Editorial September / Oktober 2003

               
 

Liebe Leserinnen und Leser,

“Der Mensch ist ein Gewohnheitstier”, sagt ein geflügeltes Wort. Mag sein, daß man sich an viele Dinge gewöhnen kann. Auch an Skandale. Skandale wie der jüngste in Hamburger Amtsstuben. Vielleicht muß ich hinnehmen, noch mehr haarsträubende Berichte zu lesen, zu hören und zu sehen. Doch sich abfinden? Nein! Und Sie? Betrachten Sie sich als Gewohnheitstier?

Verschlägt es Ihnen noch die Sprache, wenn Sie zum x-ten Mal erfahren, daß sich Politiker und hohe Beamte Ihres Landes kaltblütig über Gesetze hinwegsetzten, die sie möglicherweise selbst miterdacht und verabschiedet haben? Akzeptieren Sie es bereits als notwendiges Übel, daß zahlreiche Wahlversprechen nicht eingehalten werden? Berührt es Sie noch, wenn Medien über schamlose Bereicherung, wachsende Korruption, Steuerbetrug, Manipulation von Börsenkursen und Amtsmißbrauch berichten? Erbost es Sie noch, wenn Sie erleben, daß Vorstandsvorsitzende die ihre Konzerne à la ENRON heruntergewirtschaftet haben, sich fette Abfindungen zahlen und geprellte Kleinanleger auf der Strecke lassen? Nach der Devise: “Der Mensch ist ein Gewohnheitstier!”

Ich frage mich, ob dem für Jedermann sichtbaren Verfallsprozeß von Moral und Sitte im Alltag noch Einhalt zu gebieten ist. Wo soll der Mut zur öffentlichen Moral, der Mut, unsere gesellschaftlichen Defizite und eigenen Versäumnisse zu erkennen, den Altbundeskanzler Helmut Schmidt in seinem aufrüttelnden Buch “Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral” einfordert, herkommen? Wie können wir, Sie und ich, dem Verfall guter Sitten und fiesen Lächerlichmachen von einst geschätzten Tugenden Einhalt gebieten? Denn sicher erfordert es Mut, seine Stimme für die friedliche Lösung von Konflikten zu erheben, in einer Zeit, in der Staatsoberhäupter westlicher Demokratien sich im Recht wähnen und uns auffordern, anderen Völkern ihre Interessen, unsere Kultur und Werte, notfalls auch mit Waffengewalt als die vermeintlich besseren aufzuzwingen.

In der Geschichte der Menschheit wurde viel über Politik und Moral geschrieben. Auch der berühmte römische Staatsmann, Redner und Philosoph Cicero (106~43 v. Chr.) setzte sich mit diesem heiklen Thema, sehr zum Mißfallen seines Konsuls Cäsar, auseinander. Cicero war zu der Erkenntnis gelangt, daß die Gesittung der römischen Bürgerfamilien die Grundlage der Herrschaft war, die Rom viele Jahrhunderte hindurch in den Ländern des Mittelmeerraumes ausübte. In seinem Buch “Vom Gemeinwesen” (De re publica) begründete er die Notwendigkeit, allen göttlichen Kräften in der Natur und im menschlichen Geist sowie der Würde der Gesetze Respekt zu erweisen. Für ihn gilt das untrennbare Flechtwerk von Religion, Gesittung und Politik als Fundament der Macht und damit als Grundlage des Imperiums. Möglicherweise sah er voraus, daß das römische Imperium am Verfall der Sitten und Moral zugrunde gehen würde. Und heute? Aus der Geschichte läßt sich unzweifelhaft ableiten, daß auch unbesiegbar und unfehlbar scheinenden “Imperien” ein gleiches oder ähnliches Schicksal wie dem römischen Weltreich bevorsteht. Ich frage mich jedoch, warum uns zunächst wie dem schaulustigem Volk in dem Märchen von Hans Christian Anderson “Des Kaisers neue Kleider”, der Mut fehlt, unseren heutigen selbstherrlichen “Kaisern” zu sagen, daß sie nackt sind? Wo bleibt unser Mut zu mehr Zivilcourage? Man braucht kein Moralist zu sein, um zu wissen, was gut und recht ist. Einst wurden Kindern Tugenden bereits in früher Jugend von Großeltern, Eltern, später Lehrern und obendrein im Religions- oder Weltanschauungsunterricht beigebracht. Sie erzählten uns Heranwachsenden von Glaube, Liebe und Hoffnung, vom Kampf um mehr Gerechtigkeit, forderten von uns Ehrlichkeit, Fleiß, Tapferkeit, Hilfsbereitschaft und Respekt gegenüber Älteren. Und heute? Fast scheint es mir, daß gesetzliche Regelungen und Vorschriften eher dazu dienen sollen, erziehungswillige Eltern und Lehrer als “Leute von Gestern” zu verunglimpfen. Sie unter dem Vorwand, den heranwachsenden Persönlichkeiten alle Entfaltungsmöglichkeiten zu nehmen, ins Abseits zu drängen, anstatt sie zu ermutigen, ihre Kindern und Jugendliche zu respektvollen, pflichtbewußten Mitbürgern zu erziehen. Erschreckende Konsequenzen der gewaltverherrlichenden Computerspiele und Comics, der geistig flachen Film- und Fernsehprogramme, erleben wir immer öfter schmerzlich in unserem Alltag. Will man uns verblöden?

Nein, ich bin kein Gewohnheitstier. Ich werde mich nicht mit Zuständen abfinden, die meinen Nachbarn in Udora, in anderen Ländern und auf fernen Kontinenten Schaden zufügen. “Deutsche Rundschau”-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in aller Welt werden auch zukünftig energisch gegen Mißstände anschreiben und Sie wahrheitsgemäß informieren. Damit dies uns noch besser gelingt, dazu brauchen wir Ihre Solidarität. Bitte schreiben Sie uns, wie Sie empfinden und wie Sie sich für eine bessere Welt einsetzen. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.

Ihr Juri Klugmann


 
       
     
       

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