Editorial Juli / August 2003

               
  Liebe Leserinnen und Leser,

beklagen Sie auch, zu wenig Zeit zum Lesen zu haben, gar nicht alles lesen können, was Sie reizt und neugierig macht und faszinierenden Lesestoff oft unterbrechen zu müssen?

Sicher kennen Sie die hypothetische, aber psychologisch interessante Fragestellung, welche drei Bücher Sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Meine Buchwahl wäre je nach Lebensalter eine andere gewesen. Denn erstaunlich oft hat mir das Leben im jeweiligen Moment DAS richtige Buch in die Hände gespielt.

Geht es Ihnen auch so, daß ein Buch für die Lesezeit und darüber hinaus Begleiter Ihrer Gedanken- und Gefühlswelt wird? Daß Sie sich darüber mit anderen Menschen austauschen möchten und versuchen, sie zum Lesen zu motivieren? Und daß Sie dann oft hören: Keine Zeit!

Umfragen zufolge lesen die Deutschen heute seltener und oberflächlicher als früher und brechen eine Lektüre schneller ab, wenn sie ihnen nicht zusagt. Nahmen 1992 noch 16% der Menschen täglich ein Buch in die Hand, so sind es heute nur noch 6%. Die Zahl derjenigen, die nie ein Buch lesen, stieg im gleichen Zeitraum von 20% auf 28%. Als Gründe gaben 62% an, keine Zeit zu haben, 55% lieber fernzusehen, 28% Lesen sei ihnen zu anstrengend und 15% Lesen sei etwas für Leute, die nichts Besseres zu tun hätten.

Dennoch zeigen die Verkaufszahlen des deutschen Buchhandels, daß das Buch noch nicht aus der Mode gekommen ist. Allerdings lesen 2/3 aller Männer und 1/3 der Frauen, Karikatur von Klaus Cadsky um sich zu informieren und nicht zur Ent-
spannung und Unterhaltung.




Nach 20 Uhr:  Jedes 5.Kind allein vor dem Bildschirm!           
(Karikatur:  Klaus Cadsky)



Die Umfragen zeigen allerdings auch, daß Computer und Internet nicht für das veränderte  Leseverhalten verantwortlich sind, denn jugendliche Computernutzer lesen deutlich mehr als Gleichaltrige ohne Computerzugang.

Tatsache ist, daß die Erfahrung in der Kindheit vorrangig das Leseverhalten prägt und mit dem Vorlesen beginnt. Ich erinnere mich immer noch gerne an meine fernsehlose Nachkriegskinderzeit mit Geschichten vor dem Einschlafen,  Grimms Märchen, Sagen des klassischen Altertums, den Sanella-Sammelalben mit ihren bunten Bildern, an meine Bilderbibel und an “das Kino im Kopf”, das sie ausgelöst haben. Später an meine wöchentlichen Besuche in der Bücherei, an den Stapel Bücher unter dem Weihnachtsbaum. Und in meiner Jugend an wahllose Leseorgien von klassischer Literatur bis zum Groschenroman.

Ich frage mich, ob Kinder, die in Haushalten ohne Bücher groß werden, deren Eltern kaum oder gar nicht mehr lesen und vorlesen, Literatur wertschätzen lernen. Werden Texte in Zukunft auf Comic-Sprechblasen-Niveau verflachen müssen, um die Menschen noch zu erreichen? Stellen die anspruchslosen Bestseller, die Rekorde auf dem Buchmarkt verzeichnen, weil man sie wie geistige Fast-Food-Nahrung konsumieren kann, die Mehrheit der Menschen auf Dauer zufrieden? Oder behält das in der Sprache der Zeit gut geschriebene Wort nicht doch seinen Stellenwert, eben weil es das Denken und Fühlen der Gegenwart widerspiegelt? So wie die klassische Literatur bis heute überlebt hat, weil sie Ausdruck des Zeitgeistes ihrer Epoche ist.

Die Deutsche Rundschau freut sich wie immer auf Ihre Meinung.

Ihre Elisabeth von Ah


 

       
     
       

| Home | Aktuell | Who's who | Kontakt | Abonnement |
|
Anzeigen | Links | Suchen | Archiv | DR-Profil | Fakten |

     
     


©Copyright 1997-2004 Deutsche Rundschau -- All rights reserved