehmen zu können, bedarf es einiger Anstrengungen: Bei einem deutschen Konsulat muß ein förmlicher Antrag auf Eintragung in ein Wählerverzeichnis gestellt und gleichzeitig eine Versicherung an Eides Statt abgegeben werden, daß der Antragsteller noch Deutscher im Sinne des Grundgesetzes ist. Das ist aufwendiger als der einfache Gang an die Wahlurne, und Politikverdrossene werden den Extra-Verwaltungsaufwand nicht ohne weiteres auf sich nehmen. Den deutschen Bundestag mitwählen kann jeder volljährige Deutsche, der sich nicht länger als 25 Jahre im Ausland aufgehalten hat.
(Karikatur: aus dem Handelsblatt [1987])
Nach einem Vierteljahrhundert befinden sich Auswanderer mit deutschem Paß dann in einem politischen Niemandsland
– nicht länger wahlberechtigt in Deutschland und schon gar nicht in der Wahlheimat. Aber 25 Jahre sind eine lange Zeit.
Schon nach nur einem Jahrzehnt im Ausland wird der Abstand zu dem, worüber sich in Deutschland tagtäglich die politischen
Gemüter erregen, groß. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man die deutschen Spitzenpolitiker und ihre Vorhaben jeden Tag
im Fernsehen und in den Printmedien vor Augen hat, oder ob man mit tausenden Kilometern Distanz auf das Internet und
sporadische TV-Programme zurückgreifen muß. Andererseits schaffen die Erfahrungen im ausländischen Alltag einen positiven
Abstand und internationale Vergleichsmöglichkeiten, durch die die inländischen Zustände besser zu beurteilen sind. Dr. Manya Brunzema |
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